Jorge Luis Borges - Ein Zyniker?

Eine Analyse der Historia Universal de la Infamia unter der Gesichtspunkt des Zynismus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
16 Seiten, Note: 1,00

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Hauptteil
2.1 Eine Frühgeschichte des Zynismus
2.2 Zynismus bei Jorge Luis Borges
2.3 Zynismus in Borges’ Werk anhand einer Analyse von „El atroz redentor Lazarus Morell“ aus Historia Universal de la Infamia

3 Schlussbetrachtungen

4 Literatur

1 Einleitung

War Jorge Luis Borges ein Zyniker? Das Gedicht[1] in dem er von Gottes glänzender Ironie spricht, ihm gleichzeitig die Bücher und die Blindheit zu schenken, lässt dies erahnen. Doch wo ist der Zynismus bei Borges verankert und wie drückt er sich aus?

Zynismus ist im Gegensatz zur Ironie kein Stilmittel, er ist eine Grundhaltung. Deswegen fällt es schwer, anhand von literarischen Werken Zynismus nachzuweisen. Was allerdings möglich ist, ist anhand von Stilmitteln und Erzählstilen auf ein zynisches Denken zu schließen. Diese zynische Grundhaltung kann sich in literarischen Stilmitteln wie Ironie, Antithese, Inversionen und Paradoxien ausdrücken. Am Anfang dieser Haltung steht der Zweifel, die Skepsis.

Dies lässt sich anhand von Borges Werk sehr gut nachweisen, jedenfalls für sein späteres Werk. Am Anfang seiner schriftstellerischen Tätigkeit, der Zeit des sogenannten Anti-Borges, standen hingegen Werke, die sich durch Lebensfreude, Empathie und Gefallen an seinen Charakteren auszeichneten. Von dieser Art zu schreiben hat Borges sich mit der Zeit mehr und mehr entfernt. Nun übte er sich im distanzierten Blick. Er wendete sich Themen zu, die nicht mehr seiner Lebenswelt angehörten, und die ihm so einen gefühllosen Erzählstil ermöglichten. Den Anfang bildeten hier die Erzählungen aus Historia Universal de la Infamia[2] von 1935.

Der Ansatz dieser Arbeit ist, in Analogie zu diesem Werk, den Wandel in Borges Werk und Leben zu erklären. Dieser Wandel ist der eines Idealisten zu einem intellektuellen Zyniker. Besondere Brisanz erhält dies durch den Umstand, dass Borges später sein Frühwerk negierte, ja sogar all diese Bücher vernichten wollte, so dass nichts an diesen Anti-Borges erinnere.

Genau in diese Zeit des Wandels fallen die Erzählungen von Historia Universal de la Infamia. Sie sind mit Borges Worten „ambiguos ejecicios, [...] irresponsables juegos de un tímido que no se animó a escribir cuentos y que se distrajo en falsear y tergiversar [...] ajenas historias“.[3]

Diese Aussage lässt auf eine Übergangsphase schließen. Einerseits beruht diese Phase darauf, das ein Schriftsteller sich noch nicht zutraut, rein fiktive Werke zu schreiben. Andererseits sind diese Texte die ersten narrativen Texte in seinem Werk, während er vorher nur Essays und Gedichte schrieb. Deswegen sollten diese Texte besondere Beachtung finden.

Der Aspekt des Zynischen in seiner grundlegenden Bedeutung für Jorge Luis Borges wurde in dieser Hinsicht noch nicht genügend bearbeitet. Während Literaturwissenschaftler immer wieder auf ironische Wendungen bei Borges hinweisen, so fällt ihnen doch nicht auf, dass dahinter eine Grundhaltung steht, die eines Zynikers.[4]

Der Begriff Zynismus soll in dieser Arbeit nicht nur in Bezug auf das literarische Schaffen von Borges untersucht werden. Vielmehr soll herausgestellt werden, dass dieser intellektuelle Zynismus vor allem eine Grundhaltung ist und sich dadurch im Werk von Borges niederschlägt.

Dieser borgesianische Zynismus zeichnet sich durch feine Ironien und nebeneinander-gestellte Gegensätze aus, durch einen stetes Hinterfragen und Verkehren. Dies lässt sich einführend anhand eines Zitates sehr leicht nachvollziehen.

