Inwiefern der Rock'n'Roll als Grundstein für eine weitere "Amerikanisierung" der deutschen Populär- und Freizeitkultur zu sehen ist und welche schichtspezifischen Wirkungen dieser in der deutschen Bevölkerung der Nachkriegszeit hatte, soll Thema dieser Hausarbeit sein.
Dazu sollen nach einer kurzen Betrachtung der Entstehungsgeschichte und stilistischen Merkmale des Rock'n'Roll die ökonomischen und sozialen Entwicklungen im Deutschland der Nachkriegszeit untersucht werden. Diese beiden, eher allgemein gehaltenen Punkte sollen die argumentative Grundlage für den eigentlichen Kern der Arbeit, die Rezeption des Rock'n'Roll in den verschiedenen Bevölkerungsschichten, bilden. Letztlich soll so herausgearbeitet werden, worauf die potentiell unterschiedlichen, schichtspezifischen Wahrnehmungsmuster des Rock'n'Roll zurückzuführen sind.
Aufgrund der in den 1950ern entstehenden Massenkultur, die jedermann den Zugang zu einem vielfältigen medialen Angebot ermöglichte, und einer öffentlichen Debatte um die Auswirkungen amerikanischer Kultur existieren zahlreiche mögliche Quellen zur Erforschung der ‚Amerikanisierung‘ der Nachkriegsgesellschaft, die in ihrem Umfang allerdings noch nicht systematisch von der Forschung erfasst wurden.
Für diese Hausarbeit sollen zwei tendenziell verschiedenartige Quellentypen im Fokus stehen: Zum einen die Zeitschrift BRAVO, die als Jugendmagazin eher ein jüngeres Publikum ansprach; zum anderen der Münchner Merkur und die Süddeutsche Zeitung, die als seriöse Tageszeitung vor allem erwachsene Rezipienten hatten. Damit soll versucht werden, die je nach Lesertypus potentiell unterschiedlichen Bewertungen des Rock'n'Roll in den Medien nachzuvollziehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Allgemeines zu Stil und Entstehungsgeschichte des Rock´n´Roll
3. Zur Entwicklung der bayerischen Gesellschaft in der Nachkriegszeit
4. Zur Rezeption des Rock´n´Roll in der bayerischen Gesellschaft
4.1. Rezeption in der Jugend
4.2. Rezeption in den älteren Bevölkerungsschichten
5. Abschließendes Fazit
6. Literatur- und Quellenverzeichnis
6.1. Quellenverzeichnis
6.2 Verzeichnis für Sekundärliteratur
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Rezeption des Rock’n’Roll in der bayerischen Nachkriegsgesellschaft und analysiert, wie sich der Musikstil als identitätsstiftendes Element für die Jugend sowie als umstrittenes kulturelles Phänomen bei den älteren Generationen etablierte. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert dabei auf die schichtspezifischen Wahrnehmungsmuster und die Rolle des Rock’n’Roll im Prozess der kulturellen Amerikanisierung Bayerns zwischen 1956 und Anfang der 1960er Jahre.
- Entstehungsgeschichte und musikalische Merkmale des Rock’n’Roll.
- Wirtschaftliche und soziale Rahmenbedingungen im Bayern der Nachkriegszeit.
- Jugendkulturelle Identitätsbildung und die Rolle von Subkulturen wie den „Halbstarken“.
- Mediale Rezeption und medienvermittelte Stereotypisierung des Rock’n’Roll.
- Kontrast zwischen jugendlicher Begeisterung und elterlicher Ablehnung.
Auszug aus dem Buch
4.1. Rezeption in der Jugend
Da sich die soeben beschriebenen Entwicklungen der 1950er auf die gesamte Gesellschaft bezogen, profitierten davon nicht nur Erwachsene, sondern vor allem auch Jugendliche. Die gute Konjunktur ermöglichte es ihnen, sich beruflich zu betätigen oder sich zumindest neben der Schule Geld hinzuzuverdienen, sodass die Jugendlichen bereits relativ früh über ihr eigenes Geld verfügten. So gingen knapp 70% der deutschen 15-17 Jährigen einer Erwerbstätigkeit nach, unter den 18-20 Jährigen waren es bereits ca. 85%.54
Diese neu geschaffene, ökonomische Unabhängigkeit erlaubte es den Jugendlichen, sich zunehmend selbstbestimmt eigene Freiräume zu schaffen und sich von ihren Eltern beziehungsweise der Generation der Erwachsenen als Gesamtheit zu distanzieren. Damit entstand erstmals in der deutschen Geschichte eine populäre Jugendkultur, die weitestgehend unabhängig von regionalen Faktoren war und zum Teil auch die Grenzen zwischen den sozialen Klassen überwand.55 Ziel der Jugendlichen war es dabei, sich von den starren Gesellschaftsstrukturen der prüden Nachkriegszeitsgesellschaft zu lösen und die Erwartungshaltungen der Erwachsenengeneration herauszufordern, was im traditionell konservativen Bayern noch einmal verstärkt gelten mag.
