Die vorliegende Arbeit macht es sich zur Aufgabe, in der Form eines Reiseberichts, anhand von ausgewählten literarischen und künstlerischen Beispielen, quer durch die Entwicklung der Kultur in Italien und Frankreich, vom Ende des Mittelalters und der Wieder-Erfindung der Zentralperspektive durch Philippo Brunelleschi bis an ihr Ende, die Ursachen für das Verschwinden einer symbolischen Ordnung und zum Entstehen einer neuen, darauffolgenden zu ergründen.
Die Reise führt uns aus dem Mittelalter über Dante, Boccaccio, Petrarca und dem unübertrefflichen Maler Giotto di Bondone, neben vielen anderen Künstlern, hinüber in das Zeitalter der Renaissance, die schließlich, sich selbst verzerrend, zum Manierismus wurde. Dann trat die Kunst, in der Epoche der Gegenreformation, als der Barock in Erscheinung, und führte, mit dem klassischen und dem klassizistischen Stil in Folge, bis zum Ende des 20. Jahrhunderts sowohl in der Malerei als auch in der Literatur zur Moderne.
Inhalt
1 Die Begegnung
2 Die Reise:
3 Die Natur und das Göttliche : Franz von Assisi (1182 – 1226)
4 Dante und die Überschreitung der Säulen des Herkules
5 Ein zaghaftes Erwachen des Ich- Bewusstseins.
6 Giotto di Bondone.
7 Erwin Panovsky und Max Imdahl. Das beispielhafte Lesen eines Bildes an Giottos Fresko „Die Gefangennahme“ in der Arenakapelle.
8 Boccaccios Novellen und die wiedergefundene Freude am Leben.
Giovanni Boccaccio (1313 – 1375)
9 Eine traumhafte Zugfahrt.
10 Die Entdeckung der geometrisch konstruierbaren Perspektive. (Zentralperspektive)
11 Masaccio und die Heilige Trinität
12 Masaccio und die Brancacci Kapelle
13 Der lachende Adam
14 Die Geburt des „autonomen“ Künstlers.
15 Die absolute Schönheit und die Vollkommenheit des Menschen geraten in Zweifel: Der Manierismus und das Kunstverständnis der Galileo Galilei.
16 Ludovico Ariosts ‚Orlando furioso‘ (Der rasende Roland) und Torquato Tassos ‚Gerusalemme liberata‘. (Das befreite Jerusalem)
17 Columbus und die Begegnung mit dem fremden Anderen. ‚Ich ist ein Anderer‘.
18 Columbus – ein moderner Mensch?
19 Bartolomé de Las Casas (1485 – 1566)
20 Die Schule von Fontainebleau – François I.
21 Trinkt! Trinkt! Trinkt!
22 Die Entdeckung des Ichs: Montaigne, der erste Schriftsteller der Neuzeit.
23 Descartes und der „genius malignus“.
24 Vom dicken Holzschnitzer
25 Descartes und Corneille: Le Cid.
26 Descartes und die Hell-Dunkel Malerei im 17. Jahrhundert.
27 Die Klassik und der Barock in Frankreich
28 Michelangelo Merisi di Caravaggio (1571 – 1610) und Annibale Caracci (1560 - 1609): Naturalismus versus Klassizismus.
29 Das Grand Siècle oder das siècle classique. Das Zeitalter Ludwigs XIV.
30 Charles Luis de Secondat, Baron de La Brède et Montesquieu: „Die persischen Briefe.“
31 Die Jagd nach dem Glück
32 Antoine Watteau – Im Rausch der Leidenschaften – das Rokoko.
Jean Honoré Fragonard
33 Die Aufklärer: Voltaire und Diderot.
34 Jean-Jacques Rousseau (1712 – 1778)
34.1 Der Inhalt des Romans:
35 Auf dem Weg ins 19. Jahrhundert. Der Schwur der Horatier: Jacques Louis David
36 Bewegung versus Stillstand
37 Die Romantik
38 François-René de Chateaubriand. Der edle Wilde und Le mal du siècle (Das Elend des Jahrhunderts).
39 Caspar David Friedrich: Der Betrachter selbst tritt in das Bild und wird Teil von ihm.
39.1 Die Geometrisierung des Bildraums
40 Jean Auguste Dominique Ingres (1780 – 1867)
41 Eugène Delacroix (1798 – 1863)
42 Charles Baudelaire, der Dreiviertelnarr. Dandy, Bohème, Flaneur, Voyant und Parnassien. (1821 – 1867)
43 Eine symbolische Bombe (Manet)
43.1 Der Skandal
44 Émile Zola,
45 Ein Roman wird zum Bild.
46 Das Ende der Zentralperspektiv: Cézanne:
47 Eine kopernikanische Wende
48 Die Einsamkeit des Künstlers.
49 Die Rückkehr
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht in Form eines kulturgeschichtlichen Reiseberichts die Entwicklung der westlichen Weltsicht und Ästhetik von der Renaissance bis zur Moderne. Ziel ist es, anhand ausgewählter literarischer und künstlerischer Beispiele zu ergründen, wie sich die Wahrnehmung von Wirklichkeit und die symbolische Ordnung des Menschen im Laufe von 700 Jahren durch Entdeckungen, Erfindungen und gesellschaftliche Veränderungen transformiert haben.
