Keuschheit und Sexualität, Religiosität und Missbrauch – das, was augenscheinlich wie ein Paradoxon daherkommt, ist in Wirklichkeit nicht nur ein allgegenwärtiges Thema in christlichen Zirkeln, sondern scheint, unabhängig von jedweder zeitlichen Disposition, Beständigkeit zu haben.
In Anbetracht der Tatsache, dass die Kanonissin und Schriftstellerin Hrotsvit von Gandersheim bereits im zehnten Jahrhundert in ihrem Drama Abraham weibliche Körper im Spannungsfeld von Religion und Erwartung, Missbrauch und Prostitution beleuchtet hat, lässt den Schluss zu, dass die Problematik so alt ist wie das religiöse Miteinander selbst. Ganz ähnlich wie in der Dokumentation, macht Hrotsvit in ihrem Werk auf literarische Weise deutlich, dass dem weiblichen Körper in kirchlichen Institutionen kaum Autonomie zukommt, dass Regeln eindeutig und Realitäten vieldeutig sind und dass ein Befreiungsmechanismus der Opfer nur durch große Vertrauensinvestitionen in Gott und den Glauben ihrerseits bewältigt werden kann. Die Sanktionierung der Täter ist hier wie da sekundär und zwingt gläubige Betroffene nicht nur die Misshandlung des Körpers zu verkraften, sondern das Vertrauen zu Gott zu erneuern.
Das Drama Abraham ist auf diverse Weisen zu untersuchen, da hier auch ein Diskurs zu Heiligkeit möglich ist, der die in Abhängigkeit von Hierarchien und vermeintlich etablierten gesellschaftlichen Strukturen analysierbar macht. Die vorliegende Arbeit möchte genau diesen Ansatz verfolgen und nach einer kurzen historischen Kontextualisierung, im ersten analytischen Schritt die Figurenkonstellation im Allgemeinen und damit das Verhältnis der weiblichen Protagonistin Maria zu ihren männlichen Antagonisten untersuchen. Dabei werden neben den impliziten Heiligkeitskonzeptionen, vor allem die kommunikativen Modi sowie narratologischen Besonderheiten untersucht, die wiederum die Vermutung bestätigen, dass es sich bei Marias Vergewaltiger um ihren Ziehvater Abraham handelt. In einem zweiten interpretatorischen Schritt wird die zentrale Fragestellung exponiert. Hier widmet sich die Arbeit der Frage nach der Diskrepanz der gezeigten familiären, geschlechtlichen, sowie raumtheoretischen Hierarchie, die durch einschlägige Literatur und Theorien belegt wird. Sowohl Analyse als auch Interpretation sollen die These veranschaulichen, die betont, dass entgegen geläufiger Erwartungen, das Heilige immer dort aufzufinden ist, wo es nicht erwartet, ja geradezu gesellschaftlich ausgeschlossen wird.
Inhaltsangabe
1. Einleitung
2. Historische Kontextualisierung
2.1. Gandersheim
2.2. Leben, Wirken und Werke der Hrotsvit von Gandersheim
3. Primärtextanalyse: Figurenkonstellation
3.1. Effrem
3.2. Abraham
3.2.1. Brautvermittlung: Abraham der Oheim
3.2.2. Tat und Täter
3.2.2.1. Traum und Vorahnung
3.2.3. Bekehrung im Bordell
4. Interpretation: Unmarkierte Heiligkeit
4.1. Heiligkeit
4.2. Markiertheit und Hierarchie
4.3. Unmarkierte Heiligkeit: Familie
4.4. Unmarkierte Heiligkeit: Geschlecht
4.5. Unmarkierte Heiligkeit: Räume
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Drama Abraham von Hrotsvit von Gandersheim mit dem Ziel, die Diskrepanzen familiärer, geschlechtlicher und räumlicher Hierarchien im Kontext weiblicher Heiligkeitskonzepte des Mittelalters aufzudecken und zu dekonstruieren.
- Analyse der Figurenkonstellation und Machtstrukturen im Drama Abraham.
- Untersuchung der religiösen und sozialen Kodierung weiblicher Körper.
- Erforschung topologischer Motive wie dem Fenster als Grenze zwischen heilig und profan.
- Dekonstruktion patriarchaler Hierarchien durch die Bekehrung der Protagonistin Maria.
- Betrachtung von Heiligkeit als ambivalente Kategorie jenseits binärer Oppositionen.
