Der Terminus der Globalisierung wird neuerdings inflationär gebraucht. Aber wie neu ist sie eigentlich, welche wertgeladenen Tendenzen trägt dieser Begriff (Stichwort: Washington Consensus) und was wird dabei verdrängt, am Elend der Welt, kurz: den Schattenseiten dieses vermeintlich heilsbringenden Prozesses? Und diese mehr als problematischen Facetten sind selten von den angestrengten "policy"-Kursen unabhängig. So zumindest behaupten einige Autoren und bezogen auf vielfältige Art Stellung, allen voran Hardt und Negri im "Empire. Die neue Weltordnung" und stützen sich auch auf ihre französischen "Genossen" und damit nicht zuletzt: auf Marx. Wo dieser im sich verflechtenden, sich vernetzenden, sich beschleunigenden Globus auftaucht und wo, in seinem Geiste, dieser "evolutionäre Sprung" die Gefahren des regredierenden Absturzes mit sich bringen kann; das soll hier grob anhand der einschlägigen Argumentationsstränge verfolgt und versuchsweise andiskutiert werden. [...] Die Welt ist immer noch im Wandel. Und sie ist dies schneller als je zuvor. Warum, oder besser, wie sie sich verändert, wer in dieser Rekonfiguration die Oberhand behält, mit welchen Mitteln und ob es diesen Kräften gelingt, sie auch zu behalten, dies und vieles mehr, möchte diese Arbeit wenigstens skizzenhaft umreißen. Welche Rolle dabei die "Opposition" einnimmt, inwiefern der Versuch, den Giganten Titanen gegenüberzustellen, gelingt und welche Konsequenzen damit für die "Ausweitung der Kampfzone" auf globales Niveau verbunden sind - auch das soll Teil der nachfolgenden Zeilen sein. Insbesondere aber darf man eines nicht vergessen. Freilich spielt gerade hier, trotz aller postulierten Werturteilsfreiheit wissenschaftlichen Vorgehens und entgegen allen Bemühens um Objektivität oder zumindest intersubjektiver Verständlichkeit, wie wohl sonst nirgendwo die "Brille" mit herein, die der geneigte Betrachter aufzuziehen sich traute; und eben jenes Okular ist hier ganz klar das einer Riege neomarxistischer Beobachter. Selbstverständlich beeinflussen Größen wie Sozialisation, Gesinnung & andere Antipathien gerade den politischen Raum wie kein zweites; dass nicht jede These a priori unhaltbar ist, nur weil sie der Feder einer Schule entspringt, die sich freimütig und entgegen jedweder Vorurteile von neoliberaler und neokonservativer Seite an Marx, Engels, Lenin, Trotzki und Konsorten heranwagt und das in einer Zeit, wo der kapitalistische Unterjochungsfeldzug unter dem Banner der Freiheit auch die letzten Winkel dieses Planten seiner Logik, die sprichwörtlich über Leichen geht, dienstbar gemacht hat, eben das Spott und Verachtung kein Grund waren, sich von diesem prekären Gedankengut fernzuhalten - und immer schon musste man hellhörig werden, wo harmlose Bücher derart schamlos stigmatisiert wurden - sollte mit Erfolg gekrönt sein. Denn wer seine Augen vor dem Evidenten verschlossen hält, dem kann evtl. der Forschungsdrang zur Wahrheit hin um die ein oder andere Quintessenz bereichern, die alle Dinge urplötzlich in einem durchaus anderen Licht glänzen lässt. Und das muss nicht immer der zuweilen gleißernisch-trügerische Schein des Geldes sein.
Inhaltsverzeichnis
2 Das "Empire"
2.1 Konstitution des Weltregimes
2.1.1 Institutionelle Mechanismen
2.1.2 Verändertes Konzept der Souveränität
2.2 Blickwinkel neomarxistischer Rezeption
2.2.1 Tausend Plateaus: Deleuze & Guattari
2.2.2 Die Dispositive Foucaults
2.2.3 Dekonstruktivistisches, Derrida
3 Globalisierung
3.1 Das Alte an deren Prozesshaftigkeit
3.1.1 Renaissance: Genua, Venedig, Florenz
3.1.2 Der Weg vom Sendungsbewusstsein in den Rassismus
3.1.3 Imperialismus, Kolonialismus, (Welt-)Kriege
3.2 Innovationen der Postmoderne
3.2.1 Maschinelle Matrizen & Technokratie
3.2.2 Mediatisierung in der Informationsära
4 Das Rhizom
4.1 Netzwerkmacht in der reflexiven Moderne
4.1.1 Soziales Kapital im Zeichen des Liberalismus
4.1.2 oder die Verwirklichung der proletarischen Weltrevolution?
4.2 Neue, immaterielle Formen der Arbeit
4.2.1 Affektivität
4.2.2 Spontanität
4.2.3 Immanenz
5 Biopolitik & Biomacht - des Rätsels Lösung?
5.1 Die imperiale Strategie
5.2 Die Antwort der Multitude
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Struktur des gegenwärtigen "Empire" und analysiert, wie neomarxistische Theorien zur Interpretation der globalen Machtverhältnisse, der Technokratie und der Informationskontrolle beitragen können, um schließlich das Potenzial einer emanzipatorischen Gegenbewegung der "Multitude" zu beleuchten.
- Neomarxistische Analyse des globalen Imperialismus
- Die Rolle von Biopolitik und Überwachungstechnologien
- Strukturen der modernen Netzwerkmacht und Kapitalakkumulation
- Potenziale für Widerstand durch die Multitude
Auszug aus dem Buch
2.1.2 Verändertes Konzept der Souveränität
Dass das Empire mitunter hart, unverhältnismäßig und vor allem himmelschreiend ungerecht strafen kann, wissen wir also bereits. Das tut es aber nicht immer nur auf lokaler Ebene, um ein Exempel am unbeteiligten Passanten zu statuieren. Es braucht einen neuen Feind. So wie man einst Juden, Cinti & Roma, später quasi "den Kommunisten", glücklicherweise meist in kaum vergleichbar minder schrecklicher Form, verteufelte und für all das Unheil verantwortlich zeichnen wollte, dass auf der Menschheit Schultern lastet, war man im Begriff, jetzt die Büchse der Pandora einem anderen unterzuschieben, auf den man dann im passenden Moment zeigen und möglichst öffentlich inszeniert rufen konnte: "Du hast sie geöffnet!" Die Rede ist von dem Terroristen. Weit davon entfernt, Terrorismus schön reden zu wollen, die eigentlich unfassbaren Greuel eines 09/11 zu übersehen, sollte man gleichermaßen davon Abstand nehmen, Fanatismus, Fundamentalismus und Islam zum aktuellen Buhmann der globalen Nation zu machen, geschweige denn allein überhaupt schon so zu verquicken. Ganz genau das ist es aber was das Weltregime tut und braucht, namentlich zu seiner Legitimation.
In dem Maße nämlich, wie man mediale Angst schüren kann, sich im noch so kleinen Provinznest in Ohio, dank NRA und "liberaler" (ein Widerspruch in sich) Waffengesetzgebung vor allgegenwärtig drohenden Bombenanschlägen der Muslime dubioser Herkunft, wenigstens aber vor dem zwielichtigen und man braucht kaum hinzuzufügen schwarzen Straßenräuber schützen zu müssen, gibt man dem mutierenden Sicherheitsapparat aller Staaten nur umso mehr Gelegenheit, das neuste Raketenabwehrsystem, die technisch versiertesten biometrischen Erfassungsmechanismen anzuschaffen und im Kanon zwischen Kameras, Detektoren und routinemäßigen Überprüfungen der Personalia einzureihen und anzuwenden. Während auf der vermeintlichen Schattenseite ( des einen Terroristen ist des anderen Freiheitskämpfer) immer "spektakulärere", weil grausamere, Anschläge geplant und trotz aller Maßnahmen, man erinnere sich an Atocha & London, leider auch erfolgreich durchgeführt werden, während man also die Perversionen verbrecherischen Erfindungsreichtums auf ständig gewaltigere Spitzen treibt, um zwischen den beinahe alltäglich gewordenen Exekutionen per Apache Kampfhubschrauber und dem Missbrauch verblendeter Selbstmordattentäter, überhaupt noch die Reizschwelle der "publicity" zu überwinden, tut sich auf der anderen Seite eben an solchen schauderhaften Ungeheuerlichkeiten wie Passagiermaschinen als Waffe (!) ein in seiner Bedeutung parallel anwachsender Apparat reaktionärer Hypochondrie gütlich.
Zusammenfassung der Kapitel
Das "Empire": Einleitende Betrachtung der globalen Machtverhältnisse und der Rolle neomarxistischer Ansätze bei der Untersuchung zeitgenössischer politischer Strukturen.
Globalisierung: Historische Herleitung der Prozesshaftigkeit globaler Machtausweitung von der Renaissance über Kolonialismus und Imperialismus bis zur modernen Informationsgesellschaft.
Das Rhizom: Analyse der vernetzten Machtstrukturen in der Moderne und der neuen Formen immaterieller Arbeit, die das traditionelle Verständnis von Kapital und Arbeit herausfordern.
Biopolitik & Biomacht - des Rätsels Lösung?: Untersuchung der imperialen Kontrollmechanismen und der Gegenstrategien der Multitude als organisierte Basisbewegung.
Schlüsselwörter
Empire, Neomarxismus, Globalisierung, Biopolitik, Biomacht, Multitude, Kapitalismus, Rhizom, Souveränität, Überwachung, Netzwerkmacht, Widerstand, Immaterielle Arbeit, Postmoderne, Ideologiekritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert die Strukturen des gegenwärtigen globalen "Empire" und untersucht mithilfe neomarxistischer Theorien, wie Macht, Überwachung und Kapitalakkumulation in der modernen Informationsgesellschaft funktionieren.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder umfassen die Geschichte der Globalisierung, die Transformation der Souveränität durch Biopolitik, die Funktionsweise von Netzwerkmacht sowie die Analyse neuer Arbeitsformen.
Was ist die primäre Forschungsfrage des Autors?
Es geht um die Frage, wer in der globalen Rekonfiguration die Macht hält, wie diese gesichert wird und inwiefern die "Opposition" in Form der Multitude eine tragfähige Gegenstrategie entwickeln kann.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Der Autor nutzt eine neomarxistische Perspektive und bezieht sich auf theoretische Ansätze von Autoren wie Deleuze, Guattari, Foucault und Hardt & Negri, um aktuelle gesellschaftliche Phänomene zu dekonstruieren.
Was steht im inhaltlichen Hauptteil der Ausarbeitung?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Analyse der Globalisierung, die Untersuchung der rhizomatischen Netzwerkmacht und die Erörterung von Biopolitik als Instrument der imperialen Kontrolle.
Welche Schlagworte charakterisieren diese Analyse am besten?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Empire, Biopolitik, Biomacht, Multitude, Rhizom und neomarxistische Kritik geprägt.
Warum wird das Konzept der Souveränität in diesem Kontext als "verändert" bezeichnet?
Der Autor argumentiert, dass das Empire Souveränität nicht mehr klassisch ausübt, sondern durch die Konstruktion von Feindbildern wie dem "Terroristen" und die Implementierung biopolitischer Kontrollmechanismen legitimiert.
Was ist unter der "Multitude" zu verstehen, von der der Autor spricht?
Die Multitude wird als eine sich spontan organisierende Kraft verstanden, die sich der imperialen Logik entzieht, indem sie lokale Potenziale vernetzt und nachhaltige, menschliche Alternativen jenseits der reinen Profitmaximierung schafft.
- Quote paper
- Oliver Köller (Author), 2007, Die Globalisierung aus neomarxistischer Perspektive, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89205