Der Doppelweg in Hartmanns "Erec". Ein Strukturmodell für Chretiens "Erec et Enide"?


Hausarbeit, 2017

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung der Arbeit:

1. Einleitung

2. Hugo Kuhns „Doppelwegstruktur“
2.1. Darstellung der „Doppelwegstruktur“ und des „Doppelten Kursus“ nach Kuhn
2.2. Kritik an Kuhns Ansatz

3. Die Doppelwegstruktur – Ein Strukturmerkmal für Chrétiens Erec et Enide ?
3.1. Ähnlichkeiten im Aufbau beider Romane
3.2. Problematik der Übertragung
3.3. Versuch eines alternativen Gliederungsschemas unter Berücksi chtigung des Vers

4. Abschließendes Fazit

5. Quellen und Forschungliteratur
5.1. Quellen
5.2. Forschungsliteratur

1. Einleitung

Wohl kaum ein Strukturmerkmal ist nach heutiger Ansicht für die deutsche Artusliteratur des Mittelalters typischer als der „Doppelweg“. Nach diesem Deutungsparadigma schafft der Protagonist des jeweiligen Romans nach einer ersten Krise den Aufstieg in die höfische Mustergültigkeit, von wo er aber durch sein eigenes Fehlverhalten erneut absteigt und sich nun in einem „doppelten Kursus“1 ein zweites Mal beweisen muss, bis er letztlich doch ewig währenden Ruhm erlangt. Diese 1948 von Hugo Kuhn erstmals veröffentlichte These über die Struktur deutscher Artusromane2 schuf die Grundlage für sämtliche weitere, die Struktur des Artusromans betreffende Diskussionen und wurde von der nachfolgenden Forschergenerationen übernommen, teils angepasst und erweitert. So entwickelte sich die These Kuhns, die er ursprünglich nur auf den Roman Erec des deutschen Dichters Hartmann von Aue bezog, in der Folgezeit regelrecht zu einer „Selbstverständlichkeit der germanistischen Artusforschung“ und erlangte „kanonische Geltung“.3

Da Hartmanns Erec bekanntlich auf der französischen Vorlage Erec et Enide von Chrétien de Troyes beruht und dem Werk sowohl im Inhalt als auch in der Szenenfolge größtenteils gleicht, liegt die Vermutung nahe, dass die Doppelwegstruktur auch auf Chrétiens Roman übertragbar ist. Ob dem wirklich so ist, wurde in der Forschung kontrovers diskutiert und soll auch Thema dieser Arbeit sein.

Dafür soll in einem ersten Schritt eine genaue Betrachtung von Kuhns These von der Doppelwegstruktur erfolgen, um so die Grundlage für weitere Beobachtungen zu legen. Allerdings gilt es zu beachten, dass Kuhns Doppelwegschema bereits für den hartmannschen Erecroman nicht ohne Widersprüche ist, ein Umstand, der auch in dieser Hausarbeit betrachtet werden soll. Dabei soll es aber vor allem um Problematiken gehen, die für die spätere Argumentation direkt oder indirekt eine Rolle spielen.

Auf diesen einführenden Darstellungen um Kuhns Doppelweg soll dann der zweite Teil der Arbeit beruhen, in dem untersucht wird, inwiefern sich das Doppelwegschema auf Chrétiens Romanvorlage Erec et Enide übertragen lässt. Dabei sollen zunächst die offensichtlichen Gemeinsamkeiten beider Romane hervorgehoben werden, die für eine Doppelwegstruktur in Chrétiens Werk sprechen. In einem zweiten Punkt wird anschließend die sich durch Chrétiens Vers 1796 ergebende Problematik thematisiert, bevor in einem dritten Punkt eine eigene Gliederungsstruktur für Chrétiens Erec et Enide vorgeschlagen werden soll. Ein abschließendes Fazit, in dem die Gliederungen von Hartmann und Chrétien einander nochmals gegenübergestellt werden, soll dann die Arbeit abrunden.

Beim Quellentext von Hartmann werde ich in dieser Arbeit die Edition von Manfred Scholz verwenden, die neuhochdeutsche Übersetzung des französischen Textes von Chrétien beziehe ich aus der Edition von Albert Gier.

2. Hugo Kuhns „Doppelwegstruktur“

2.1. Darstellung der „Doppelwegstruktur“ und des „Doppelten Kursus“ nach Kuhn

Kuhn betont in seinem Doppelwegschema vor allem die Teilung des hartmannschen Erecromans in zwei Abschnitte, die in ihrer Motivstruktur parallel zueinander verlaufen.4 Der Anfang des Erec von Hartmann ist in der Überlieferung des Ambraser Heldenbuch bekanntlich verloren, lässt sich aber leicht rekonstruieren, denn in Vers 1102f (dô der hirz was gejaget || als iu ê ist gesaget) bezieht sich Hartmann auf das Ereignis zurück. Wie in Chrétiens Romanvorlage wird also auch Hartmanns Roman damit angefangen haben, dass Artus von seinem Hof aus den weißen Hirsch jagen will.5 Von dieser Ausgangssituation erlebt Erec in Kuhns Theorie nun einen herben höfischen Abstieg: Der beschämende Geiselschlag des Zwerges (V. 106: und enschamte sich nie sô sêre; sowie V. 110: mit grôzer schame) sei dabei als eine erste Krise Erecs zu werten. Durch die anschließende, alleinige Verfolgung von Iders und seinem Zwerg verliere dieser dann die höfische Gemeinschaft, durch die Übernachtung in der alten Herberge bei Koralus schließlich seine soziale Stellung.6 Erst durch Enite schaffe Erec es schließlich, die entstandenen Ehrverletzungen Stück für Stück wiederaufzulösen, bis ihm schließlich den „Wiederaufstieg in ein […] selbst errungenes, höfisches Dasein“7 gelinge. Bestätigt werde dieser erste Aufstieg Erecs dann durch dessen Heirat mit Enite (V. 1806-2221) und dem Gewinn seines zweiten8 Ritterpreises im Turnier (V. 2222-2860). Bis hierhin handle es sich nach Kuhn um den ersten von zwei Teilen in Hartmanns Werk.9

Erec verbringt nach seiner Heirat mit Enite aber zu viel Zeit im Bett und ‚verliegt‘ sich (V. 2968-2971: die minnete er sô sêre || daz er aller êre || durch si einen verphlac || unz daz er sich […] verlac), sodass das Paar von einem ersten Höhepunkt nun selbstverschuldet in eine erneute Krise gerate.10 In einem zweiten Aventiureweg, auf den weiter unten noch genauer eingegangen werden soll, lege das Paar nun einen erneuten Abstieg hin, bis Erec und Enite schließlich am Ende der Chadoc-Episode (V. 5288-6114) kurz vor dem Tod stünden.11 Von diesem tiefsten Punkt ausgehend beweisen sich die beiden nach Kuhn allerdings erneut in der Welt, bis Erec schließlich in Karnant gekrönt wird (V. 10064f: hie emphienc er lobelîche || die krône von dem rîche) und somit ein zweites, endgültiges Mal seine ritterliche Tüchtigkeit und, zusammen mit Enite, seinen Status als Teil eines „Musterpaares“12 bestätigen könne. Eingerahmt durch zwei Aufenthalte am Artushof muss Erec in Kuhns Doppelwegschema also zwei Aventiurewege durchschreiten, wobei er den ersten noch zur Hälfte alleine absolvieren muss. Zwei Mal gerate Erec dabei bereits am Anfang seines Weges in eine Krise, einmal durch den Peitschenhieb des Zwerges, einmal mit Enite durch das verligen in Karnant, von der aus Erec zwei Mal einen höfischen Abstieg erlebe, bevor er zwei Mal seine ritterliche Mustergültigkeit in einer Aventiurefahrt unter Beweis stellen müsse. Bei seinem ersten Abenteuerweg würden Erec und Enite noch ihren nach der ersten Bewährung erreichten Status eines „Musterpaares“ durch ihr Fehlverhalten verspielen, denn ihnen fehle noch „eine letzte Bedingung dauernder Vollkommenheit“, die Bewährung des Erreichten in der Welt.13 Erst nach dieser Bewährung in einem zweiten Abenteuerweg sei ihnen dann folglich ewig währender Ruhm vergönnt.

