Frühberentungen bei psychischen Erkrankungen

Eine empirische Analyse des Faktors Geschlecht


Magisterarbeit, 2007

88 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Verzeichnis der Tabellen und Abbildungen

1 Einleitung

2 Theoretische Vorüberlegungen
2.1 Geschlecht und Frühberentung
2.1.1 Frühberentung in der Bundesrepublik Deutschland
2.1.2 Frühberentungen und sozioökonomischer Status
2.1.3 Frühberentung und Familienstand
2.1.4 Frühberentung und Erwerbstätigkeit
2.1.5 Fazit: Geschlecht und Frühberentung
2.2 Geschlecht und psychische Störungen
2.2.1 Allgemeine Epidemiologie
2.2.2 Geschlechtsunterschiede bei Depressionen
2.2.3 Geschlechtsunterschiede bei Angststörungen
2.2.4 Geschlechtsunterschiede bei somatoformen Störungen
2.2.5 Geschlechtsunterschiede bei Alkoholstörungen
2.2.6 Geschlechtsunterschiede bei Schizophrenie
2.2.7 Erwerbsarbeit, Geschlecht und psychische Gesundheit
2.2.8 Epidemiologie im Ost-West-Vergleich
2.2.9 Fazit: Geschlecht und psychische Störungen
2.3 Geschlecht und Erwerbsarbeit
2.3.1 Die Entwicklung der Lebensverlaufsforschung
2.3.2 Geschlechtsspezifik von Erwerbsverläufen in Westdeutschland
2.3.3 Erwerbsverläufe im Ost-West-Vergleich
2.3.4 Fazit: Geschlecht und Erwerbsarbeit
2.4 Zusammenfassung

3 Empirische Untersuchung
3.1 Datengrundlage
3.2 Methode
3.2.1 Soziodemographische Merkmale
3.2.2 Epidemiologische Merkmale
3.2.3 Erwerbsbezogene Rentenmerkmale
3.3 Ergebnisse
3.3.1 Frühberentung, Geschlecht und Risikofaktoren
3.3.2 Epidemiologie, Geschlecht und Region
3.3.3 Erwerbsverlauf, Geschlecht und Region
3.4 Diskussion der Ergebnisse
3.4.1 Frühberentung und Risikofaktoren
3.4.2 Frühberentung und Epidemiologie
3.4.3 Frühberentung und Erwerbsarbeit
3.4.4 Stärken und Schwächen der Methode

4 Schlussfolgerungen

5 Anhang

6 Literaturverzeichnis

Verzeichnis der Tabellen und Abbildungen

Tabelle 1: Festlegung der Stichprobe

Tabelle 2: Übersicht allgemeine demographische Merkmale

Tabelle 3: Berentungsalter (gruppiert) nach Geschlecht

Tabelle 4: Erkrankungen nach Geschlecht

Tabelle 5: Rentenmerkmale

Tabelle 6: Alter erster Beitrag (gruppiert) nach Geschlecht

Tabelle 7: Bruttovorjahresverdienst in EUR nach Geschlecht

Tabelle 8: Anteile unverheirateter Personen nach Geschlecht

Tabelle 9: Vergleich der Raten und Verhältnisse zwischen BGS und SUF-EM (Erwerbsminderung) nach Geschlecht

Tabelle 10: Vergleich der Raten und Verhältnisse des SUF-EM nach Geschlecht und Region

Tabelle 11: Vergleich der Raten des SUF-EM- mit dem BGS nach Diagnosen und Region

Tabelle 12: Berentungsalter (Mittelwert) nach Diagnose, Geschlecht & Region

Tabelle 13: Vollwertige Beitragsmonate (Median) nach Diagnose, Geschlecht und Region

Tabelle 14: Altersgruppen (1. Rentenbeitrag) der Frühberenteten mit psychischer Störung nach Geschlecht und Region (Angaben kumuliert)

Tabelle 15: Rentenzahlbetrag (Median) in EUR nach Diagnose, Geschlecht und Region

Tabelle A16: Gruppierung der psychischen Störungen

Tabelle A17: Verteilung der Nebendiagnosen

Abbildung 1: Verteilung der psychischen Störungen in Prozent

Abbildung 2: Kumuliertes Berentungsalter nach Geschlecht und Diagnose

Abbildung 3: Kumuliertes Berentungsalter bei Schizophrenie nach Geschlecht 55

1 Einleitung

Der Übertritt in den Ruhestand ist heute für alle erwerbstätigen Personen ein wichtiger Lebensabschnitt. Die Bedeutung dieses Ereignisses liegt in dem Rückzug aus dem Erwerbsleben, womit gleichzeitig die Herausforderung für eine neue alltägliche Lebensgestaltung besteht.

Gemeinhin wird angenommen, dass der Übergang in die Rente für Frauen weniger problematisch ist als für Männer. Das Argument bezieht sich auf die geschlechtsspezifische Einstellung zur Erwerbstätigkeit. “Men have […] a ‘one-dimensional’ view of life. Work is very important. Women have a more multidimensional perspective […]“ (Einerhand & van der Stelt 2005: 81). Bei Männern stellt die berufliche Tätigkeit folglich einen hohen Identitätsfaktor dar, während Frauen sich zumeist mehreren Dingen (Kindererziehung, Familie und Beruf) gleichzeitig widmen, woraufhin vielfach angenommen wird, Erwerbstätigkeit sei für sie weniger wichtig.

In einer US-Studie konnte gezeigt werden, dass der (Vor-)Ruhestand durchschnittlich zwei Jahre nach der Berentung eher von Männern positiv wahrgenommen wird, wäh- rend sich bei Frauen depressive Symptome einstellen. Frühzeitige Berentung wieder- um verstärkt depressive Symptome vor allem bei Männern (Kim & Moen 2002). Der Ausschluss aus der Berufswelt ist demzufolge für viele Frühberentete mit gesellschaft- licher Exklusion aufgrund fehlender Partizipation am Arbeitsmarkt verbunden.

In einer Schweizer Studie wird darauf hingewiesen, dass beispielsweise der Status der Berufsunfähigkeit ein gering stigmatisierter Status ist - im Gegensatz zu dem der Arbeitslosigkeit (Herzer 2000). Möglicherweise stellt sich zudem nach jahrzehntelanger Erwerbstätigkeit eine Art Gerechtigkeitsempfinden ein, den „Beitrag“ zur Gesellschaft bereits geleistet und damit Anspruch auf eine (vorzeitige) Rente zu haben. Ein häufiger Grund für die Inanspruchnahme des vorzeitigen Ruhestandes ist die Beantragung einer Invalidenrente wegen Erwerbsunfähigkeit. Hierbei ist in Deutschland ein großer Teil auf Erwerbsminderung wegen psychischer Störungen zurückzuführen (Rehfeld 2006). Die Hintergründe sind bisher noch unklar.

In vielen skandinavischen Studien wird untersucht, welche Risikofaktoren mit Frühbe- rentung aufgrund psychischer Störungen verbunden sind (z.B. Manninen et al. 1997; Mansson et al. 1998; Eriksen et al. 1999; Upmark et al. 1999, 2000; Krokstad & Westin 2002; Sorvaniemi et al. 2003). Andere europäische Forschungsarbeiten diskutieren, ob Frauen frühzeitiger als Männer frühberentet werden und welche die möglichen Gründe dafür sind (Dahl et al. 2002, Hank 2004, Einerhand & van der Stelt 2005).

