Brehms Theorie der psychologischen Reaktanz in Bezug auf verschiedene Altersgruppen


Hausarbeit, 2020

25 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Reaktanz nach Alterskohorten
2.1 Reaktanz im Kleinkindalter
2.2 Reaktanz in der Pubertät
2.3 Reaktanz als Erwachsener und Senior

3. Theorie der psychologischen Reaktanz von Brehm
3.1 Inhalte der Theorie
3.2 Erweiterung der Theorie

4. Theorie-Praxis-Transfer

5. Handlungsempfehlungen

6. Fazit und Reflexion

Literaturverzeichnis

Hausarbeit

Das Phänomen der Reaktanz in verschiedenen Altersgruppen, erläutert anhand der Theorie der psychologischen Reaktanz von Brehm und daraus abgeleitet Handlungsempfehlungen für die Praxis.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Komponenten der psychologischen Reaktanz

1. Einleitung

Das Aufstellen von Regeln und das Aussprechen von Verboten gehören normalerweise zum Erziehungsalltag. Die Schwierigkeit besteht dann oft darin, die Einhaltung von Verboten und Regeln konsequent nachzuverfolgen und ihre Nichteinhaltung ggf. entsprechend (wie unter Umständen bereits angekündigt) zu sanktionieren. Werden Regeln aufgestellt oder erfolgen Sanktionen, so entsteht nach der Theorie der psychologischen Reaktanz ein Spannungszustand, resultierend aus dem Bedürfnis, die eingeengten Freiheitsspielräume wiederherzustellen. Warum und wie der Mensch besonders im Kindesalter eingeschränkte Freiheitsräume wiederherstellen will, wird Thema dieser Arbeit sein.

Ziel dieser Arbeit ist es, dem Leser das Phänomen erklären zu können, warum Kinder Dinge, die verboten sind, erst recht tun wollen. In einem weiteren Schritt wird auf die sogenannten Reaktanzeffekte in anderen Altersgruppen eingegangen, da dieses Phänomen sich in allen Lebensphasen zeigt und damit durchgängig vom Kinder- bis zum Seniorenalter soziales Miteinander prägt und dieses unter Umständen auch erschweren kann. Reaktanzeffekte sind auch in der Kommunikationspolitik von großer Bedeutung, da vor allem im Bereich der Werbung und Kundenbindung gelungene Beeinflussungsversuche zum Unternehmenserfolg beitragen.

Dafür wird zunächst erläutert, was Reaktanz ist, wie sie sich in den verschiedenen Altersgruppen vom Kleinkind über die Pubertät bis hin zum Senior zeigt und welche praktische Problemstellung mit dem benannten Phänomen in Verbindung steht. Im nächsten Schritt wird eine Theorie dargestellt, die dazu dienen kann, die Problematik zu erläutern. Im anschließenden Theorie-Praxis-Transfer findet sich der Anwendungsteil der Arbeit. Hier wird die dargestellte Theorie dazu genutzt, das Phänomen, welches im ersten Teil der Arbeit beschrieben wurde, zu erklären womit die Theorie einen Praxisbezug erhält. Im Folgenden werden Handlungsempfehlungen aufgestellt, die zur Lösung der Problemstellung beitragen können. Der letzte Teil der Arbeit umfasst das Fazit sowie die Reflexion. Hier wird konkludierend wiedergegeben, zu welchem Ergebnis die Arbeit gekommen ist und welche Erkenntnisse gewonnen und vertieft werden konnten.

2. Reaktanz nach Alterskohorten

2.1 Reaktanz im Kleinkindalter

Im Laufe der Erziehung ihrer Kinder stoßen Eltern immer wieder auf Herausforderungen. Besonders schwierig ist es in der Regel für Eltern, Regeln und Verbote aufzustellen und diese konsequent durchzuhalten und ihre Nichteinhaltung ggf. zu sanktionieren. Diese Problematik wird häufig dadurch verstärkt, dass ein Phänomen auftritt, was den meisten Menschen geläufig ist, da sie es bereits bei Menschen in ihrem Umfeld beobachten konnten oder weil sie es an sich selber feststellen konnten. Verbietet man einem Kind etwas, z.B. Cola zu trinken oder alleine den Herd zu bedienen, dann entsteht bei dem Kind der Drang, es erst recht tun zu wollen.