Dieser zweite Aventiureweg ist in seinem Aufbau nach Kuhn aber noch einmal in sich gedoppelt, wobei sich die beiden Reihen in ihrem Inhalt glichen. Der „Doppelte Kursus“14 teile die Aventiure damit in Teil II des Romans, von Erecs und Enites verligen bis zur Krönung in Karnant (V. 2861-10135), in insgesamt acht voneinander abgetrennte Episoden, die hier schematisch aufgezeigt werden.15

Abb. 1:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dabei seien die Abenteuer Erecs auf seiner zweiten Aventiurefahrt gespiegelt: Dem ersten Konflikt Erecs und Enites mit einem namenlosen Grafen (V. 3475-4276) entspreche die Konfrontation mit Graf Oringles (V. 6115-6813), der erste Giuvreiz Kampf (V. 4277-4629.5) dem zweiten (V. 6814-7807) und die Zwischeneinkehr am Artushof (V. 4629.6-5287) schließlich der Schlusseinkehr (V. 9859-10001). Diese sich aufeinander beziehenden Episoden seien, so Kuhn, ihrem Inhalt und Aufbau wiederholt, teilweise gesteigert, gleichzeitig aber auch „kontrastiert“16. In der A-Reihe, die unter dem Motto ungemach, stehe, werden Erec und Enite dabei in „bewusst anti-höfischen Situationen“ gezeigt, in der B-Reihe mit dem Programm vreude trete das Paar hingegen wieder idealtypisch höfisch auf, wobei sich die Vorzeichen umkehrten.17

Die beiden Episoden in Erecs zweiter Aventiurefahrt, die auf den ersten Blick keine spiegelbildliche Entsprechung haben, nämlich die Räuberepisode (V. 3106-3474) sowie Joie de la curt (V. 7808-9858), seien nach Kuhn innerhalb des Romans aber ebenfalls gedoppelt. Die zweifache Räuberepisode (V. 3106-3290 und V. 3291-3471) in der Funktion eines „epischen Doppelpunktes“, der durch seine offensichtliche, knapp aufeinanderfolgende Handlungswiederholung (einmal drei, dann fünf Räuber) als „Mahnung“ an die Leser beziehungsweise Hörer fungierte, in der Folge auf solche Doppelungen zu achten.18 Die Episode Joie de la curt am Ende des Romans ist sei nach Kuhn entsprechend ihres Namens als „Allegorie der höfischen Freude“19 zu verstehen und beziehe sich dementsprechend gegenbildlich auf das verligen in Karnant, denn dort war Erecs Hof noch aller vreuden bar (V. 2989).

Insgesamt stellt sich die Doppelwegstruktur in Hartmanns Erec schematisch also folgendermaßen dar:

Abb. 2.:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2. Kritik an Kuhns Ansatz

Wie bereits in der Einleitung kurz angeschnitten, ist Kuhns Modell vom „Doppelweg“20 21 in der germanistischen Forschung nicht unumstritten. Die Doppelwegstruktur im Erec mag zwar auf den ersten Blick einleuchtend sein, lässt sich aber nicht ganz problemlos auf Hartmanns Text übertragen.

So ist etwa der von Kuhn konstatierte Abstieg Erecs in beiden Romanteilen nach (!) der einleitenden Krise22 bei genauerem Blick auf den Text nicht aufrechterhalten. Denn zum einen kann von einem echten Abstieg Erecs in Teil I des Romans nur schwer die Rede sein. Der von Kuhn gesehene Verlust der Gemeinschaft23 Erecs durch die Verfolgung Iders‘ würde zunächst bedeuten, dass jeder dem Hof zugehöriger Ritter ein höfischen Abstieg erlebt, der sich allein auf Aventiurefahrt begibt.24 Aber ist es nicht eher so, dass der Zweck der Aventiure, eine selbstständige Bewährung in der Welt, erst durch die Isolation selbst zu erreichen ist? Erec hätte bei seinem Auszug sicherlich die Unterstützung anderer Artusritter erhalten können, was allerdings sein Ansehen in der höfischen Gemeinschaft geschmälert hätte. Nur durch eine isolierte Erprobung konnte der juncherre (V. 150) Erec seine durch den Zwergenschlag verlorene Ehre gänzlich wiederherstellen.

Auch der von Kuhn behauptete Verlust der sozialen Stellung durch Erecs Aufenthalt in Tulmein ist kritisch zu sehen,25 denn niemand der darüber informierten Personen sieht in Erecs einmaligem Aufenthalt eine Abwertung seines sozialen Status‘: Koralus schätzt Erecs Ansehen gar so hoch, dass er bei dessen Antrag an Enite glaubt, Erec mache sich über ihn lustig (V. 532-546). Enite ist in der Szene zwar äußerst passiv, letztlich aber froh darüber, dass Erec ihr Mann sein wird (V. 1383-1385: doch vreute si sich mêre || von schulden ir lieben man den si des tages dô gewan) und nicht einmal Erec selbst sieht seine Lage als sozialen Abstieg, er bewertet seinen Aufenthalt in dem alte[n] gemiure (V. 252) vielmehr ganz nüchtern und ist guter Dinge (V. 264-267 : mîn dinc daz vert nû wol || wan ich in einem winkel sol | | belîben hinne unz an den tac || sît ich niht wesen baz mac). Damit ist der von Kuhn gesehene Abstieg Erecs nach der ersten, unbestreitbaren Krise des Zwergenschlages26 nicht zu halten und regelrecht überdramatisiert.27

