Das Erhabene - Le Sublime

Eine Darstellung des Sublimen anhand der Definitionen Kants und Derridas


Seminararbeit, 2007

21 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Prolog

Einleitung

1. La déconstruction
1.1 Eine Arbeitsweise
1.2 Sprache und déconstruction

2. Das Erhabene
2.1 Allgemeines zur Etymologie
2.1.1 Zwei Traditionen
2.1.2 Die Fusion der Traditionen
2.2 Definitionen nach Kant und Derrida
2.2.1 Das Erhabene als das Formlose
2.2.2 Das Erhabene als das Zweckwidrige
2.2.3 Das Erhabene als das absolut Große
2.2.4 Auffassung und Zusammenfassung
2.2.5 Le topos idéal
2.3 Das Erhabene als Kompensation eines Mangels

3. Einordnung in das Überkapitel Parergon

Bibliographie:

Prolog

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einleitung

Was bedeutet déconstruction ? Wie lässt sich Derridas Vorgehensweise einen Text „auseinanderzunehmen“ beschreiben?

In Kants Kritik der Urteilskraft bilden die Allgemeinen Anmerkungen einen wichtigen Bestandteil. Es sind Erläuterungen am Rande, die Kant nicht in den richtigen Text eingliedern wollte, weil sie vielleicht etwas über das Thema hinausgehen; dennoch waren sie für Kant zu bedeutend um sie wegzulassen und ergänzen so den Text. Außerdem ist es ein Anliegen Derridas den Text zu dekonstruieren, Fragen aufzuwerfen, die Kant noch nicht gestellt hat, die dem Diskurs jedoch zugrunde liegen. Derrida rückt oft das scheinbar Nebensächliche der Allgemeinen Anmerkungen in den Vordergrund. Um diese und weitere Charakteristika der déconstruction wird es im ersten Kapitel gehen.

«Le sublime vient du cœur, l’esprit ne le trouve pas.»[1]

Dies ist nur eine Definition des Erhabenen. Diese Arbeit ist dem Sublimen gewidmet und anhand der Definitionen Kants und Derridas soll versucht werden seinem Geheimnis auf den Grund zu kommen. Im zweiten Kapitel wird zunächst nach der Etymologie gefragt, und dann konkret auf Kants Kritik der Urteilskraft und Derridas La Vérité en Peinture eingegangen. Es werden uns unter anderem folgende Fragen beschäftigen: Wie unterscheidet sich das Erhabene von dem Schönen? Wodurch wird das Gefühl des Erhabenen in uns ausgelöst? Wie lässt sich dieses Gefühl charakterisieren?

Warum heißt das Kapitel über das Erhabene bei Derrida nicht „Le sublime“ sondern „Le colossal“? Und warum steht es unter dem Überkapitel Parergon, wo es doch auf Seite 146 heißt: « Le colossal exclut le parergon. » ? Dies war eine der brennendsten Fragen, die mich bei der Lektüre Derridas Vérité en Peinture beschäftigt haben. Das vierte Kapitel wird versuchen Antworten auf diese Fragen zu finden.

1. La déconstruction

1.1 Eine Arbeitsweise

Das Konzept der déconstruction ist eine Praxis der Textlektüre und keine abstrakte Theorie. Jacques Derrida hat diesen Begriff spätestens seit der Erscheinung von De La Grammatologie (1967) geprägt und ihn immer vehement als eine Neuerung verteidigt. Im ersten Moment erscheint es nicht als Neuerung: es anzuwenden bedeutet gleichzeitig zerlegen, zerstören (detruire) und zu etwas Neuem zusammenzusetzen (construire). Einen Text lesen heißt für Derrida seinen Spuren zu folgen, aber nicht denen, die einem der Autor des Textes durch seine Strukturierung aufdrängt, sondern jenen, die eher am Rande erwähnt werden, die zunächst als marginal oder sogar als dem Text extern gelten. Lesen bedeutet zerlegen der ursprünglichen Hierarchie des Textes, das neu zerlegte gilt es dann darzulegen und somit neu zu schreiben.[2] Damit wird eine neue Struktur geschaffen und dem Text ein neuer Rahmen gegeben. Es ist ein Prozess, der insbesondere Allgemeingültiges relativiert und seine Gültigkeit in Frage stellt. Derrida sieht die Philosophie nicht als abgeschlossenen Bereich, der sich mit abstrakten philosophischen Problemen befasst. Eine Philosophie der déconstruction bezieht alle diejenigen Bereiche mit ein, die gewissermaßen die Rahmenbedingungen für den philosophischen Diskurs stellen, wie Schulen, Universitäten, usw. Derrida selber schreibt in La Vérité en Peinture über die déconstruction:

Selon la conséquence de sa logique, elle s’attque non seulement à l’édification interne, à la fois sémantique et formelle, des philosophèmes, mais à ce qu’on lui assignerait à tort comme son logement externe, ses conditions d’exercice extrinsèques: les formes historiques de sa pédagogie, les structures sociales, économiques ou politiques de cette instituion pédagogique. C’est parce qu’elle touche à des structures solides, à des institutions «matériales», et non seulement à des discours ou à des représentations signifiantes, que la déconstruction se distingue toujours d’une analyse ou d’une «critique».[3]

Für Derrida hat Philosophie immer auch eine politische Bedeutung. Seine Herangehensweise ist geprägt von einer anti-totalitären Haltung, von einer Offenheit für die Andersheit.