Auszug aus dem Buch
3. Primärtextanalyse: Figurenkonstellation
Weil es sich bei Abraham um ein Drama und nicht um ein prosaisches Werk handelt, wird den Figurenkonstellationen und den Sprechakten der Figuren eine immense Bedeutung beigemessen, denn „[d]ie Binnenkommunikation der Figuren im Abraham ist fingierte Mündlichkeit und im Sinne der aristotelischen Mimesis lebensweltlicher Kommunikation nachgebildet“. Außerdem ist es der Gattung des Dramas geschuldet, dass dem Lesenden Vorwissen über soziale und theologische Skripte vorausgesetzt werden. Für die folgende Analyse bedeutet das jedoch auch, dass dementsprechend frühmittelalterliche Lebenswirklichkeiten in Bezug zu Hierarchie und Heiligkeit retrospektiv vermutet werden können. Die Figurenkonstellation, sowie charakterliche und geschichtliche Zusammenhänge, können ausschließlich durch den Haupttext, also der Figurenrede und dem spärlichen Nebentext entnommen werden. Sie dienen als Grundlage der Analyse.
Die Überrepräsentation männlicher Figuren in Hrotsvit’s Drama Abraham ist auffallend. Insgesamt fünf männliche Figuren stehen der einzigen weiblichen Figur, Maria, gegenüber. Dabei wird nicht nur der geschlechtliche Unterschied deutlich, sondern gerade die hierarchische Diskrepanz, die die Figuren (re-)produzieren; da ist zunächst Effrem, der Freund des Abraham der mit ihm gemeinsam Maria überzeugen möchte, dass ein Leben als Gemahlin Gottes in der Einsamkeit ihrem Namen gerecht würde. Da ist der ominöse Eindringling und Buhler, der angeblich verkleidet in Marias Kammer eindringt und ihre Flucht provoziert, der Wirt der sie als Prostituierte bei sich im Wirtshaus arbeiten lässt und schließlich Abraham, der Onkel Marias, der sich der Verantwortung stellt seine Nichte zu erziehen, sie bei sich leben lässt und nach ihrem Ausbruch aus der Kammer schließlich retten möchte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Spannungsfeld von Keuschheit, Sexualität und Religion anhand des Dramas Abraham.
2. Historische Kontextualisierung: Einordnung der Autorin Hrotsvit von Gandersheim in den historischen und kulturellen Kontext des Stiftes Gandersheim.
3. Primärtextanalyse: Figurenkonstellation: Detaillierte Untersuchung der handelnden Figuren Effrem und Abraham sowie ihrer rhetorischen und sozialen Einwirkung auf die Protagonistin.
4. Interpretation: Unmarkierte Heiligkeit: Theoretische Auseinandersetzung mit den Konzepten von Heiligkeit, Hierarchie, Familie, Geschlecht und Raum im Drama.
5. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse und Einordnung von Hrotsvits Werk in den feministischen Diskurs der Mittelalterforschung.
Schlüsselwörter
Hrotsvit von Gandersheim, Abraham, Mittelalter, Heiligkeit, Geschlechterhierarchie, Feminismus, Figurenkonstellation, Maria, Bekehrung, Topologie, Raumtheorie, Patriarchat, monastische Literatur, Inzesttabu, Identitätswechsel
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Drama Abraham der mittelalterlichen Dichterin Hrotsvit von Gandersheim hinsichtlich der dort dargestellten Machtverhältnisse und Hierarchien.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Die zentralen Felder sind die Rolle der Frau im Mittelalter, die literarische Konstruktion von Heiligkeit sowie die Analyse von Geschlechter- und Raumbeziehungen.
Was ist die zentrale Forschungsfrage?
Die Autorin geht der Frage nach, wie familiäre, geschlechtliche und räumliche Hierarchien im Drama Abraham konstruiert sind und inwieweit diese durch die Bekehrung der Protagonistin Maria dekonstruiert werden.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Es wird eine primärtextanalytische Untersuchung durchgeführt, die literaturwissenschaftliche Theorien, insbesondere Ansätze der Raumtheorie und der Poststrukturalismus-Analyse, einbezieht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Figurenkonstellation und eine systematische Interpretation von Begriffen wie Heiligkeit und markierter Hierarchie.
Welche Keywords charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Hrotsvit von Gandersheim, Heiligkeit, Geschlechterhierarchie, Raumtheorie, Feminismus und das Drama Abraham.
Welche Rolle spielt das Fenster im Drama Abraham?
Das Fenster fungiert als topologisches Motiv, das als Grenze zwischen heiligem Innenraum (Kloster/Kammer) und profanem Außenraum (Welt/Bordell) dient und somit die Liminalität der Protagonistin visualisiert.
Was bedeutet der Begriff der "unmarkierten Heiligkeit"?
Er beschreibt die These, dass Heiligkeit bei Hrotsvit nicht zwangsläufig an dominante, hierarchisch "markierte" Orte oder Personen gebunden ist, sondern oft in überraschenden, vermeintlich sündhaften Kontexten entstehen kann.
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- Bachelor of Arts Hannah Grünewald (Author), 2019, Unmarkierte Heiligkeit. Zur Diskrepanz familiärer, geschlechtlicher und räumlicher Hierarchien in Hrotsvit von Gandersheims "Abraham", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/888631