Jean-Baptiste Poquelin, der als Schauspieler den Namen Molière annahm, wurde im Januar 1622 in Paris geboren. Nachdem er einige Jahre lang mit einer Theatergruppe herumgereist war, gelangten seine ersten Farcen und Komödien zur Aufführung.
Molière erfreute sich fast ununterbrochen der Gunst Ludwigs XIV., vor dem er oft spielen musste und in dessen Auftrag er seine Komödien und Schauspiele verfasste.
Auch das comédie-ballet „Le Bourgeois gentilhomme“, das am 14. Oktober 1670 in Chambord uraufgeführt wurde, war ein Auftragsstück des Königs.
Im Wörterbuch von Furetière wird Bourgeois wie folgt definiert: „…un homme peu galant, peu spirituel, qui vit et raisonne à la maniere du bas peuple“. Außerdem wurde der Ausdruck bourgeois zur Zeit Molières auch oft als Schimpfwort gebraucht.
In einem Lexikon über die Sprache Molières von Livet findet man unter gentilhomme die Erklärung: „Un personnage noble pouvait n’être pas gentilhomme, si la noblesse, par exemple, lui avait été conférée, comme aujourd’hui la croix de la Légion d’honneur, après vingt ans de services dans certains emplois, ou pour toute autre cause; mais le gentilhomme, c’est-à-dire le noble de naissance, était toujours et nécessairement noble.“
Man sieht also bereits beim Betrachten des Titels, dass er in gewisser Weise in einem Widerspruch steht, da er die Begriffe bourgeois und gentilhomme vereinbaren möchte, was aber nicht wirklich möglich ist.
Dies führt zum eigentlichen Thema dieser Seminararbeit, nämlich der Komplexität zwischen dem Adel und dem Bürgertum zur Zeit Molières.
Inhaltsverzeichnis
1. DIE POLITIK LUDWIGS XIV.
1.1. ALLGEMEIN
1.2. DIE STELLUNG DES ADELS
1.3. DIE ENTMACHTUNG DES ADELS – DER AUFSTIEG DES BÜRGERTUMS
1.4. DER EINFLUSS LUDWIGS XIV. AUF DIE FRANZÖSISCHE REVOLUTION
2. DER HOF UNTER LUDWIG XIV.
2.1. DIE SITTEN DES HOFES
2.2. HOFFESTE
2.3. DAS THEATER UND MOLIÈRE
3. BILDUNG UND LITERATUR
3.1. DIE SALONS
3.2. DIE SPRACHE
4. EIN NEUES IDEALBILD: DER HONNÊTE HOMME - DIE HONNÊTETÉ
5. „LE BOURGEOIS GENTILHOMME“
5.1. ENTSTEHUNG UND INHALT
5.2. WIE KANN MAN DAS GESPRÄCH ZWISCHEN DORANTE UND MADAME JOURDAIN ANALYSIEREN? (III, 5)
5.3. WORAN KANN MAN SEHEN, DASS CLÉONTE DIE IDEALE GEGENFIGUR ZU MONSIEUR JOURDAIN IST? (III, 12)
6. THEMATIK MOLIÈRES IMMER NOCH AKTUELL?!
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die komplexe soziale Dynamik zwischen Adel und aufstrebendem Bürgertum im Frankreich des 17. Jahrhunderts unter der Herrschaft Ludwigs XIV. und analysiert, wie diese gesellschaftlichen Spannungen und Ambitionen in Molières Komödie „Le Bourgeois gentilhomme“ verarbeitet und kritisch reflektiert werden.
- Die absolutistische Politik Ludwigs XIV. und ihre Auswirkungen auf die Stände.
- Die kulturelle Bedeutung des Hoflebens und der französischen Salons.
- Das Idealbild des „honnête homme“ als kultureller Maßstab.
- Literarische Auseinandersetzung mit sozialem Aufstieg und Identität bei Molière.
Auszug aus dem Buch
5.2. Wie kann man das Gespräch zwischen Dorante und Madame Jourdain analysieren? (III, 5)
Schon im ersten Satz der Szene III,5 erkennt man ein scheinbares Eingehen Dorantes auf Madame Jourdain: „Vous me semblez toute mélancolique: qu'avez-vous, Madame Jourdain?“ Weiter fragt er Madame Jourdain wo ihre Tochter ist und wie es ihr geht, worauf Madame Jourdain jedoch nur sehr schnippische Antworten gibt:
„DORANTE: Mademoiselle votre fille, où est-elle, que je ne la vois point? MADAME JOURDAIN: Mademoiselle ma fille est bien où elle est. DORANTE: Comment se porte-t-elle? MADAME JOURDAIN: Elle se porte sur ses deux jambes.“
Um Madame Jourdain zu beeindrucken macht Dorante eine Anspielung auf seine Beziehungen zum königlichen Hof und er möchte wissen, ob sie und ihre Tochter nicht einmal einem Schauspiel am Hof beiwohnen möchten. Doch im Gegensatz zu der Wirkung, die dieses Angebot bei ihrem Mann ausgelöst hätte, bleibt Madame Jourdain ganz unbeeindruckt, woran man sieht, dass für es für sie wichtigere Dinge gibt als Geld und gute Beziehungen.
