Lech Walesa hat es nicht geschafft, zunächst. Sein Aufruhr führte 1981 zum Kriegsrecht. Die Freiheit von Solidarnosc wurde erstickt. Aber dann kam 1989 der zweite Aufbruch. Die Kommunisten waren so entmutigt, die Solidarnosc-Kämpfer so erschöpft, dass beide am „Runden Tisch“ kompromissbereit einen neuen Versuch machten. Warum konnte der zweite Anlauf trotz uferloser Hindernisse gelingen, obwohl die Polen schreckliche Entbehrungen zu leiden hatten? War es der polnische Papst Johannes Paul II, der sich wiederholt einschaltete?
52 Reportagen beleuchten anschaulich Polens Wege und Irrwege in ihre neue Souveränität. Sie zeichnen auch den Wandel im Verhältnis zu den deutschen Nachbarn jenseits der Oder-Neiße-Grenze, sie blicken auf die gemeinsame Vergangenheit, auf Auschwitz, den Holocaust, den Warschauer Aufstand sowie den Ghetto-Aufstand. In Gesprächen mit den Staatspräsidenten Walesa und Jaruzelski, dem Premierminister Mazowiecki, dem Schriftsteller Szczypiorski sowie dem Ghetto-Helden Edelman entstehen Portraits der interessantesten Polen des zwanzigsten Jahrhunderts. Aus unmittelbarer Nähe, kritisch, manchmal ironisch, aber niemals lieblos erzählt der Autor die atemberaubende Story, wie Solidarnosc, trotz innerer Brüche, dann doch siegte.
Inhaltsverzeichnis
Spazieren im Lazienki
Der Runde Tisch
Nowa Wies
Der Mai
Andrzej Stelmachowski macht Wahlkampf
Die Wanze in Stolp
Das Volk spricht
Nie ma!
Mitterand kommt, Bush kommt, Kohl lässt auf sich warten
Ein polnisches Märchen
Wojciech Jaruzelski
Die „Tischler“
Die Regierung Mazowiecki
50 Jahre danach
DDR-Flüchtlinge
Wem gehört Auschwitz?
Eine deutsche Minderheit?
Kohls Zweideutigkeiten
Balcerowicz plant die Rosskur
Interpress
Die Metamorphose der PZPR
Die Oder-Neiße-Grenze
Gipfeltreffen Schneekoppe
Der Stern funkelt
Katyn
Die Sowjetarmee
Weizsäcker, der Diplomat
Erste freie Kommunalwahl
Solidarnosc splittert
Stiftung Kreisau
Deutschland, 2 + 4 + 1
Von Hexen und Teufeln
Geraubt, benutzt, verloren
Tee beim Primas
Graf Zamoyski und die Zlotys
Schwermetalle und Schwimmkörper
Wer will Präsident werden?
Der Schock
Die dritte Republik
Danzig an die Macht !
Andrzej Szczypiorski: zum Stand der Dinge
Wie katholisch sind wir?
Nachbarschaft, können wir das?
Der Untergang von Balcerowicz
65 Parteien wollen in den Sejm
Der Schwammberger-Prozess
Marek Edelman: nach der Shoah
Der sowjetische Abzug
Ein Spitzel namens Bolek
Das Lager Lamsdorf
Schindlers Liste
Krakowskie Przedmescie
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Das Buch dokumentiert aus der Perspektive eines ARD-Korrespondenten den dramatischen politischen und gesellschaftlichen Wandel Polens beim Übergang vom kommunistischen Regime zur Demokratie zwischen 1989 und 1993. Die Arbeit beleuchtet die komplexen Prozesse der Machtverschiebung, die ökonomischen Herausforderungen und die schwierige Aufarbeitung der historischen Belastungen.
- Die politische Transformation durch den "Runden Tisch" und die ersten halb-freien Wahlen.
- Die sozioökonomischen Auswirkungen der "Rosskur" unter Balcerowicz und der Privatisierung.
- Die Rolle der katholischen Kirche und der Gewerkschaft Solidarnosc im neuen politischen System.
- Deutsch-polnische Beziehungen unter dem Einfluss von Grenzfragen und Minderheitenrechten.
- Die kritische Auseinandersetzung mit der jüngeren polnischen Geschichte und dem Holocaust.
Auszug aus dem Buch
Spazieren im Lazienki
Zu den Vorzügen öffentlicher Parks gehört, dass sie keine Wanzen und Abhöranlagen haben. In Warschau im Februar 1989 kann das wichtig sein. Im Herzen der polnischen Hauptstadt in einer Mulde nicht weit von der Weichsel besitzt sie eine weitläufige stille Grünanlage. Neben einem Teich hat eine Adelsfamilie in der glücklichen Zeit des Königs Stanislaw Poniatowski ein kleines Barock-Schloss erbaut, ein Sommer- und Badeschloss, weil der Teich damals gutes, sauberes Badewasser hatte. Schlösschen und Park heißen deshalb Lazienki, „Bade“-Park. Wer etwas zu besprechen hat, was nicht belauscht werden soll, meidet Büros, Hotels und Wohnungen. Er sucht die Schönheit der öffentlichen Gärten.
