Ein Bildnis der Caroline Schlegel-Schelling anhand ihrer Briefe

"Göttern und Menschen zum Trotz will ich glücklich sein"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

20 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung
1.1. Geschichtlicher Überblick, Veränderungen, Zeitzeugen
1.2. Biographie

2. Caroline und ihre Briefe als Spiegelbild ihrer Ehen
2.1. Caroline Michaelis und Wilhelm Böhmer
2.2. Caroline Böhmer und August Wilhelm Schlegel
2.3. Caroline Schlegel und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling

3. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Anlage 1

Anlage 2

1. Einführung

„Diesmal sage ich: Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabeigewesen“. Mit diesen Worten charakterisiert Goethe am Abend des regnerischen 20. September 1792, nach seiner Meinung zur Schlacht von Valmy gefragt, die Zeit, die den „Schauplatz“ für das Schicksal Caroline Schlegel-Schellings darstellt; eine Zeit, in der Frauen wie sie Briefe schreiben und hinterlassen, die mehr als nur Zeugnis über die aktuellen Ereignisse ablegen. Sie liefern intime und leidenschaftliche Kommentare und beurteilen das Geschehen, geben Einblicke in Liebesaffären und Teezirkelgespräche und erzählen von tapferen Frauen, die so manches Mal über sich selbst hinausgewachsen sind.

So subjektiv und zum Teil im Widerstreit mit der klaren geschichtlichen Darstellung der Ereignisse, bedeuten sie heute jedoch Relikte der unüberschaubaren Ereignisse, des drückenden Alltags, herzbewegenden Schicksals und kühnen Gedankenguts.

Nachfolgend nun soll eine Frau dieser Zeit anhand ihrer Briefe vorgestellt werden, die sich – ebenso wie ihre Zeitgenossinnen – aufgrund von Herkunft, Bildung, Individualität im Nebeneinander von Normalität und Besonderheit von der breiten Masse unterschied, einer Frau, die – unbekümmert um gesellschaftliche Vorurteile – die geistige Emanzipation der Frau in einer Epoche verkörperte, die noch unter dem Kirche-Küche-Kinder-Gebot stand.

1.1. Geschichtlicher Überblick, Veränderungen, Zeitzeugen

„Die Sonne der Zeit geht auf... In Deutschland werden wir noch eine Weile im Finstern sitzen, doch erhebt sich der Morgenwind hie und da“, schrieb Caroline Herder 1792 an Friedrich Heinrich Jacobi[1] ; dieser aber war von Carolines Mann ob des ehefräulichen Überschwanges schon vorgewarnt. „Die Dinge, die vorgehen, öffnen den Mund, und weil man ihr Ende nicht absieht, öffnen sie die Seele.“[2]

Ein kurzer geschichtlicher Einblick sollte jedoch vorangestellt werden, um Hintergründe für einige Äußerungen in Carolines Briefen nachvollziehen zu können. Es wird daher auf Anlage 1 verwiesen.

Zum Zeitpunkt der o. g. Worte war Caroline Schlegel-Schelling fast dreißig Jahre alt, Witwe, Mutter dreier Kinder und Augenzeugin der Geschehnisse in Mainz. Nach der Kriegserklärung Frankreichs an Österreich wird am 14. Juli 1792, genau drei Jahre nach dem Sturm auf die Bastille in Paris, dem Habsburger Franz II. die Kaiserkrone aufgesetzt.

Caroline, selbst Teilnehmerin an dieser Festlichkeit, beschreibt die Stimmung: „Die Zusammenkunft des Deutschen Reiches hat so auch für uns zum Fest werden müssen – ohngeachtet es für unsern bürgerlichen Sinn keins sein konnte.“[3]

Die preußischen Koalitionstruppen, die im August 1792 gen Paris ziehen und Erfolge wie die Eroberung der Festungen Longwy und Verdun verzeichnen, werden von begeisterten Sansculotten bei Valmy besiegt und in die Flucht geschlagen. Die Franzosen nähern sich dem Rhein und damit der Stadt Mainz, aus der am 04. Oktober des Jahres der dort regierende Kurfürst flieht. Caroline dokumentiert: „...alle Adligen sind geflüchtet, und der Alte (Anmerkung: gemeint ist der Kurfürst) auch in einem Wagen, wo er das Wappen auskratzen ließ...“[4]

Nachdem jedoch Ende März 1793 Mainz kurz vor der Eroberung der Preußen steht, zieht sich auch Caroline fluchtartig aus der Stadt zurück. Gemeinsam mit ihren Reisebegleitern gerät sie während ihrer Reise in preußische Hand und wird in Königstein/Taunus inhaftiert. Am 05. Juli wird sie entlassen und geht mit dem ihr entgegeneilenden August Wilhelm Schlegel schließlich nach Braunschweig. Nachdem sie diesen dort heiratete, ziehen sie gemeinsam nach Jena, für Caroline ein „grundgelehrtes, aber doch recht lustiges Wirtshaus“[5].