In der Bundesrepublik Deutschland gibt es kaum Forschungsarbeiten, die untersucht haben, warum Menschen eine „Behinderung“ bekommen und aus welchen Gründen sie berentet werden (Viebrok 2003: 198). Die deutschen Studien zu dieser Thematik sind tendenziell ökonomisch und sozialpolitisch ausgerichtet und fokussieren vor allem die Kosten dieser Berentungsform (Siddiqui 1997). Andere Beiträge stellen die Wirk- samkeit von Rehabilitationsverfahren in den Mittelpunkt (Gündel et al. 2003). In einer Vielzahl europäischer Studien zeigt sich, dass sowohl die Diagnostik vor der Begutach- tung als auch die Behandlungsmöglichkeiten nach Diagnosestellung noch nicht ausge- schöpft sind, und dass voll berentete Personen keinen Zugang mehr zu Rehabilitati- onsmaßnahmen erhalten (Apfel & Riecher-Rössler 2005; Friedel et al: 2005, Irle et al. 2006; Isometsä 2000).

Die Bedeutung psychischer Störungen

Innerhalb des deutschen Sozial- und Gesundheitssystems haben psychische Störungen sowohl bei Arbeitsunfähigkeit als auch bei Rehabilitation und Frühberentung eine hohe und in der Tendenz steigende Krankheitsbedeutung. Dies zeigt sich unter anderem darin, dass die Diagnosen psychischer Störungen ambulant wie stationär zunehmen und ein Anstieg an Arbeitsunfähigkeitstagen wegen psychischer Störungen zu verzeichnen ist (Schwartz et al. 2004: 430).

Das Berentungsgeschehen wegen Erwerbsminderung unterliegt einem ähnlichen Trend. Während 1983 nur acht Prozent der Männer und zehn Prozent der Frauen wegen einer psychischen Störung frühberentet wurden, sind es im Jahre 2003 nunmehr 24,5 Prozent der Männer und 35 Prozent der Frauen (Rehfeld 2006: 15). Die Hintergründe sind noch unklar. „Absolut gesehen gibt es zwar keine Hinweise für ein häufigeres Vorkommen psychischer Störungen, die Verschärfung psychosozialer Problemlagen - beispielsweise in Verbindung mit Arbeitslosigkeit - hat aber unter anderem zu einem Wandel der gesellschaftlichen Einstellung gegenüber psychischen Beeinträchtigungen geführt.“ (Irle 2006: 62) Hauptsächlich die Depression steht im Verdacht neue „unerkannte Volkskrankheit Nr.1“ (Spießl 2006: 166) zu sein.

Sämtliche epidemiologische Studien nach dem Zweiten Weltkrieg konnten keine generelle Zunahme seelischer Erkrankungen nachweisen, jedoch zeigen sich kulturübergreifend geschlechtsspezifische Unterschiede in der Epidemiologie psychischer Störungen (vgl. Dohrenwend 1998; WHO 2004).

Unter anderem werden biologische und genetische Unterschiede als eine mögliche Ursache für diese Differenz diskutiert. Beispielsweise wird Hormonen als Einflussgröße im psychischen System eine erhebliche Bedeutung beigemessen. Die gegenwärtige Forschung geht zudem davon aus, dass psycho-soziale Determinanten in Form von Vulnerabilitätsfaktoren eine Rolle spielen. Als Vulnerabilitätsfaktoren werden Ereignis- se oder Lebenslagen bezeichnet, welche die Psyche beeinträchtigen können. Bei der Analyse epidemiologischer Studien werden deshalb häufig Einflussgrößen wie der so- zioökonomische Status, soziale Unterstützung und kritische Lebensereignisse sowie Belastung durch Arbeit in die Auswertung mit einbezogen. Als weitgehend gesicherte Erkenntnis gilt in diesem Zusammenhang, dass Frauen in der Tendenz mehr Vulnera- bilitätsfaktoren ausgesetzt sind, da sie beispielsweise häufiger Opfer von Gewalt wer- den, soziale Benachteiligung erfahren und zudem in einem stärkeren Maße von Dop- pelbelastung betroffen sind (WHO 2004: 15). Andererseits gibt es auch psychiatrische Störungsbilder - wie Abhängigkeitserkrankungen - in denen der Anteil der Männer deutlich überwiegt. Studien, welche diese Zusammenhänge untersuchen, thematisie- ren gegenwärtig rollentypische Copingstrategien und deren Bedeutung in Hinblick auf das Gesundheitsverhalten sowie die Äußerung von Symptomen (Fabian & Becker 2001; Möller-Leimkühler 2005).

Die Bedeutung von Erwerbsverläufen

Die meisten modernen Wohlfahrtsstaaten stehen zurzeit vor der Herausforderung einer immer älter werdenden Bevölkerung und dadurch wachsenden Sozialausgaben insbe- sondere für die Alterssicherung. Obwohl die Lebenserwartung im Allgemeinen zuge- nommen hat, und sich die Lebensbedingungen und der Forschungsstand der Medizin enorm verbessert haben, verbleibt das Mittel der Bevölkerung immer kürzer in der Er- werbsarbeit (vgl. Stattin 2005).

In vielen europäischen Staaten ist insgesamt ein quantitativer Anstieg von Erwerbs- minderungsrenten zu verzeichnen, der vermutlich in dem wachsenden Zustrom an Frauen begründet liegt. Die Zustromraten in den verschiedenen Ländern unterscheiden sich erheblich. In Ländern, in denen die Zustromrate generell relativ hoch ist, ist zum Teil auch eine erhöhte Zustromrate für Frauen zu beobachten. Die Niederlande und Skandinavien haben ein relatives Zustromrisiko von 1,19 bis 1,33 für Frauen, in Deutschland liegt dieser Wert bei 0,51 und wird innerhalb Europas nur von Italien und Österreich unterboten. Als Begründung für die Unterrepräsentation von Frauen in die- sen Ländern wird angegeben, dass sie im Schnitt weniger am Arbeitsmarkt partizipie- ren und dementsprechend weniger Möglichkeiten haben, die Kriterien (eine gewisse Anzahl Entgeltpunkte) für eine Frührente zu erfüllen. Außerdem sind in Deutschland und Österreich beispielsweise die Krankengeldzahlungen nicht so großzügig wie in Norwegen oder den Niederlanden (OECD 2003).

Diese Befunde lassen Rückschlüsse darauf zu, dass die individuellen Entscheidungen zur Frühberentung wegen Erwerbsunfähigkeit nicht allein mit der epidemiologischen Prävalenz von Krankheiten zu erklären sind. Sowohl die Art der Partizipation am Arbeitsmarkt, Arbeitsplatzbedingungen als auch das Berentungssystem an sich schaffen bestimmte Anreize oder Hindernisse in Frührente zu gehen.

In diesem Kontext zeigt sich die Bedeutung soziologischer Zusammenhänge der Biografie- und Lebensverlaufsforschung. „In allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens […] handeln die Menschen aufgrund sozial-kultureller Bedingungen, d.h. gemäß spezifischen sozialen und kulturellen Normen, Werten, Verhaltensmustern usw. […]“ (Reinhold 2000: VII). Diese Bedingungen prägen das Leben der einzelnen Individuen, aber auch bestimmter Personengruppen.

Ein zentrales Untersuchungsfeld der Lebensverlaufsforschung ist die Geschlechtsspezifik von Erwerbsverläufen und die Rolle staatlicher Institutionen. Dabei geht es also auch um die Frage, inwiefern politische Rahmenbedingungen für die Steuerung und Reproduktion von Ungleichheit zwischen männlichen und weiblichen Erwerbsverläufen verantwortlich sind. Daneben ist der gesellschaftliche Wandel - ergo das Aufbrechen konservativer Rollenzuschreibungen und die Pluralisierung von Lebensformen - von immenser Bedeutung. Dies zeigt sich unter anderem in der zunehmenden Erwerbsneigung (deutscher) Frauen (vgl. Schenk & Schlegel 1993: 378).

