Mikrolügen und deren Nutzen in alltäglichen Interaktionen


Essay, 2017

6 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Essay zu dem Thema:

Mikrol ügen und deren Nutzen in alltäglichen Interaktionen

Eine Studie der University of Queensland durchgeführt von Anthony Tuckett 1, hat gezeigt, dass Lügen nicht nur gelegentlich notwendig sind sondern auch moralisch Vertretbar sein können. Dies ist aufgrund unterschiedlicher Moral Auffassungen nicht allgemein gültig, auch weil sich die Studie mit Lügen in der Medizinische n Demenzpflege beschäftigt, aber sie behauptet, dass Lügen nicht generell schlecht sind. Daraus leitet sich die Annah me, dass Lügen Zwecke verfolgen die, entgegen allgemeiner Annahmen, auch positiv fü r mehrere Personen gelagert sein können, thematisiert dieses Essay wie Mirko-Lügen im alltäglichen Verhalten nutzen und bei der Konfliktvermeidung a ngewandt werden.

Dazu ist es nützlich wenn der Begriff der Lüge in e i ne r sozialwissenschaftliche n Sichtweise definiert wird. Nach Sessila Bok wird die Lüge als „any intentionally deceptive message which is stated“2 definiert, somit ist jede Täuschung die bewusst vollzogen wird und in Form einer Äußerung bzw. Kommunikation entsteht eine Lüge. Die Begrifflichkeit Lüge und Täuschung unterscheiden sich somit allein durch die Form der Darbietung. Ergänzt man die Perspektive von Robert Hettlage sind auch Handlungen Lügen „die darauf bauen, dass bestimmte Sachverhalte nach einem gegebenen Norm- und Gesetzesstandart anderen mitgeteilt werden sollen, aber in Wirklichkeit der Kommunikation entzogen werden“3. Dabei wird der Getäuschten dazu gedrängt, falsche Schlussfolgerungen entgegen dem Gesagten zu ziehen. Beide Beispiele lassen erkennen das die soziologische Definition der Lüge eine sehr Umfassende ist, vor allem wenn es um die reine Beschreibung ihres Erscheinungsbild geht.

Der Begriff der Lüge wird daher im folgenden als eine Ansammlung unterschiedlicher Formen der Täuschung - ein Sammelbegriff verschiedener Täuschungsphänomene -beschrieben. Goffman definiert den Täuschungsbegriff als das bewusste Bemühen eines oder mehrerer Menschen, dass Handeln so zu lenken, dass einer oder mehrere andere zu einer falschen Vorstellung von dem gebracht werden, was vor sich geht (Goffman|1977)4.

Zur Täuschung oder Lüge bedarf es somit einer Interaktion zweier oder mehrerer Individuen, die wechselseitige Erwartungen aneinander haben. Diese sind als Rollenerwartungen, also gewisse Verhaltensweisen , die man vom Träger einer Gewissen Position bzw. seines Gesprächspartners erwartet, auch zu beschreiben als gesellschaftliche Erwartungen an das Verhalten eines Individuums in einer sozialen Interaktion, zu charakterisieren. Wie Mirkolügen zu alltäglichem Verhalten werden lässt sich dadurch erklären, dass sich Kommunikation und Alltag in einem Wechselseitigen Verhältnis befinden, beide Aspekte haben Auswirkungen aufeinander und konstruieren sich gegenseitig. Die liegt daran, dass der Alltag in seinem Ablauf unmittelbar Interaktionen bildet. Die eigene Lebenswelt bildet somit keine Isolation, sondern steht in permanenter Kommunikation mit anderen Individuen und ihrer Umwelt.

Ebenso ist der Begriff des Konfliktes für die Einordnung relevant. Konflikte sind ein System, da sie sonst überhaupt kein Verhalten motivieren können, dass in Beziehung auf anderes Verhalten abläuft und von nicht dazugehörigem Verhalten abgrenzbare ist. Diese Definition geht aus Luhmanns Systemtheorie hervor. Außerdem sind Konflikte ständig präsent und normale Option des menschlichen Verhaltens, man spricht von ihnen wenn ein Individuum eine vorgeschlagene Selektion nicht annimmt und auch nicht ignoriert sondern Ablehnung direkt kommuniziert (Luhmann|1975).

Ein weiterer Bestandteil des Konfliktbegriffes nach Luhmann ist die Kontigenz, welche allgemein beschreibt welche Verhaltensoptionen es gibt und andere Individuen von diesen wissen. Doppelte Kontinenz impliziert das zwei Individuen voneinander wissen und es beiden bewusst ist. Ihre Grundstruktur ist gemeinsame Vorbedingung sowohl für Systembildung als auch für Konflikte. Sie ist außerdem Grundlage autokatalytischer Prozesse, die zur Systembildung führen, wenn immer es zur Kommunikation kommt (Luhmann|1975).

Dem ergänzt sei, dass Konflikte komplexe soziale Systeme von aufeinander bezogene Selektionen bzw. Auswahlen sind, die sich von einer nicht dazugehörigen Umwelt abgrenzen lassen. Auf der Ebene des Interaktionssystems haben Konflikte benennbare Eigenschaften. Dies liegt an der geringeren Komplexität dieser Systeme, daher werden Konflikte unterdrückt oder nur angedeutet somit hat dieses System ein geringes Konfliktpotenzial. In den komplexeren Gesellschaftssystemen muss die Fähigkeit abzulehnen gestärkt werden, da nur so funktionale und strukturelle Differenzierung geschaffen werden können. Luhmanns Ansicht nach kann man nur so Verhaltensbereiche unter autonom gesetzten, spezifischen Gesichtspunkten rationalisieren.