Jena, damals für einige Jahre zum intellektuellen Zentrum erkoren, kannte höfische Zwnge und kleinbürgerliche Enge nicht.[6]

Es ist die Zeit, in der sich die – positiv mit der Revolution auseinandersetzenden – Frauen nicht mehr unterordnen. Hingabe an die geistigen Auffassungen des Mannes, die immer Verzicht, Preisgabe der Persönlichkeit und des Wesens bedeutete[7], sind ihnen fremd geworden. Das Ideal von der züchtigen Hausfrau – „Gehorsam ist des Weibes Pflicht auf Erden, das harte Dulden ist ihr schweres Los, durch strengen Dienst muß sie geläutert werden“, wie Schiller im „Lied von der Glocke“ proklamierte – forderte den lachenden Widerspruch einer Frau wie Caroline Schlegel heraus. „Über ein Gedicht von Schiller, das Lied von der Glocke, sind wir gestern Mittag fast von den Stühlen gefallen vor Lachen“, schrieb sie am 21. Oktober 1799. Damit wurde sie – fast gegen ihren Willen – zur Wortführerin der romantischen Schilleropposition in Jena.[8] Und so verwundert es nicht, wenn sich in dieser weltoffenen, liberalen und schöpferischen Universitätsstadt bald ein Kreis ähnlich Denkender bildet, bestehend u. a. aus Friedrich Schlegel und Dorothea Veit, spätere Ehefrau des Bruders von Carolines Ehemann, Ludwig Tieck, Schelling, Steffen, Novalis und Goethe, die sich im Herbst 1799 im Hause der Schlegels treffen und jenes zum Zentrum der Frühromantik machen.

Caroline, die – nicht nur als Muse für ihren in dieser Zeit äußerst schöpferischen Mann – bald den Mittelpunkt dieses Kreises bildete, schrieb darüber am 05. Oktober 1799 in Luise Gotter (ihre Freundin): „Welch gesellige, fröhliche, musikalische Tage haben wir verlebt...“[9] Sie verbirgt dabei nur halbherzig-galant, welch´ bohemehaftem Haushalt sei vorsteht – zwischen gesteigerter Geselligkeit mit oft mehr als zehn Gästen zum Mittagessen, putzen, kochen, ihren Mann bei Laune halten, findet Caroline immer noch Zeit für ihre Tochter Auguste („Liebes Kind, fängt die Sehnsucht auch an, mir in die Seele zu treten...“[10] ).

Doch nachdem Auguste im Juli 1800 an der Ruhr stirbt, ändert sich auch das Leben im Hause Schlegel und mit ihm Carolines. „Ich lebe nur noch halb und wandle wie ein Schatten auf der Erde.“[11]

Ihre Ehe wird geschieden. Goethe vermittelte die Scheidung von Schlegel, Herzog Carl-August billigte sie und man trennte sich freundschaftlich. „Oh mein Freund (Anmerkung: gemeint ist ihr Exmann August Wilhelm) wiederhole es Dir unaufhörlich, wir kurz das Leben ist.“[12] Auch dies stellt ein Indiz geschichtlichen Fortschreitens dar; eine Scheidung war bis dato eher ungewöhnlich, ebenso wie eine derart rasche Wiederverheiratung.

Caroline zieht sich zurück, um 1803 abermals zu heiraten – Schelling, einen vielbeliebten und ehemals gern gesehenen Gast des Schlegel´schen Hauses in Jena. Nach Übersiedlung des Paares nach Würzburg berichtet Caroline von ständigen Feldzügen, andauernden Schlachten, Plünderungen im Zuge der Ernennung Bayerns zum Königreich von Napoleons Gnaden. Nachdem Würzburg an den Herzog von Toscana abgetreten wird, zieht das Ehepaar Schelling nach München. Im Jahre 1809 unternehmen beide eine Reise an den Neckar in Schellings Heimat, erleben dabei Verwundete und Truppen aus der Schlacht bei Wagram, in der Napoleon die Österreicher schlug. In Maulbronn ist die Reise vorerst beendet. Hier stirbt Caroline, während der Krieg in Süddeutschland weiter wütet.