In der soziologischen Diskussion wurde in den letzten Jahren immer wieder darauf hingewiesen, dass Frauen bei der Partizipation am Arbeitsmarkt Nachteile erfahren, und dass insbesondere Erwerbsverläufe institutionellen Rahmenbedingungen unterlie- gen, die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen verstärken. Die negativen Konse- quenzen des Rückzuges aus dem beruflichen Arbeitsleben kommen häufig erst im höheren Erwachsenenalter zum Tragen. Zum einen stehen Frauen mit dem Ende der intensiven Familienphase vor der Herausforderung der Umorientierung vom „Dasein für andere“ (Sørensen 1990: 307) zum „Dasein für sich selbst“. Zum anderen ist der Wie- dereintritt in den Arbeitsmarkt nach langen Unterbrechungen mit erheblichen Schwie- rigkeiten verbunden. Dies kann psychische Probleme zur Folge haben. Aber auch in der Alterssicherung ergeben sich für Frauen Nachteile, wenn sie eine lückenhafte Er- werbsbiographie aufweisen oder in Teilzeit gearbeitet haben.

Trotz Bildungsexpansion und der Forderung nach Gleichberechtigung bestehen Un- gleichheiten zwischen weiblichen und männlichen Erwerbsverläufen. Die sozial- und familienpolitischen Institutionen der Bundesrepublik orientieren sich am Leitbild des männlichen Familienernährers (Falk 2005: 94) und insbesondere der (in letzter Zeit heftig umstrittene) Erziehungsurlaub verbunden mit einem Mangel an Kinderbetreu- ungsmöglichkeiten institutionalisiert Einschnitte in der Erwerbsbiographie. Ehefrauen sind noch immer die „Zuverdienerinnen“ in der Familie (vgl. Sørensen 1990: 313).

Dies trifft jedoch nur auf einen Teil aller deutschen Frauen zu. Es ist bekannt, dass die Frauenerwerbsquote in der DDR sehr hoch war, weil kontinuierliche Vollzeiterwerbstätigkeit als Norm sowohl für Männer als auch für Frauen galt. Gefördert wurde die Frauenerwerbsarbeit mittels ausgebauter Kinderbetreuungsangebote und zahlreicher familien- und sozialpolitischer Gesetze.

Durch die Wiedervereinigung und den damit einhergehenden strukturellen Verände- rungen, die sich nicht nur, aber vor allem am Arbeitsmarkt bemerkbar machten, sank im Allgemeinen die Arbeitskräftenachfrage und die ostdeutschen weiblichen Erwerbs- verläufe sahen sich mit einer Ent-Standardisierung und erhöhter Diskontinuität konfron- tiert, wobei der Beschäftigungsabbau keineswegs geschlechtsneutral verlief (vgl. Falk 2005: 110). Trotz allgemeiner hoher Arbeitslosigkeit seit dem Jahre 1990 hat sich die Erwerbsneigung ostdeutscher Frauen nicht geändert. Analysen der deutschen Ar- beitsmarktforschung haben gezeigt, dass der Anteil erwerbstätiger Frauen in Ost- deutschland immer noch relativ hoch und Teilzeitarbeit für Frauen im Vergleich zu Westdeutschland weniger verbreitet ist. Zudem nehmen ostdeutsche Frauen den Er- ziehungsurlaub für kürzere Zeit in Anspruch und kehren auch häufiger nach dessen Ablauf in die Erwerbsarbeit zurück (vgl. Falk 2005: 113).

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welche Rolle der Faktor Geschlecht in der Frühberentung aufgrund psychischer Störungen spielt. Kernfragen dieser übergeordneten Fragestellung sind folgende:

- Welche Risikofaktoren stehen im Zusammenhang mit Frühberentung wegen psychischer Störungen?
- Spiegeln sich die geschlechtsspezifischen Unterschiede der Epidemiologie im Frühberentungsgeschehen wegen psychischer Störungen wider?
- Gibt es neben geschlechtsspezifischen Unterschieden auch Ost-West- Unterschiede in Erwerbsverläufen?
- Welche Folgen ergeben sich daraus in der Frühberentung?

In dieser Arbeit werden mithin drei wissenschaftliche Themenbereiche unter Einbeziehung des Faktors Geschlecht miteinander verknüpft: Frühberentung, Epidemiologie und Erwerbsverlauf. In Kapitel 2 werden die gegenwärtigen theoretischen Erkenntnisse dieser Bereiche dargelegt. Als erstes erfolgt ein Überblick über die Aspekte von Geschlecht und Frühberentung (2.1). Der zweite Aspekt, die epidemiologischen Forschungsergebnisse psychischer Erkrankungen, sind Gegenstand des Kapitels 2.2. Anschließend werden Theorien zum Erwerbsverlauf aufgeführt (2.3).

Kapitel 3 umfasst die empirische Untersuchung. Zunächst wird der verwendete Daten- satz, der Scientific Use File über Erwerbsminderungsberentung des Forschungsdaten- zentrums der Deutschen Rentenversicherung, vorgestellt (3.1). Anschließend erfolgt unter Einbeziehung der festgelegten Stichprobe die Beschreibung der Methode (3.2) und die Darstellung der Ergebnisse (3.3). Alle Berechnungen werden mit dem Statis- tikprogramm SPSS ausgeführt. Nach einer umfassenden Diskussion der Ergebnisse (3.4) erfolgen schließlich noch die Schlussbemerkungen (4) und der Anhang sowie das Verzeichnis der zitierten Literatur.

2 Theoretische Vorüberlegungen

Wie soeben erläutert, erstreckt sich die vorliegende Arbeit über drei Themenbereiche: Wege zur Frühberentung, Geschlechtsspezifik von Erwerbsverläufen und die Epide- miologie. Im nachfolgenden Abschnitt „Geschlecht und Frühberentung“ werden die bisherigen Erkenntnisse der Erwerbsminderungsberentung referiert. Dabei werden zunächst die aktuelle Lage der Frühverrentung in Deutschland (2.1.1) sowie mehrere Teilbereiche wie sozioökonomischer Status (2.1.2), Familienstand (2.1.3) und Erwerbs- tätigkeit (2.1.4) auf ihre geschlechtsspezifischen Unterschiede hin untersucht.

In Abschnitt 2.2 erfolgt nach einer Einführung in die allgemeine Epidemiologie (2.2.1) psychischer Störungen die Darstellung der verschiedenen Störungsbilder (2.2.2 bis 2.2.6) sowie Überlegungen zu psychischer Gesundheit und Erwerbsarbeit (2.2.7) und ost-west-spezifischer Epidemiologie (2.2.8).

Schließlich wird in Abschnitt 2.3 die Lebensverlaufsforschung (2.3.1) vorgestellt, mit besonderem Fokus auf Geschlechtsspezifik (2.3.2) sowie regionale Unterschiede (2.3.3) in Erwerbsverläufen.

2.1 Geschlecht und Frühberentung

2.1.1 Frühberentung in der Bundesrepublik Deutschland

Im Jahr 2003 wurden in der Bundesrepublik Deutschland ca. 100.000 Männer und 74.000 Frauen wegen verminderter Erwerbsfähigkeit frühberentet (vgl. Rehfeld 2006). In Deutschland werden Berentungen vor dem 60. Lebensjahr in der Regel ausschließlich bei krankheitsbedingter Erwerbsunfähigkeit gewährt1. Deswegen sind ein schlechter Gesundheitszustand, individuelle Lebensrisiken, Stress, chronische Krankheiten usw. wichtige Prädiktoren für das Frühberentungsrisiko.

