The Black Man’s CNN

Rap als politischer und gesellschaftlicher Diskurs


Seminararbeit, 2004
20 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung: Rap als Sprachrohr der Unterdrückten

2. Ghettozentrismus

3. Afrozentrismus

4. Gangsta Rap und Rassismus

5. „Stop the Violence“ und Selbstkritik

6. Conscious Rap

7. Religion

8. Merkmale der Diskursstrategie

9. Schlussbetrachtungen

Bibliographie in alphabetischer Reihenfolge

Diskographie in chronologischer Reihenfolge

1. Einführung: Rap als Sprachrohr der Unterdrückten

„Black Music“ barg über Jahrhunderte das Potential, Unterdrückung und Rassentrennung zu beklagen. Doch erst in den frühen 80er Jahren begannen afroamerikanische Männer in der South Bronx New Yorks, Musik intensiv als Medium zu nutzen, um politische Meinungen zu artikulieren und ein Bewusstsein für soziale Missstände zu schaffen. Die informelle Segregation erwies sich als weitaus hartnäckiger als die gesetzliche, denn der Rassismus war noch tief in den Köpfen der weißen Mehrheit eingegraben. Afroamerikaner blieben weiterhin Opfer gesellschaftlicher Ausgrenzung; Interaktion fand deshalb nur innerhalb der Gruppe statt und führte zur Entstehung einer afroamerikanischen Subkultur.[1]

Vor diesem Hintergrund entstand in den 70er Jahren die Hip-Hop-Kultur als eine Alternative zu den Bandenkriegen der späten 60er Jahre.[2] Sie funktionierte jedoch zuerst lange Zeit nur im Untergrund, wo sich einst rivalisierende Gangs nun gegenseitig Wortgefechte (sogenannte „Battles“) im Sprechgesang lieferten. Diese künstlerischen Wettbewerbe, bei denen es mehr um Schlagfertigkeit und Wortgewandtheit als um Inhalte ging, schränkten die physische Gewalt der Straße ein. Es war jedoch nur eine Frage der Zeit, bis die neue Bewegung auch außerhalb der schwarzen Szene Aufmerksamkeit erhielt.

1979 wurden erste Platten veröffentlicht (allen voran „Rapper’s Delight“ von der Sugarhill Gang), und mit „The Message“ (von Grandmaster Flash and the Furious Five) gerieten schließlich diejenigen, die sich stets nur am Rande der Gesellschaft befanden, zum ersten Mal in das Zentrum weißer Wahrnehmung.

Dieser Hit aus dem Jahre 1982 leitete eine Phase des inhaltlich bestimmten und engagierten Rap ein. Hip Hop wurde zu einer Lebensphilosophie („Hip Hop is not just a music, it is an attitude, it is an awareness, it is a way to view the world.“[3]) und Rap zu einer Ausdrucksform, die Chuck D, Frontmann der Gruppe Public Enemy, Mitte der 80er Jahre zum CNN der schwarzen Bevölkerung („the black man’s CNN“) ernannte. „Rap hat den Schwarzen eine Sprache gegeben.“[4] Da das Fernsehen nur einseitige Informationen lieferte, erfuhren sie beim Hören der Musik erstmals etwas über die Lebensverhältnisse anderer Afroamerikaner.

Chuck D fing mit Radiosendungen an der Uni an. „Wir hatten eigentlich vor, ein Kommunikationsnetz im Land zu organisieren… Unser Ziel [war es], bis zum Jahr 1992 fünftausend schwarze Führer auszubilden, fähige Leute, die in der Lage sein würden, Verantwortung zu tragen und anderen etwas beizubringen.“[5]

Rap wird in den folgenden Jahren für Gruppen wie Public Enemy, Boogie Down Productions und etwas später Dead Prez zum Medium für Botschaften, zum „Message Rap“. Ihr erklärtes Ziel ist es, schwarze Jugendliche in ihrer eigenen Sprache anzusprechen und sie über Themen aufzuklären, die für ihr Leben eine Rolle spielen.

Die Texte dieser Künstler sollen im Folgenden als Grundlage dienen, um den Rap der 80er und 90er Jahre als ein wichtiges Kommunikationsmedium für die Reproduktion und Verbreitung politischer und sozialer Ansichten herauszustellen.[6]

2. Ghettozentrismus

Im Mittelpunkt der Texte der 80er und 90er Jahre steht die Kritik an den Missständen in der US-amerikanischen Gesellschaft. Die Aufhebung der Rassentrennung hat am stereotypen Bild des gewalttätigen und kriminellen schwarzen Mannes nichts geändert. Afroamerikaner fühlen sich nur untereinander als vollwertige Menschen respektiert und grenzen sich so immer weiter in ihren Ghettos von der weißen Dominanzkultur ab.

Der Lebensstil und die Wertvorstellungen in den Armengegenden von Amerika sind zentrale Gesichtspunkte der Texte, denn das Leben im Ghetto ist die einzige prägende Erfahrung der Schwarzen. Der von Arbeitslosigkeit und Kriminalität dominierte Alltag wird unbeschönigt dargestellt und der Überlebenskampf nebst seiner Begleiterscheinungen (Waffen, Gewalt, Prostitution und Gefängnis) zum wiederkehrenden Thema. Einige Künstler belassen es bei der Schilderung dessen, was direkt um sie herum geschieht, andere haben einen weiteren Horizont und nutzen die Texte zu sozialkritischen Zwecken. Sie machen auf die Diskrepanz zwischen den schwarzen Ghettos und den weißen Vorstädten aufmerksam und stoßen die Hörer mit der Nase direkt auf die akuten Probleme.

„The Message“[7] ist der erste Song, der Merkmale dieses Ghettozentrismus[8] aufweist. Er beschreibt die verwahrlosten Straßen des Ghettos ebenso wie die schlechten Zukunftsaussichten der Bewohner:

Broken glass everywhere

People pissing on the streets, you know they just don’t care

I can’t take the smell, I can’t take the noise

Got no money to move out, I guess I got no choice

Das Bewusstsein, kein vollwertiges Leben zu führen, lässt schon in den Jüngsten Wut und Hass anschwellen über diese Ungerechtigkeit:

You grow in the ghetto, living second rate

And your eyes will sing a song of deep hate

Um das kurze Leben im Ghetto zu beschreiben, wird diese Metapher gegen Ende des Songs noch einmal aufgegriffen:

But now your eyes sing the sad sad song

Of how you lived so fast and died so young

Zwischen die Wut mischt sich Neid gegenüber denjenigen, die es besser haben. Jugendliche jagen dem weißen amerikanischen Traum hinterher: „And you wanna grow up to be just like them“. Doch je älter sie werden, desto deutlicher wird die Erkenntnis, dass sie gar nicht die Chance bekommen, aus dem Sumpf des Ghettos auszubrechen

It’s like a jungle sometimes

It makes me wonder how I keep from going under

Um ihre Familien zu ernähren, sehen viele Afroamerikaner den einzigen Ausweg darin, eine kriminelle Laufbahn einzuschlagen. Auch dem lyrischen Ich von „Love’s Gonna Get`cha“ wird die Liebe zur Familie und die Verlockung des schnellen Geldes zum Verhängnis:

So here comes Rob, he’s cold and shivery

He gives me two hundred for a quick delivery

I do it once, I do it twice

Now there’s steak with the beans and rice[9]

Boogie Down Productions nennen einen weiteren Grund für den Teufelskreis, in dem die Schwarzen sich befinden: die skrupellose Brutalität und Korruption der Polizisten.

The police department is like a crew

It does whatever they want to do

[...]

They said, “You owe us some money, you owe us some product

Cause you could be right in the river tied up”

He thought for a second and he said, “What is this?

You want me to pay you to stay in business?”

They said, “That’s right, or you go to prison

Cause nobody out there is really gonna listen[10]

Es stimmt, dass Schwarzen in der amerikanischen Gesellschaft kein Glauben geschenkt wird, schon gar nicht, wenn ihr Wort gegen das eines Polizisten steht. Denn die Polizei genießt in den USA einen autoritären Status, der von niemandem angezweifelt wird. Dead Prez greifen die desolaten Verhältnisse fast 15 Jahre später wieder auf:

The cops stop you just cause you black THAT’S WAR

Run your prints through the system THAT’S WAR[11]

Tatsächlich sind solche unbegründeten Übergriffe auch nach der Jahrtausendwende noch an der Tagesordnung und die Medien formen das Bild vom schwarzen Mann als Täter jeglicher Delikte. Die Debütsingle „Police State“ dreht dieses Bild um und beschreibt ein Täter-Opfer-Schema aus der Sicht der Schwarzen. Der Staat nämlich ist der Täter und unterdrückt mit allen Mitteln die Schwachen der Gesellschaft. Ausgedrückt wird dies mit den negativen Bewertungen „repressive“, „no respect“ und „control“. Die Schwarzen verstehen sich als Opfer.

[...]


[1] Vgl. Albert Scharenberg, „Globalität und Nationalismus im afro-amerikanischen Hip Hop“, S. 20

[2] Vgl. David Toop, „Rap Attack: African Jive bis Global HipHop”, S. 19

[3] aus „Hip Hop Knowledge“, in KRS-One, “The Sneak Attack”, 2001

[4] aus David Dufresne, „Yo! Rap Revolution“, S. 35

[5] ebd., S. 49

[6] Public Enemy und BDP als die Begründer des Message Rap und Dead Prez als aktuellere Vertreter

[7] „The Message”, in: Grandmaster Flash and The Furious Five, „The Message”, 1982

8 Begriff der „ghettocentricity“ Vgl. Albert Scharenberg, „Globalität und Nationalismus im afro- amerikanischen Hip Hop“, S. 24

[9] „Love’s Gonna Get`cha“, in: Boogie Down Productions, „ Edutainment”, 1990

[10] „Illegal Business“, in: Boogie Down Productions, „By All Means Necessary“, 1988

11 „That’s War“, in: Dead Prez, „Turn Off The Radio”, 2002

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
The Black Man’s CNN
Untertitel
Rap als politischer und gesellschaftlicher Diskurs
Hochschule
Universität Siegen  (Sprach-. Liteartur- und Medienwissenschaften)
Veranstaltung
Politische Kommunikation
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
20
Katalognummer
V89214
ISBN (eBook)
9783638028745
ISBN (Buch)
9783638928632
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Black, Man’s, Politische, Kommunikation
Arbeit zitieren
Theresa Henning (Autor), 2004, The Black Man’s CNN, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89214

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