Grundlegend für diese kulturelle Abgrenzung der Jugendlichen war neben den finanziellen Freiräumen vor allem die aufkommende mediale Massenkultur, an der sie zunehmend auch selbstbestimmt teilhaben konnten. Während im Jahr 1953 etwa lediglich 6% der 15-18 Jährigen über ein eigenes Radio verfügten, stieg die Zahl auf 1960 auf weit über 14%.56 Essentiell für die Autonomisierung und Differenzierung der jugendlichen Mediennutzung erwiesen sich zudem technische Neuerungen wie die Erfindung von Transistorgeräten57 sowie die zahlreichen Jukeboxen, die an jugendlichen Treffpunkten, wie Kinos und Eisdielen, schon bald Gang und Gäbe waren.58
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den kulturellen Einfluss der USA auf Deutschland seit der Nachkriegszeit und führt in die Thematik der Rezeption des Rock’n’Roll als Teil dieses Transformationsprozesses ein.
2. Allgemeines zu Stil und Entstehungsgeschichte des Rock´n´Roll: Dieses Kapitel erläutert die musikalischen Wurzeln des Rock’n’Roll als Synthese aus Rhythm & Blues und Country & Western sowie seine Etablierung als provokante Jugendmusik.
3. Zur Entwicklung der bayerischen Gesellschaft in der Nachkriegszeit: Das Kapitel analysiert die schwierigen sozioökonomischen Bedingungen der unmittelbaren Nachkriegsjahre und den anschließenden Aufschwung, der die Grundlage für eine konsumorientierte Freizeitkultur schuf.
4. Zur Rezeption des Rock´n´Roll in der bayerischen Gesellschaft: Dieses Hauptkapitel untersucht die unterschiedliche Wahrnehmung des Rock’n’Roll, unterteilt in die Perspektive der Jugend als Identitätsstifter und die kritische Sicht der älteren Bevölkerungsschichten.
5. Abschließendes Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet den Rock’n’Roll als einen „Probelauf“ der gesellschaftlichen Modernisierung und sexuellen Offenheit in Bayern.
6. Literatur- und Quellenverzeichnis: Dieses Verzeichnis listet sämtliche verwendeten Quellen und die herangezogene Sekundärliteratur auf.
Schlüsselwörter
Rock’n’Roll, Bayern, Nachkriegsgesellschaft, Amerikanisierung, Jugendkultur, Halbstarke, BRAVO, Medienrezeption, Musikindustrie, Elvis Presley, Generationenkonflikt, Kulturgeschichte, Konsumgesellschaft, Freizeitkultur, Subkultur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie der Rock’n’Roll in der bayerischen Nachkriegsgesellschaft aufgenommen wurde und welche Rolle er im kulturellen Spannungsfeld zwischen der aufkommenden Jugendkultur und der konservativen Erwachsenengeneration spielte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit fokussiert sich auf die Amerikanisierung der deutschen Populärkultur, die soziale Entwicklung Bayerns, die Entstehung einer eigenständigen Jugendkultur sowie die mediale Debatte über musikalische Einflüsse.
Welches ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die schichtspezifischen Wahrnehmungsmuster des Rock’n’Roll zu identifizieren und zu zeigen, wie der Musikstil zur Identitätsbildung der Jugend beitrug und gleichzeitig Abwehrreaktionen der älteren Generation auslöste.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit stützt sich auf eine historische Analyse, bei der Zeitungsartikel, zeitgenössische Quellen und eine Auswertung soziologischer Studien herangezogen werden, um die unterschiedlichen Sichtweisen auf den Rock’n’Roll nachzuvollziehen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der allgemeinen sozioökonomischen Entwicklung Bayerns, die spezifische Analyse der jugendlichen Rezeption und die konträre Sichtweise älterer Bevölkerungsschichten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Rock’n’Roll, Amerikanisierung, Jugendkultur, Halbstarke, Generationenkonflikt und Medienrezeption geprägt.
Welche Rolle spielte die Zeitschrift BRAVO bei der Rezeption des Rock’n’Roll?
Die BRAVO fungierte als zentrales Medium der Jugendkultur, das versuchte, dem Rock’n’Roll ein zivileres und anständigeres Image zu verleihen, um ihn einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.
Warum lehnte die ältere Generation in Bayern den Rock’n’Roll so vehement ab?
Die ältere Generation sah in der Musik einen Ausdruck von Sittenverfall, eine Gefährdung traditioneller Werte durch „vulgären Materialismus“ und eine bedrohliche Vermassung, die oft mit latentem Rassismus oder kultureller Ignoranz begründet wurde.
- Quote paper
- Sebastian Binder (Author), 2018, Die Rezeption des Rock'n'Roll in der bayerischen Nachkriegsgesellschaft, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/889305