Chronische Erkrankungen stehen nach wie vor an der Spitze der Frühberentungsdiag- nosen, wobei sich die Anteile der verschiedenen Krankheitsbilder deutlich verändert haben. Im Zeitraum von 1983 bis 2003 ist im Frühberentungsgeschehen bei Männern der Anteil an Kreislauferkrankungen von 40 auf 16 Prozent gesunken, während der Anteil psychischer Erkrankungen von 8 auf rund 24 Prozent angestiegen ist. Die Früh- berentung bei Frauen unterliegt einem ähnlichen Trend. Kreislauferkrankungen waren im genannten Zeitfenster stark rückläufig (von 37 auf 7 Prozent), der Anteil psychischer Störungen ist von unter 10 Prozent auf die häufigste Berentungsursache mit rund 35 Prozent angestiegen. Des Weiteren wird von einem sinkenden Berentungsalter auf ein Niveau zwischen 49 und 51 Jahren berichtet, wobei Frauen jünger (49,2 Jahre) frühberentet werden als Männer (50,7 Jahre). Zurückzuführen ist dies auf den hohen Anteil psychischer Störungen. Nach Einschätzungen der Deutschen Rentenversicherung ist dieser Trend Folge der „vielfältigen sozio-psychologischen Belastungen der heutigen Zeit […], die sich bei Frauen stärker auswirken.“ (Rehfeld 2006: 16)

Außerdem wurde ein vergleichsweise niedriges Zugangsalter bei der Erwerbsminde- rungsberentung im Osten Deutschlands festgestellt. Nach dem politischen Umbruch in den 1990er Jahren lag das durchschnittliche Frühberentungsalter in den neuen Bun- desländern unter 50 Jahre, während das in Westdeutschland im Mittel 51 Jahre betrug. Allerdings schwankt das Berentungsalter in Ostdeutschland in seiner Ausprägung und ist ein Hinweis auf einigungsbedingte Arbeitsmarktprobleme sowie gesundheitliche Faktoren (Rehfeld 2006; vgl. Börsch-Supan & Schmidt 2001). Inzwischen haben die politischen Restriktionen den Trend zur Frühverrentung gestoppt, wobei grundlegende Änderungen bisher am Fehlen geeigneter Arbeitsplätze für ältere Arbeitnehmer schei- tern (vgl. Ritter 2006: 143).

„Das Wissen um die komplexen ökonomischen Anreize zur Erwerbsminderungsrente ist bis heute unzureichend“ (Viebrok 2004: 43). Medizinische und sozialmedizinische Untersuchungen zur Frühverrentung sind hauptsächlich im skandinavischen Raum durchgeführt worden; es liegen jedoch auch Studien aus anderen Ländern vor. For- schungsfragen in diesem Kontext beziehen sich zumeist auf die Art der Erkrankung, die zur Invalidität geführt hat und deren korrelierenden Faktoren. Anhand der Studien sollen die Risikofaktoren der Frühberentung im Folgenden näher beleuchtet werden.

2.1.2 Frühberentungen und sozioökonomischer Status

Nach Angaben der deutschen Rentenversicherung werden Arbeiterinnen im Mittel mit 47,3 Jahren, weibliche Angestellte in etwa ein Jahr später mit psychischer Störung frühberentet. Bei Männern ist der Trend mit 50,4 Jahren (Arbeiter) gegenüber 51,3 Jahren (Angestellte) ähnlich (Rehfeld 2006). Entsprechend ist davon auszugehen, dass Personen in den unteren sozialen Schichten einem höheren Frühberentungsrisiko ausgesetzt sind als Personen der höheren Schichten.

In Norwegen und Finnland wurde eine Vielzahl an Studien durchgeführt, die das Früh- berentungsrisiko im Zusammenhang mit sozioökonomischen Faktoren erforscht haben. In verschiedenen Studien untersuchten Upmark und Kollegen norwegische Männer mit psychiatrischen Diagnosen und evaluierten dabei deren Risikofaktoren eine Erwerbs- unfähigkeitsrente zu beziehen. Nachweislich ist dabei ein Großteil der Berentungsdiagnosen mit einer Psychose begründet (35 Prozent), aber auch der Anteil an alkoholbedingten Störungen ist mit 23 Prozent nicht zu vernachlässigen (Upmark et al. 1999). Begleitende Risikofaktoren sind zumeist Arbeitslosigkeit nach dem Schulabschluss, geringe emotionale Kontrolle und niedrige Intelligenzwerte.

Mit dem Fokus auf den Zusammenhang von Sozialisationsbedingungen und Frührente bei jungen Männern ist nachgewiesen worden, dass Personen mit niedrigem sozioöko- nomischen Status tendenziell mehr Risikofaktoren ausgesetzt sind, und dass bei deren Söhnen ein Zusammenhang von Alkoholkonsum und Arbeitslosigkeit nach dem Schul- abschluss zu finden ist (Upmark et al. 2001). Alkoholkonsum stellt jedoch nicht zwangsläufig eine Gesundheitsbelastung dar. In der Studie über „Alkoholkonsum und Erwerbsunfähigkeit“ ist belegt worden, dass vollkommene Abstinenz ebenso wie Miss- brauch und Abhängigkeit von Alkohol das Risiko der Erwerbsminderungsberentung erhöhen. Dagegen haben Personen, die wenig bis moderat Alkohol trinken, diesbezüg- lich ein geringeres Risiko. Angesichts dieser Ergebnisse wird deutlich, dass soziale Faktoren erheblich das Erkrankungsrisiko für Alkoholabhängigkeit und damit auch das Erwerbsunfähigkeitsrisiko beeinflussen (Upmark et al. 1998).

Andere Arbeiten aus Norwegen zeigen ebenfalls, dass vor allem geringe Bildung, ein niedriger sozioökonomischer Status sowie ein schlechter Gesundheitszustand das Risiko einer Frühberentung erhöhen. Folglich finden sich unter den Erwerbsminderungsberenteten verhältnismäßig viele Frauen und Männer aus den unteren sozialen Schichten und ältere Menschen über 50 Jahre, sowie Frauen mit hohem sozioökonomischen Status (Krokstad et al. 2002; Krokstad & Westin 2004).

Ähnliche Ergebnisse liegen aus Finnland vor. Untersuchungen über Erwerbsunfähig- keit aufgrund einer Depression zeigen, dass diese Erkrankung überwiegend im Zu- sammenhang mit niedrigem Bildungsstatus, geringer Selbsteinschätzung und Komor- bidität steht (Sorvaniemi et al. 2003, Karpansalo et al. 2004). Es finden sich auch Nachweise für ein erhöhtes Frühberentungsrisiko bei niedrigem sozioökonomischem Status, wenn der Einfluss von anderen Faktoren (z.B. Gesundheitsrisiken oder Ar- beitsbedingungen) kontrolliert wird (Mannsson et al. 1998). Folglich sind mit dem Sozi- alstatus verbundene Stressoren wichtige Prädiktoren im Frühberentungsgeschehen aufgrund einer psychischen Störung.

Da soziologische Wissenschaftsbeiträge von einer „Ungleichstellung der Geschlechter“ ausgehen (Frerichs 2000), muss in diesem Sinne auch der Faktor Geschlecht als Ein- flussgröße Berücksichtigung finden. Entsprechend hat eine US-amerikanische Studie (Wray & Blaum 2001) den Einfluss des Geschlechtes auf das Frühberentungsrisiko thematisiert. Es stellte sich heraus, dass Frauen vor allem wegen Depressionen und Störungen des Bewegungsapparates, Männer dagegen häufiger wegen Krebs oder Herz-Kreislauferkrankungen bzw. Schlaganfall berentet werden. Bei beiden Geschlech- tern war jedoch der Bildungsgrad eine wichtige Einflussgröße. Daran wird ersichtlich, dass Frauen und Männer aufgrund unterschiedlicher Erkrankungen frühberentet wer- den und, dass soziale Faktoren einen Einfluss auf das Morbiditäts- und damit das Be- rentungsrisiko haben.

2.1.3 Frühberentung und Familienstand

Einige Forschungsarbeiten thematisieren den Familienstand bzw. Scheidung als Prädiktor der Frühberentung. Dabei wird zumeist die alte sozialwissenschaftliche Erkenntnis verarbeitet, dass die Ehe bzw. stabile Intimbeziehungen vor allem die Gesundheit der Männer positiv beeinflusst (vgl. Richter 2003: 250).

Blekesaune und Barret (2005) analysierten in einer Längsschnittstudie mit norwegischen Daten die Gesundheitssituation von Geschiedenen und untersuchten, ob dabei auch gesundheitsbezogene finanzielle Unterstützung vom Staat in Anspruch genommen wurde. Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass vor, während und nach der Scheidung die Gesundheit der Eheleute beeinträchtigt ist und, dass Geschiedene im Vergleich zu Verheirateten öfter finanzielle Leistungen wegen Erwerbsunfähigkeit in Anspruch nehmen. Dieser Effekt war besonders stark für junge Männer und ältere Frauen sowie für Personen mit Kindern nachweisbar.

Ähnliche Forschungsergebnisse bestätigen ebenfalls den Zusammenhang zwischen Trennung und Erwerbsunfähigkeit. Die Scheidungsphase kann gesundheitliche Probleme hervorrufen bzw. die Möglichkeit mit Erkrankungen umzugehen reduzieren (verminderte Copingstrategien). Die Ergebnisse zeigen, dass insbesondere psychiatrische Erkrankungen bei Personen in Trennung häufig vorkommen und dies nicht selten in die Erwerbsunfähigkeit führt. Auch nach Kontrolle anderer Variablen wie Alter, Geschlecht und Arbeitsbedingungen bleibt der Zusammenhang bestehen, und es kann davon ausgegangen werden, dass die durch die Scheidung induzierten emotionalen Probleme die Gesundheit so stark in Mitleidenschaft ziehen, dass einer Erwerbstätigkeit nicht mehr nachgegangen werden kann (Eriksen et al. 1999).

Eine US-amerikanische Studie untersuchte Rentenbezieher bezüglich demografischer, bildungs- und krankheitsbezogener Faktoren. Auch hier fanden sich unter den Er- werbsunfähigen signifikant mehr Geschiedene und Verwitwete als unter den „norma- len“ Pensionären. Außerdem fällt auf, dass ein Großteil aller Erwerbsunfähigkeitsrent- ner keinen „High-School-Abschluss“ besitzen (53%) und verhältnismäßig wenig verdie- nen; auch ist der Anteil an Personen mit Migrationshintergrund in dieser Gruppe mit 15 Prozent recht hoch (Mitchell & Phillips 2000).

Folglich sind akute Lebenskrisen und damit verbundene Probleme wichtige Prädiktoren für Erwerbsunfähigkeit. Offenbar lösen Scheidungen häufig Unsicherheiten und Ängste aus, weil sich dabei fast immer die Lebensumstände aller Beteiligten ändern. Auf der einen Seite ergeben sich dadurch emotionale Herausforderungen wie beispielsweise Einsamkeit, Zweifel an den persönlichen Lebenszielen oder Neuorientierung bei den sozialen Kontakten. Auf der anderen Seite sehen sich Geschiedene mit Kindern häufig mit Erziehung und Erwerbstätigkeit doppelt belastet bzw. mit finanziellen Einschrän- kungen konfrontiert. Oftmals fehlen insbesondere Alleinerziehenden Erholungsmög- lichkeiten, da ihre Freizeit und die ökonomischen Ressourcen knapp bemessen sind. Dass psychische Belastung (Stressoren) jedoch nicht notwendigerweise in die Er- werbsunfähigkeit führt, belegen Manninen und Mitarbeiter (1997) in ihrer Forschungs- arbeit. Sie betonen, dass das Invaliditätsrisiko hauptsächlich vom Ausmaß und der Art bestehender Erkrankungen wie Herzbeschwerden, Schäden durch Rauchen usw. mit- bestimmt wird. Dagegen sind gute soziale Einbindung und die Möglichkeit von aktiver Freizeitgestaltung im Sinne von Hobbys protektive Faktoren gegen das frühe Aus- scheiden vom Arbeitsmarkt (Seitsamo 2005).

2.1.4 Frühberentung und Erwerbstätigkeit

Mitunter geht man von einem „sozialen Modell’ aus, welches das Berentungsgeschehen am besten beschreiben kann (Stattin 2005). Es besagt, dass nicht allein die Krankheit oder Behinderung als Indikator der Frühberentung ausreicht, sondern die Funktionsfähigkeit des Arbeitsnehmers im sozialen Kontext des Arbeitsplatzes und des Arbeitsmarktes gesehen werden muss.

Eine finnische Studie evaluierte Prädiktoren der Erwerbsminderungsberentung im Zusammenhang mit Arbeitsbedingungen. Die Befunde zeigen, dass schwere körperliche Arbeit, Arbeit in unbequemen Positionen, lange Arbeitszeiten, Unzufriedenheit usw. mit dem Erhalt einer Erwerbsminderungsrente assoziiert sind. Dagegen reduzieren Supervision oder Kommunikation mit Arbeitskollegen tendenziell das Risiko der Frührente. Dieser Zusammenhang blieb auch nach Kontrolle des sozioökonomischen Status und des Gesundheitsverhaltens bestehen (Krause et al.1997).

Es wurde bereits angedeutet (und wird später noch ausführlicher dargestellt werden), dass Frauen häufig unregelmäßige Erwerbsverläufe aufweisen und entsprechend un- günstige Vorraussetzungen für geradlinige Berufskarrieren haben im Vergleich zu Männern. Auch die Geschlechtstypik der Ausbildung wirkt sich auf die Erwerbstätigkeit von Frauen chancen-differenzierend aus (vgl. Trappe 2006).

Der deutschen Rentenversicherung ist bereits bekannt, dass „Je besser die ‚Karriere- aussichten’ (d.h. das zu erwartende zukünftige Erwerbseinkommen) sind, desto kleiner ist der ökonomische Anreiz, eine Erwerbsminderungsrente zu beantragen“ (Viebrok 2004: 42). Frauen üben zwar in jüngeren Jahren oft eine Vollzeit-Erwerbstätigkeit aus, viele kehren allerdings nach einer Erziehungsphase mit einer Teilzeitbeschäftigung in den Beruf zurück. Dadurch steigt zwar die Versicherungsdauer, aber der Durchschnitt an Entgeltpunkten pro Beschäftigungsjahr sinkt, entsprechend wird die Zurechnungs- zeit niedriger bewertet. Teilweise partizipieren Frauen sogar erst später als zehn Jahre nach Geburt des jüngsten Kindes wieder am Arbeitsmarkt, sodass Lücken in der Versi- cherungsbiografie entstehen, die zu einer noch niedrigeren Bewertung der Zurech- nungszeit führen. Folglich sinken die Rentenanwartschaften bei Frauen höheren Alters etwa ab Mitte 30; die Rentenanwartschaften bei Männern hingegen steigen gemäß ihres kontinuierlichen Erwerbsverlaufs stetig. Unter Berücksichtigung dieser Zusam- menhänge ist es für anfangs voll- und später teilzeitbeschäftigte Frauen aus ökonomi- scher Sicht vorteilhaft, eine Erwerbsminderungsrente möglichst früh zu beginnen (vgl. Viebrok 2004: 44f.).

Es werden mehrere Dimensionen unterschieden, die beim Übergang in den Ruhestand in Betracht gezogen werden müssen: Berufserfahrung, Gesundheitszustand, familiäre Verhältnisse, Arbeitszeit und Altersversorgung (Viebrok 1998: 274). Diese Dimensio- nen hängen miteinander zusammen und beeinflussen sich wechselseitig. Beispielswei- se hat die Arbeitszeit Einfluss auf die Höhe der Altersversorgung, die wiederum vom Gesundheitszustand abhängt. Rehfeld (2006:13) benennt ebenfalls diese eher indivi- duellen Dimensionen, ergänzt sie allerdings durch die makrosoziologische Perspektive, ergo in Abhängigkeit von gesetzlichen Regelungen, Demografie und wirtschaftlichen Einflussfaktoren.

