'La Princesse de Clèves' als historischer Roman: Der Hof von Louis XIV


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
20 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der honnête homme und die höfische Etikette
2.1. Der honnête homme
2.2. Die höfische Etikette
2.3. Fazit

3 Das Leben am Hof

4 Repräsentation in der Öffentlichkeit und äußeres Erscheinungsbild

5 Ehen und Geliebte in der Welt der Heiratspolitik

6 Warum wurde der reelle Hof von Louis XIV in dem Roman in die Zeit von Henri II versetzt?

7 Schlussgedanke

8 Literaturverzeichnis
Primärliteratur
Sekundärliteratur
Internetseiten

1 Einleitung

In ihrem historischen Roman La Princesse de Clèves[1] aus dem Jahre 1678 beschreibt Madame de La Fayette auf schillernde Art und Weise, dass für die Menschen des 17. Jahrhunderts, die am Hofe von Versailles lebten, ihr stets makelloses Auftreten und ihre absolute Anerkennung in der Gesellschaft das Wichtigste war.

Zwar war es zu der damaligen Zeit noch nicht üblich, historische Romane zu schreiben, doch Madame de La Fayette adressierte ihr Werk an den zeit-genössischen Leser Frankreichs, der mit der Geschichte vertraut war. Obwohl die Autorin selbst viele Jahre lang am Hofe des Sonnenkönigs Louis XIV lebte und es offensichtlich ist, dass genau der Hof im Roman beschrieben wird, verlegt sie die Handlung jedoch zurück in die Zeit von Henri II, also in die 50er Jahre des 16. Jahrhunderts.

Um einen Überblick über das höfische Leben unter Louis XIV zu bekommen, kann eine treffende Lebensweisheit von Madame de Chartres zitiert werden, die sie ihrer unerfahrenen Tochter[2] bald nach der Einführung am Hof mit auf den Weg gibt: „Si vous jugez sur les apparences en ce lieu-ci, […] vous serez souvent trompée: ce qui paraît n’est presque jamais la vérité.“[3] (75)

Die vorliegende Seminararbeit setzt bei der Frage an, inwiefern das alltägliche Leben und das Verhalten der Menschen am Hofe von Louis XIV im Roman darlegt werden. Daher werden im Folgenden zunächst die bestehende Etikette am Hof, das Leben am Hofe und das sich bildenden honnête homme -Ideal vorgestellt und voneinander abgegrenzt. In einem weiteren Schritt richtet sich das Augenmerk auf die jederzeit perfekte Selbstinszenierung der Hofmenschen in der Öffentlichkeit und ihr äußeres Erscheinungsbild. Unmittelbar daran wird sich die Überlegung anschließen, warum Madame de La Fayette den Roman La Princesse de Clèves über 100 Jahre in die Vergangenheit, an den Hof Henri II, versetzte. Obgleich sie selbst das höfische Leben unter Louis XIV genoss und auch viel in Salons verkehrte, stand sie diesem doch sehr kritisch gegenüber.

2 Der honnête homme und die höfische Etikette

Spielt der Degen als Mittel der Entscheidung keine so große Rolle mehr, so treten Intrigen, Kämpfe, bei denen es um Karriere und sozialen Erfolg mit Worten gestritten wird, an ihre Stelle. Sie verlangen und züchten andere Eigenschaften, als die Kämpfe, die mit der Waffe ausgefochten werden können: Überlegung, Berechnung auf längere Sicht, Selbstbeherrschung, genaueste Regelung der eigenen Affekte, Kenntnis der Menschen und des gesamten Terrains werden zu unerlässlichen Voraussetzungen jedes sozialen Erfolges.[4]

Mit dem Zitat von Norbert Elias wird bereits deutlich, dass an dem im Roman beschriebenen Hofe nicht Kämpfe oder Kriege im Mittelpunkt stehen, sondern dass das Augenmerk auf den Interaktionen zwischen den Höflingen und deren Ansehen in der Gesellschaft liegt.

2.1. Der honnête homme

Im 17. Jahrhundert entstand am Hofe Frankreich ein bestimmtes, kulturell neu definiertes Ideal der Lebensführung, das für alle Vertreter der höfischen Gesellschaft verbindlich war.

Wie man sich den honnête homme vorstellen muss, wird unter anderem von François de La Rochefoucauld in seinen Maximes aus dem Jahre 1665 erläutert: „C’est être véritablement honnête homme que de vouloir toujours être exposé à la vue des honnêtes gens.“[5] Eine weitere Definition findet man in dem Dictionnaire de l'Académie Française aus dem Jahre 1694:

Quelquefois on appelle aussi, Honneste homme, Un homme en qui on ne considere alors que les qualitez agreables, & les manieres du monde: Et en ce sens, Honneste homme, ne veut dire autre chose que galant homme, homme de bonne conversation, de bonne compagnie.[6]

Im Roman werden die „grandes qualités“ (48) eines honnête homme schon zu Beginn aufgezeigt. Nachdem mehrere Männer vorgestellt und gleichzeitig deren gute Eigenschaften betont werden, wird der honnête homme anhand der Figur des Monsieur Nemours definiert, der scheinbar alle guten Eigenschaften in sich vereint:

[…] ce prince était un chef-d’oeuvre de la nature; ce qu’il avait de moins admirable était d’être l’homme du monde le mieux fait et le plus beau. […] une valeur incomparable, et un agrément dans son esprit, dans son visage et dans ses actions, que l’on n’a jamais vu qu’à lui seul ; il avait un enjouement qui plaisait également aux hommes et aux femmes, une adresse extraordinaire dans tous ses exercices, une manière de s’habiller qui était toujours suivie de tout le monde, sans pouvoir être imitée, et enfin un air dans toute sa personne qui faisait qu’on ne pouvait regarder que lui dans tous les lieux où il paraissait (48/49).

2.2. Die höfische Etikette

Durch das Auftreten des honnête homme -Ideals wird die höfische Etikette unter Louis XIV neu definiert. Frantz Funck-Brentano beschreibt die Gesellschaft als eine „[…] société nombreuse, qui se pressait agitée de passions et ambitions diverses […] était régie […] par les règles d’une etiquette que Louis XIV multiplia, précisa, codifiant pour ainsi dire des usages jusqu’à lui plus ou moins flottants“.[7]

Man verhält sich so, wie es von einem gut erzogenen Höfling erwartetet wird, denn „[d]as Gewebe der Aktionen wird so kompliziert und weit reichend, die Anspannung, die es erfordert, sich innerhalb seiner ‚richtig’ zu verhalten, wird so groß […]“[8], dass ein Fauxpas weit reichende Folgen hätte.

Norbert Elias erklärt in seinem Werk Über den Prozeß der Zivilisation außerdem sehr genau, warum die Menschen am Hofe dem beschriebenen Verhaltenszwang so stark ausgesetzt waren und welchen Sinn er hatte:

Das Verhalten von immer mehr Menschen muß aufeinander abgestimmt [sein], […] damit die einzelne Handlung darin ihre gesellschaftliche Funktion erfüllt. Der Einzelne wird gezwungen, sein Verhalten immer differenzierter, immer gleichmäßiger und stabiler zu regulieren. […] Gerade dies ist charakteristisch, […] daß die differenziertere und stabilere Regelung des Verhaltens dem einzelnen Menschen von klein auf mehr und mehr als ein Automatismus angezüchtet wird, als Selbstzwang, dessen er sich nicht erwehren kann, selbst wenn er es in seinem Bewusstsein will.[9]

Unter dem Gesichtspunkt wird auch deutlich, warum Madame de Clèves bereits am Tage nach ihrer Ankunft am königlichen Hof versucht, ihr Erröten ihrem zukünftigen Mann gegenüber zu verbergen. Bereits durch die Erziehung ihrer Mutter wurde sie von klein auf mit dem neuen Idealbild und der vorherrschenden höfischen Etikette vertraut gemacht („sans témoigner d’autre attention aux actions de ce prince que celle que la civilité lui devait donner pour un homme tel qu’il paraissait“ [55]).

Sie wurde von ihrer Mutter dergestalt erzogen, dass sie am Hofe als ein Wesen erschien, dem man sich nicht wirklich nähern durfte : „[…] madame de Chartres joignait à la sagesse de sa fille une conduite si exacte pour toutes les bienséances qu’elle achevait de la faire paraître une personne où l’on ne pouvait atteindre.“ [70].

Als Madame de Clèves erfährt, dass Monsieur de Nemours um ihre Gefühle weiß, ist dieser sich nicht mehr sicher, wie er sich gemäß der höfischen Etikette ihr gegenüber verhalten sollte:

Puis-je penser seulement à l’approcher et oserais-je lui donner l’embarras de soutenir ma vue? Par où pourrais-je me justifier? Je n’ai point d’excuse, je suis indigne d’être regardé de madame de Clèves, et je n’espère pas aussi qu’elle me regarde jamais (185).

Hier wird eindeutig gezeigt, dass die höfische Etikette am Hofe allgegenwärtig ist und dass sie nicht nur beachtet wird, wenn man sich in größerer Gesellschaft befindet, sondern ebenfalls, wenn man über ein Treffen zu zweit nachdenkt.

Ein grober Verstoß gegen die höfische Etikette unter Louis XIV war unter anderem das öffentliche Zeigen von persönlichen Gefühlen und Neigungen. Das führte sogar so weit, dass man verwandt oder befreundet war „sans néanmoins se confier [des] sentiments“ (200), um den Schein zu wahren zu können.

Man muss nur die verzwickte Liebesgeschichte um Madame de Tournon betrachten, um zu sehen, wie sehr jegliche Gefühle auch unter guten Freunden verheimlicht werden (vgl. 93f.) beziehungsweise wie die anderen Menschen belogen werden, einzig um den eigenen guten Ruf nicht zu gefährden:

Elle faisait valoir à Estouteville de cacher leur intelligence, et de paraître obligée à l’épouser par le commandement de son père, comme un effet du soin qu’elle avait de sa réputation; et c’était pour abandonner Sancerre sans qu’il eût sujet de s’en plaindre (104/105).

Wie man mit Geheimnissen Freunden gegenüber umgeht, beschreibt auch Monsieur de Clèves treffend, als er seiner Frau die rhetorische Frage stellt: „A-t-on un ami au monde à qui on voulût faire une telle confidence [?]“ (181).

Passende Textstellen können im Roman überaus häufig gefunden werden.

Es gibt sehr viele Situationen, in denen entweder Monsieur de Nemours seine Liebe zu Madame de Clèves bewusst verbergen oder aber sie ihm ihre passion gegenüber gleichgültig erscheinen lassen möchte. Das übersteigerte Kaschieren der Gefühlswelt zeigt sich sowohl der geliebten Person („Madame de Clèves lui paraissait d’un si grand prix qu’il se résolut de manquer plutôt à lui donner des marques de sa passion que de hasarder de la faire connaître au public“ [82]) als auch Freunden gegenüber: „Monsieur de Nemours était trop amoureux pour avouer son amour. Il l’avait toujours caché au vidame, quoique ce fût l’homme de la Cour qu’il aimât le mieux“ (167).

[...]


[1] Als Textgrundlage dient im Folgenden:

Madame de La Fayette: La Princesse de Clèves. Paris: Le Livre de Poche classique 1999.

[2] Aus Gründen der Verständlichkeit und besseren Lesbarkeit wird im Folgenden stets die Bezeichnung „Madame de Clèves“ für Mademoiselle de Chartres verwendet, auch wenn die dargestellte Szene des Romans sich vor der Hochzeit mit Monsieur de Clèves abspielt.

[3] Die Seitenangaben in Klammern nach den Zitaten beziehen sich hier und im Folgenden auf:

Madame de La Fayette: La Princesse de Clèves. Paris: Le Livre de Poche classique 1999.

[4] Zit. nach: Elias, Norbert 1990, 370.

[5] http://www.vaucanson.org/lettres/LABRUYERE/honnetehomme.htm

[6] http://portail.atilf.fr/cgi-bin/dico1look.pl?strippedhw=honneste&dicoid=ACAD1694&headword =&dicoid=ACAD1694

[7] Zit. nach: Funck-Brentano, Frantz 1937, 92.

[8] Zit. nach: Elias, Norbert 1990, 317.

[9] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
'La Princesse de Clèves' als historischer Roman: Der Hof von Louis XIV
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Veranstaltung
La Princesse de Clèves
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
20
Katalognummer
V88882
ISBN (eBook)
9783638034869
Dateigröße
390 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Princesse, Clèves, Roman, Louis
Arbeit zitieren
Verena Bauer (Autor), 2007, 'La Princesse de Clèves' als historischer Roman: Der Hof von Louis XIV, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88882

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