Drogenhandel in Kolumbien oder kolumbianische Drogenmafia?


Hausarbeit, 2005
23 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Der kolumbianische Drogenhandel
2.1 Organisationsstruktur, Organisationsziele und deren Umsetzung
2.2 Beziehung des Narcotràfico zur kolumbianischen Regierung
2.3 Narcotrafico und Guerilla

3. Die Organisationsform der sizilianischen Mafia

4. Narcotrafico und sizilianische Mafia im Vergleich
4.1 Verhaltensnormen beim Narcotràfico und sizilianischer Mafia
4.2 Anwendung von Gewalt gegenüber Mitgliedern
4.3 Anwendung von Gewalt gegenüber Nichtmitgliedern

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der Diskussion über organisierte Kriminalität bzw. Verbrechen taucht häufig der Begriff der Mafia auf. Zum Teil wird er synonym für Organisierte Kriminalität verwendet. Woher genau der Begriff „Mafia“ selbst kommt bzw. was er genau bedeuten soll, konnte bislang zwar noch nicht eindeutig geklärt werden, aber seine geographische Herkunft ist bekannt. Ihre Wurzeln hat die Mafia in Italien, wo auch die Bezeichnung Mafia bzw. Mafiosi in Gesetzestexten auftaucht. „Im Jahr 1875 legt die Regierung dem Parlament einen Gesetzesentwurf vor, der der Exekutive ermöglichen soll, ‚außergewöhnliche Maßnahmen zur öffentlichen Sicherheit‛ dort anzuwenden, ‚wo Vereinigungen von Banditen, Räubern, Messerstechern, Camorristen oder Mafiosi bestehen’“ (Lupo 2002: 62). Und wie Lupo ergänzend anfügt „diskutiert man dabei nur über Sizilien“ (Lupo 2002: 62). Es ist demnach festzuhalten, dass die traditionelle Mafia aus Sizilien stammt. Die synonyme Verwendung des Begriffs Mafia für organisierte Kriminalität ist jedoch nach Lindlau unangebracht, indem er sagt, dass die Mafia zwar organisiertes Verbrechen ist, „aber bei weitem nicht jedes organisiertes Verbrechen ist Mafia.“ (Lindlau 1987: 10-11). Auf der anderen Seite sehen Pino Arlacchi, ehemaliges Mitglied der Antimafia-Komission der italienischen Regierung, und Letizia Paoli, Berater des italienischen Innenministeriums, „die italienische Mafia, die US-amerikanische La Cosa Nostra, die japanische Yakuza, den kolumbianischen Drogenhandel und die chinesischen Triaden als herausragende Beispiele organisierter Kriminalität ‚mafiosen Typs‛“ (Krauthausen 1997a: 23). Die Frage, die hierbei auftaucht, ist die nach den Merkmalen oder Indikatoren, die eine Organisation aufweisen muss, um als mafioser Typ bezeichnet werden zu können. Denn wenn die Organisation des kolumbianischen Drogenhandel einem mafiosen Typ entspricht, müsste man ihn ohne Probleme auch als Drogenmafia bezeichnen können.

In der folgenden Arbeit wird daher geprüft, ob der kolumbianische Drogenhandel aufgrund seiner Organisationsmerkmale als Mafia bezeichnet werden kann und anhand welcher Kriterien dies gezeigt oder auch widerlegt werden kann. Dies wird mittels eines Vergleiches zwischen der sizilianischen Mafia und dem kolumbianischen Drogenhandel durchgeführt. Die jeweilige Entstehungsgeschichte der beiden Organisationen wird dabei nicht betrachtet, sondern das Augenmerk gilt hier zum einen organisationsstrukturellen Faktoren, zum größeren Teil jedoch dem Verhalten von den Mitgliedern der jeweiligen Organisationen untereinander und gegenüber Dritten. Hierzu muss zuerst die Organisationsstruktur untersucht werden, hinsichtlich dem Vorhandensein von organisationsinternen vorgegebenen Verhaltensnormen oder -regeln. Für das Verhalten wird der Schwerpunkt auf gewalttätiges Verhalten gelegt, da dies eine Verhaltensart ist, die das Bild einer Mafia in der Öffentlichkeit prägt, gerade weil sie faktisch nachweisbar und belegbar ist. So beschreibt auch Gambetta, dass für die Mafia gerade die Gewalttätigkeit als eine ihr üblicherweise zugeschriebenen bezeichnenden Eigenschaften gilt (vgl. Gambetta 1994: 56-57). Diese Gewalttätigkeit gilt es daher genauer zu betrachten, hinsichtlich der Art und Weise der Ausübung, also gegen wen sie sich richtet, wie häufig sie angewandt wird und ob ihre Anwendung gewissen internen Regeln unterliegt.

Hierzu wird zuerst der kolumbianische Drogenhandel näher beschrieben, mit besonderer Gewichtung auf die oben genannten Organisationskriterien und Verhaltensmuster. Danach wird die sizilianische Mafia hinsichtlich dieser Kriterien geprüft, um anhand derer einen Vergleich anstellen zu können, der als Ergebnis zeigen kann, ob die sizilianische Mafia mit dem kolumbianischen Drogenhandel vergleichbar ist.

Eine Problematik, die sich bei der Untersuchung der beiden Organisationen allerdings ergibt, ist die der geringen Informationsmenge. Da beide Organisationen zum einen illegale Vereinigungen sind und zum anderen als Geheimorganisationen gelten, sind abgesicherte Informationen über die jeweilige Organisation Mangelware. Als illegale Geheimorganisationen müssen beide darauf bedacht sein, so wenig Informationen über ihre Organisation und ihre Mitglieder nach außen weiterzugeben, um ihr Bestehen zu sichern. Belegte Informationen und Fakten über die Organisationen, stammen daher meist nur von Aussteigern, die vor Gericht unter Eid eine Aussage über ihre Organisation machten, wie z.B. Mafiaboss Don Antonino Calderone im März 1991 (vgl. Arlacchi 1993: 5), oder von geheimen Ermittlungen von Polizeibehörden. Aufgrund der spärlichen Informationen ist die Definition einer Organisation, die in dieser Arbeit verwendet wird auch einfach strukturiert. Denn bei der Anwendung einer abstrakten Definition, wie z.B. nach Luhmanns Theorie formaler Organisation, stößt man schnell auf Unstimmigkeiten. Denn Luhmanns Definition einer Organisation basiert auf einer Freiwilligkeit der Mitgliedschaft, was für die Mafia, wie im Folgenden noch gezeigt wird, nicht zutrifft (vgl. Luhmann 1976: 39ff). Daher richtet sich diese Arbeit nach der Definition von Etzioni: „Organisationen sollen (…) als soziale Einheiten (oder menschliche Gruppenbildungen) definiert werden.“ (Etzioni zitiert nach Krauthausen 1997a: 130).

2. Der kolumbianische Drogenhandel

Arlacchi und Paoli bezeichnen speziell den kolumbianischen Drogenhandel als Organisation mafiosen Typs. Daraus ergibt sich die Frage, warum sie von den Lateinamerikanischen Ländern gerade den kolumbianischen Drogenhandel nennen und nicht z.B. den Bolivianischen oder Peruanischen. Denn der eigentliche klassische Anbau und Konsum von Coca bzw. dessen Produkte sind in Kolumbien nicht so verbreitet, wie in Peru oder Bolivien (vgl. Lessmann 1996: 191). Es ist demnach anzunehmen, dass Peru und Bolivien ebenfalls mit Drogen handeln, aufgrund dem verstärkten Anbau der Basisstoffe für Kokain.

In Kolumbien aber wird das Coca bzw. die Cocapaste hauptsächlich weiterverarbeitet, da die geographischen Gegebenheiten in Kolumbien gute Voraussetzungen für geheime Laboratorien bieten und sich der Fahndungsdruck nach Drogenlaboratorien in den anderen Ländern seit den 90er Jahren stark erhöht hat (vgl. Krauthausen 1997: 314-315; Lessmann 1996: 196). Deutlich wird dies anhand der Anzahl enttarnter Laboratorien. Im Jahr 1987 wurden in Kolumbien 1009 Laboratorien aufgedeckt, wohingegen in Bolivien nur 250 Kokainlaboratorien enttarnt wurden und vergleichsweise in Argentinien nur 5 (vgl. Eschenbacher 1990: 112-113). Laut einer Schätzung des International Narcotics Control Strategy Report des US-State Departments aus dem Jahr 1992 dürfte Kolumbien etwa 80% des Kokainangebots produzieren (vgl. Lessmann 1996: 196). Per Landweg über Dschungelpfade, per Schiff über das weit verzweigte Amazonas-Stromsystem oder größtenteils auf dem Luftweg über eine große Flotte von Kleinflugzeugen, die von Drogenhändlern unterhalten werden und auf getarnten Urwaldpisten landen können, wir die Koka-Paste aus den Anbaugebieten in Bolivien und Peru nach Kolumbien zur Weiterverarbeitung gebracht (vgl. Eschenbacher 1990: 68). Dennoch wird auch in Kolumbien selbst ein nicht unbeachtlicher Teil an Coca von den kolumbianischen Bauern selbst angepflanzt. Zwar geschieht dies, wie Lessmann anmerkt, zum Teil unfreiwillig, indem die Bauern von den Drogenhändlern mit Stecklingen versorgt werden und durch finanzielle Unterstützung dazu überredet werden, auf Coca-Anbau umzusteigen (vgl. Lessmann 1996: 192), zum anderen entscheiden sich die Bauern selbst zum Coca-Anbau aufgrund einer höheren Gewinnspanne als bei anderen Anbauprodukten. „Beim Verkauf der getrockneten Blätter an Händler erzielen die Bauern einen Preis, der in den letzten Jahren zwar starken Schwankungen unterworfen war, den Erzeugern aber stets ein Mehrfaches des Erlöses alternativer Agrarprodukte einbrachte.“ (Hoffmann 1992: 16). Von den legalen Exportwaren steht in Kolumbien Kaffee an oberster Stelle. Aber das das Brutto Inlandsprodukt (BIP) hauptsächlich vom Kokainhandel und nicht vom Kaffee bestimmt wird, lässt sich schon daran erkennen, dass obwohl 1987 die Weltmarktpreise für Kaffee rapide um 43% sanken, das BIP in Kolumbien 1987 ein Wachstum von 5,6% verzeichnete (vgl. Eschenbacher 1990: 121). Im Vergleich der Exporteinnahmen von 1987 kommen die Kaffee-Exporte auf ca. 1,6 Milliarden US-Dollar und die Gewinne aus Kokainexporten nach mehreren Expertenschätzungen z.B. von der kolumbianischen Zentralbank oder dem Wirtschaftsinstitut Fedesarrollo kommen auf 1,1 bis 4,0 Milliarden US-Dollar, was zwar nur Annäherungswerte sind, aber dennoch eine gleiche oder sogar größere Gewinnspanne gegenüber legalen Produkten aufzeigt (vgl. ebd.: 120). Für die 1980er Jahre spricht daher auch Haldenwang von einer „Herausbildung des Drogenhandels zum dynamischsten Sektor der kolumbianischen Wirtschaft“ (Haldenwang 1994: 233).

2.1 Organisationsstruktur, Organisationsziele und deren Umsetzung

Der Grund der kolumbianischen Bauern, auf Coca-Anbau umzusteigen, weil der Gewinn gegenüber alternativen Agrarprodukten höher ist, als auch die Preise für Kokain auf dem internationalen Schwarzmarkt, zeigen das primäre Ziel der Drogenhandelsorganisationen auf: Profit. Daher verweist auch der kolumbianische Soziologe Camacho Guizado auf die Bereicherungsabsicht als Hauptziel (vgl. Ambos 1997: 333). Ein Ziel, wie man es jedem legalen kapitalistischen Unternehmen zuordnen könnte. Allerdings liegen durch die Illegalität des Handels wie oben beschrieben beim Drogenhandel andere Rahmenbedingungen vor, als bei einem legalen Handel. „Aus der Sicht soziologischer Klassiker (z.B. Durkheim 1933; Weber 1976) und der Transaktionskostenökonomik (z.B. Williamson 1985, 1994) müssten sich Unterschiede zwischen legalen und illegalen Märkten auf die Entstehung und Ausgestaltung von Geschäften auswirken.“ (Braun u.a. 2001: 74). Oder wie Krauthausen bemerkt, birgt die Illegalität Gefahren, die sich organisatorisch niederschlagen (vgl. Krauthausen 1997a: 132). Um dies zeigen zu können muss die Struktur der Organisation näher betrachtet werden. Bei der Frage nach der Organisationsstruktur des Narcotràfico[1] driften allerdings die Meinungen schon bei der Frage nach der Größe einer, auf dem illegalen Markt überlebensfähigen, Drogenhandelsorganisation auseinander. Laut Ambos müsste man vermuten, dass der illegale Markt aus Sicherheitsgründen eher „aus zahlreichen kleinen Unternehmen statt aus wenigen großen, leichter zu zerschlagenden ‚Kartellen‘ besteht.“ (Ambos 1997: 333). Gemessen an der Stabilität des Drogenmarktes trotz erzielter Erfolge der internationalen Strafverfolgung bei der Verfolgung einzelner, auch mächtiger Gruppen, geht auch Krauthausen zum einen davon aus, dass illegale Drogenmärkte dazu neigen, „offene, flexible und häufig kleine Organisationsstrukturen und Netzwerke zu begünstigen“ (Krauthausen 1997a: 192). Zum anderen geht er, bei der Betrachtung der Aufgaben, die bei Drogengeschäften aufkommen, wie z.B. Aufbau und Koordination von Lagerstätten, Transportunternehmen, Laboratorien, Kommunikationssystemen, Korruptionsnetzwerken und der Abschottung vor Strafverfolgung, davon aus, dass nur größere und kapitalträchtigere Narcotraficante-Gruppen und nicht Kleinunternehmen diese Aufgaben bewältigen können (vgl. Krauthausen 1997a: 98). Ebenso geht Hess davon aus, dass zu dem Organisations- und Kapitalaufwand nur große Händler in der Lage sind (vgl. Hess 1989: 466). Zu einer möglichen internen Organisationsstruktur sagt Hess jedoch, dass man trotz der Größe von Drogenhandelsorganisationen „nicht von einer Mafia im Sinne einer zentralen Organisation sprechen“ (Hess 1989: 466) kann. Dies belegt er durch die Aussage:

„wie bei den anderen sogenannten (sic!) Mafias (in Südostasien, in Sizilien oder bei den Italo-Amerikanern) (…), haben wir es mit einer ganzen Reihe verschiedener, mehr oder weniger verzweigter, um starke Einzelpersonen oder Kernfamilien herum gruppierter Organisationen zu tun, die zwar gemeinsame Interessen haben und Absprachen treffen können, aber auch heftig untereinander konkurrieren und sich sogar blutig befehden können“ (Hess 1989: 466).

Jedoch gibt er hierzu keine konkreten Beispiele, diese Aussage zu stützen. Nebenbei bemerkt, ordnet Hess hier den Narcotràfico dem selben Organisationstypus wie die sizilianische Mafia zu. Ob diese von Hess beschriebenen strukturellen Merkmale auf die sizilianische Mafia zutreffen ist an anderer Stelle noch zu prüfen.

[...]


[1] Die Bezeichnung „Narcotràfico“ wurde in Kolumbien von der Regierung und der Bevölkerung geprägt für den Handel von Kokain. Schon vorher wurde der Begriff „Traficantes“, was im Deutschen mit „Händler“ übersetzt werden kann, synonym für kolumbianische Diamantenschmuggler und Marihuana-Händler verwendet. Der Zusatz „Narco“ bezieht sich auf berauschende Drogen, wie in diesem Falle das Kokain. (vgl. Krauthausen 1997a: 11-20). Daher wird der Begriff in dieser Arbeit auch zur Bezeichnung des kolumbianischen Drogenhandels verwendet.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Drogenhandel in Kolumbien oder kolumbianische Drogenmafia?
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Die Mafia - Netzwerk und Organisation
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
23
Katalognummer
V89176
ISBN (eBook)
9783638025928
ISBN (Buch)
9783638927017
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Drogenhandel, Kolumbien, Drogenmafia, Mafia, Netzwerk, Organisation
Arbeit zitieren
Christoph Monnard (Autor), 2005, Drogenhandel in Kolumbien oder kolumbianische Drogenmafia?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89176

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