- Die Entwicklung von der mittelalterlichen vertikalen Weltordnung hin zur modernen, subjektiv geprägten Sichtweise.
- Die Rolle der Kunst (von Giotto bis Cézanne) als Spiegel und Treiber ästhetischer und philosophischer Paradigmenwechsel.
- Die Bedeutung von Raumdarstellung, Zentralperspektive und der „Entdeckung des Ichs“ für die moderne Existenz.
- Der Wandel in der Wahrnehmung der Natur, von der gottgegebenen Schöpfung hin zum ästhetischen Objekt der modernen Erkenntnis.
Auszug aus dem Buch
Die Reise
Als Francesco die hölzernen Fensterläden öffnete, war draußen noch tiefe Nacht. Aber die Sterne hatten schon ihre funkelnde Kraft eingebüßt und ganz im Osten flimmerte zaghaft ein rötlicher Streifen über die Bergriesen der Alpen. Er tappte über die kühlen Steinfliesen hinüber zur Kammer, in der sein Bruder Gerardo schlief. Der brummte verärgert, angesichts des Rüttelns an seinen Schultern. Er hatte am Abend zu viel von diesem ausgezeichneten Wein getrunken, nachdem sie aus ihrem Heimatort Carpentras, das in der Nähe von Avignon liegt, aufgebrochen waren und am Nachmittag dem 25. April 1336 Malaucène erreichten. Von diesem Ort aus führte ein sanfter Weg weit hinauf, hinein in die Weinberge und darüber hinaus zu weit entfernteren Wiesen, auf denen noch Schafe und Ziegen weideten. Dann aber verlor sich der Steig im dichten Gehölz, das soweit hinaufreichte, wie das Auge sah.
Nun sitzen sie, während draußen vor dem Haus der noch schlafende Berg schon sanft vom rötlichen Schleier berührt wird, und frühstücken. Das Krähen des Hahnes wird von jenen der umliegenden Höfen erwidert und sie scheinen Petrarca zum Aufbruch zu drängen, um sich endlich den seit Jahren gehegten Wunsch zu erfüllen, diesen Berg, der die Provence in seiner einsamen und erhabenen Rätselhaftigkeit – dem Götterberg Olymp gleich – prägt, endlich zu besteigen.
In einem Brief schildert dann Petrarca die Besteigung des Mont Ventoux und begründet darin das für die damalige Zeit außergewöhnliche Unternehmen damit, dass es ihm darum ginge, die Welt nicht mehr nur als Wahrnehmung der Vollkommenheit ihres Schöpfers hinzunehmen, sondern um das Erleben des unmittelbaren Genusses beim Anblick der Schönheit der Natur. Doch stellt er dieses ästhetische Verlangen nicht eindeutig als treibende Kraft für die Wanderung in den Vordergrund. Einzig die Begierde war es, so beginnt er den Brief, die ihn dazu trieb, die für jeden vernünftigen Menschen seiner Zeit unvernünftige und unverständliche Qual des Bergsteigens auf sich zu nehmen. Aber das ist – wie wir noch sehen werden, nur ein Vorwand, hinter dem sich etwas ganz anderes verbirgt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Die Begegnung: Einführung in die fiktive Reise des Autors durch die Neuzeit, beginnend mit der philosophischen Bedeutung von Petrarcas Bergbesteigung.
2 Die Reise: Detaillierte Schilderung von Petrarcas Aufstieg auf den Mont Ventoux als allegorischer Akt und Beginn einer neuen ästhetischen Naturwahrnehmung.
3 Die Natur und das Göttliche: Franz von Assisi (1182 – 1226): Analyse der Transformation der Naturwahrnehmung vom Bedrohlichen zum Göttlichen durch das Wirken des heiligen Franz von Assisi.
4 Dante und die Überschreitung der Säulen des Herkules: Untersuchung der vertikalen Weltordnung Dantes und des beginnenden Drangs des Menschen zur Grenzüberschreitung.
