Wie an keinem anderen Datum in der Geschichte der Bundesrepublik entzünden sich an dem Jahr 1968 und den von ihm repräsentierten gesellschaftlichen Umbrüchen extrem polarisierte und polarisierende Auseinandersetzungen und Ansichten. Die einen sehen in „68“ ein Jahr des Aufbruchs, das der Bundesrepublik einen umfassenden Modernisierungs- und Liberalisierungsschub brachte. Kritiker jedoch machen die „68er“-Bewegung für Autoritätsschwäche und Werteverfall innerhalb der Gesellschaft und damit letztlich für alles verantwortlich, was ihrer Meinung nach in Deutschland schief läuft, bis hin zu dem grassierenden Rechtsextremismus in den neunziger Jahren. Auch in der Frage, ob es sich bei „1968“ um einen reinen Generationenkonflikt oder um eine soziale Bewegung mit ernsthaften politischen Anliegen gehandelt hat, herrscht Uneinigkeit – selbst in der Wissenschaft. [...] In der Geschichtswissenschaft besteht jedoch mittlerweile Übereinstimmung darin, dass die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit bereits Ende der fünfziger Jahre begonnen hat. Die „68er“ hätten die bereits im vollen Gange befindliche Debatte nur aufgegriffen, intensiviert und letztlich eskaliert. Auch was den Umgang mit dem Holocaust betrifft, stellt die gesamte für diese Arbeit herangezogene Forschungsliteratur in ungewöhnlicher Einhelligkeit den „68ern“ ein schlechtes Zeugnis aus.
Diese Tatsache ist irritierend genug, um zu fragen, was für eine Rolle die NS-Vergangenheit für die „68er“-Bewegung gespielt hat und welche Faktoren und Entwicklungen denn zu der von den Historikern diagnostizierten Eskalation in der Auseinandersetzung um die NS-Vergangenheit geführt haben. Abschließend stellt sich dann die Frage nach dem Anteil, den die „68er“ wirklich an der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Geschichte hatten und ob das Urteil von einer zweiten Verdrängung des Holocaust tatsächlich zutrifft.
Zu Beginn ist es erforderlich darzulegen, auf welchem Stand sich die westdeutsche „Vergangenheitsbewältigung“ befand, als sich die Protestbewegung in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre zu formieren begann und sich die Thematik aneignete. Darauf folgt ein knapper aber unverzichtbarer Überblick über die theoretischen Grundlagen der Faschismusinterpretation der Bewegung und daran anschließend eine Darstellung des zeithistorischen und gesellschaftlichen Hintergrundes, vor dem sich diese Faschismusdebatte vollzog und der sich aus ihr ergebenden Folgen für den Umgang der APO mit der jüngeren deutschen Vergangenheit
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Verdrängung und Bewältigung: Die NS-Vergangenheit in den westdeutschen Diskursen bis Mitte der sechziger Jahre
3. Die nationalsozialistische Vergangenheit und die „68er“-Bewegung
3.1 Theoretische Grundlagen der Faschismusinterpretation
3.2 Radikalisierung und Eskalation der NS-Debatte im Laufe der Revolte von „68“
4. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch die Rolle und den Beitrag der „68er“-Bewegung zur Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit in der Bundesrepublik Deutschland. Ziel ist es zu analysieren, inwiefern die Protestbewegung die NS-Debatte tatsächlich vorangebracht hat oder ob durch Instrumentalisierung und faschismustheoretische Vereinfachungen eine „zweite Verdrängung“ des Holocaust stattgefunden hat.
- Die Entwicklung des gesellschaftlichen Umgangs mit der NS-Vergangenheit seit den 1950er Jahren
- Die theoretische Auseinandersetzung der Neuen Linken mit Faschismus und Nationalsozialismus
- Die Radikalisierung der NS-Debatte innerhalb der Studentenbewegung infolge gesellschaftlicher Konflikte
- Die Instrumentalisierung von NS-Vergleichen als rhetorisches Kampfmittel im politischen Diskurs
- Das ambivalente Verhältnis der „68er“ zum jüdischen Staat und die Entstehung eines linken Antizionismus
Auszug aus dem Buch
Die nationalsozialistische Vergangenheit und die „68er“-Bewegung
Die Diskussion über die NS-Zeit wurde also bereits seit einigen Jahren lebhaft geführt, als die Studentenbewegung das Thema aufgriff und in der Folge der Ton der Debatte zunehmend schriller wurde. Dabei hatte die Auseinandersetzung auch der jungen Generation mit diesem Teil der deutschen Geschichte durchaus konstruktiv begonnen. Es fing damit an, dass Studenten nach der Rolle der Wissenschaft und daran anknüpfend ihrer Professoren im „Dritten Reich“ fragten. Das studentische Engagement - unterstützt von liberalen Publizisten - führte ab dem Wintersemester 1964/65 an mehreren Universitäten zu Vorlesungsreihen, in denen erstmals die Verstrickungen einzelner wissenschaftlicher Fachrichtungen in den Nationalsozialismus thematisiert wurden. Allerdings beteiligten sich gerade die weniger belasteten Disziplinen an diesem Aufarbeitungsversuch. Dieser Umstand ebenso wie die vom SDS als unbefriedigend empfundenen Ergebnisse der Vorlesungen löste zwar eine scharfe Kritik aus, die sich vor allem auf die personellen Kontinuitäten innerhalb der Universitäten konzentrierte. Sie bewegte sich jedoch noch im üblichen Rahmen einer intensiv geführten Diskussion. Es mussten also im Laufe der Zeit verschiedene Faktoren zusammengewirkt haben, die die Diskussion um die NS-Vergangenheit letztlich eskalieren ließen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die polarisierten Ansichten über die „68er“-Bewegung und stellt die Forschungsfrage nach ihrem tatsächlichen Beitrag zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit.
2. Verdrängung und Bewältigung: Die NS-Vergangenheit in den westdeutschen Diskursen bis Mitte der sechziger Jahre: Dieses Kapitel zeichnet den Wandel vom Opfermythos hin zu einer kritischen Auseinandersetzung mit NS-Funktionseliten in der bundesdeutschen Gesellschaft nach.
3. Die nationalsozialistische Vergangenheit und die „68er“-Bewegung: Der Hauptteil analysiert die theoretischen Faschismuskonzepte der Neuen Linken und die zunehmende Radikalisierung der NS-Debatte durch die Studentenbewegung.
4. Fazit: Das Fazit resümiert, dass die „68er“ den Holocaust eher derealisierten und die NS-Vergangenheit primär zur Kritik der politischen Gegenwart instrumentalisierten, auch wenn sie zur dauerhaften Präsenz der Thematik beigetragen haben.
Schlüsselwörter
68er-Bewegung, Nationalsozialismus, Vergangenheitsbewältigung, Faschismus, Holocaust, Neue Linke, Studentenbewegung, APO, Totalitarismustheorie, autoritärer Charakter, Antisemitismus, Antizionismus, Notstandsgesetze, Radikalisierung, Instrumentalisierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Auseinandersetzung der „68er“-Generation mit der nationalsozialistischen Vergangenheit in der Bundesrepublik Deutschland.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die Entwicklung des deutschen Vergangenheitsdiskurses, die Faschismustheorien der Neuen Linken, die Radikalisierung der studentischen Proteste und der Umgang mit dem Holocaust sowie dem Staat Israel.
Was ist die primäre Forschungsfrage des Autors?
Die Arbeit untersucht, ob die „68er“ tatsächlich einen maßgeblichen Beitrag zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit geleistet haben oder ob sie durch eine Instrumentalisierung des Faschismusbegriffs zu einer „zweiten Verdrängung“ des Holocaust beitrugen.
Welche methodische Herangehensweise wird in der Arbeit verwendet?
Die Autorin nutzt eine historisch-analytische Methode, die auf der Auswertung relevanter Forschungsliteratur und zeitgenössischer Diskurse basiert.
Was wird schwerpunktmäßig im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert, wie die „68er“ theoretische Grundlagen zur Faschismusinterpretation adaptierten und wie Ereignisse wie der Tod Benno Ohnesorgs zur Eskalation und Banalisierung der NS-Debatte führten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren den Inhalt am besten?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie „68er“-Bewegung, Faschismustheorie, Instrumentalisierung, Holocaust, Vergangenheitsbewältigung und Antizionismus.
Warum kam es laut der Autorin zu einer „zweiten Verdrängung“?
Die Autorin argumentiert, dass durch die Fixierung auf eine „Faschisierung“ der Gegenwart und die Gleichsetzung aktueller politischer Ereignisse mit dem NS-Regime der historische Holocaust zunehmend in den Hintergrund rückte und derealisiert wurde.
Welche Rolle spielte der „Faschismusvorwurf“ in der Debatte?
Er fungierte als rhetorische „Allzweckwaffe“, mit der Gegner diskreditiert wurden, was zu einer heillosen Polarisierung und Entleerung der ernsthaften historischen Aufarbeitung führte.
Wie bewertet die Autorin das Verhältnis der „68er“ zu Israel?
Die Autorin kritisiert das Abdriften der Bewegung in einen linken Antizionismus und Antisemitismus, bei dem der ursächliche Zusammenhang von Holocaust und Staatsgründung Israels ignoriert wurde, um sich der historischen Verantwortung zu entziehen.
- Quote paper
- Tatjana Schäfer (Author), 2007, Allesamt Faschisten? Die „68er“ und die NS-Vergangenheit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89207