Da die meisten Gesellschaften das „Geschlecht“ mit typisch männlichen und weibli- chen Eigenschaften und Aufgaben assoziieren, sind die staatlichen Institutionen ent- sprechend geprägt. Beispielsweise setzen lebenslaufrelevante Institutionen wie der Arbeitsmarkt eine Rollenteilung voraus, die in der Tendenz erwerbszentrierte männli- che und familienzentrierte weibliche Lebensläufe normiert (vgl. Falk 2005: 30). Demzu- folge ist der Prozess der Frühberentung aufgrund einer krankheitsbedingten Erwerbs- minderung kein geschlechtsneutraler Vorgang. Das Geschlecht des Versicherten spielt sowohl hinsichtlich bestimmter Erkrankungsrisiken als auch bezüglich des Erwerbsle- bens der Versicherten eine erhebliche Rolle. Mit dem so genannten „ Bread-Winner- Modell “ wird gegenwärtig versucht, die geschlechtsspezifischen Unterschiede im Früh- berentungsgeschehen zu erklären. Es besagt, dass weniger das Geschlecht der entscheidende Prädiktor zur Frühberentung ist, sondern eher die Frage für wen es sich lohnt zu arbeiten und wer es sich leisten kann, von der Erwerbsminderungsrente zu leben (vgl. Einerhand & van der Stelt 2005).

In ihrer Studie haben Einerhand und van der Stelt das „Bread-Winner-Modell“ überprüft und kommen zu dem Ergebnis, dass diejenige Person, welche die finanzielle Verantwortung trägt, am ehesten nach einem Krankheitsfall ihre Arbeit wieder aufnimmt. Entsprechend hat sich das Hauptverdiener-Modell bestätigt. Allerdings ist dieser Zusammenhang für Männer stärker als für Frauen. Die Ergebnisse zeigen, dass Männer mit Kindern nach krankheitsbedingten Ausfalltagen eher dazu neigen ihre Arbeit wieder aufzunehmen, Frauen mit Kindern dagegen gehen nach einem längeren Krankheitsausfall seltener wieder ihrer Berufstätigkeit nach.

Es liegen jedoch auch andere Befunde zur Hauptverdiener-These vor. In einer Studie untersuchten norwegische Wissenschaftler das Frühberentungsverhalten von Männern und Frauen einer Kohorte (zwischen 1929 und 1934 Geborene) hinsichtlich Alter, Bil- dungsstatus und anderen Familienmerkmalen. Bei der geschlechtsspezifischen Be- trachtung fällt auf, dass Frauen mit höherer Wahrscheinlichkeit erwerbsunfähig als ar- beitslos werden, während das Gegenteil für Männer der Fall ist. Außerdem werden Frauen tendenziell später frühberentet, d.h. sie arbeiten im Schnitt länger als Männer. Die Ergebnisse zeigen auch, dass Frauen häufiger verheiratet sind und relativ wenig verdienen, vor allem im Vergleich mit ihrem Ehepartner. Für Männer steigt das Risiko einer Erwerbsminderungsberentung, wenn sie allein stehend sind und keine von ihnen finanziell abhängigen Kinder im Haushalt leben, bei Frauen trifft das Gegenteil zu. Un- ter Einbeziehung sozioökonomischer Variablen wie Bildung und Einkommen lässt sich feststellen, dass sie sich protektiv auf das Risiko wegen einer Behinderung frühberen- tet zu werden auswirken. Frauen mit einem hohen Einkommen haben ein sehr gerin- ges Risiko wegen Arbeitsunfähigkeit berentet zu werden. Es stellte sich zudem heraus, dass hohes Haushaltseinkommen negativ mit einer hohen Frühverrentungs- Wahrscheinlichkeit korreliert, während der Partner eines Rentenbeziehers ein hohes Risiko hat, ebenfalls frühberentet zu werden (Dahl et al. 2002). Dieser Zusammenhang bestätigte sich auch in einer finnischen Studie (Seitsamo 2005).

In diesem Kontext werden zwei deutsche Studien interessant, welche Frühberen- tungswege in Deutschland untersucht haben. In einer Studie des Mannheimer For- schungsinstitutes für Ökonomie und demographischen Wandel wurden verheiratete Mütter und Ehefrauen ohne Kind hinsichtlich ihres Frühberentungsverhaltens unter- sucht (Hank 2004). Bei der Analyse wurden lediglich westdeutsche Frauen einbezo- gen, die bis zum vollendeten 52. Lebensjahr gearbeitet hatten. Es zeigte sich, dass Mütter später berentet werden als kinderlose Frauen, wobei der Effekt für „späte“ Mütter besonders deutlich ausfällt. Dabei spielen wahrscheinlich die eben beschriebenen rentensystemabhängigen Faktoren eine Rolle. Mütter unterbrechen zumeist ihre Erwerbstätigkeit zugunsten der Kindererziehung und arbeiten öfter in Teilzeit, woraus sich Nachteile hinsichtlich Beitragszeiten und Entgeltpunkten ergeben. Demzufolge müssen Mütter bis in ein höheres Alter arbeiten als Männer oder kinderlose Frauen, um eine entsprechende Rente zu erhalten.

Dagegen steht ein Befund, der Wege zur Frühberentung für Westdeutschland unter- suchte. Das Ergebnis war, dass insbesondere Frauen die Möglichkeit der Frührente als Ausstieg aus dem Arbeitsmarkt nutzen. Als möglicher Grund wurde die familiäre Dop- pelbelastung verbunden mit einem frühen „Burnout“ genannt (Siddiqui 1997). Festzuhalten bleibt, dass Männer weitgehend dem Leitbild des Hauptverdieners unter- liegen und entsprechend durch möglichst kontinuierliche Erwerbsarbeit das Haus- haltseinkommen sicherstellen. Insbesondere Familienväter nehmen nach Krankschrei- bungen ihren Beruf eher wieder auf als Mütter. Andererseits werden Mütter teilweise nach der intensiven Familien- und Erziehungsphase wieder berufstätig, da sie erst dann die Chance zur beruflichen Selbstverwirklichung ergreifen möchten bzw. können. Ebenso sprechen finanzielle und rententechnische Gründe für eine Fortsetzung der Erwerbstätigkeit.

2.1.5 Fazit: Geschlecht und Frühberentung

Es wird deutlich, dass Frühberentung wegen psychischer Störungen ein häufiger Aus- stiegsweg aus dem Erwerbsleben ist. Insbesondere Frauen werden häufiger und früher als Männer mit einer psychiatrischen Diagnose frühberentet. Gesundheitsbedingte Frühberentung wird jedoch von individuellen Faktoren ganz erheblich mitbestimmt. Beispielsweise hat sich gezeigt, dass neben Arbeitsbedingungen auch die Frühberen- tung des Lebensgefährten im Zusammenhang mit einem hohen Frühberentungsrisiko stehen.

Angesichts der Vielzahl skandinavischer Forschungsergebnisse wird deutlich, dass soziale Faktoren erheblich das Erkrankungsrisiko und damit auch das Erwerbsunfähig- keitsrisiko beeinflussen. Frühberentung bei Männern steht vielfach im Zusammenhang mit niedrigem sozioökonomischem Status (z.B. Upmark 1998, 2001) und Scheidung (z.B. Blekesaune & Barret 2005). Die häufigsten psychiatrischen Berentungsgründe sind Abhängigkeitserkrankungen mit Alkohol sowie schizophrene Psychosen.

Bei Frauen sind die Zusammenhänge nicht so eindeutig und je nach Studie sogar un- terschiedlich. Während einige Studien ein erhöhtes Berentungsrisiko für geschiedene Männer belegen, weisen andere nach, dass es diesbezüglich keinen Geschlechtsun- terschied gibt und geschiedene Frauen gleichermaßen frühberentet werden. Ähnliches gilt für den sozioökonomischen Status. Einerseits lassen sich keine Unter- schiede zwischen den Frauen der Ober- und Unterschicht finden, andererseits schei- nen Frauen mit hohem sozioökonomischen Status tendenziell seltener von Frühberen- tung betroffen zu sein. Bei westdeutschen Müttern ist festgestellt worden, dass sie häu- fig zu „späten Karrieren“ neigen und deshalb seltener frühberentet werden. Andere Wissenschaftler sprechen von der Tendenz der möglichst zeitigen Frühberentung bei (westdeutschen) Frauen aufgrund „familiärer Doppelbelastung“ (Siddiqui 1997). Die referierten Beiträge lassen den Schluss zu, dass beim Versicherten nicht nur das Geschlecht an sich, sondern auch die soziale Rolle und die Möglichkeit der Realisie- rung ausschlaggebend sind. Männer finden ihren Zuständigkeitsbereich fast immer in außerhäuslicher Lohnarbeit und tragen die finanzielle Verantwortung für ihre Familie. Entsprechend haben Väter die Tendenz kontinuierlich zu arbeiten - auch nach krank- heitsbedingten Ausfalltagen. Kinderlose oder geschiedene Männer haben dagegen ein erhöhtes Frühberentungsrisiko.

Auch bei Frauen wird der Austrittszeitpunkt durch die Interaktion von Haushalts- und Berufskontext bestimmt. Insgesamt ergibt sich der Eindruck, dass Frauen mit geringem sozioökonomischem Status ein hohes Frühberentungsrisiko tragen im Vergleich zu Frauen aus den oberen sozialen Schichten. Als Erklärung dient zumeist das Risiko der weiblichen Mehrfachbelastung durch Hausarbeit, Mutterschaft und Erwerb. Der positive Einfluss von Bildung bei Personen mit hohem Sozialstatus im Sinne von bewusster Lebensweise und Bewältigungsstrategien (Coping) scheint angesichts der referierten Ergebnisse evident.

2.2 Geschlecht und psychische Störungen

2.2.1 Allgemeine Epidemiologie

Als psychische Störungen werden in der vorliegenden Arbeit Krankheitsbilder verstan- den, die nach der ‚International Classification of Diseases’ (ICD-10), Kapitel F, der Weltgesundheitsorganisation kodiert wurden. In der Prävalenz psychischer Störungen finden sich kulturübergreifend geschlechtsspezifische Unterschiede. Einen ausführlichen Überblick geben die Zusammenfassungen der epidemiologischen Ergebnisse von Dohrenwend und Mitarbeitern (Dohrenwend et al. 1998). Mit der Re- cherche weltweiter Studien relativieren sich die soziale Umwelt betreffenden Faktoren weitgehend und vom Geschlecht abhängige Effekte werden sichtbar. Interessanterwei- se berichten sie zunächst von Studien, die vor dem zweiten Weltkrieg durchgeführt wurden, und kommen zu dem Ergebnis, dass Frauen häufiger an seelischen Krankhei- ten leiden. In der Nachkriegszeit erhobene Forschungsarbeiten stellten eine erhöhte psychische Morbidität für Männer fest. Als Erklärung dieser Unterschiede wurden vor allem methodische Veränderungen angegeben. Nach Prüfung sämtlicher internationa- ler Bevölkerungsstudien des Zeitraumes 1978 bis 1996, die sich mit psychiatrischen Störungsbildern im Zusammenhang mit Geschlecht befassten, kommen Dohrenwend und Kollegen zu dem Ergebnis, dass in der Gesamtpsychopathologie kein erheblicher Unterschied zwischen den Geschlechtern in Bezug auf schwache psychische Gesund- heit existiert. Das Frauen-Männer-Verhältnis beträgt in der Zwölf-Monats-Prävalenz 1,1 und in der Lebenszeitprävalenz 0,9.

In den westlichen Industrienationen allerdings erkranken Frauen offenbar häufiger als Männer an psychischen Störungen. Zudem nehmen sie öfter psychotherapeutische und psychiatrische Hilfe in Anspruch, sie bekommen häufiger Psychopharmaka ver- schrieben und sie leiden unter anderen Störungen als Männer (Sieverding 1999: 32). In den einzelnen Störungen ergeben sich folgende Geschlechterverhältnisse: von De- pression, Panik- bzw. Angststörungen und somatoformen Störungen sind nahezu zweimal so viele Frauen wie Männer betroffen, Männer erkranken dagegen fast fünf- mal häufiger an Substanz- und an Persönlichkeitsstörungen (Dohrenwend et al. 1998). In einer Publikation der Weltgesundheitsorganisation (WHO 2004) werden ähnliche epidemiologische Befunde präsentiert. In der Darstellung zeigt sich, dass Frauen häu- figer an Depressionen sowie Angststörungen, und junge Frauen besonders an Essstö- rungen erkranken. Junge und erwachsene Männer sind dagegen im Verhältnis mehr als dreimal häufiger prävalent in Abhängigkeitserkrankungen als Frauen. Bei der Schizophrenie ist das Geschlechter-Verhältnis nahezu gleich.

Interessanterweise sind die festgestellten Geschlechterverhältnisse bei Kindern nicht zu finden. Das liegt unter anderem daran, dass bestimmte Störungen wie Substanzstörungen oder Schizophrenie bei Kindern eher unwahrscheinlich sind. An Stelle dessen gibt es typische psychische Störungen bei Kindern, die oft mit Verhaltensauffälligkeiten einhergehen. Laut WHO-Bericht sind Jungen von Störungen wie beispielsweise dem Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom, Lernschwäche und Verhaltensstörung mehr als dreimal so häufig betroffen wie Mädchen.

Andere zahlreiche Feldstudien weisen ebenfalls nach, dass Jungen im Vergleich zu Mädchen etwa doppelt so häufig an psychosomatischen und seelischen Störungen erkranken. In der Pubertät ändern allerdings sowohl die Geschlechterbias als auch die Formen der Störungen. „Der Umschlag im Geschlechterverhältnis beginnt mit einem Gleichstand um das 15. Lebensjahr und ist mit dem 25. Lebensjahr erreicht.“ (Sche- pank 1999: 168)

Studienarbeiten zur Epidemiologie seelischer Erkrankungen belegen, dass sowohl das biologische Geschlecht als auch das sozial konstruierte Geschlecht (Gender2 ) wichtige Prädiktoren für das Gesundheitsverhalten und das Risiko an bestimmten Störungen zu erkranken sind. Die Soziologie psychischer Störungen benannte bis vor wenigen Jahrzehnten vorwiegend soziale Umweltfaktoren als Auslöser für seelische Krankheiten. In vielen Forschungsarbeiten wird dabei der Sozioökonomische Status als bedeutenden Prädiktor für schwache Gesundheit herangezogen3.

Die so genannte Dunedin-Studie, die in den frühen 1970er Jahren in Neuseeland durchgeführt wurde, zeichnet den Zusammenhang zwischen Sozialstatus und Psycho- pathologie nach. Miech und Mitarbeiter (1999) untersuchten in ihrer Längsschnitt- Studie eine Geburtenkohorte (ursprünglich 1037 Kinder) aus Dunedin/Neuseeland in mehreren Wellen vom 3. bis zum 22. Lebensjahr. Relevant für die Erhebung ist der psychopathologische Zustand zum jeweils 15. und 21. Geburtstag und es zeigt sich, dass die Zwölf-Monats-Prävalenz psychischer Erkrankungen zum ersten Messzeit- punkt bei 15 Prozent, beim zweiten Messzeitpunkt bei 40 Prozent liegt. In der Tendenz sind Familien mit geringem sozioökonomischen Status anfälliger für psychische Prob- leme. Man kann demzufolge davon ausgehen, dass es einen Zusammenhang von niedrigem Sozialstatus und erhöhter Prävalenz psychischer Störungen gibt, allerdings sind damit Selektions- und Kausalitätseffekte nicht erklärt und müssen auch je nach Störung differenziert werden. Die Autoren der Dunedin-Studie unterscheiden zwischen internalisierenden Störungen wie Depression und Angst und externalisierenden Stö- rungen, zu welchen Verhaltensstörungen und Aufmerksamkeitsdefizite gehören. Die Resultate belegen, dass externalisierende Störungen einen erheblichen Einfluss auf das Nicht-Erreichen bestimmter Schulabschlüsse haben - im Gegensatz zu den internalisierenden Störungen. Dieser Zusammenhang ist besonders evident beim Auf- merksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom, für die antisoziale Verhaltensstörung kommen sowohl Selektions- als auch Kausalitätseffekte in Frage. Internalisierende Störungen scheinen dagegen eher Folge als Ursache des niedrigen Sozialstatus zu sein. Niedrige Ausbildungsabschlüsse korrelieren hoch mit einer Verschlechterung der Symptomatik bei Angst- und Persönlichkeitsstörungen. Die Autoren vertreten dabei die Ansicht, dass der niedrige Sozialstatus Angststörungen verursacht. Für die Depression konnte weder die Selektions- noch die Kausalitätshypothese nachgewiesen werden. Dass dennoch ein Zusammenhang zwischen niedrigem Sozialstatus und erhöhter Prä- valenz depressiver Erkrankungen besteht, wurde in zahlreichen aktuellen Studien be- legt und wird auch im Folgenden weiter thematisiert. Substanzstörungen und Schizo- phrenie konnten in der Dunedin-Studie - vermutlich wegen des Erkrankungsalters - keine Berücksichtigung finden.

Zusammenfassend kann man dieser Studie entnehmen, dass Verursachungs- und Kausalitätseffekte von psychischen Erkrankungen komplex sind und somit generelle Aussagen über den Zusammenhang von Sozialstatus und Psychopathologie nicht ge- troffen werden können. Im aktuellen soziologischen Diskurs werden neben dem Ein- fluss sozialer Faktoren auch biowissenschaftliche Kausal- und Verlaufsmodelle be- rücksichtigt4.

In den folgenden Abschnitten sollen die angesprochenen psychiatrischen Krankheitsbilder im Einzelnen vorgestellt und in Bezug auf geschlechtsspezifische Prävalenz, Erkrankungsalter und Verlauf näher beleuchtet werden. Zuvor soll jedoch der Bundesgesundheitssurvey (BGS) vorgestellt werden, dessen Ergebnisse in den nachfolgenden Abschnitten Berücksichtigung finden.

Der BGS von 1998/99 ist die einzige epidemiologische Untersuchung aus Deutschland und stellt mit dem Zusatzsurvey „Psychische Störungen“ erstmals repräsentative Daten zum Thema bereit (Jacobi et al. 2004a, Jacobi et al. 2004b, Klose & Jacobi 2004, Bur- ger & Mensink 2003). Die Ergebnisse beruhen auf einer bevölkerungsrepräsentativen Stichprobe von N = 4181 Personen der erwachsenen Durchschnittsbevölkerung im Alter von 18-65 Jahren. In dieser Untersuchung wurden psychische Störungen mit Hilfe eines standardisierten Interviews (CIDI) nach Kriterien des Diagnostic and Statistical Manual (DSM-IV) erfasst, die ein klinisch trainierter Interviewer durchführte. Das DSM- IV ist ein Statistikmanual nach dem in den USA psychische Störungen klassifiziert wer- den.

In die Auswertungen eingeschlossen sind die Prävalenzraten (Vier-Wochen-, Zwölf- Monats- und Lebenszeitprävalenz), ihre Komorbidität sowie soziodemographische und gesundheitsbezogene Einflussfaktoren, unter anderem wurde auch nach regionaler Herkunft (Ost- bzw. Westdeutschland) unterschieden. Im BGS werden die Prävalenzra- ten psychischer Störungen nicht nach Haupt- und Nebendiagnosen differenziert. So- bald Symptomanzahl und -schwere ein gewisses Maß erreicht haben, wird eine Er- krankung angenommen, wodurch ca. zehn Prozent aller befragten Personen mit psy- chischer Störung multimorbid (mehr als drei Diagnosen) sind. Zur Darstellung der Zwölf-Monats-Prävalenzraten wurden die Daten gewichtet nach Geschlecht, Alter so- wie Designfaktoren und entsprechend nach Diagnosen gruppiert. Es ergibt sich ein breites Spektrum an Diagnosen, woraus sich wenige grobe Störungsgruppen zusam- menfassen lassen. Unter Alkoholstörungen zählen beispielsweise sowohl der Miss- brauch als auch die Abhängigkeit von Alkohol. Die Vielzahl von Phobien wird unter „irgendeine Angststörung“ erfasst. Daneben gibt es noch die Gruppen „irgendeine af- fektive“ und „irgendeine somatoforme“ Störung, sowie die „mögliche psychotische“ Stö- rung und „irgendeine Essstörung“, wobei letztgenannte aufgrund des Erkrankungsal- ters kaum im Frühberentungsgeschehen zum Tragen kommt.

In der Gesamt-Psychopathologie kommen Jacobi und Mitarbeiter zu dem Ergebnis, dass Frauen eine zweimal so hohe Prävalenzrate in psychiatrischen Erkrankungen aufweisen - im Gegensatz zu Männern. Als Grund für die hohen Prävalenzraten bei den Frauen vermuten die Autoren, dass typisch weibliche Störungen umfangreicher erfasst worden sind. Soziodemographische Faktoren haben zwar Einfluss auf die Prä- valenz psychischer Störungen, sie wirken jedoch nicht differentiell und können daher keine adäquate Erklärung für die festgestellten Geschlechtsunterschiede liefern.

2.2.2 Geschlechtsunterschiede bei Depressionen

Depressionen gehören zu den affektiven Erkrankungen und bezeichnen Veränderung in Stimmung und Antrieb, wobei sich das Spektrum von der leichten zumeist vorüber- gehenden bis hin zur manifesten schweren Depression erstreckt. Menschen mit einer depressiven Störung leiden unter übermäßig niedergeschlagenen Stimmungslagen verbunden mit Energielosigkeit bis hin zu Suizidgedanken (vgl. Ebner & Fischer 2004). „Depressionen sind weltweit die häufigste Ursache für mit Behinderung gelebte Le- bensjahre.

[...]


1 Ausführliche Erläuterungen zur Erwerbsminderungsberentung sowie ihren rechtlichen Voraussetzungen und Bedingungen finden sich in den Broschüren der DRV Bund 2006.

2 Gender - in Abgrenzung zum biologischen Geschlecht - meint die sozial und kulturell bedingten Verhal- tensweisen und Identitäten von Frauen und Männern sowie das Verhältnis zwischen den Geschlechtern

3 Empirische Ergebnisse und Erklärungsansätze finden sich bei Mielck 2000

4 Hierzu ausführlich bei Richter 2003

Ende der Leseprobe aus 88 Seiten

Details

Titel
Frühberentungen bei psychischen Erkrankungen
Untertitel
Eine empirische Analyse des Faktors Geschlecht
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Soziologie)
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
88
Katalognummer
V89232
ISBN (eBook)
9783638026222
Dateigröße
690 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frühberentungen, Erkrankungen
Arbeit zitieren
Magister Artium Stefanie Rohm (Autor), 2007, Frühberentungen bei psychischen Erkrankungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89232

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