5 Ein zaghaftes Erwachen des Ich- Bewusstseins.: Reflexion über den Übergang vom mittelalterlichen kollektiven Denken zur individuellen Selbstbefragung am Beispiel Petrarcas.
6 Giotto di Bondone.: Giottos Einfluss als Maler, der durch seine Bildgestaltung die statische Handwerkskunst des Mittelalters in eine neue, bewegte Zukunft führte.
7 Erwin Panovsky und Max Imdahl. Das beispielhafte Lesen eines Bildes an Giottos Fresko „Die Gefangennahme“ in der Arenakapelle.: Anwendung kunsthistorischer Analysemethoden zur Entschlüsselung des modernen Bildsinns bei Giotto.
8 Boccaccios Novellen und die wiedergefundene Freude am Leben.: Darstellung der irdischen Welt und Lebensfreude in den Novellen Boccaccios als Gegenentwurf zur Jenseitsfokussierung.
9 Eine traumhafte Zugfahrt.: Metaphorische Reisebetrachtung über den Paradigmenwechsel in Gesellschaft und Wahrnehmung.
10 Die Entdeckung der geometrisch konstruierbaren Perspektive. (Zentralperspektive): Erläuterung der technischen und weltanschaulichen Bedeutung der Zentralperspektive für die Renaissance.
11 Masaccio und die Heilige Trinität: Analyse von Masaccios Fresko als erstes Werk, das die Zentralperspektive wissenschaftlich konsequent anwendet.
12 Masaccio und die Brancacci Kapelle: Untersuchung der stilistischen Neuerung und expressiven Ausdruckskraft in den Fresken der Brancacci-Kapelle.
13 Der lachende Adam: Deutung der Vertreibung aus dem Paradies bei Masaccio als symbolische Revolte und Ausdruck eines neuen individuellen Willens.
14 Die Geburt des „autonomen“ Künstlers.: Aufstieg des Künstlers vom Handwerker zum Individuum mit eigenständigem schöpferischen Geist.
15 Die absolute Schönheit und die Vollkommenheit des Menschen geraten in Zweifel: Der Manierismus und das Kunstverständnis der Galileo Galilei.: Einleitung in die Krise der Renaissance und die Infragestellung absoluter Ideale durch Manierismus und Galileis Naturwissenschaft.
Schlüsselwörter
Neuzeit, Renaissance, Petrarca, Mont Ventoux, Zentralperspektive, Giotto, Humanismus, Moderne, Kunstgeschichte, Masaccio, Boccaccio, Wahrnehmung, symbolische Form, Individuum, Paradigmenwechsel
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in diesem Buch grundsätzlich?
Es handelt sich um eine kulturgeschichtliche Reise durch die Neuzeit, in der die Entwicklung von Wahrnehmung, Kunst und Weltbild anhand literarischer und künstlerischer Beispiele nachgezeichnet wird.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen den Wandel der Ästhetik, die Entstehung des modernen Ich-Bewusstseins, die Bedeutung der Zentralperspektive sowie die Transformation der Naturwahrnehmung von der mittelalterlichen Scholastik bis zur Moderne.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Ursachen für das Verschwinden symbolischer Ordnungen und das Entstehen neuer, die jeweils eine Epoche prägen, kritisch zu ergründen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Der Autor nutzt einen interdisziplinären Ansatz, der kulturhistorische Analyse, literarische Exegese und kunsthistorische Bildbetrachtung (Ikonographie und Ikonik) kombiniert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert schrittweise Epochen und Schlüsselfiguren, von Petrarca und Giotto über Masaccio und Boccaccio bis hin zu den Aufklärern und den Künstlern der Moderne wie Cézanne.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Begriffe wie "symbolische Form", "Paradigmenwechsel", "Zentralperspektive", "modernes Ich" und "Naturerfahrung" bilden den Kern der Argumentation.
Welche besondere Rolle spielt der Mont Ventoux in der Arbeit?
Der Berg dient als zentrales Symbol und Ausgangspunkt der Reise; er steht für den Wandel vom mittelalterlichen Denken zur modernen Weltoffenheit, die sich in Petrarcas Besteigung manifestierte.
Warum spielt die Kunstkritik in der späteren Moderne eine so wichtige Rolle?
Ab dem 19. Jahrhundert, insbesondere bei Baudelaire und Zola, wird Kunstkritik zu einer eigenständigen literarischen Gattung, die notwendig wurde, um die abstraktere, subjektivere moderne Malerei für das Publikum zu interpretieren.
- Arbeit zitieren
- Werner Kogelnig (Autor:in), 2020, Von Petrarca zu Cézanne. Ein kulturgeschichtlicher Reisebericht durch die Neuzeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/888913