Doch während bis hierhin nur eine Seite der Caroline Schlegel-Schelling beleuchtet wurde, nämlich diejenige, die für gestochen scharf formulierte, die geschichtliche Situation und die damit verbundene Stimmung im Volk kommentierende Zeugen in Briefform sorgte, soll nun die Seelenseite einer Frau zur Sprache kommen, deren drei Ehemänner sie prägten, sie zu einer streitbaren, doch stets emotionalen und für Ihre Gefühle kämpfenden Partnerin und Freundin machten.

1.2. Biographie

Zu Lebensdaten und –eckpunkten verweise ich auf Anlage 2.

2. Caroline und ihre Briefe als Spiegelbild ihrer Ehen

2.1. Caroline Michaelis und Wilhelm Böhmer

„Göttern und Menschen zum Trotz will ich glücklich sein – also keiner Bitterkeit Raum geben, die mich quält – ich will nur meine Gewalt in ihr fühlen.“[13]

Schon früh fällt Caroline durch ihre Geistesgaben auf. Zeitgenossen werten sie bereits als junges Mädchen sehr hoch. So berichtete Carolines Schwester Luise Wiedemann, dass der Gelehrte Schlözer ihr den Vorschlag machte, sich der Wissenschaft zu weihen, zu promovieren, Vorträge zu halten.[14]

Doch das junge Mädchen, das die Erfolgsbücher seiner Zeit verschlingt (Millers „Siegwart“, „Hermes“, „Sophies Reise von Memel nach Sachsen“, Wielands „Oberon“, Shakespeare und Milton in der Originalsprache[15] ), das ihrer Freundin Julie von Studnitz vehement französische Briefe schreibt – „Je ne dis rien de ce que la princesse avec son métier de savante néglige aussi son epoux.“[16] – und in einem Brief an Luise Stieler 1778 schreibt: „Glaub´ es nur, ich bin keine Schwärmerin, keine Enthousiastinn, meine Gedanken sind das Resultat von meiner, wens möglich ist, bei kaltem Blut angestellten Überlegung. Ich bin gar nicht mit mir zufrieden, mein Herz ist sich keinen Augenblick selbst gleich, es ist so unbeständig. Du must das selbst wißen, da Dir meine Briefe immer meine ganze Seele schildern. Ich habe wahres festes Vertrauen auf Gott, ich bitte ihn so sehnlich mich glücklich zu machen, aber ich habe so verschiedene Wünsche, wodurch ich das zu werden suchte, dass, wenn er sie alle nach meiner Phantasie erfüllen wollte, ich nothwendig unglücklich werden müsste“[17] – dieses junge Mädchen also soll unter das Dach der Ehe gebracht und so einigermaßen standesgemäß versorgt werden. Wie erwartet (und aufgrund vorbezeichneten Briefes auch nicht anders deutbar) ist sie selbst jedoch anderer Meinung. „Ich würde, wenn ich mein ganz eigner Herr wäre und außerdem in einer anständigen und angenehmen Lage leben könnte, weit lieber gar nicht heiraten und auf andre Art der Welt zu nutzen suchen.“[18]

[...]


[1] Frauen der Goethezeit, S. 12

[2] Frauen der Goethezeit, S. 13

[3] Romantikerschicksale, S. 92

[4] Romantikerschicksale, S. 94

[5] Romantikerschicksale, S. 97

[6] sh. dazu Romantikerschicksale, S. 97

[7] Frauen der Goethezeit, S. 27

[8] Frauen der Goethezeit, S. 27

[9] Frauen der Goethezeit, S. 211

[10] Frauen der Goethezeit, S. 214

[11] Frauen der Goethezeit, S. 216

[12] Romantikerschicksale, S. 103

[13] Frauen der Goethezeit, S. 163

[14] vgl. Romantikerschicksale, S. 88

[15] vgl. Romantikerschicksale, S. 87

[16] Caroline und ihre Freunde, S. 9

[17] Carolinens Leben in ihren Briefen, S. 2

[18] Romantikerschicksale, S. 88

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Ein Bildnis der Caroline Schlegel-Schelling anhand ihrer Briefe
Untertitel
"Göttern und Menschen zum Trotz will ich glücklich sein"
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Veranstaltung
NDL
Note
2,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
20
Katalognummer
V89173
ISBN (eBook)
9783638025904
ISBN (Buch)
9783638921602
Dateigröße
436 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bildnis, Caroline, Schlegel-Schelling, Briefe
Arbeit zitieren
Diplomgermanistin Dorothee Noras (Autor), 2002, Ein Bildnis der Caroline Schlegel-Schelling anhand ihrer Briefe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89173

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Ein Bildnis der Caroline Schlegel-Schelling anhand ihrer Briefe



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden