Die Psychodynamik einer Mutter in Folge eines frühen Kindstods


Bachelorarbeit, 2015

63 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Begriffserklärungen
2.1 Psychodynamik
2.2 Tod
2.2.1 Biologistisch-materialistisches Todeskonzept
2.2.2 Metaphysisch-spirituelles Todeskonzept
2.3 Trauer
2.3.1 Psychologische und physiologische Aspekte
2.3.2 Soziale Aspekte

3. Früher Tod bei Kindern bis zum 1. Lebensjahr
3.1 Fehlgeburt
3.2 Stille Geburt
3.3 Neugeborenentod
3.4 Plötzlicher Kindstod
3.5 Tod durch Behinderung/Krankheit
3.6 Tod durch Unfall

4. Modelle für den Umgang mit Trauer
4.1 Trauermodell von Sigmund Freud
4.2 Phasenmodell von John Bowlby
4.3 Phasenmodell von Verena Kast
4.4 Phasenmodell von Yorick Spiegel

5. Die psychische Krise und ihre Bewältigung
5.1 Begriffserklärung „Krise“
5.2 Begriffserklärung „Identitätskrise“
5.2.1 Begriffserklärung „Identität“
5.2.2 Identitätskrise in der Rolle als Mutter
5.2.3 Identitätskrise in der Rolle im Beruf
5.2.4 Identitätskrise in der Rolle als Ehefrau
5.2.5 Identitätskrise in der Rolle im sozialen Umfeld
5.3 Krise im Rahmen der Trauerbewältigung

6. Sozialpädagogische Krisenintervention
6.1 Trauerbegleitung
6.2 Paartherapie nach plötzlichem Kindstod
6.3 Trauercafé
6.4 Selbsthilfegruppen

7. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Tod eines guten Freundes im Jahre 1998 löste in mir Verdrängung aus. Ich habe selten bis gar nicht über den Verlust gesprochen. Im Laufe des Besuchs des Studienseminars „Krisen im Familienalltag – Wenn Kinder sterben und Eltern trauern“ wurde ich immer mehr und tiefer an dieses Lebensereignis erinnert und musste mich damit befassen. Bislang fand keine Auseinandersetzung mit dem Tod statt. Dieses Seminar hat mir geholfen, Schuldgefühle von mir zu nehmen und zu verarbeiten. Vor diesem Hintergrund entschied ich mich, meine Bachelorthesis über das Thema Tod und Trauer zu schreiben und mich damit wissenschaftlich auseinanderzusetzen. Die Schuldgefühle, die ich jedes Jahr an seinem Todestag hatte, und die Schockphase nach der Todesnachricht an meinem Geburtstag verursachten eine verhaltensbezogene Veränderung. In der Folge habe ich meinen Geburtstag zehn Jahre lang nicht mehr gefeiert. Doch ist es nicht besonders wichtig, sich mit dem Thema Tod zu befassen und darüber zu sprechen? Die vorliegende Bachelorarbeit beschäftigt sich mit Überlegungen zur Psychodynamik einer Mutter bei frühem Tod ihres Kindes. Vor diesem Hintergrund sollen statistische Daten vorab einen Einblick in die Todesrate und Inzidenz von Säuglingssterblichkeit gewähren.

In den Industrieländern ist die häufigste Todesursache bei Kindern der plötzliche Säuglingstod (SIDS, „sudden infant death syndrome“). Die Anzahl der in Deutschland verstorbenen Babys beträgt laut Statistik des Deutschen Ärzteblattes „im Jahr 2002 von 719 250 Lebendgeborenen 1 529 Säuglinge im Alter vom 8. bis 365. Lebenstag, darunter 334 (21,8 Prozent) mit der Diagnose plötzlicher Säuglingstod“ (Bajanowski/Poets 2004, S. 3185). Die Inzidenz (Anzahl der Neuerkrankungen) betrug 2002 0,46/1000 Lebendgeborenen und ist seit 1991 rückläufig (vgl. ebenda). Im weiteren Verlauf der Säuglingssterblichkeit lässt sich erkennen, dass die Zahl der im 1. Lebensjahr gestorbenen Babys im Jahr 2011 2408 Kinder betrug und sich die Zahl im Jahr 2013 im Vergleich zu 2012 (2202 Babys) um 45 Kinder erhöht hat (vgl. Statistisches Bundesamt 2015).

In diesen Daten ist erkennbar, dass die Säuglingssterblichkeit oder der frühe Tod eines Kindes ein aktuelles Phänomen ist. Verschiedene Todesfolgen, zum Beispiel durch Krankheit, Unfall, eine Fehl- oder Totgeburt spielen eine zentrale Rolle. Das Thema dieser Bachelorarbeit bezieht sich auf Trauer- und Phasenmodelle sowie sozialpädagogische Interventionen. Fragen, zum Beispiel über welchen Zeitraum die Trauer bleibt oder wächst und welche Gefühle die Mutter in ihren einzelnen Rollen als Frau empfindet, sind Bestandteil dieser Abhandlung. Ebenso werden Überlegungen zur Psychodynamik der Mutter bei Tod ihres Kindes angestellt.Im nachfolgenden Kapitel wird auf die Begriffsdefinitionen von Psychodynamik, Tod und Trauer eingegangen. Um die Untersuchung besser nachvollziehen zu können, werden ethische und biologische Aspekte sowie Meta-Todeskonzepte vorgestellt. Der intra- und interpersonale Aspekt soll eine zentrale Rolle bei der Definition von Trauer spielen. Um einen sozialpädagogischen Handlungsauftrag für die Begleitung der Mutter zu eruieren, werden in Kapitel 3 die Formen des Verlustes untersucht. Auf den Erkenntnissen der vorangegangenen Kapitel aufbauend werden im nächsten Schritt in Kapitel 4 die Trauer- und Phasenmodelle nach Sigmund Freud, John Bowlby, Verena Kast und Yorick Spiegel erläutert und wird auf die Bindungstheorie von John Bowlby eingegangen.

Das Kapitel 5 beschäftigt sich mit der psychischen Krise und ihrer Bewältigung. Begriffserklärungen zur Krise, Identitätskrise und Identität sollen das Thema transparent machen. Verschiedene soziologische Rollen der Frau werden dargestellt.

Ein entscheidendes Kriterium zur Umsetzung des sozialpädagogischen Handlungsauftrages ist die Nachhaltigkeit der Intervention. Wie lange bleibt die Trauer und welche Bewältigungsstrategien sind möglich? Welche Möglichkeiten der Krisen­intervention können die Trauer begleiten? Diese Fragen sollen in Kapitel 6 fokussiert werden. Abschließend erfolgt ein Fazit.

2. Begriffserklärungen

In Kapitel 2.1 sollen der Begriff der Psychoanalyse und die daraus abgeleitete Psychodynamik zum besseren Verständnis betrachtet werden. Um das Thema transparent zu machen, werden in den nachfolgenden Kapiteln der Begriff des Todes und der der Trauer näher beleuchtet. Tod und Trauer sind kulturabhängig. Die psychischen und sozialen Aspekte der Reaktion hängen stark davon ab, wie sie in der Kultur erlernt wurden. Trotz Gemeinsamkeiten im Sterben und Trauern gibt es Unterschiede, die sich in der eigenen Identität begründen. Jeder Mensch trauert auf seine eigene Art und Weise (vgl. Morgan 2003, S. 14).

2.1 Psychodynamik

Im Folgenden sollen die Psychoanalyse und die daraus abgeleiteten psychodynamischen Ansätze erklärt werden. Dazu ist es notwendig, den Begriff der psychischen Störung näher zu erörtern. Psychische Störungen werden häufig in der Psychiatrie nur deskriptiv definiert und lediglich anhand von Symptomen erkannt. Wichtig ist aber auch die Betrachtung von anderen abweichenden dysfunktionalen implizierten Verhaltens- und Erlebensmustern. Im Vergleich zum früheren System, bei dem aufgrund einiger charakteristischer Symptome und des gesamtklinischen Eindrucks unsystematisch Diagnosen gestellt wurden, werden heute nach den eingeführten klassifikatorischen Systemen von ICD-10 und DSM-IV Störungen semiquantitativ erfasst. Für einen ersten Gesamtüberblick ist dies sicherlich nützlich, es beschreibt aber nicht die Ursachen der Störung und die aktuelle Dynamik. Die Hauptströmungen der psychodynamischen, insbesondere der psychoanalytischen Ansätze erreichen ihren Zugang über bewusste und unbewusste Motivationen, Emotionen und kognitive Prozesse (vgl. Mentzos 2009, S. 19 f.). Der psychodynamische Ansatz findet seinen Ursprung bei Sigmund Freuds Psychoanalyse im Jahre 1896. Unter dem Begriff psychodynamisch wird verstanden, dass die Psyche von Trieben gelenkt und von oft unbewussten Kräften beeinflusst wird. Freuds Persönlichkeitsmodell beschreibt das „Ich“, das „Es“ und das „Über-Ich“. Er unterscheidet zwischen unbewussten, vorbewussten und bewussten Vorgängen. Unbewusste Vorgänge werden als Vorgänge bezeichnet, die sich immer wieder in das Bewusstsein drängen und das Erlebens- und Verhaltensmuster maßgeblich leiten. „Damit sind die Inhalte (Erinnerungen) gemeint, die schon einmal bewusst waren, infolge unlustvoller Affekte jedoch unmittelbar oder nachträglich wieder abgewehrt und dadurch unbewusst wurden“ (Nitzschke 2011, S. 47). Das „Es“ wird vom Unbewussten charakterisiert. Das „Ich“ und das „Über-Ich“ werden nur teilweise mit unbewussten Inhalten identifiziert. Das Ich „hat die Aufgabe, für die Erfüllung der Wünsche unter Berücksichtigung der Bedingungen der Außenwelt und der Ansprüche des Über-Ichs (Gewissen) zu sorgen“ (Nitzschke, S. 53). Das „Ich“ kann bewussten Triebverzicht ermöglichen. Das „Über-Ich“ entwickelt sich aus der Erziehung der Eltern und deren vermittelten gesellschaftlichen Normen und Werten. Vorbewusste Vorgänge bezeichnet Freud als seelische Vorgänge, die spontan nicht sofort sichtbar sind, aber aufgrund einer Bemühung dem Bewusstsein wieder voll zugänglich gemacht werden können. Vorgänge, zu denen der Mensch unmittelbaren Zugang hat, bezeichnet Freud als bewusste Vorgänge (vgl. Nitzschke 2011, S. 53).

2.2 Tod

Der Tod ist ein abstrakter Begriff. Aufgrund der Sozialisation stellt sich der Mensch ein persönliches Todeskonzept vor. Die Ursachen für den Tod können biologisch natürlich, extern durch Mord oder Unfall oder auch selbstbestimmt durch Suizid sein. Je nach religiöser oder geistiger Entwicklung wird der Tod anders definiert. Der Tod ist noch immer ein verschwiegenes Tabuthema in der Gesellschaft. Niemand spricht gerne über den Tod und verdrängt die Vorstellung, irgendwann nicht mehr zu leben. Die Menschen haben Angst vor dem Tod. Das „Ich“ selbst, das den Menschen kontrolliert und mit dem er sich identifiziert, stirbt. Der Körper wird nur als Hülle benutzt. Das würde im Umkehrschluss bedeuten, dass die Menschen nicht selbst sterben, sondern nur das „Ich“, das so viel Macht ausübt. Sobald die Identifikation mit dem Körper beendet wird, verschwindet auch die Angst vor dem Tod (vgl. Tepperwein/Aeschbacher 2014, S. 111 f.). Unabhängig von verschiedenen Ansichten über den Tod spielt das Metakonzept vom Tod eine bedeutsame Rolle. Zur Veranschaulichung ist das Meta-Todeskonzept im Nachfolgenden grafisch dargestellt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2.1 Biologistisch-materialistisches Todeskonzept

Das materialistische Todeskonzept bedeutet, dass es kein Leben nach dem Tod und keine Auferstehung des biologischen Körpers oder ein Überleben der Seele gibt. Ursache für den Tod ist der biologische Altersprozess bis zum Beenden der Eigenzeit, die durch den genetischen Kode intrazellulär zerstört wird. Ein weiterer Auslöser ist der Suizid, mit dem selbstbestimmt dem Leben ein Ende gesetzt wird. Ebenso führen Mord oder Unfälle als fremdbestimmte Indikatoren zum Tod (vgl. Ramachers 2000, S. 22 f.).

2.2.2 Metaphysisch-spirituelles Todeskonzept

Während das biologistisch-materialistische Todeskonzept davon ausgeht, dass es nach dem Tod unmöglich ist, in das Leben zurückzukehren (Irreversibilität), vertreten Anhänger des metaphysischen Todeskonzepts die Auffassung, dass der Mensch nach dem Tod wiedergeboren wird (vgl. ebenda, S. 24).

2.3 Trauer

In Anlehnung an Sigmund Freuds Aussage ist Trauer „regelmäßig die Reaktion auf einen Verlust, speziell auf den Verlust einer signifikanten Person“ (Lammer 2013, S. 31). Im Begriff „regelmäßig“ findet sich die Normalität von Trauer wieder. Ein wichtiger Aspekt sind die Reaktion auf den Verlust und die Betrachtung der intrapersonalen und interpersonalen Faktoren der Trauerphänomenologie (vgl. Lammer 2013, S. 31). Nicht in jedem Todesfall spiegelt sich Trauer wider. Entscheidend hierbei ist, ob der Tod einen tatsächlichen Verlust für den Betroffenen darstellt (vgl. Lammer 2013, S. 32). Die einzelnen Modelle für den Umgang mit der Trauer werden in Kapitel 4 erläutert. Wenn der Tod des Kindes plötzlich und nicht vorhergesehen eintritt (zum Beispiel plötzlicher Kindstod) oder mit der Wahrnehmung, er hätte verhindert werden können, sind dies Risikofaktoren für eine komplizierte Trauer. Die Trauer ist dann kompliziert, wenn die Mutter den Aspekt des Verlustes zu verneinen, zu unterdrücken oder zu vermeiden versucht und das Kind nicht loslassen will (vgl. Rando 2003, S. 190). Als phänomenologische Diversität von Trauerreaktionen werden intra- und interpersonale Aspekte bezeichnet (vgl. Lammer 2013, S. 34). In den nachfolgenden Punkten werden diese näher betrachtet.

2.3.1 Psychologische und physiologische Aspekte

Unter physischem Verlust wird ein materieller Verlust von Dingen verstanden, die man konkret anfassen kann (zum Beispiel ein Auto). Demnach könnte der Diebstahl des eigenen Autos für den Betroffenen einen materiellen Verlust darstellen. Ein psychosozialer Verlust ist beispielsweise die Scheidung von einer Person (Ehemann und Ehefrau). Vor dem Hintergrund, dass man physische Verluste anfassen kann (zum Beispiel das eigene Auto), erkennt das soziale Umfeld, dass der Bestohlene einen Verlust erlitten hat und darüber traurig ist. Die trauernde Person erhält von anderen Menschen die Erlaubnis zu trauern. Im Fall einer psychosozialen Trauer erkennt weder der Trauernde noch das Umfeld, dass ein Verlust vorliegt und Trauer erzeugt. Erkennt die Gesellschaft den Verlust und die damit verbundene Trauer nicht und lässt aus diesem Grunde die öffentliche Trauer und soziale Unterstützung nicht zu, wird dieser Zusammenhang als ein gesellschaftlich nicht akzeptiertes Trauern bezeichnet. Die nicht akzeptierte Trauer kann dann einen komplizierten Verlauf nehmen.

In direktem Zusammenhang mit psychosozialen Verlusten steht das Konzept der „angenommen Welt“. Die „angenommene Welt“ besteht aus allen früheren Erfahrungen einer Person, die sie für wahr hält. Individuelle Grundannahmen mit ihren Erwartungen und Überzeugungen gehen als automatisierte Gewohnheiten in das Wahrnehmen, Denken und Verhalten über. Mit der „angenommenen Welt“ orientiert sich die Person und erkennt, was für Vorgänge abgelaufen sind, um das eigene Verhalten zu planen. Die „angenommene Welt“ stellt die Basis für die konkrete Lebensplanung dar. Wenn die Mutter zum Beispiel eine Fehlgeburt erleidet, wäre der Umstand, dass sie das Kind verloren hat, eine Erschütterung der globalen Annahmen der Mutter. Ihr Glaube an einen sicheren, friedlichen Ort in der Welt wird in Frage gestellt. Der frühe Tod eines Kindes verletzt die Hypothese der Mutter, ihre Erwartungen und Überzeugungen, dass die geliebte Person dauerhaft präsent ist. Zudem erkennt sie, dass sie keine gute Mutter mehr sein kann.

Psychologische Aspekte zeigen sich in unterschiedlicher Intensität, je nachdem wie die Art der Beziehung zu dem Verstorbenen war. Die Bewältigungsstrategien, die seelische Gesundheit, das Intelligenzniveau, die eigenen früheren Lebenserfahrungen, kulturelle, religiöse oder spirituelle Hintergründe und das Lebensalter beeinflussen die Trauer und ihre Bewältigung. Auch die Art und Weise, wie der Tod eingetreten ist, spielt dabei eine Rolle. Ein entscheidender Punkt liegt in der Stärke der Bindung der Mutter an das Kind. Je mehr Verhalten und Interaktionen vorlagen und das Kind in die „angenommene Welt“ einbezogen war und in Bedürfnissen, Gefühlen, Hoffnungen, Wünschen und Träumen in Beziehung stand, desto größer ist der psychosoziale Verlust (vgl. Rando 2003, S. 179 f.). Psychologische und physiologische Aspekte sind intrapersonale Phänomene, die sich kognitiv und verhaltensbezogen äußern. Der Psychoanalytiker John Bowlby befragte in einer Untersuchung 22 Londoner Witwen über ihre Trauerreaktion nach dem Verlust ihrer Männer (Parkes 1970, S. 444-467, zitiert in Lammer 2013, S. 95). Manche Frauen wollten die Todesnachricht nicht wahrhaben, andere waren wie betäubt und hatten Wutausbrüche und Panik­attacken. Einige zeigten Glücksgefühle bei dem Gefühl der Anwesenheit des Toten. Der Prozess wurde von Phasen intensiven Schmerzes, von Sehnsucht nach dem Verstorbenen, Weinen, Unruhe und Schlaflosigkeit begleitet. Die Trauernden sahen den Verstorbenen immer wieder in verschiedenen Situationen bildlich vor sich (vgl. Lammer 2013, S. 95). Offenbar handelt es sich hierbei um das „Schwanken zwischen Realisation und Derealisation, zwischen Verzweiflung angesichts des erlittenen Verlustes und der Hoffnung, der möge doch nicht endgültig sein“ (ebenda, S. 96). Bowl­by bezeichnet diese typischen Elemente der frühen Trauerreaktionen als Suchverhalten und beschreibt Wut- bzw. Aggressionsausbrüche. Das Suchverhalten äußert sich in Rastlosigkeit der Trauernden und dem ständigen Zurückkehren an frühere Orte, die mit dem Verstorbenen in Verbindung gebracht werden. Das kann das Krankenhaus sein, in dem der Verstorbene starb, Lieblingsplätze des Verstorbenen, der Friedhof und andere Örtlichkeiten. Der Trauernde nimmt die Sinneseindrücke dieser Orte selektiv wahr und gleicht diese mit den bereits gespeicherten sensorischen Daten des Verstorbenen ab. Das hat zur Folge, dass der Verstorbene vermeintlich zum Beispiel auf der Straße gesehen wird. Bowlby beschreibt in diesem Zusammenhang eine Mutter, die ihren Sohn verloren hat. Geräusche im Haus assoziierte sie mit dem Kind und sprach ihren Sohn direkt an, als ob er anwesend wäre. Depersonalisierte Reaktionen äußern sich in ziellosem Umhergehen, Berühren von einzelnen Gegenständen oder dem Aufziehen von Schubladen. Wut- und Aggressionsausbrüche beschreibt Bowlby als Anstrengung, die verlorene Person zurückzugewinnen. Es entstehen Frustrationserlebnisse, die sich wiederum in Wut äußern. Der Trauernde befindet sich in einem Konflikt zwischen dem Suchverhalten und der Tatsache des unwiederbringlichen Verlustes. Einerseits ist ihm die Realität des Verlustes bewusst, andererseits wehrt er sich dagegen und hofft auf eine Wiedervereinigung. Die Wut kann sich ebenso gegen Personen richten, die für den Verlust verantwortlich gemacht werden. Die Wut, das aggressive Verhalten und das Suchverhalten basieren auf dem Ziel, den Verstorbenen zurückzugewinnen. Bowlby stellt hier einen Vergleich mit Kindern an, die bei Abwesenheit ihrer Bezugsperson um deren Rückkehr weinen. Er schildert, dass das Weinen im Trauerfall den Zweck der Wiedervereinigung hat (vgl. ebenda, S. 98).

Psychische Folgen des Verlustes können sich in der Beeinträchtigung alltäglicher Aktivitäten oder Arbeitsunfähigkeit äußern. Weitere Trauersymptome sind Schlafstörungen und Appetitlosigkeit, Schmerz, Angst, Wahrnehmungsstörungen, Konzentrationsstörungen, Vergesslichkeit, Verwirrung und andere. Es können depressive Symptome auftreten, oft begleitet durch einen Suchtmittel- oder Medikamenten­abusus. Die Vermeidung von Gefühlen spiegelt sich vielfach in der Reaktion wider. Der Trauerprozess kann von dem Gefühl der Einsamkeit und der Anwesenheit des toten Kindes sowie Panikattacken oder Manie begleitet werden (vgl. Langenmayr 2013, S. 69 f.). Eine Vielzahl psychischer Strukturmerkmale steht in einem engen Zusammenhang mit körperlichen Krankheiten. Als Folgen des erlebten Verlustes können nach Langenmayr (2013, S. 82 f.) auch körperliche Symptome wie Völle­gefühle und Beklemmungen im Brustbereich, Depersonalisationsgefühle oder sogar Atemlosigkeit auftreten. Die Mortalitätsrate durch Herzerkrankungen und Fälle von Suizid, Unfälle und Infektionskrankheiten ist erhöht (vgl. ebenda).

2.3.2 Soziale Aspekte

Soziale Aspekte sind hinsichtlich des interpersonalen Phänomens zu betrachten. Durch den Verlust der geliebten Person entsteht ein Ungleichgewicht des sozialen Beziehungsnetzes. Die Folge ist eine Gefährdung ihrer persönlichen Sicherheit und ihrer sozialen Identität (vgl. Lammer 2013, S. 104). Das Thema Identität wird in Kapitel 5 ausführlicher erläutert. Soziale Aspekte der Trauer beschäftigen sich mit dem Sozialverhalten der Trauernden. Hierbei spielt es eine Rolle, wie die Reaktionen des sozialen Umfeldes im Trauerverhalten sind. Eine zeitweise Abwesenheit von der Erwerbstätigkeit ist nicht unüblich. Sozialer Rückzug oder in manchen Fällen ein aggressives Verhalten gegenüber dem sozialen Umfeld können Begleitreaktionen sein. Ebenso nimmt auch die soziale Umwelt Einfluss auf den Trauernden. Die soziokulturellen und soziostrukturellen Voraussetzungen im Trauerfall spielen eine zentrale Rolle. Der Tod wird gesellschaftlich oft verdrängt oder hospitalisiert. Normen und Vorschriften in Bezug auf Kleiderwahl, Bestattungsriten oder das Trauerjahr stehen im engen Zusammenhang mit der Bewältigung der Trauer. Die sozialen Reaktionen können in Wechselwirkungen auftreten. Zum Beispiel isoliert sich der Trauernde selbst oder wird von der Umwelt isoliert. Die Folge kann eine Herabsetzung des sozialen Status (von der Ehefrau zur Witwe) sein und eine Verschlechterung der ökonomischen Situation darstellen (vgl. ebenda, S. 34 f.). Soziale Aspekte sollten auch hinsichtlich der Art und des Ausmaßes an sozialer Unterstützung, zum Beispiel durch Familie und Freundeskreis, beachtet werden (vgl. Rando 2003, S. 184). Die Mutter hat mit verschiedensten Reaktionen ihrer sozialen Umgebung zu rechnen. Entscheidend ist die Art und Weise des eingetretenen Verlustes. Ist das Kind durch einen Suizid gestorben, muss sich die Mutter dem Umfeld viel mehr erklären als bei Tod durch einen Unfall. Hat sie wiederum den Unfall selbst verursacht (zum Beispiel durch Trunkenheit am Steuer), wird sie als weniger liebenswert angesehen werden und sich viel mehr schämen. Oft wird Ablehnung der Familie zu einem weiteren Problem in der Bewältigung des Verlustes, so dass als Folge der Kontakt mit den Hinterbliebenen vermieden wird (vgl. Lammer 2013, S. 100 f.).