Außerdem begünstigt das Recht Konflikte, da es ermöglicht sich von den moralischen Grundlagen der Interaktion und von Bedingungen wechselseitiger Achtung und Missachtung frei zu machen. Aber aufgrund der Ablehnungsfreiheit, auch als allgemeine Handlungsfreiheit zu verstehen, bedarf die Ablehnung selbst in der Interaktion keiner Begründung mehr.

Diese Freiheit lässt sich einschränken, Scheuch erklärt die Sichtbarkeit einer Einstellung im Alltäglichen Verhalten und der alltäglichen Interaktion anhand Politischer Einstellungen. Er beschreibt, dass Menschen in politischen Systemen, in dem keine offiziellen Sanktionen für ihren Ausdruck politischer Einstellungen und Verhaltensweisen erfolgen ihre Einstellungen nicht verbergen, dazu legt er die Annahme zugrunde, dass das eigene Verhalten als abweichend zu empfinden, bereits dazu führen kann, die möglichen Neigungen zu einem solchen Verhalten auch in sich selbst zu zensieren.

Sanktionen müssen dabei nicht aktiv ausgeübt werden; die mit anderen übereinstimmende Erwartung, dass das ausgeübte Verhalten abweichend ist und Sanktioniert werden könnte, ist allein ausreichend um sich selbst zu zensieren und indirekt auch zu Sanktionieren (Scheuch| 1965). Außerdem stellt diese Freiheit auf der Ebene des Verhaltens in Interaktionen ganz spezifische Anforderungen an die Systemstrukturen, hinzu kommt den hohen Grad an Ablehnung, die die Gesellschaft aus strukturellen Gründen braucht, um Systemdifferenzierungen aufbauen und halten zu können.

Beides tritt in Widerspruch zu dem Bedürfnis angenommen werden und somit Konflikte zu vermeiden (Luhmann|1975). Luhmann bietet keine Strategie zur Konfliktvermeidung, aber einen Ansatz zur Problemlösung, nämlich das involvieren von partikularistischen Dritten, welche sich am Konflikt beteiligen sowie unabhängige Dritte, die entlastend auf den Streit wirken in dem der Dritte durch Versachlichung auf eine Seite des Konfliktes gezogen wird. Dies geschieht indem objektiviert wird und die Intensität des Konflikts abnimmt. Luhmann schlußfolgert, dass die Moderne Gesellschaft eine Steigerung der Negotiationspotenziale braucht. Diese Steigerung würde dazu führen, dass die Individuen mit privilegierten sozialen Status von ihr profitieren.

Dem konträr ist die Position von Erwin K. Scheuch, welcher eine Form Zurückhaltung beschriebt, die auch als Konfliktvermeidung verstanden werden kann. Die Selbstzensur welche von Scheuch selbst als unterbewusste Lebensstrategie im Alltags typisiert wird und es ihre Funktion ist eine latente als auch manifeste Minimalisieren von antizipierten Spannungen herbeizuführen5. Hier ist es erwähnenswert, dass Kommunikation in der Primärgruppe von großer Bedeutung für Einstellungen und deren Veränderung sind. Diese deutet an das Konfliktvermeidung in der Interaktion bereits im Rahmen der Primärgruppe stattfindet. Besonders deutlich wird dies dadurch, dass der Akt der Selbstzensur als Teil einer Lebensstrategie die Funktion hat in sozialen Interaktionen die Gemeinsamkeiten der Gesprächspartner hervorzuheben und Gegensätze temporär aus dem Interaktionssystem verschwinden zu lassen.

Folgt man dem Ansatz Luhmanns entsteht ein Konflikt in einer Interaktion und diese wird selbst zum Konflikt und durch das hinzuziehen eines dritten kommt es zu Konfliktrepression, durch diese Beteiligung entsteht ein Sozialer Konflikt. Dieser ist unvermeidbar, da seine Aufgabe nicht in deren Vermeidung sondern in deren Weisung in kontrolliertere Bahnen liegt. Soziologisch sind Soziale Konflikte folglich nicht destruktiv oder dysfunktional sondern tragen zum Erhalt Sozialer Gebilde bei, diese sind im wesentlichen Beeeinflussungsfaktoren des Sozialen Wandels. Dieser Faktor ist jedoch von der Intensität des Konflikts abhängig. Ein Intrarollenkonflikt kann somit zum Ausgangspunkt des Wandels von Rollen werden.

[...]


1 The experience of lying in dementia care: A qualitative study; Anthony G Tuckett; The University of Queensland, Australia 2012

2 Bok, Sissela, Lying. Moral Choice in Public and Private Life, New York 1999, 13

3 Hettlage, Robert, Vom Leben in der Lügengesellschaft, in Der. (Hg.), Verleugnen,Vertuschen,Verdrehen. Leben in der Lügengesellschaft, Konstanz 2003 13-16

3 Goffman, Erving, Rahmen Analyse, 98

5 Scheuch orientierte sich für die Bildung diesen Ansatzes an Robert E. Lane, Political Life, Glencoe, III. 1959 Kap. 12

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Mikrolügen und deren Nutzen in alltäglichen Interaktionen
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
6
Katalognummer
V888820
ISBN (eBook)
9783346191342
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mikrolüge, Alltagssprache, Grundlagen, Lügen, Interaktion, Handlungstheorie, Soziologische Grundlagen
Arbeit zitieren
Kolja Bockermann (Autor), 2017, Mikrolügen und deren Nutzen in alltäglichen Interaktionen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/888820

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