1.2 Sprache und déconstruction

Auf welche Weise geschieht dieses Infragestellen? Um Derridas Arbeitsweise noch genauer beschreiben zu können, müssen wir uns fragen, wie sein Verhältnis zur Sprache aussieht. Jean-Michel Salanskis[4] erläutert, dass sich drei Aspekte abzeichnen:

Zunächst gehe Derrida davon aus, dass Sprache grundlegend für unser Denken ist. Aller Diskurs, das Berufen auf menschliche Identität beruht darauf. Es gibt kein vorsprachliches Niveau. Sprache ist jedoch kein starres Konstrukt, sie gleicht eher einem Gebilde, das immer in Veränderung ist. Sprache und Denken eines Menschen sind immer geprägt von seinem Umfeld, seiner Erziehung, seiner Kultur. Jeder Diskurs wird in seinem Innern von den Wünschen des Autors gelenkt, es ist also ein Irrglauben, dass Sprache die Realität eins zu eins in Worte übersetzt. Für Derrida ist die Sprache zum einen das Fundament unseres Denkens, gleichzeitig ist dieses Fundament immer als relativ anzunehmen: «Derrida est celui qui dit que tout renvoie au langage comme à la seule force qui le fait vivre, en un sens, mais il est aussi celui qui dit que le langagier n’est pas saisissable comme donne.»[5]

Zweitens entwickle Derrida die Idee der „archi-écriture[6]“: Jede Nachricht, die wir äußern, führt zurück auf ein ineinander greifendes System von Symbolen, mit denen wir eine bestimmte Bedeutung verbinden. Diese Bedeutung konkretisiert sich jedoch nicht in dem sprachlichen Zeichen, es ist durch seine wiederholte Verwendung innerhalb der Sprachgruppe festgelegt worden. In diesem Zusammenhang weist Derrida auf die Willkür der Zeichen hin, er kritisiert den Positivismus der Sprache.

Und Drittens wohne jeder sprachlichen oder textlichen Äußerung ein pragmatischer Aspekt bei; sie werde in einer bestimmten Situation geäußert und könne nicht unabhängig von ihr betrachtet werden (siehe auch Zitat 4, voriges Kapitel).

Für Salanski sind drei Merkmale des Derridaschen Stils besonders wichtig[7]:

1. sich auf zunächst nebensächlich scheinende Elemente zu stützen
2. der Zufälle der Assoziationen zu folgen, mögen sie einem auch abwegig vorkommen
3. sich zu bemühen in dem Text etwas anderes herauszulesen als er einem beim ersten Lesen mitgeteilt hat; dieses Moment ist eine Kritik der Metaphysik: sie arbeitet traditionellerweise mit Gegensatzpaaren. Derrida versucht nun deren Opposition zu relativieren, indem er diejenigen Aspekte, die vorher unterdrückt waren, in den Vordergrund rückt. So kommt es zu einer Bedeutungsverschiebung, aus der eine neue Terminologie herauswächst. Die philosophische Terminologie kommt in Bewegung. Hier manifestiert sich unter anderem die Idee der différance (L’écriture et la différance, 1967).

Salanski sieht die Arbeitsweise Derridas in eindeutiger Nähe zu der Freudschen Methode der Traumdeutung und seiner Sicht der „logique de l’inconscient“.[8] Gleichzeitig bleibe sie auch einer hermeneutischen Argumentationsweise verwandt, wenn man diese in etwas weiterem Sinne begreifen will: statt sich die vorgefasste Meinung durch andere Texte bestätigen zu lassen und so zu einer Verschmelzung des Vorwissens und des hinzugefügten Wissens zu gelangen, liegt bei der déconstruction der Schwerpunkt auf den Widersprüchen und Marginalitäten des Textes, wodurch es aber trotzdem zu einer Fusion der Horizonte kommen kann, des eigenen und des gelesenen Textes, welche vielleicht sogar noch fruchtbarerer ist.[9] Derrida verstand sich allerdings als Anit-Hermeneut in dem Sinne, dass das Lesen eines Textes nie abgeschlossen sein kann, da wir das Geflecht der Bezüge nie gänzlich ausgedeutet werden kann. Gerade diese Idee macht die déconstruction ja auch so interessant.

[...]


[1] Zitiert nach: le nouveau petit robert, 2502.

[2] Vgl. Ramond (2001), 20f.

[3] Derrida, 23.

[4] Salanskis, In: Ramond (2005), 13-51.

[5] Ebd., 28.

[6] Salanskis, 22.

[7] Vgl. Ebd., 35f.

[8] Ebd. 39.

[9] Salanskis, 40f.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Das Erhabene - Le Sublime
Untertitel
Eine Darstellung des Sublimen anhand der Definitionen Kants und Derridas
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Veranstaltung
Lektüreseminar
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
21
Katalognummer
V89140
ISBN (eBook)
9783638025782
ISBN (Buch)
9783638921657
Dateigröße
445 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erhabene, Sublime, Lektüreseminar
Arbeit zitieren
Almut M. Pilz (Autor), 2007, Das Erhabene - Le Sublime, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89140

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