Mein Vorgänger übergibt mir das ARD-Studio, hat mir das Land erklärt, mit mir die Risse im Sockel der kommunistischen Macht analysiert: Die normative Kraft der Religion hatte sich als stärker erwiesen als jede marxistische Theorie. Gemeinsam erinnern wir uns der Rolle des ersten polnischen Papstes, Johannes Paul des Zweiten, der bei seiner Polenreise im Juni 1979 die Solidarnosc-Bewegung so inspiriert hatte, dass das kommunistische Regime das Feuer dieser Revolution nicht mehr unter Kontrolle bringen konnte. Wir zeichnen Portraits der handelnden Personen von Jaruzelski bis Walesa auf den winterlichen Rasen. Ich verstehe jetzt, warum die Machthaber und die Solidarnosc-Gewerkschaft einen Historischen Kompromiss versuchen wollen. In wenigen Tagen werden die Verhandlungen am Runden Tisch beginnen, die Reformen bringen sollen, aber auch Risiken für beide Seiten enthalten. Der neue Freiraum soll genutzt werden, den die sowjetische Politik der Perestroika bringt. Das Land plant den Aufbruch. Diese Aussicht wirkt bei unserem Februar-Ausgang im Park fast schon wie ein Frühlingslüftchen.
Kapitelübersichten
Spazieren im Lazienki: Der Autor führt in seine Tätigkeit als ARD-Korrespondent in Warschau 1989 ein und beschreibt die beklemmende Atmosphäre der ständigen Überwachung.
Der Runde Tisch: Analyse des historischen Kompromisses zwischen der kommunistischen Führung und Solidarnosc, der den friedlichen Systemwechsel einleitete.
Nowa Wies: Schilderung des Alltags unter Überwachung und die Lebensumstände in einem polnischen Dorf nahe der Hauptstadt.
Der Mai: Darstellung der gespaltenen Stimmung im Land zwischen regierungstreuen Feierlichkeiten und den ersten freien Ambitionen der Solidarnosc.
Andrzej Stelmachowski macht Wahlkampf: Einblicke in die Wahlkampfbedingungen eines Solidarnosc-Kandidaten im ländlichen Raum unter schwierigen Voraussetzungen.
Die Wanze in Stolp: Dokumentation der manipulierten Parlamentswahlen von 1989 und der Machtkämpfe innerhalb der polnischen Kommunistischen Partei.
Das Volk spricht: Analyse des überwältigenden Wahlsieges der Solidarnosc und des Zusammenbruchs des kommunistischen Machtapparates.
Nie ma!: Beschreibung der Mangelwirtschaft und der verzweifelten ökonomischen Lage, die den Reformdruck verschärfte.
Schlüsselwörter
Polen, Solidarnosc, Lech Walesa, Kommunismus, Transformation, Demokratie, Runder Tisch, Jaruzelski, Marktwirtschaft, Balcerowicz, deutsch-polnische Beziehungen, KZ Auschwitz, Minderheiten, Zeitgeschichte, Journalismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in diesem Buch grundsätzlich?
Das Buch ist ein persönlicher Bericht über den Zusammenbruch des kommunistischen Regimes in Polen und den mühsamen, spannungsgeladenen Weg in die Demokratie ab 1989 aus der Sicht eines deutschen Fernsehkorrespondenten.
Welches primäre Ziel verfolgt der Autor mit diesem Werk?
Der Autor möchte die vielschichtigen Veränderungen in Polen aus erster Hand schildern, wobei er sowohl die politischen Reformen am Runden Tisch als auch das tägliche Leben und die gesellschaftlichen Widersprüche einfängt.
Welche Rolle spielt die Gewerkschaft Solidarnosc?
Solidarnosc ist die treibende Kraft hinter dem friedlichen Umbruch, entwickelt sich aber im Laufe der Zeit von einer breiten Protestbewegung zu einer Regierungspartei, was zu inneren Zerwürfnissen führt.
Wird der wirtschaftliche Wandel thematisiert?
Ja, ein zentraler Schwerpunkt liegt auf den massiven ökonomischen Herausforderungen, der Inflation und der schmerzhaften Umstellung auf Marktwirtschaft ("Rosskur") unter Finanzminister Balcerowicz.
Wie wird das deutsch-polnische Verhältnis behandelt?
Das Verhältnis wird durch die historischen Lasten der Vergangenheit, die Grenzfrage (Oder-Neiße-Linie) sowie die neu entfachten Diskussionen um deutsche Minderheitenrechte in Polen und die Wiedervereinigung geprägt.
Was charakterisiert die Arbeitsweise des Korrespondenten?
Der Autor legt Wert auf eine präzise Beobachtung der politischen Akteure sowie eine differenzierte Analyse, die abseits gängiger Klischees versucht, die polnische Mentalität und Geschichte besser zu verstehen.
Welche Bedeutung hat das Kloster Jasna Gora in den Präsidentenwahlen?
Es fungiert als machtvolles nationales Symbol, das von Politikern wie Walesa und Tyminski zur Inszenierung ihrer Frömmigkeit genutzt wird, um die katholische Wählerschaft für sich zu gewinnen.
Warum ist der Fall des Stasi-Spitzels "Bolek" so bedeutend?
Die Vorwürfe gegen Walesa, er habe in den 70ern unter dem Decknamen "Bolek" für den Geheimdienst gearbeitet, lösten eine tiefe politische Krise aus und stellten die moralische Integrität der gesamten Solidarnosc-Führung in Frage.
- Citar trabajo
- Dr. Dierk Ludwig Schaaf (Autor), 2020, Unter den Augen der Madonna. Wie Polen sich vom Kommunismus befreite, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/889198