3. Früher Tod bei Kindern bis zum 1. Lebensjahr

Wird ein Kind tot geboren oder stirbt es bei einem Unfall, werden sich Mütter selbst oder anderen Beteiligten die Schuld für den Tod geben. Die Schuldgefühle unterscheiden sich lediglich in ihrer Intensität oder in ihrer Eigenschaft (vgl. Fleck-Bohaumilitzky/Fleck 2008, S. 19). Nach dem Tod des Kindes ändert sich das ganze Familiensystem. Die Rollen innerhalb der Familie verändern sich. Die Trauer wird nie aufhören, sie wird sich lediglich verändern. Ein zentraler Aspekt der Bewältigung der Trauer ist das Abschiednehmen. Um begreifen zu können, dass das Kind tot ist, sollte es auch als lebloser Körper visuell betrachtet und verabschiedet werden können (vgl. Fleck-Bohaumilitzky/ Fleck 2008, S. 9 ff.). Zum Verständnis, auf welche Art und Weise Mütter ihre Kinder verlieren können, werden in den nachfolgenden Kapiteln verschiedene Formen des Verlustes dargestellt.

3.1 Fehlgeburt

Als Fehlgeburt werden Kinder mit weniger als 500 Gramm Geburtsgewicht bezeichnet. Eine genaue Zahl der Häufigkeit von Fehlgeburten kann nicht genannt werden. Die Dunkelziffer von frühem Abort ist ebenso unbekannt wie der Zeitpunkt des Verlustes. Die häufigsten Fehlgeburten erfolgen bis zur 12. Schwangerschaftswoche. Je älter die Frau ist, desto höher ist das Risiko einer Fehlgeburt. Auch wenn die Schwangerschaft nicht lange bestanden hat, empfinden Frauen große Trauer und Schmerz über den Verlust. Sie haben Erwartungen und Wünsche und das Baby bereits fest in ihr Leben integriert. Diese Wünsche werden mit dem Verlust unerwartet zerstört. Die Fehlgeburt kann aufgrund genetischer und/oder chromosomaler Abweichungen (zum Beispiel Trisomien), durch Neuralrohrdefekte (zum Beispiel Anencephalie), Plazentaprobleme, Infektionen (zum Beispiel durch Toxoplasmose) oder durch Diabetes oder Traumata entstanden sein. Anencephalie ist ein Neuralrohr­defekt. Das Stammhirn ist vorhanden, es fehlen aber Teile des knöchernen Schädeldachs, der Hirnhäute, der Kopfhaut und des Gehirns. Die Lebenserwartung beträgt wenige Stunden oder Tage. Die Inzidenz liegt bei einem Kind auf 1000 Geburten (vgl. Verein für Hilfe nach pränataler Diagnostik 2008). Einige Chromosomenstörungen haben zur Folge, dass das Kind entweder früh im Mutterleib stirbt oder nach der Geburt nur einige Stunden überleben kann. Zwar kann die Medizin durch eine Fruchtwasseruntersuchung, die sogenannte Amniozentese, Ursachen klären, dies stellt aber ein Risiko dar, so dass der äußere Eingriff bereits eine Fehlgeburt auslösen kann. Eine Missbildung des Uterus oder hormonelle Störungen bei der Mutter (zum Beispiel eine Gelbkörperhormonschwäche) können weitere Ursachen einer Fehlgeburt sein. Bei einer Rhesusunverträglichkeit können sich unter bestimmten Umständen im Blut der Mutter Antikörper bilden, welche die roten Blutkörperchen des Babys auflösen und somit zum Sauerstoffmangel führen. Wenn das Scheidenmilieu der Mutter gestört ist, können Krankheitserreger durch die Scheide in den Gebärmutterhals aufsteigen und zu vorzeitigen Wehen führen (vgl. Wolter 2012, S. 191 ff.). Frauen erleben oft Fantasien, in denen sie sich vorstellen, was aus ihrem Kind geworden wäre. Nach Beutel et al. nehmen laut einer Untersuchungsstudie nach 7 bis 13 Monaten die Trauersymptome ab (Beutel et al. 1993, S. 411-419, zitiert in Langenmayr 2013, S. 61 f.). Nach 13 Monaten zeigten sich noch schmerzhafte Emotionen und Ängste vor einem wiederholenden Abort. Nach Spontanaborten wurden häufig schlechte Träume durch Gespräche zum Zeitpunkt des Aborts, die Zeit danach und eventueller Ärger in Zusammenhang mit der Fehlgeburt erörtert. Manche Mütter hatten am jahreszeitlichen Termin des Abortes oder am errechneten Geburtstermin wehenähnliche Krämpfe (vgl. Langenmayr 2013, S. 61 f.).

3.2 Stille Geburt

Stirbt ein Baby bereits im Mutterleib und hat über 500 Gramm Körpergewicht, wird es als Totgeburt bezeichnet. Ungefähr 3.000 Familien sind pro Jahr davon betroffen. Manchen Frauen fällt auf, dass sich ihr Baby weniger bewegt. Einige Wochen vor der Geburt ist diese Situation normal, da das Kind dann weniger Platz hat. Meist erfahren die Mütter bei einer Vorsorgeuntersuchung, dass das Herz des Babys nicht mehr schlägt. Die Auslöser für eine Totgeburt können vergleichbar mit den Auslösern einer Fehlgeburt sein. Möglich sind auch eine vorzeitige Plazentalösung, Nabelschnurknoten oder eine Störung der Funktionsweise der Plazenta. Es gibt viele Ursachen, sodass Totgeburten zum Teil nicht erklärt werden können. Wenn das Baby über die Plazenta nicht mehr ausreichend versorgt wird, wächst es nicht mehr oder bekommt im schlimmsten Fall Sauerstoffmangel und stirbt durch einen Plazentainfarkt. Neben Autoimmunkrankheiten können auch Leberfunktionsstörungen, Schwangerschaftsvergiftung oder das HELLP-Syndrom auftreten, bei dem durch eine Störung der Leberfunktion starke Schmerzen im Oberbauch eine Totgeburt verursachen können. Es besteht auch ein geringes Risiko für den plötzlichen Kindstod im Mutterleib, der weitgehend unerforscht ist. Geburtskomplikationen, wie zum Beispiel die vorzeitige Plazentalösung während der Geburt, können zu Sauerstoffmangel führen und das Baby kann ersticken (vgl. Wolter 2012, S. 196 ff.).

3.3 Neugeborenentod

Ursache für den Neugeborenentod sind oft Frühgeburten. Obwohl die Medizin große Fortschritte bei der Erhöhung der Überlebenschancen für frühgeborene Kinder gemacht hat, sterben Babys dennoch. Ein Risiko für eine Frühgeburt besteht zwischen der 24. und 37. Schwangerschaftswoche. Vorzeitige Wehen, ausgelöst durch zu frühes Öffnen des Muttermundes, oder ein frühzeitiger Blasensprung können Auslöser dafür sein, dass das Baby mit Nährstoffen unterversorgt wird. Die häufigste Komplikation stellt die noch nicht ausgereifte Lunge des Babys und die damit verbundene Atemnot dar. Durch die frühe Geburt können Gehirnblutungen auftreten, durch die der Tod oder Spätfolgen hervorgerufen werden (vgl. Wolter 2012, S. 199 f.).

3.4 Plötzlicher Kindstod

Bereits in der Bibel in der Geschichte von König Salomon wird im 1. Buch Könige Kapitel 3, Vers 19 über den plötzlichen Kindstod berichtet. Lange Zeit gab es keine genaue Definition des Begriffs. Die Babys sterben plötzlich, unerwartet und nicht erklärbar vorwiegend im 1. Lebensjahr im Schlaf. Es müssen erst alle übrigen „Ursachen wie Infektionen, Stoffwechselstörungen, Hirnblutungen, Fehlbildungen und Unfälle jeglicher Art wie Vergiftung, Sturz, Unterkühlung oder Ersticken“ (Krous et al. 2004, zitiert in Krieger et al. 2012, S. 207) ausgeschlossen werden, bevor die Diagnose „plötzlicher Kindstod“ gestellt wird. Der plötzliche Kindstod ist die Haupttodesursache bei Säuglingen im Alter von einem Monat bis zu einem Jahr und kommt in allen Bevölkerungsschichten gleich häufig vor. Die Epidemiologie ist in den Wintermonaten (Januar bis März) höher. Die meisten Babys sterben im Alter zwischen dem zweiten und vierten Lebensmonat. Während der ersten sechs Monate sind es 90 % aller Fälle. Es gibt zwar auch 2 bis 6 % Fälle, in denen der Tod nach dem 1. Lebensjahr auftritt, jedoch hängt dies von dem Reifealter des Kindes ab, das sich zeitlich durch eine Frühgeburt nach hinten verschiebt (Moon et al. 2007, zitiert in Krieger et al. 2012, S. 207). Bei den verstorbenen Babys wird eine Autopsie durchgeführt. In 68 bis 95 % der Fälle wird eine Blutung der Thymusdrüse festgestellt. Diese Blutungen treten bei erhöhter Atemarbeit und intaktem Kreislauf auf. Sie beweisen nicht, dass dieses Verhalten unbedingt bei SIDS vorkommen muss, geben aber Aufschluss darüber, dass während des Sterbens eine Schnappatmung vorliegt. Auch wurde rötlicher Schaum vor Nase und Mund festgestellt, der auf die Kombination von Schnappatmung und hypoxischem Lungenödem hinweist (Hunt/Hauck 2006, zitiert in Krieger et al. 2012, S. 208). Es wurden Anhaltspunkte wie Atemwegsinfektionen in den letzten vier Wochen vor dem Tod gefunden (Heininger et al. 2004; Moon et al. 2007, zitiert in Krieger et al. 2012, S. 208). Als Hauptrisikofaktor wird das Schlafen in Bauchlage genannt. Babys in Bauchlage atmen einen höheren Anteil ausgeatmeter Luft zurück und erhöhen somit ihren CO2-Spiegel im Blut. Von weichen Matratzen, Bettdecken, Kissen oder Stofftieren ist abzuraten. Durch die erniedrigte Oxygenierung des Blutes erstickt der Säugling (Djupesland et al. 2000, zitiert in Krieger et al. 2012, S. 208). Auch sollte das Baby nicht im Elternbett schlafen. Die Bettdecken können zu Überwärmung oder Überdecken des Babys führen (Mitchell et al. 2007, zitiert in Krieger et al. 2012, S. 208). Es gibt signifikante Zusammenhänge zwischen dem mütterlichen Rauchen während und nach der Schwangerschaft und dem SIDS (Blair et al. 1996, zitiert in Krieger et al. 2012, S. 209). Das Baby sollte im Schlafsack statt mit einer Bettdecke schlafen und die Zimmertemperatur bei 18 Grad Celsius liegen. Liegt das Baby auf dem Bauch, kann die Wärmeabgabe nicht über den Rücken und den Kopf erfolgen. Daraus resultierend erhöht sich die ohnehin schon vorhandene Überwärmung (Moon et al. 2007, zitiert in Krieger et al. 2012, S. 209).

Der plötzliche Kindstod stellt für Mütter eine sehr belastende Situation dar. Bei der Ermittlung der Ursache dieser Form des Todes erfolgt immer eine polizeiliche Untersuchung, durch die sich die Mutter neben den anderen Emotionen zudem noch verdächtigt fühlt. Beutel et al. kommen nach einer Untersuchung von 60 Paaren zu dem Ergebnis, dass Mütter deutlich depressiver als Väter reagieren (Beutel et al. 1997, S. 626 ff., zitiert in Langenmayr 2013, S. 51). Ebenso bringen sie ihre Traurigkeit mehr zum Ausdruck. Sie zeigen ein vermindertes Selbstwertgefühl und werfen sich mangelnde Versorgung des Babys vor (vgl. Langenmayr 2013, S. 52).

3.5 Tod durch Behinderung/Krankheit

Es gibt Krankheiten, die bereits angeboren sind. Eine vor der Geburt entstandene Fehlbildung eines oder mehrerer Organe wird in der Medizin als Anomalie bezeichnet. Fehlbildungen sind oft genetisch bedingt oder liegen ursächlich in der Chromosomenanomalie. Infektionskrankheiten, zum Beispiel Toxoplasmose, können ebenfalls zum Säuglingstod führen. Die Ursachen sind weitgehend noch nicht eindeutig bestimmt. Pro Jahr werden circa 6000 Kinder mit einem Herzfehler geboren (vgl. Wolter 2012, S. 200). Weitere Ursachen sind zum Beispiel Erkrankungen wie die Spinale Muskelatrophie des Typs I. Die Mütter geben verminderte Kindsbewegungen bereits im Mutterleib an. Die Lebenserwartung der mit SMA Typ I erkrankten Kinder liegt durchschnittlich bei sieben bis acht Monaten. Gründe hierfür sind die geschwächte Atemmuskulatur und die höhere Infektanfälligkeit. Studien belegen, dass Kinder, bei denen die Erkrankung vor dem zweiten Lebensmonat beginnt, eine kürzere Lebenserwartung haben als bei Beginn nach dem zweiten Lebensmonat. Die genaue Lebensdauer lässt sich nicht festlegen, da es Kinder gibt, die deutlich älter werden, während andere Kinder durch beispielsweise eine Lungenentzündung früher versterben (vgl. Initiative SMA o. J .).

3.6 Tod durch Unfall

Der Tod durch einen Unfall geschieht plötzlich und unerwartet. Ein tragisches Beispiel soll hier erwähnt werden. Am 05. Oktober 2014 fährt eine Mutter mit ihrem dreijährigen Sohn und ihrem sechs Monate alten Säugling über die Autobahn A2 Richtung Dortmund. Sie verliert die Kontrolle über ihren Pkw, fährt in die Mittelplanke und bleibt dann quer auf der Straße stehen. Ein herankommendes Fahrzeug kann nicht mehr ausweichen oder bremsen, nimmt das Auto mit und zerreißt es in zwei Teile. Der Säugling wird aus dem Auto geschleudert, nachfolgende Fahrzeuge überfahren das Baby. Der schwer verletzte dreijährige Bruder erliegt seinen Verletzungen einige Tage später im Krankenhaus. Die Ursache für den Unfall ist noch immer unklar (vgl. Westfälischer Anzeiger 2014). Unfälle durch Sturz vom Wickeltisch oder aus anderer Höhe können zum Schädel-Basis-Bruch führen. Der Hirnschädel wird aus der Schädelbasis gebildet. Bei schweren Kopfverletzungen besteht die Gefahr der Verletzung des Gehirns. Die Schädelplatten wachsen mittels Bindegewebe im Säuglingsalter zusammen. An den Knochennähten verläuft die Bruchkante. Ein Schädelbasisbruch kommt am häufigsten durch einen Bruch zwischen Ohr und Schädelbasis oder zwischen Nase und Schädelbasis zustande (vgl. Symptomat 2014).

4. Modelle für den Umgang mit Trauer

Trauer stellt eine Kombination von verschiedenen Abwehrmechanismen dar. Ist die ursprüngliche Motivbefriedigung nicht mehr möglich oder wird sie abgewehrt, findet eine Verdrängung statt. Ein Kind kann eine Vielzahl von Motiven befriedigen. Der Verlust des Kindes stellt eine Situation dar, in der ganze Motivsysteme nicht mehr befriedigt werden können. Die Trauerreaktion ist ein Rückzug der Libido vom verlorenen „geliebten“ Objekt. Dies bedeutet, dass die Libido aus ihren Verknüpfungen vom Objekt abgezogen wird. Da sich die Mutter dagegen wehrt und das Objekt nicht verlassen möchte, folgt der Trauerverlauf (vgl. Freud 1975, S. 198). Als Objekt wird das verstorbene Kind bezeichnet (vgl. Langemeyer 2013, S. 29 f.).

Freud postulierte im 20. Jahrhundert die Objektbeziehungstheorie, die bei der Untersuchungsfragestellung eine entscheidende Rolle spielt. In diesem Kapitel wird Freuds Theorie näher erläutert und werden außerdem die Trauer- und Phasenmodelle von John Bowlby, Verena Kast und Yorick Spiegel vorgestellt.

4.1 Trauermodell von Sigmund Freud

Im Rahmen der Objektbeziehungstheorie bezeichnet Sigmund Freud das Objekt als Mittel zur Befriedigung des Triebziels (vgl. Mentzos 2009, S. 51). Freud ordnet der Sexualtheorie die Objektfindung zu. In seiner Theorie zur Sexualität beschreibt er die Suche des Kindes nach einem Objekt. Die ursprünglich triebhaften Wünsche sollen damit befriedigt werden. Wenn das Kind ein Objekt gefunden hat, ist die Bindung an die Mutter möglich, die ihr Kind versorgt und ihm Sicherheit bietet. Die Mutter ist das erste Liebesobjekt. Der Säugling ist ursprünglich von der Mutter abhängig. Freud beschreibt diese Liebe als infantile Sexualität, die ein Teil der Bindung an die Mutter ist. Mit Beginn der Pubertät grenzt sich das Kind von den Eltern ab (vgl. Nitzschke 2011, S. 56). Infolge Freuds Theorie macht sich ab den 1940er Jahren eine Tendenz bemerkbar, dass das Objekt nicht mehr nur das Mittel zur Befriedigung zur Erreichung des Triebziels ist, sondern ein primäres Bedürfnis nach Bindung mit dem Objekt besteht. Eine Störung kann entstehen, wenn die Bindung durch Verlust verloren geht (vgl. Mentzos 2009, S. 51 ff.). Mit Blick auf den Verlauf der Psychodynamik einer Mutter bei frühem Tod ihres Kindes kann der Personenverlust als Objektverlust betrachtet werden. Die Bindung muss nach dem Verlust in einem langen, schwierigen Prozess vom Objekt abgelöst werden. Diesen Ablösungsprozess bezeichnet Freud als Trauerarbeit (vgl. Lammer 2013, S. 69). Die Trauerarbeit soll die libidinöse Fixierung an das verstorbene Kind beenden. Zur Trauerbewältigung sollen die durch den Verlust entstandenen Gefühle und Gedanken noch einmal in das Bewusstsein geholt und durchlebt werden. Ein Risikofaktor nach Freud ist die Vermeidung oder Hemmung der Trauerbewältigung. Ein weiteres Risiko stellt die Verlustbewältigung durch Ersatz des Objektverlusts durch den Verlust des eigenen „Ichs“ dar (vgl. Lammer 2013, S. 70 ff.). Nach Erkenntnissen aus der Neurologie und Neuropsychologie stellt das „Ich“ eine Vielzahl von Zuständen dar und wird mit dem Begriff der Identität in Verbindung gesetzt (vgl. Roth 2003, S. 379 ff.). Der Begriff Identität wird in Kapitel 5.2.1 näher erläutert.

Der Tod wird in das Unterbewusstsein verdrängt, und das „Ich“ setzt sich im Selbstwert herunter. Die Mutter fühlt sich wertlos und leistungsunfähig. Sie befindet sich in einem unbearbeiteten ambivalenten Konflikt und gibt dem verlorenen Kind die Schuld oder klagt sich selbst an. Diese Formen der Verlustbewältigung bezeichnet Freud als pathologisch. Dieses Verhalten kann zu einer klinischen Depression führen (vgl. Lammer 2013, S. 70 ff.). Risikofaktoren bei der Trauerarbeit stellen die „Abdrängung des Verlustes ins Unbewußte“, die „Nicht-Bearbeitung der Trauer“, die „Identifikation mit dem verlorenen Liebesobjekt und ein unbearbeiteter Ambivalenzkonflikt gegenüber diesem Objekt“ (ebenda, S. 72) dar. Einige Teile seines Trauerprozesses sind revidiert worden, weil sie zu idealtypisch waren. Ein komplizierter Trauerprozess kann nicht nur zu Depressionen, sondern auch zu weiteren pathologischen Folgen führen. Der Ambivalenzkonflikt ist ein Teil des natürlichen Trauerprozesses. Trauernde können sich eventuell nicht vollständig vom Verstorbenen ablösen und der erlittene Verlust wird lebenslang so empfunden. Nur mit der Zeit ist dieser Verlust in der Intensität weniger schmerzhaft und wird immer mehr akzeptiert. Die Reaktion auf den Tod ist die schmerzliche Verstimmung und die Präokkupation mit dem Verstorbenen. Das Interesse für die Außenwelt wird aufgehoben. Es besteht eine Unfähigkeit zur Wahl eines neuen Liebesobjekts. An dieser Stelle beginnt die Trauerarbeit. Während der Bewältigung der Trauer wird der Verlust realisiert und es erfolgt eine schrittweise Ablösung von dem Verstorbenen. Auf diese Weise wird der Ambivalenzkonflikt bearbeitet (vgl. ebenda, S. 72 ff.).

Die österreichische Psychoanalytikerin Melanie Klein entwickelt das Strukturmodell von Freud weiter. Sie beschreibt, dass nicht nur die Triebregung, sondern auch alle internalisierten früheren Erfahrungen Einfluss nehmen. Mit diesem Konzept stellt sie sich Freuds Konzept entgegen und beschreibt, dass bereits bei der Geburt der Säugling Kontakt zu der Mutter aufnimmt. In der Gebärmutter kennt das Kind keinen Hunger, Angst, Lebens- oder Todestrieb. Sobald es aus der Gebärmutter herausgestoßen wird, werden Bedürfnisse und Ängste des Säuglings freigesetzt. Durch den Kontakt mit der Mutter fühlt es sich sicher und geborgen (vgl. Diem-Wille 2009, S. 139). Um den Verlauf der Psychodynamik der Mutter bei frühem Tod ihres Kindes zu untersuchen, sollen die Gefühle einer Mutter bei Geburt ihres Babys dargestellt werden. Eine Mutter bereitet sich in der Schwangerschaft auf ihr Kind vor. Sie wird sich Fragen stellen, ob sie die Wehen rechtzeitig erkennt oder ob es Komplikationen geben wird. Die Ängste, dem Kind Schaden zufügen zu können oder selbst während der Geburt zu sterben, sind aktivierte Abwehrmechanismen, so dass Leben und Tod im Geburtsakt eng zueinander in Beziehung stehen. Mit Beginn der Hoffnungen, Wünsche und Erwartungen, aber auch Ängste und Befürchtungen hat sich bereits eine Beziehung zu dem Baby entwickelt (vgl. ebenda, S. 47 f.).

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Ende der Leseprobe aus 63 Seiten

Details

Titel
Die Psychodynamik einer Mutter in Folge eines frühen Kindstods
Hochschule
Fachhochschule Münster
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
63
Katalognummer
V888709
ISBN (eBook)
9783346211538
ISBN (Buch)
9783346211545
Sprache
Deutsch
Schlagworte
folge, kindstods, mutter, psychodynamik, Schicksal, Trauer, Trauerbewältigung
Arbeit zitieren
Anja Hoffmann (Autor), 2015, Die Psychodynamik einer Mutter in Folge eines frühen Kindstods, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/888709

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