Die Globalisierung aus neomarxistischer Perspektive


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

22 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

2 Das "Empire"
2.1 Konstitution des Weltregimes
2.1.1 Institutionelle Mechanismen
2.1.2 Verändertes Konzept der Souveränität
2.2 Blickwinkel neomarxistischer Rezeption
2.2.1 Tausend Plateaus: Deleuze & Guattari
2.2.2 Die Dispositive Foucaults
2.2.3 Dekonstruktivistisches, Derrida

3 Globalisierung
3.1 Das Alte an deren Prozesshaftigkeit
3.1.1 Renaissance: Genua, Venedig, Florenz
3.1.2 Der Weg vom Sendungsbewusstsein in den Rassismus
3.1.3 Imperialismus, Kolonialismus, (Welt-)Kriege
3.2 Innovationen der Postmoderne
3.2.1 Maschinelle Matrizen & Technokratie
3.2.2 Mediatisierung in der Informationsära

4 Das Rhizom
4.1 Netzwerkmacht in der reflexiven Moderne
4.1.1 Soziales Kapital im Zeichen des Liberalismus
4.1.2 oder die Verwirklichung der proletarischen Weltrevolution?
4.2 Neue, immaterielle Formen der Arbeit
4.2.1 Affektivität
4.2.2 Spontanität
4.2.3 Immanenz

5 Biopolitik & Biomacht - des Rätsels Lösung?
5.1 Die imperiale Strategie
5.2 Die Antwort der Multitude

6 Bibliographie

2 Das "Empire"

Die Welt ist immer noch im Wandel. Und sie ist dies schneller als je zuvor.[1] Warum, oder besser, wie sie sich verändert, wer in dieser Rekonfiguration die Oberhand behält, mit welchen Mitteln und ob es diesen Kräften gelingt, sie auch zu behalten, dies und vieles mehr, möchte diese Arbeit wenigstens skizzenhaft umreißen. Welche Rolle dabei die "Opposition" einnimmt, inwiefern der Versuch, den Giganten Titanen gegenüberzustellen, gelingt und welche Konsequenzen damit für die "Ausweitung der Kampfzone"[2] auf globales Niveau verbunden sind - auch das soll Teil der nachfolgenden Zeilen sein. Insbesondere aber darf man eines nicht vergessen. Freilich spielt gerade hier, trotz aller postulierten Werturteilsfreiheit wissenschaftlichen Vorgehens und entgegen allen Bemühens um Objektivität oder zumindest intersubjektiver Verständlichkeit, wie wohl sonst nirgendwo die "Brille" mit herein, die der geneigte Betrachter aufzuziehen sich traute; und eben jenes Okular ist hier ganz klar das einer Riege neomarxistischer Beobachter. Selbstverständlich beeinflussen Größen wie Sozialisation, Gesinnung & andere Antipathien gerade den politischen Raum wie kein zweites; dass nicht jede These a priori unhaltbar ist, nur weil sie der Feder einer Schule entspringt, die sich freimütig und entgegen jedweder Vorurteile von neoliberaler und neokonservativer Seite an Marx, Engels, Lenin, Trotzki und Konsorten heranwagt und das in einer Zeit, wo der kapitalistische Unterjochungsfeldzug unter dem Banner der Freiheit auch die letzten Winkel dieses Planten seiner Logik, die sprichwörtlich über Leichen geht, dienstbar gemacht hat, eben das Spott und Verachtung kein Grund waren, sich von diesem prekären Gedankengut fernzuhalten - und immer schon musste man hellhörig werden, wo harmlose Bücher derart schamlos stigmatisiert wurden - sollte mit Erfolg gekrönt sein. Denn wer seine Augen vor dem Evidenten verschlossen hält, dem kann evtl. der Forschungsdrang zur Wahrheit hin um die ein oder andere Quintessenz bereichern, die alle Dinge urplötzlich in einem durchaus anderen Licht glänzen lässt. Und das muss nicht immer der zuweilen gleißernisch-trügerische Schein des Geldes sein.

2.1 Konstitution des Weltregimes

2.1.1 Institutionelle Mechanismen

Denn vor allem darauf kommt es dem Empire an. Profit, schwarze Bilanzen, der Rubel muss rollen. Wer aber ist dieses ominöse Imperium der Gegenwart? Denn "die Russen" sind es seit geraumer Zeit ja nicht mehr, sollte der Untergang des Ostblocks dem weltweiten Finanzkonglomerat ja erst so richtig auf die Sprünge helfen. Wer also dann? Die Köpfe der Hydra muss man heutzutage offenbar an anderer Stelle suchen, aber dazu später, schließlich wird der "Schwarze Peter" genau von diesen großzügig verteilt, wenn dem neusten fünffachen Staudammprojekt mal wieder ein paar unbedeutende Dörfer in einem Land ohnehin milliardenschwerer Bevölkerung im Wege stehen, oder die Contras der Medienwirksamkeit und Bequemlichkeit wegen mal wieder mit den Guerilleros[3] aller Länder die Plätze in den Subventionslisten tauschen dürfen. Schon lässt sich das Weltreich etwas präziser lokalisieren: bisweilen ist einem vermutlich der IWF, die Weltbank und natürlich die USA mit oder ohne UNO durch den Kopf geschossen. Doch ebensowenig wie der neueste Trend der Diffamierung des "Landes der unbegrenzten Möglichkeiten" von Kritikern, die hier den großen Stimmenreibach im Populismusroulette wittern, die Problematik vollends auf den Punkt bringt, lassen sich die Schuldigen heute ebensoleicht in Ökonomien des dritten Sektors gegenüber einer Agrargesellschaft der Sahel-Zone vielleicht, oder gar in einem der berüchtigten "Schurkenstaaten" auf der "Achse des Bösen" selbst verorten. In diesem verwirrenden Tohuwabohu lacht sich nämlich vor allem einer ins Fäustchen: "Corporate America" und das ist heute keineswegs mehr amerikanisch. Selbstredend verschachert man auf dem "Big Apple" nach wie vor ganze Viertel an 70er-Jahre-NewDeal-Bauten gegen den neuesten "Superbowl" mit mehreren zehntausend Personen Fassungskraft, panem et circenses, unter Freunden. Das hinwiederum verblasst aber schön langsam vor den über Nacht entstanden "Skylines" in Dubai, Shanghai oder Kuala Lumpur. Während man in der und der Lagune Inseln in Palmenform mit schnieken, aber standardisierten Villen aufschüttet, verhungern die Menschen andernorts zu Hunderttausenden, täglich wie so manche Schätzung besagt. Oder man richtet gar eine Prachtstrasse ein, der man den verheißenden Namen "Orchard Road" gibt, verhängt drakonische Strafen auf das weggeworfene Cellophan vom Kaugummi, paradoxerweise die Verkörperung des "American Dream" und hofft in der Stadtverwaltung die luxuriösen Boutiquen von Luis Vuitton, Prada, Armani, Dolce & Gabbana mögen den Blick doch genügend fesseln, um von den verwahrlosten Hinterhöfen und den Bergen von Unrat drei Blocks weiter abzulenken. Und eben hier ist es, wo die neomarxistische Perspektive abschweift, nachhakt, genauer, exakter hinschaut.

2.1.2 Verändertes Konzept der Souveränität

Dass das Empire mitunter hart, unverhältnismäßig und vor allem himmelschreiend ungerecht strafen kann, wissen wir also bereits. Das tut es aber nicht immer nur auf lokaler Ebene, um ein Exempel am unbeteiligten Passanten zu statuieren. Es braucht einen neuen Feind. So wie man einst Juden, Cinti & Roma, später quasi "den Kommunisten", glücklicherweise meist in kaum vergleichbar minder schrecklicher Form, verteufelte und für all das Unheil verantwortlich zeichnen wollte, dass auf der Menschheit Schultern lastet, war man im Begriff, jetzt die Büchse der Pandora einem anderen unterzuschieben, auf den man dann im passenden Moment zeigen und möglichst öffentlich inszeniert rufen konnte: "Du hast sie geöffnet!" Die Rede ist von dem Terroristen. Weit davon entfernt, Terrorismus schön reden zu wollen, die eigentlich unfassbaren Greuel eines 09/11 zu übersehen, sollte man gleichermaßen davon Abstand nehmen, Fanatismus, Fundamentalismus und Islam zum aktuellen Buhmann der globalen Nation zu machen, geschweige denn allein überhaupt schon so zu verquicken. Ganz genau das ist es aber was das Weltregime tut und braucht, namentlich zu seiner Legitimation. In dem Maße nämlich, wie man mediale Angst schüren kann, sich im noch so kleinen Provinznest in Ohio, dank NRA und "liberaler" (ein Widerspruch in sich) Waffengesetzgebung vor allgegenwärtig drohenden Bombenanschlägen der Muslime dubioser Herkunft, wenigstens aber vor dem zwielichtigen und man braucht kaum hinzuzufügen schwarzen Straßenräuber[4] schützen zu müssen, gibt man dem mutierenden Sicherheitsapparat aller Staaten nur umso mehr Gelegenheit, das neuste Raketenabwehrsystem, die technisch versiertesten biometrischen Erfassungsmechanismen anzuschaffen und im Kanon zwischen Kameras, Detektoren und routinemäßigen Überprüfungen der Personalia einzureihen und anzuwenden. Während auf der vermeintlichen Schattenseite ( des einen Terroristen ist des anderen Freiheitskämpfer) immer "spektakulärere", weil grausamere, Anschläge geplant und trotz aller Maßnahmen, man erinnere sich an Atocha & London, leider auch erfolgreich durchgeführt werden, während man also die Perversionen verbrecherischen Erfindungsreichtums auf ständig gewaltigere Spitzen treibt, um zwischen den beinahe alltäglich gewordenen Exekutionen per Apache-Kampfhubschrauber[5] und dem Missbrauch verblendeter Selbstmordattentäter, überhaupt noch die Reizschwelle der "publicity" zu überwinden, tut sich auf der anderen Seite eben an solchen schauderhaften Ungeheuerlichkeiten wie Passagiermaschinen als Waffe (!) ein in seiner Bedeutung parallel anwachsender Apparat reaktionärer Hypochondrie gütlich. Im Extrem schlägt diese Polizeimentalität dann im ein oder anderen US-Bundesstaat schon einmal in zehnjährige Haftstrafen für Gäste einer privaten Hausparty um, in dem vermutlich eine Haschischzigarette konsumiert wurde, oder derartiges. Von bizarr zu sprechen wäre dabei eindeutig "understatement". Der Disziplinierungs- bzw. seit kurzem Kontrollwahn des "imperialen Reiches" nimmt also sowohl im Großen, wie auch, Abschreckungszwecke hin oder her, im ganz ganz Kleinen mehr als bedenkliche Formen an. Wer das u. A. erkannt hat, sind Hardt & Negri. Vor einer eingehenderen Untersuchung ihrer Ansichten, soll jedoch zunächst deren theoretischer Hintergrund knapp beleuchtet werden.

2.2 Blickwinkel neomarxistischer Rezeption

2.2.1 Tausend Plateaus: Deleuze & Guattari

Allen voran muss man dabei wohl, laut eigener Aussage der o. g. Autoren diesen beiden französischen geistigen Schwergewichte Respekt zollen. Der Philosoph & der ursprünglich aus der Psychiatrie bzw. Psychoanalyse stammende Wissenschaftler, denen Werke wie "Anti-Ödipus" [Antistaat] & "Kapitalismus & Schizophrenie II" zuzuschreiben sind, wollten allen Anscheins nach, vorwiegend ersteres zum Programm machen. Während sie durch Aussagen wie "man muss wie Gras sein"[6] brillierten, ein Imperativ übrigens, dem sich durchaus nicht zu vernachlässigender Sinn zuordnen lässt, d. h. auf neue Lokalitäten verweisen, auf die Vielfalt einer Wiese, in ihren unzähligen Lebensformen, vielleicht auch ein Stück weit auf eine Imitatio der Natur. Man merkt schon an Zitaten wie diesen, es ging ihnen wie um sonst nichts darum, verknöcherte Strukturen (anfangs nur die ihres Fachgebietes) aufzubrechen, vielleicht so wie der Löwenzahn den industriellen Teer der Autobahn, ein Heiligtum übrigens der industriekapitalistischen Epoche, denn eine der wenigen Stellen, an denen man wenigstens hierzulande noch jenseits allen Reglements "so richtig aufs Pedal treten kann". Gras sein spielt sich also sozusagen zwischen den teilweise gesetzlich stark überdeterminierten Bereichen des Daseins ab, es ist organisch und es entfaltet Sprengwirkung, die auch die stärksten Ketten technologischer Rafinesse & Tücke porös und schwach aussehen lassen kann. Ob es den Ordnungskräften des hegemonialen Regimes deswegen von Zeit zu Zeit so wichtig ist, das Betreten des Rasens zu verbieten, sei dahingestellt. Die Energien des puren, rohen, ungebändigten Lebens jedenfalls dringen damit potentiell in jeden noch so unscheinbaren Fügungsbruch und entwickeln dort in ihrer Zügellosigkeit das, was die "mechanische Perfektion" immer schon verbieten will - weil es sich ihrer Macht entzieht. Doch es ist Vorsicht geboten, wenn man sich so weit in die Tiefenregionen wagt, wo Realität & Traum den Stoff des Seins selbst berühren, hantiert man hier, oder sollte man sagen pfuscht, doch mit nichts weniger als der Balance der Dinge selbst herum, ein Rat den das Empire evtl. beherzigen hätte sollen, bevor es die Atombome, den biologischen Kampfstoff und die chemische Waffe erfand, um nur die fürchterlichsten Beispiele zu nennen, wie man sich mehr schlecht als recht zum Herren der Schöpfung erhebt. Nicht umsonst verweisen die beiden auf den "gebrochen dimensionalen Raum"[7], der dann eben nicht unsere gewohnten drei, seit Einstein womöglich vier besitzt, sondern je nach mathematischer Proportion des entsprechenden Idealmodells z. B. 1,27 mit all seinen m. E. für die Kognition unabsehbaren Folgen. Bewegt man sich hier also an der Grenze von Natur und Technik, mehr dem einen als dem anderen zugeneigt? Sind solche experimentellen Designs nicht selbst wieder nur Ausdruck unserer Hybris? So oder so, weder die sich anbahnende, eigentlich schon eingetretene, Klimakatastrophe, noch die Gerüchte die sich um die mittlerweile mögliche Verwendung des Genoms ranken, verheißen hier eine ausnahmslos goldene Zukunft.

[...]


[1] Die Frühphase der Globalisierung (s.u.) schildert u. a. Nadolny und rät uns zur Entschleunigung.

[2] Michel Houellebecq liefert eine formidable Schilderung von Kapitalismus, Schizophrenie und den Belastungen einer Psyche, treibend im totalen Kontrollverlust der freien Marktwirtschaft.

[3] Ein bewundernswertes Beispiel piemontesischen Widerstands im NS-Moloch bei Eco, loc. cit., dessen ethisch gebotene Ausnahmeerscheinung, obwohl Platzhalter, weil halbfiktional, die Regel bestätigt, wie belanglos Renitenz in anderen Fällen sein kann; man denke an Kolumbien, deren lediglich dem Namen nach diametral entgegengesetzte Milizen sich beinahe bis aufs letzte Quäntchen gleichen. Auch in Jugoslawien oder Ruanda schrieb man sich die nationale Liberation im Dienste des Genozids auf so manches Freischärlerbanner.

[4] Der Journalist Michael Moore ("Bowling for Columbine", "Fahrenheit 9/11") weist uns in einem seiner Filme darauf hin, dass in Reality-Shows wie "Cops im Einsatz" oder dergleichen, Verbrecher immer Schwarze sind. Auf die Frage an den Regisseur, ob er nicht eine Staffel gegen Wirtschaftskriminalität im höheren Management initiieren/begleiten möge, entgegnet dieser, es sei eben nicht so spannend, wie live-Verfolgungen im Fernsehhubschrauber.

[5] Dass das Empire "state of the art"-Waffensystemen ausgerechnet indianisch besetzte Namen gibt, finde ich mehr als abgeschmackt, z. B. außerdem Navaho-, Tomahawk-Marschflugkörper & Comanche-Helikopter. Wollte man, nomen est omen, mit dem Feind dasselbe anrichten?

[6] Zur Grasmetapher und ähnlichen, Deuleuze & Guattari, loc. cit., S. 33 ff.

[7] ibid., S. 674 ff. die Koch-Kurve (1,261859) & der Menger-Schwamm (2,7268)

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Globalisierung aus neomarxistischer Perspektive
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Karl Marx als politischer Denker, oder: what ist left?
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
22
Katalognummer
V89205
ISBN (eBook)
9783638026109
ISBN (Buch)
9783638925235
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit versucht Thesen insbesondere von Hardt &amp, Negri, aber auch Deleuze, Guattari, Foucault, Derrida u. a. zu rezipieren und kritisch im Kontext der jüngeren Phänomene der Globalisierung, wie neuartig diese dann auch insgesamt sein mag, zu diskutieren.
Schlagworte
Globalisierung, Perspektive, Karl, Marx, Denker, Hardt, Negri, Empire
Arbeit zitieren
Oliver Köller (Autor), 2007, Die Globalisierung aus neomarxistischer Perspektive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89205

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