Zum weiteren Verständnis dieses Kapitels wird an dieser Stelle eine kurze Definition des Begriffes Reaktanz angeführt, die in Kapital 3 auf Grundlage der Theorie von Brehm weiter ausgeführt wird.

Psychologische Reaktanz beschreibt die Reaktionen von Personen, deren Freiheitsspielräume eingeschränkt worden sind. Kann eine Person nicht so handeln und entscheiden, wie sie es gerne möchte, dann entsteht der motivationale Zustand, der das Ziel verfolgt, die eingeengte Freiheit wiederherzustellen. Je wichtiger der Person der bedrohte Freiheitsraum ist und je größer die Einengung ist, desto stärker ist die Reaktanz ausgeprägt.1

Reaktanz kann auch als „Jetzt erst recht-Effekt“ bezeichnet werden. Häufig realisieren die Erziehenden nicht direkt, welches Verhalten sie mit Verboten auslösen. Besonders gut erklären lässt sich das Phänomen anhand von Alltagsbeispielen. Verbote und Regeln wie, nur ein Bonbon essen, keine Cola vor dem Schlafen gehen trinken, nicht alleine den Herd bedienen oder nur eine Stunde fernsehen am Tag hat jedes Kind schon mal gehört. Halten sich die Kinder nicht an diese Regeln und Verbote, wird das Verhalten der Kinder meist als trotzig oder frech interpretiert. Viele Kinder versuchen in der Regel aber nur, intuitiv ihre bedrohten Freiheitsspielräume wieder zu erweitern bzw. wieder zu erlangen. Dieses intuitive Handeln entsteht durch Motivationsverhalten, sobald das Kind sich in seiner Freiheit eingeengt fühlt. Freiheit kann nicht nur dadurch eingeschränkt werden, dass etwas verboten wird, sondern auch dadurch, dass ein bestimmtes Verhalten aufgezwungen wird, was nicht der eigenen Motivation entspricht.2

Der Versuch, die Freiheitsspielräume wieder zu erweitern, kann bei Kleinkindern teilweise gefährliche Konsequenzen haben. In jungem Alter wissen Kindern häufig noch nicht, welche Gefahr bspw. von Feuer oder dem Herd ausgehen kann. Will ein Kind dann erst recht den Herd bedienen, kann das negative Folgen haben. Welche Möglichkeiten es gibt, diese in der Erziehung entstehenden Spannungen zu mindern, wird in Kapitel 5 anhand der Handlungsempfehlungen erläutert.

2.2 Reaktanz in der Pubertät

Reaktanz beinhaltet in der Phase der Pubertät gezieltere Wiederherstellungstaktiken - der Pubertierende wirft sich nicht mehr an der Kasse schreiend auf den Boden wie ein Kleinkind, wenn es eine Süßigkeit nicht bekommt, sondern er nutzt bewusst bisher bewährte Taktiken, um seine Freiheiten zu behalten. Für Jugendliche führen Verbote und Regeln teilweise zu schwerwiegenden sozialen Konsequenzen. Möchte die Tochter oder der Sohn am Wochenende lange ausgehen, Mama oder Papa haben aber die Regel aufgestellt, dass sie/er um 22 Uhr auch entsprechend des Jugendschutzgesetzes3 zuhause sein muss, dann ärgert sich der Jugendliche nicht nur darüber, sondern es kann auch zu massiven Problemen im Freundeskreis führen. Im Jugendalter gibt es viele Fälle von Mobbing oder Hänseln, jeder kann ohne eigenes Verschulden das Opfer von Mobbing werden und kann noch viele Jahre danach und im Erwachsenenalter darunter leiden.4 Es kann dadurch begünstigt werden, dass eine Person nicht so viel darf wie alle anderen. Solche Einschränkungen sind zwar aus Elternsicht verständlich und notwendig, aber können eine Reihe an negativen Auswirkungen nach sich ziehen. Kann der Jugendliche nicht das Gleiche erleben wie seine gleichaltrigen Freunde, wird er durch die Einschränkungen möglicherweise gemobbt oder es wird sich lustig über ihn gemacht, dann sorgt das häufig für Diskrepanzen zwischen Eltern und Kindern. Die Eltern verharren bei ihren Regeln und die Kinder wollen dies nicht akzeptieren und versuchen, ihre Freiheitsspielräume auf verschiedene Weise wiederherzustellen. Sie widersetzen sich offensichtlich oder lügen ihre Eltern an, um sich nur scheinbar an Regeln zu halten.

Reaktanz kann nicht nur dadurch entstehen, dass jemandem etwas, was er gerne tun möchte, verboten wird, sondern auch dadurch, dass sich eine Person beengt fühlt durch sozialen Druck von außen. Verlangt die Gesellschaft etwas von einem, was einen einengt, dann kann sich die Person in ihrer Freiheit beengt fühlen und als Reaktion darauf Reaktanz zeigen.

In der Pubertät wird der Jugendliche mehr und mehr damit konfrontiert, dass er lernen muss, eigenverantwortlich Entscheidungen zu treffen und aus einer Vielzahl von Entscheidungsmöglichkeiten wählen muss. Mit der Entscheidung für oder gegen etwas wird der Freiheitsspielraum automatisch eingeschränkt und der Jugendliche fühlt sich in seinen Freiräumen bedroht, was in diesem Fall unabhängig von anderen Personen ist.

2.3 Reaktanz als Erwachsener und Senior

Als erwachsene Person oder als Senior kann sich Reaktanz ähnlich zeigen, wie in den beiden anderen Altersgruppen beschrieben wurde. Hier kommen allerdings meist noch andere Faktoren hinzu, die Reaktanz begünstigen können. Insbesondere Konsumverhalten und die Wirkung von Marketingmaßnahmen sind relevante Alltagsbeispiele dieser Altersgruppe. Besteht z.B. der Wunsch, einen bestimmten Laptop zu erwerben, kann dieser Gegenstand bei ausreichenden finanziellen Mitteln leicht und ohne Frustrationen gekauft werden. Sind allerdings nicht genügend Ressourcen vorhanden, weil der Laptop z.B. teurer ist als erwartet, dann entsteht durch die Hochpreisigkeit des Produktes ein Problem für den Konsumenten. Sein Freiheitsspielraum wird stark eingeengt dadurch, dass er sich nicht das kaufen kann, was er möchte, er kann nicht frei entscheiden, weil er zum einen abhängig ist vom Verkaufspreis und zum anderen von seinen finanziellen Mitteln. Diese Unerreichbarkeit dessen, was jemand sich wünscht, kann, je nachdem wie eine Person mit Rückschlägen umgeht, zu großer Frustration führen und ein Verhalten auslösen, das den weggenommenen Freiheitsspielraum schnellstmöglich wiederherstellt. Möglicherweise wird versucht, den Laptop in Raten zu zahlen, einen Kredit aufzunehmen oder ähnliches und es kann die Gefahr der Überschuldung entstehen.

Im Seniorenalter lässt sich die Entstehung von Reaktanz ebenfalls an einem Beispiel erklären. Viele ältere Menschen brauchen im Laufe der Zeit durch eine entstehende körperliche Schwäche zunehmend Hilfe im Alltag. Autofahren, einkaufen, kochen oder waschen sind Dinge, die mit zunehmendem Alter nicht mehr alltäglich sind und nicht mehr selbstständig erledigt werden können. Bei vielen Senioren wird irgendwann der Punkt erreicht, an dem sie nicht mehr alleine in einem Haus oder in einer Wohnung leben können und die Angehörigen beschließen, dass ein Umzug in ein Seniorenheim das Beste wäre. Diese Entscheidung trifft nicht immer auf Begeisterung bei den Senioren. Dem Senior wird eine Entscheidung anderer aufgezwungen und er wird häufig so lange „bearbeitet“, bis er seinen zwecklosen Widerstand aufgibt, was nicht bedeutet, dass er mit dieser Entscheidung glücklich ist und seinen Unmut über die Bevormundung wird er möglicherweise dann an anderer Stelle äußern.