Da nach Kuhn Teil I und II in ihrer Motivstruktur parallel verlaufen, sieht er das in I angeblich existente Schema (Anfängliche Krise Anknüpfender Abstieg mit tiefstem Punkt Von dort Wiederaufstieg bis zum Ruhm) auch in Teil II, verstrickt sich dabei aber in einen Widerspruch.28 Denn zum einen stellt für Kuhn das „tiefere ‚Nichts‘ der Todesgegenwart“ in der Oringles-Episode den nach dem Abstieg einsetzenden Tiefpunkt für Erec und Enite dar, von dem sie dann „wieder [zum Artushof zurück] hinaufsteigen“.29 Gleichzeitig müsste aber auch die Zwischeneinkehr am Artushof der Abschluss des Abstieges für Erec sein: Als Gegenstück zur „freudigen“ Schlusseinkehr bildet er die letzte Episode in der A-Reihe, die nach Kuhn unter dem negativen Motto ungemach steht, bevor es danach in der B-Reihe mit dem positiven Programm vreude weitergeht.30

[...]


1 Kuhn (1973), S. 31.

2 Ebd. S. 17-48 .

3 Schmid (1999), S. 69 .

4 Vgl. Kuhn (1973), S. 39-48.

5 Vgl. Mohr (1980), S. 253.

6 Vgl. Kuhn (1973), S. 41.

7 Ebd.

8 Der erste Ritterpreis war der Sieg über Iders.

9 Teil eins umfasst dementsprechend V. 1-2860.

10 Vgl. Kuhn (1973), S. 44.

11 Ebd. S. 42.

12 Ebd. S. 42.

13 Ebd. S. 44-46.

14 Ebd. S. 31.

15 Ebd. S. 31.

16 Kuhn (1973), S. 26 bzw. 31f.

17 Ebd. S. 32.

18 Solch ein „epischer Doppelpunkt“ lässt sich nach Kuhn auch in der ersten Episode der B-Reihe finden (Chadoc-Episode; V. 5288-6114), wo zwei Mal eine verängstigte Frau (Enite und Chadocs Freundin) den vermeintlichen Tod ihres Mannes (Erec bzw. Chadoc) beweint (Kuhn (1973), S. 34). In der späteren Forschung wurde dieser Punkt der Doppelwegstruktur angepasst: Die Räuberepisode sei als Gegenstück zur Chadoc-Episode zu werten, da in beiden Fällen eine Auseinandersetzung Erecs mit unhöfischen Gegnern thematisiert werde (Masse (2010) S. 111).

19 Teil I (V. 1-2860)

20 Teil II (V. 2861-10135)

21 Vgl. Kuhn (1973), S. 41.

22 Unbestreitbar, da sowohl der Erzähler (V. 106: [Erec] enschamte sich nie sôsêre), als auch Erec selbst

23 (V. 488: gr ô z laster muoste ich d ô vertragen) den Schlag als beschämend bewerten.

24 Schmid (1999), S. 79.

25 Ebd. S. 79f .

26 Kuhn (1973), S. 42.

27 Kuhn (1973), S. 35.

28 Vgl. Abb. 1. Nach Fromm (1969).

29 Vgl. Kuhn (1973), S. 40-42.

30 Ebd. S. 41.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Der Doppelweg in Hartmanns "Erec". Ein Strukturmodell für Chretiens "Erec et Enide"?
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaften)
Veranstaltung
Hartmann von Aue: Erec
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
18
Katalognummer
V889301
ISBN (eBook)
9783346195050
ISBN (Buch)
9783346195067
Sprache
Deutsch
Schlagworte
erec, erec et enide, hartmann von aue, doppelweg, artusroman, doppelwegstruktur, chretien de troyes
Arbeit zitieren
Sebastian Binder (Autor:in), 2017, Der Doppelweg in Hartmanns "Erec". Ein Strukturmodell für Chretiens "Erec et Enide"?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/889301

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