Wenn er zum Beispiel sagt: „He firmado tantos ejemplares de mis libros que el día que me muera va a tener un gran valor uno que no lleve mi firma“[5], so entspricht diese Aussage genau einem Denken in Gegensätzen, einem Umkehren von Gedankengängen, die bei Borges allgegenwärtig und konstitutiv für seine zynische Denkweise sind.

Jorge Luis Borges hat sich eingängig mit englischsprachiger Literatur befasst. Besonders beeinflusst haben ihn Autoren wie Gilbert Keith Chesterton, George Bernard Shaw, Robert Louis Stevenson und Herbert George Wells. Auch diese Autoren sind bekannt als große Skeptiker und Zyniker.

Gerade von Gilbert Keith Chesterton[6] war Borges ein großer Bewunderer. Er schrieb über ihn:

Pienso que Chesterton es uno de los primeros escritores de nuestro tiempo y ello no sólo por su venturosa invención, por su imaginación visual y por la felicidad pueril o divina que traslucen todas sus páginas, sino por sus virtudes retóricas, por sus puros méritos destreza. Quienes hayan hojeado la obra de Chesterton, no precisarán mi demostración; quienes la ignoren, pueden recorrer los títulos siguientes y percibir su buena economía verbal: El asesino moderado, El oráculo del perro, La ensalada del Coronel Cray, La fulminación del libro, La venganza de la estatua. El dios de los gongs, El hombre con dos barbas, El hombre que fue jueves, El jardín de humo.[7]

Vor allem der erste genannte Titel El asesino moderado macht deutlich, welchen inversiven Wortwitz Borges an Chesterton schätzte. Borges benennt dessen verbale Ironie ironisch überhöht su buena economía verbal.

Auch in Borges’ Werk ist das Spiel mit dem Paradoxen zu finden, das auf seinen Zynismus zurückzuführen ist. Seine bereits erwähnten Kurzerzählungen aus Historia Universal de la Infamia sind durchweg ironisch angelegt. Sie wirken wie Parodien von Biographien und ihr narrativer Tonfall ist sarkastisch und zynisch. Das Prinzip der zusammengeführten Gegensätze, der contradictio in adiecto, ist bereits an den Titeln der Erzählungen zu erkennen, die u. a. El atroz redentor Lazarus Morell, oder El impostor verosímil heißen und so genau dieselbe antithetische Struktur aufweisen, wie die angeführten Beispiele im Werke Chestertons.

Um diese Thesen plausibel zu machen, steht am Beginn dieser Arbeit eine Frühgeschichte des Zynismus. Daraufhin wird die Verbindung zwischen Zynismus und Intellekt hergestellt, um eine Grundlage für die Interpretation des Zynismus bei Borges zu schaffen.

Die Analyse der ersten Erzählung aus Historia Universal de la Infamia widmet sich dann genau den genannten zynischen Strukturen und versucht, sie anhand der Texte noch eingängiger zu erklären.

So ergibt sich ein Interpretationsansatz für das Werk, der auf der Grundhaltung des Autors beruht. Diese Verquickung von Werk und Psychologie des Autor ist in Bezug auf Borges sowieso unumgänglich, antwortet er doch in einem Interview auf eine Frage nach seinen (fiktiven) Charakteren:

But I’ve never createt a character. It’s always me, subtly disguised. No, I can’t invent anyone – I’m not Dickens, I’m not Balzac – I can’t invent people. I’m always myself, the same self in different times or places, but always, irreparable, incurably, myself.[8]

So ist es für diese Arbeit sogar nötig, von Borges Werk auf sein Leben zu schließen und umgekehrt. Seine Vorliebe für Ironie und Verkehrung, für Oxymora und Paradoxa resultieren aus einer zynischen Lebenssicht, die charakteristisch für die Person Jorge Luis Borges ist.

2 Hauptteil

2.1 Eine Frühgeschichte des Zynismus

Zynismus wird heute hauptsächlich als eine Haltung definiert, in der keine Enttäuschung mehr möglich ist, sozusagen eine Lebenshaltung, die von allem und jedem nur das Schlechteste erwartet. Sie wird oft mit Resignation gleichgesetzt, und setzt so voraus, dass jemand an seinen Idealen verzweifelt ist.

Die Anfänge des Zynismus machen allerdings eine ganz andere Betrachtungsweise möglich: Der Zynismus ist aus dem Kynismus entstanden, einer philosophischen Denkrichtung der griechischen Antike. Ihre bekanntesten Persönlichkeiten waren Antisthenes von Athen (ca. 445-365 v. Chr.) und Diogenes von Sinope (ca. 399-323 v. Chr.). Die plausibelste Erklärung für die Entstehung des Namens ist der Beiname kyon (der Hund), der Diogenes auf Grund seines Lebenswandels gegeben wurde. Diogenes ist der Held der meisten Kyniker-Anekdoten und wurde so zum Modell-Kyniker.

Schon zeitgenössische Kritiker nannten den Kynismus eher eine Lebensform, als eine echte Philosophie.[9] Er zeichnete sich in Analogie zu der Stoa durch eine Verhöhnung der Konventionen und eine Hinwendung an die Natur der Dinge aus. Dies entstand letzten Endes aus einem Revoltieren gegen die Differenz zwischen Theorie und Praxis.

So lebten die Kyniker bewusst ein Leben in Armut, sie propagierten Bedürfnislosigkeit. Sie kritisierten mit beißendem Witz die Werte der Gesellschaft. Durch ihren vorgelebten Gegensatz zu den allgemein gültigen Werten, versuchten sie diese als Konventionen zu entlarven. Die Kyniker zwangen ihre Umwelt durch Verachtung ihrer vermeintlichen Werte zur Verachtung ihres vermeintlichen Unwerts.[10] In diesem Verfahren wird die Konvention durch Gegensätze entlarvt und lächerlich gemacht.

Außerdem wurde „das »Anderssein«, die »verkehrte Welt« geradezu gepflegt . Über das was in der gehobenen Gesellschaft als fein galt, rümpften sie die Nase“[11].

Die Kyniker glaubten, die Wahrheit zu finden, indem sie bewusst gegen jeweils geltende Meinungen und Konventionen handelten. Die feine Gesellschaft der reichen Leute war für sie eine Scheinwelt, eine Verkehrte Welt, sie titulierten ehrbare Bürger verächtlich als „Sklaven, Abschaum und Mistkerle“[12].

Die rhetorischen Stilmittel des Kynismus sind dadurch u.a. die Antithese, die Ironie, und Verbindung von Scherz und Ernst. Aus dem Kynismus hervorgegangen ist die literarische Form der kynisch-stoischen Diatribe, eine mit Witzen, Zitaten und Beispielen angereicherte Mahnrede. Vom Kynismus beeinflusst wurden Gattungen wie die spöttischen Satiren des Menippos[13], oder auch Lukians[14] Werke.

Eines der wichtigsten stilistisches Ausdrucksmittel des Zynismus ist die Ironie ( griech. eironeia"Verstellung"). Sie ist eine Äußerung, die das Gegenteil von dem Gesagten meint, die mit scheinbarer Ernsthaftigkeit den gegnerischen Standpunkt ins Widersprüchliche zieht.

Sokrates[15], lehrte Ironie als Mittel zur Entlarvung vermeintlichen oder angemaßten Wissens. Der Dialogpartner wurde durch das scheinbar selbstständige Auffinden eigener Widersprüchlichkeiten in die Lage gebracht, diese zu durchschauen.

[...]


[1] Dios, que con magnífica ironía me dio a la vez los libros y la noche [1]. (Poema de los dones) In: Borges, Jorge Luis: Antología poetica 1923 – 1977; Madrid: Biblioteca Borges/ Alianza Editorial, 1997.

[2] Borges, Jorge Luis: Historia Universal de la Infamia; Buenos Aires: Emecé, 1996.

[3] Im Prolog der zweiten Edition von 1954.

[4] Vgl. de Costa, René: El humor en Borges; Cátedra: Madrid, 1999. Die Monographie von René de Costa befasst sich mit der Humorerzeugung in Borges Werk. Sie verbindet zwar die borgesianische Ironieerzeugung in ihrer Entwicklung mit seinen eigenen Lebensphasen, wie z. B. in Kapiteln wie Divertiéndose hasta el final (S. 123-142). Doch sie führt nicht dazu, auf ein Grundlegendes Denkmuster zu schließen. Die Ironie wird hier nur in Bezug auf ein Vergnügen des Autoren interpretiert.

[5] Fernández Ferrer, Antonio (Hrsg.): Jorge Luis Borges A/Z; Madrid: Ediciones Siruela, 1991.

[6] G.K. Chesterton lebte von 1874 bis 1936. Er war Schriftsteller, Essayist und Journalist. Er setzte sich intensiv mit modernen Philosophien auseinander und konvertierte 1922 zum Katholischen Glauben. Er ist bekannt für seine gewagten Gedankensprünge und das Zusammenbringen ganz gegensätzlicher Ideen. Ist Erfinder der Pater Brown-Kurzgeschichten, in denen ein kleiner Geistlicher mit Einfühlungsvermögen mysteriöse Kriminalfälle löst.

[7] Borges, Jorge Luis : »Modos de G. K. Chesterton« ; In : Sur, Buenos Aires, n. 22, Juli, 1936.

[8] Cortinez, Carlos (Hrsg.): Borges the Poet; Fayetteville: Univ. of Arkansas Press: 1986, S. 57. (Fussnote 24, In: Sanger, Richard: ‘ Todos queríamos ser héroes de anécdotas triviales’: Words, Action and Anecdote in Borges’ Poetry; In: bulletin of hispanic studies, 74 (1997) n.1, S. 73-95.)

[9] Hossenfelder, Malte: Antike Glückslehren – Kynismus und Kyreanismus, Stoa, Epikureismus und Skepsis; Stuttgart: Alfred Kröner, 1996, (Der Kynismus – Einführung), S. 1-4.

[10] Vgl. Blumenberg, Hans: Arbeit am Mythos; Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1996, 370. (Erstausgabe: 1979)

[11] Luck, Georg: Die Weisheit der Hunde; Stuttgart: Alfred Kröner; 1997, S. 3.

[12] Ibd.

[13] Zweite Hälfte des 3. Jh. vor Christus, kynischer Philosoph aus Syrien, erst Sklave, später wohlhabender Bürger Thebens. Er verfasste in 13 Büchern Satiren, aus Prosa und Poesie gemischt, in denen er die philosophischen Schulen und allgemein menschliche Schwächen geistvoll und witzig verspottete. Seine Schriften sind verloren.

[14] Geboren um 120 nach Christus, griechischer Schriftsteller aus einfachen Verhältnissen. Advokat, Rhetoriklehrer, Prunkredner und Sophist, später Beamter. In seinem umfangreichen Werk griff er die Mängel und Missstände seiner Zeit an. Schonungslos traf seine Satire ganze Schichten und Stände, die philosophischen Schulen und ihre Diskrepanz zwischen Lehre und Leben. Er griff die verschiedenen religiösen Anschauungen seiner Zeit und ihren Aber- und Wunderglauben stark an. Er verwendete die lit. Formen der Rede, Erzählung, Brief, Gespräch, Diatribe. Seine Wirkung auf die Weltliteratur ist bedeutend.

[15] Er war Lehrer von Antisthenes und von grundlegender Bedeutung für die Entstehung des Kynismus.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Jorge Luis Borges - Ein Zyniker?
Untertitel
Eine Analyse der Historia Universal de la Infamia unter der Gesichtspunkt des Zynismus
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Lateinamerika-Institut)
Veranstaltung
Oscar Wilde, G.K. Chestertonm B. Shaw und J.L. Borges
Note
1,00
Autor
Jahr
2007
Seiten
16
Katalognummer
V88971
ISBN (eBook)
9783638032483
Dateigröße
393 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jorge, Luis, Borges, Zyniker, Oscar, Wilde, Chestertonm, Shaw
Arbeit zitieren
Caroline Wullenweber (Autor), 2007, Jorge Luis Borges - Ein Zyniker?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88971

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