3. Theorie der psychologischen Reaktanz von Brehm

3.1 Inhalte der Theorie

Um die in Kapital 2 dargestellten Probleme erläutern zu können, wird die Theorie der psychologischen Reaktanz von Brehm herangezogen, die er 1966 erstmalig publizierte. Brehm bezeichnet psychologische Reaktanz als Ergebnis einer motivationalen Erregung, die entsteht, wenn die Verhaltensfreiheit einer Person bedroht wird. Diese Erregung richtet sich gegen jeden weiteren Versuch, die Freiheit einzuschränken und löst bei der Person Gegenwehr aus, die versucht, den Freiheitsspielraum wiederherzustellen.5

Sein Konzept der psychologischen Reaktanz hat Brehm anhand von vielen Experimenten überprüft und es hat bis heute Gültigkeit.6 Im letzten Jahrzehnt hat die Wichtigkeit von Freiheiten und Kontrolle besonders im Bereich der Verhaltenswissenschaften zugenommen. Es wurde erkannt, dass es für den Menschen nützlich und vorteilhaft ist, Kontrolle über sich und seine Entscheidungen sowie Handlungen zu haben und dass es schlecht oder sogar schädlich für ihn sein kann, wenn er diese Freiheit gar nicht mehr besitzt oder sie teilweise eingeengt wird.7 Die bedeutsame Grundannahme dieser Theorie ist, dass für den Menschen die Freiheit der Wahl und seine Autonomie heute und in zukünftigen Situationen eine hohe Wichtigkeit besitzen.8 Aufgrund dessen löst eine Einengung dieser Handlungs- und Entscheidungsspielräume eine Reaktion aus, die motivationalen Hintergrund hat und das Ziel verfolgt, diese Einengung wieder zu eliminieren.9 Der Mensch hat das Verlangen, sein Schicksal jederzeit selber bestimmen zu können und sich nicht von anderen etwas diktieren zu lassen, was seine Freiheit einschränkt. Stellt der Mensch fest, dass jemand versucht, die eigene vorhandene Freiheit einzuschränken, dann reagiert er automatisch mit Widerstand darauf. Diesen Widerstand bezeichnet man als psychologische Reaktanz. Brehm selber meint, wenn er von Freiheit spricht, die Handlungsfreiheit des Menschen, also die freie Entscheidungsmöglichkeit darüber, was man einkauft, was man isst, trinkt usw. Er postuliert, dass der Versuch, eine Person in irgendeiner Art und Weise zu beeinflussen, auch wenn es für die beeinflusste Person von Vorteil ist und keine schlechten Absichten hinter dem Versuch stecken, es bei der Person zu negativen Reaktionen und Gegenwehr führen wird.10 Diese Feststellung Brehms ist von Bedeutung, wenn man beabsichtigt, eine andere Person zu beeinflussen. Andere können den Versuch, beeinflusst zu werden als Angriff auf ihre Freiheitsspielräume werten und Reaktanz auslösen.11 Wird dieser Versuch tatsächlich als Angriff interpretiert, ist es für die andere Person nahezu unmöglich, erfolgreich zu beeinflussen.

Ein Beispiel dafür kann sein, dass die Konditorei des Vertrauens einen neuen Kuchen ins Sortiment aufnimmt und den Kunden sagt, dass sie diesen Kuchen unbedingt kaufen müssen. Diese Art, jemandem etwas aufzuzwingen, wird geringen Erfolg haben, da der Mensch bestrebt ist, selber zu entscheiden, ob er den neuen Kuchen kaufen will oder nicht. Er möchte nicht, dass jemand anders ihm diese Entscheidung abnimmt. Würde die Konditorei anders vorgehen und dem Kunden anbieten, den neuen Kuchen doch einmal zu probieren, behält der Kunde seine Entscheidungsfreiheit und wird eher dazu geneigt sein, den Kuchen zu probieren und zu kaufen, wenn er ihm geschmeckt hat. Dieses Wissen darüber, wie solch ein bestimmendes Verhalten auf Kunden wirkt, ist enorm wichtig für Marketingabteilungen von Unternehmen und ebenfalls für Angestellte, die teilweise unbewusst Kunden in die eine oder andere Richtung positiv oder negativ beeinflussen. Bei dem Versuch, Personen oder Kunden bewusst zu beeinflussen, sollte also stets darauf geachtet werden, dass die Freiheitsbedürfnisse der Personen jederzeit beachtet werden, sodass in der zu beeinflussenden Person kein Widerstand bzw. Widerwille entsteht.12

Schlägt der Versuch, jemanden zu beeinflussen fehl, dann kann sogar ein Boomerang-Effekt13 ausgelöst werden. So kann die ursprüngliche Haltung der Person noch weiter verstärkt werden und mit dem Beeinflussungsversuch wird damit Gegenteiliges erreicht. Der Versuch sozialer Einflussnahme, die gleichzeitig die Freiheit einer Person einengt, wird also sehr häufig mit der Aktivierung von Widerständen bestraft.14 Außerdem kann es dazu kommen, dass die Person ihre Bewertung der Attraktivität einer Handlung oder Einstellung ändert oder umbewertet (siehe Abb. 1).

Voraussetzung für Brehms Theorie der psychologischen Reaktanz ist, dass der Mensch über verschiedene Verhaltensalternativen verfügt, d.h. dass bei einem Überredungsversuch die Möglichkeit besteht, bei der ursprünglichen Meinung zu bleiben oder diese zu ändern. Entsteht bei der Person der Eindruck, dass ihre Entscheidungsfreiheit aber von außen eingeengt wird, dann wird diese Person Reaktanz zeigen und vermutlich bei der ursprünglichen Meinung verharren. „Psychologische Reaktanz bezeichnet ein Motiv zur Wiederherstellung oder Verteidigung des Entscheidungs- oder Verhaltensspielraums.“15

Damit Reaktanz überhaupt erst entstehen kann, müssen drei Bedingungen erfüllt sein:

1. Die Person muss die Vorstellung besitzen, dass sie über einen Freiheitsspielraum verfügt.
2. Sie muss diesen Freiheitsspielraum für relativ wichtig halten.
3. Die Person muss eine Bedrohung oder eine Eliminierung ihres Freiheits- bzw. Entscheidungsspielraumes wahrnehmen.

„Der Freiheitsspielraum besteht aus allen subjektiv erwarteten Verhaltensalternativen, unabhängig davon, ob diese tatsächlich momentan und/oder zukünftig für die betroffene Person zur Verfügung stehen oder nicht.“16 Es handelt sich bei den angesprochenen Freiheitsspielräumen also nicht nur um solche, die eine Person tatsächlich besitzt, sondern auch um solche, die die Person glaubt zu besitzen. Dabei muss es sich außerdem nicht um Freiheiten handeln, die direkt beobachtbar sind, sondern auch bspw. um die Freiheit, seine eigene Meinung äußern zu können.17

Des Weiteren lassen sich drei unterschiedliche Möglichkeiten der Freiheitseinengung aufzeigen (siehe Abb. 1). Sozialer Einfluss spielt hier eine wichtige Rolle. Eine Person fühlt sich durch sozialen Einfluss dann eingeengt, wenn die Kommunikation der anderen Person als unfair empfunden wird, wenn der Kommunikationsempfänger systematische Fehlinformationen des Senders vermutet, nicht nachvollziehbare Schlussfolgerungen enthalten sind, der Beeinflussungsversuch für die beeinflusste Person ein zu extremes Ausmaß annimmt oder wenn die Person vermutet, dass der Sender der Information ein hohes Maß an Eigennutzen verfolgt.18 Es lässt sich also sagen, dass jeder Versuch, eine Person dazu zu bewegen, eine bestimmte Handlung auszuüben oder eine bestimmte Meinung zu adaptieren, der Versuch ist, die Handlungs-, Meinungs- oder Entscheidungsfreiheit des Gegenübers und somit seinen Freiheitsspielraum einzuschränken. Die Reaktanz der Person fällt umso stärker aus, je intensiver die Beeinflussung wahrgenommen wird.

Die zweite Möglichkeit der Freiheitsbedrohung sind umweltbedingte Gegebenheiten. Diese können Freiheiten durch eine physische Unerreichbarkeit von Handlungen einschränken. Bspw. Knappheit von bestimmten Lebensmitteln oder andere knappe Güter sowie Hochpreisigkeit von bestimmten Produkten können solche umweltbedingten Gegebenheiten sein, die Reaktanz auslösen. Einschränkung von Freiheit muss somit nicht unbedingt von einer anderen Person ausgehen, sondern kann auch Ergebnis einer räumlichen, zeitlichen, materiellen oder physischen Barriere sein, die der Erreichung der Alternative im Weg steht.19

Die dritte und letzte Möglichkeit ist, dass Freiheitsspielräume durch das eigene Verhalten eliminiert oder bedroht werden. Die Entscheidung für oder gegen eine bestehende Alternative mindert die danach noch bestehenden Alternativen und schränkt so ebenfalls die Entscheidungsfreiheiten der Person ein. Besonders in Unternehmen, wo täglich wichtige Entscheidungen getroffen werden müssen, kann dieses Phänomen festgestellt werden und eine Erklärung dafür sein, dass Entscheidungsschwächen entstehen.20

Zudem lässt sich in persönliche, unpersönliche oder selbstauferlegte Freiheitseinengung unterteilen.21 Selbstauferlegte Freiheitseinengung meint solche, die aufgrund der eingeengten Person selbst entstehen, z.B. durch das Treffen einer Entscheidung und nicht von anderen Personen ausgehen. Durch das Treffen einer Entscheidung für etwas gibt es automatisch auch immer eine Entscheidung gegen die bestehenden Alternativen. Damit schränkt die Person ihre Entscheidungsfreiheit selber ein, was aber in vielen Lebenssituationen unumgänglich ist. Zum Zeitpunkt der Entscheidung verschwinden alle anderen Alternativen und Reaktanz wird ausgelöst. Als Folge dieser Reaktanz steigt die Attraktivität der nicht gewählten Alternative plötzlich an und kann zu dem Gefühl, nicht richtig entschieden zu haben, führen.22 Handelt es sich um eine unpersönliche Freiheitselimination, dann kann die Person nicht wirklich wahrnehmen, dass die Einengung persönlich an sie gerichtet war. Hier besteht die Möglichkeit, dass die Freiheitsbeschränkung auch jeden anderen hätte treffen können und der Fakt, dass ausgerechnet sie die Einengung betrifft, ausschließlich der Situation geschuldet ist und nicht an ihre Person gerichtet war. Diese Art von Einengung des Freiheitsspielraumes resultiert häufig darin, dass für die eingeengte Person die Attraktivität des eliminierten Verhaltens ansteigt. Bei der persönlichen Freiheitseinengung nimmt die eingeengte Person wahr, dass ihre Freiheit durch eine andere Person oder Organisation eingeschränkt wird und diese Einschränkung auch gezielt an sie gerichtet war und die Person nicht zufällig ein Opfer davon geworden ist.23

Der Mensch selber empfindet psychologische Reaktanz als einen unangenehmen Zustand, der motivational ausgelöst wird und als ein Mediator zwischen der Einengung und der Wiederherstellung der Freiheit angesehen werden kann24. Der Mensch hat verschiedene Möglichkeiten, die eingeengte Freiheit wiederherzustellen und seinen Entscheidungs- und Handlungsspielraum wieder zu vergrößern. Eine Alternative der Wiederherstellung ist die indirekte Wiederherstellung der Freiheit. Wird einer Person eine Alternative weggenommen, dann wird diese sich bemühen, eine vergleichbare Alternative zu finden und auszuwählen. Die Theorie der psychologischen Reaktanz kann oppositionelles Verhalten von Menschen erklären und kann sich besonders in der direkten und unmittelbaren Freiheitswiederherstellung äußern.25 Die Freiheit auf direkte Weise wiederherzustellen, würde sich darin zeigen, dass die bedrohte Alternative bzw. die bedrohte Handlung ausgeführt werden würde. In der Regel ist es so, dass durch die Einschränkung der Verfügbarkeit von etwas dessen Attraktivität plötzlich ansteigt. Durch eine Freiheitseinschränkung oder einen Beeinflussungsversuch einer Person steigt die Attraktivität der eigentlichen vorherigen Alternative enorm an.26 Wird die Regel aufgestellt, dass am Tag nur eine Stunde der Fernseher laufen darf, dann steigt das Begehren, Fernsehen zu schauen meist plötzlich stark an und der Widerstand gegen diese Regel wird groß, auch wenn vielleicht vor dem Einführen dieser Regel der Fernseher von geringer Bedeutung war.

Die Entscheidung darüber, ob wir die Freiheit auf direkte Weise wiederherstellen, hängt nicht nur davon ab, wie wichtig uns der eingeengte Freiheitsspielraum ist, sondern auch davon, wie wir die Macht der Person einschätzen, die unsere Freiheit bedroht. Personen reagieren unterschiedlich auf Freiheitseinschränkungen, je nachdem wer diese einschränkt. Handelt es sich um eine Person, deren Macht wir als niedrig einschätzen und gegenüber der wir uns vielleicht sogar überlegen fühlen, dann wird der Versuch der Freiheitseinschränkung als unverschämt oder anmaßend empfunden und bewegt die eingeengte Person dazu, die eigene Macht zu demonstrieren, um sich in Zukunft vor solch einer Bedrohung zu schützen. Wird eine Person allerdings von jemandem eingeschränkt, der einen höheren Status genießt, wie beispielsweise ein Vorgesetzter, dann neigt der Mensch deutlich mehr dazu, auf eine direkte Freiheitswiederherstellung zu verzichten und hat größere Probleme bei der Wiederherstellung, da negative Konsequenzen verhindert werden wollen.27

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Komponenten der psychologischen Reaktanz

(Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Piontkowski28 )

Konkludierend lässt sich zur Theorie der psychologischen Reaktanz von Brehm sagen, dass das Wissen darüber, wie Menschen auf Freiheitseinschränkungen in Form von Beeinflussungsversuchen, Diktieren von Meinungen oder Einschränkungen von Handlungen durch Verbote oder ähnliches reagieren, hilfreich für das Funktionieren von sozialen Beziehungen sein kann. Nicht nur in der Kindererziehung spielt diese Theorie eine wichtige Rolle, sondern auch für das Verständnis von Konsumentenverhalten und für das Planen von Marketingmaßnahmen ist diese von Bedeutung.

[...]


1 Vgl. Dickenberger (2014), S. 1409

2 Vgl. Raab/Unger/Unger (2010), S. 65

3 Vgl. § 4 Abs. 1 S. 1 JuSchG

4 Vgl. Welt (2011)

5 Vgl. Brehm (1966), S. 2

6 Vgl. Piontkowski (2011), S. 50

7 Vgl. Brehm/Brehm (1981), S. 2

8 Vgl. Rosenberg/Siegel (2018), S. 283

9 Vgl. Arnold (2015), S. 83

10 Vgl. Brehm (1989), S. 72

11 Vgl. Kessler/Fritsche (2018), S. 140

12 Vgl. Kessler/Fritsche (2018), S. 140

13 Vgl. Brehm (1989), S. 72

14 Vgl. Piontkowski (2011), S. 50

15 Piontkowski (2011), S. 50

16 Raab/Unger/Unger (2010), S. 65

17 Vgl. Raab/Unger/Unger (2010), S. 65

18 Vgl. Raab/Unger/Unger (2010), S. 65

19 Vgl. Piontkowski (2011), S. 51

20 Vgl. Raab/Unger/Unger (2010), S. 65f.

21 Vgl. Dickenberger/Gniech/Grabitz (1993), S. 244

22 Vgl. Dickenberger/Gniech/Grabitz (1993), S. 245

23 Vgl. Brehm (1966), S. 17 u. S. 38

24 Vgl. Arnold (2015), S. 85

25 Vgl. Dickenberger (1985), S. 441

26 Vgl. Brehm (1989), S. 72f.

27 Vgl. Piontkowski (2011), S. 51

28 Vgl. Piontkowski (2011), S. 50

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Brehms Theorie der psychologischen Reaktanz in Bezug auf verschiedene Altersgruppen
Hochschule
SRH Fernhochschule
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
25
Katalognummer
V889138
ISBN (eBook)
9783346202451
ISBN (Buch)
9783346202468
Sprache
Deutsch
Schlagworte
altersgruppen, bezug, brehms, reaktanz, theorie
Arbeit zitieren
Anna Laura Klues (Autor), 2020, Brehms Theorie der psychologischen Reaktanz in Bezug auf verschiedene Altersgruppen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/889138

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