„DORANTE: Ne voulez-vous point un de ces jours venir voir avec elle, le ballet et la comédie que l'on fait chez le Roi? MME JOURDAIN: Oui vraiment, nous avons fort envie de rire, fort envie de rire nous avons.“
Das Gespräch wird fortgeführt mit einer Anspielung Dorantes auf die Jugend von Madame Jourdain: „Je pense, Madame Jourdain, que vous avez eu bien des amants dans votre jeune âge, belle et d'agréable humeur comme vous étiez.“ Doch Madame Jourdain, die im Moment ernstere Sorgen hat, macht Dorante regelrecht fertig. Sie ist so unhöflich, wie es nur möglich ist. Dorante dagegen ist überaus höflich. Er benutzt sehr elegante, aber allerdings hohle Phrasen. Das Ende des Gesprächs, also die Entschuldigung, kann wie eine Demütigung Dorantes angesehen werden.
In dieser Szene wird das Aufeinandertreffen zweier absolut verschiedener Welten sichtbar, die Welt der bürgerlichen Madame Jourdain und die des adligen Dorantes.
Zusammenfassung der Kapitel
1. DIE POLITIK LUDWIGS XIV.: Dieses Kapitel beleuchtet den historischen Kontext der Einigung Frankreichs, den Absolutismus und die systematische Entmachtung des Adels zugunsten des Bürgertums.
2. DER HOF UNTER LUDWIG XIV.: Die Analyse konzentriert sich auf die Sitten, die prunkvolle Selbstdarstellung des Königs und die Funktion des Theaters als Instrument innerhalb der höfischen Gesellschaft.
3. BILDUNG UND LITERATUR: Es wird die Bedeutung der Salons als Zentren der Öffentlichkeit und die Etablierung einer normativen französischen Bildungssprache erörtert.
4. EIN NEUES IDEALBILD: DER HONNÊTE HOMME - DIE HONNÊTETÉ: Das Kapitel definiert das Ideal des „honnête homme“ als einen kulturellen Verhaltenskodex, der nicht an eine soziale Schicht gebunden war.
5. „LE BOURGEOIS GENTILHOMME“: Hier erfolgt eine detaillierte Auseinandersetzung mit Molières Werk, der Motivation der Hauptfigur Monsieur Jourdain und der Analyse zentraler Schlüsselszenen.
6. THEMATIK MOLIÈRES IMMER NOCH AKTUELL?!: Das Fazit reflektiert über die zeitlose Relevanz von Molières Gesellschaftskritik hinsichtlich sozialer Identität und Streben nach Status.
Schlüsselwörter
Molière, Le Bourgeois gentilhomme, Ludwig XIV., Absolutismus, Bürgertum, Adel, Hofleben, Salons, Honnêteté, Monsieur Jourdain, Gesellschaftskritik, Frankreich, 17. Jahrhundert, soziale Identität, Ständeordnung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen Bürgertum und Adel im Frankreich des 17. Jahrhunderts und wie Molière diese soziale Dynamik in seinem Stück „Le Bourgeois gentilhomme“ satirisch aufarbeitet.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Schwerpunkte liegen auf der Politik des Absolutismus, der Bedeutung der höfischen Kultur und Salons, der Entwicklung des sozialen Idealbilds „honnête homme“ sowie der literarischen Analyse spezifischer Szenen aus Molières Komödie.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, das Verhältnis zwischen den Ständen im 17. Jahrhundert zu beleuchten und aufzuzeigen, wie Molière durch seine Charakterzeichnung die Lächerlichkeit des sozialen Aufstiegsstrebens entlarvt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Die Arbeit nutzt eine historisch-literaturwissenschaftliche Analyse, die den historischen Kontext der Regierungszeit Ludwigs XIV. mit einer detaillierten Szenenanalyse des Primärtextes kombiniert.
Was steht im inhaltlichen Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil gliedert sich in die politische Historie des 17. Jahrhunderts, die kulturellen Rahmenbedingungen (Salons, Sprache, Ideale) und die anschließende direkte Anwendung dieser Erkenntnisse auf die Handlung und die Protagonisten von „Le Bourgeois gentilhomme“.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Publikation?
Wesentliche Begriffe sind Absolutismus, „honnête homme“, soziale Mobilität, Molière, Ständeideologie und die Kritik am bürgerlichen Emporkömmling.
Warum wird Monsieur Jourdain als so beispielhafte Figur für das Bürgertum dargestellt?
Jourdain verkörpert den naiven Wunsch des aufsteigenden Bürgertums, durch Imitation aristokratischer Lebensstile sozialen Status zu erlangen, wobei er die Verachtung des Adels und die Ausnutzung durch opportunistische Mitmenschen ignoriert.
Inwiefern ist laut der Autorin Molières Werk heute noch relevant?
Die Autorin argumentiert, dass das Bestreben, durch äußere Statussymbole und Kleidung gesellschaftliche Anerkennung zu erzwingen – insbesondere bei Jugendlichen –, auch nach über 300 Jahren ein aktuelles Phänomen der menschlichen Selbstdarstellung bleibt.
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- Verena Bauer (Author), 2006, Die Komplexität des Verhältnisses zwischen Bürgertum und Adel und ‚Le Bourgeois gentilhomme’, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88885