Frauen als Trägerinnen frühmittelalterlicher Kultur


Vordiplomarbeit, 1999

18 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I. Funktionale Ausprägungen weiblich beeinflußter Kultur
1. Kulturelle Relevanz von Frauen auf der Basis des Rezipierens und Sendens von Schrifttexten
2. Kulturelle Relevanz von Frauen auf der Basis des Lesens und Schreibens von Schrifttexten

II. Intellektuell-kreative Ausprägungen weiblich beeinflußter Kultur
1. Künstlerisches Wirken von Frauen auf der Basis des Gestaltens von Schrifttexten
2. Autonomes Wirken von Frauen auf der Basis des Benutzens von Schrifttexten
3. Schriftstellerisches Wirken von Frauen auf der Basis des Verfassens von Schrifttexten

Anmerkungen

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

Bereits im Frühmittelalter stellt eine von Frauen praktizierte Schriftlichkeit keine Ausnahme, sondern vielmehr eine Selbstverständlichkeit dar. Mehr als ihnen bisher von der (älteren) Forschung vielleicht zugestanden wurde, traten Frauen als Rezipierende, Sendende, Lesende, Schreibende, Gestaltende, Benutzende und Verfassende von Schriftstücken in der frühmittelalterlichen Gesellschaft in Erscheinung.

Ausgehend von einem anhand zweier Quellen1 dokumentierten Briefwechsel zwischen Bonifatius (Winfried; 672/675 - 05.06.754) und Eadburg, Äbtissin des Kenter Marienklosters "Beata Dei Genetrix Maria" (gestorben ca. 751)2, der vermutlich den Jahren 735/736 entstammt3, soll im folgenden die Bedeutung von Frauen als Trägerinnen frühmittelalterlicher Kultur, dabei besonders der Schriftkultur, aufgezeigt werden. Während die Quellengrundlage direkte Hinweise auf die Tätigkeiten von Frauen als Rezipientinnen und Senderinnen, Leserinnen und Schreiberinnen sowie Gestalterinnen von Texten geben kann, läßt sich die tatsächliche Benutzung von Schriftstücken durch Frauen sowie weibliche Verfasserschaft immerhin mittelbar erschließen. Dabei soll der Beitrag von Frauen zur frühmittelalterlichen Kultur am dafür wohl maßgeblichsten Bereich, der Schriftlichkeit, aufgezeigt, in ihren funktionalen und ihren intellektuell-kreativen Ausprägungen unterschieden und sowohl in rein methodisch-quantitativer als auch in qualitativer Hinsicht untersucht werden. Ferner sollen die hierbei angestellten Beobachtungen vor dem Hintergrund der jeweiligen sozialen Stellung der Frau gesehen und im Verhältnis zu den Leistungen männlicher Gelehrter bewertet werden.

Ziel dieser Arbeit ist es, den bislang vielleicht unterbewerteten Anteil von Frauen an der Kultur des Frühmittelalters herauszuarbeiten und in (nach vorherrschender Meinung) männlich dominitierten Kulturbereichen auch und spezifisch über weibliches Wirken zu informieren.

I. Funktionale Ausprägungen weiblich beeinflußter Kultur

1. Kulturelle Relevanz von Frauen auf der Basis des Rezipierens und Sendens von Schrifttexten

Bei den beiden vorliegenden Quellenzeugnissen, den Bonifatius-Briefen Nummer 35 und 304, stellt die Kenter Äbtissin Eadburg jweils die Empfängerin der Schrifttexte dar.

Mit dem Empfang von Schriftstücken verbindet sich der Besitz von Texten und damit die Macht über Texte bzw. die Entscheidungsbefugnis über deren Verwendung oder Verbleib, indem man etwa ein Buch verleihte oder verschenkte. So konnte Eadburg als Besitzerin von (religiösen) Schriftstücken ("solamine librorum"5; "sanctorum librorum munera transmittendo"6) diese Bonifatius und damit auch dem heidnischen "exulem Germanicum"7 zugänglich machen.

Die Nennung weiblicher Namen in Widmungen, etwa in Florilegien, bibelexegetischen Schriften und geistlichen Ermahnungen, in Dokumenten (als Eigentümerinnen), Testamenten (als Vererbende, Erbende) oder in Urkunden (als (Mit-)Schenkerinnen, Wohltäterinnen, Beschenkte, Zeuginnen) belegt darüberhinaus aber auch die Relevanz von geistlichen wie adligen Frauen - sei es als Sendende oder als Rezipierende - bezüglich der konkreten Inhalte von Schriftlichkeit.8

2. Kulturelle Relevanz von Frauen auf der Basis des Lesens und Schreibens von Schrifttexten

Stellt das bloße Entgegennehmen eines Schriftstückes noch eine rein passive Angelegenheit dar, so bedarf es beim selbständigen Lesen und Schreiben eines Textes aktiver Fertigkeiten. Daß Eadburg als Nonne über diese Fertigkeiten verfügte, ergibt nicht nur direkt aus ihrer durch die Briefe dokumentierten Schreibfähigkeit, sondern auch aus unserem Wissen über die klösterliche Ausbildung in Stiften oder Nonnenkonventen, deren Stellenwert als führende Bildungsinstitutionen Mönchsklöstern in nichts nachstand9. Etwa 70 Nonnenkonvente, die im Frühmittelalter noch fast ausschließlich den Töchtern des Hochadels vorbehalten waren10, existierten um 900 im deutschen Raum, davon ein Großteil in Sachsen, wo es rund vier Mal soviele Nonnen- als Mönchsklöster gab11. Außer Nonnen stand die klösterliche Ausbildung meist auch noch adeligen Frauen offen, die in äußeren Klosterschulen unterrichtet wurden. Während die Ausbildung weltlicher Frauen an den äußeren Klosterschulen aber wohl nicht ganz an das Niveau der geistlichen Schulung, vor allem was die Vermittlung der Schreibfähigkeit betraf, heranreichen konnte, war im Bürgertum die Schul- und Ausbildung für Frauen generell weniger umfassend als für Männer12.

Laut dem maßgeblichen Brief des Hl. Hieronymus an Laeta über die Erziehung ihrer Tochter sollten sich Mädchen nicht nur weibliche Handarbeiten wie das Spinnen, Weben und Schneidern aneignen, sondern auch das Lesen und Schreiben der deutschen sowie der lateinischen Sprache erlernen. Zwar sollte Frauen nach Auffassung Hieronimus' mit der Kenntnis des Lateinischen lediglich das Verstehen der Bibel und der Psalter ermöglicht werden, da die stark religiös geprägte Erziehung der Mädchen zu Schamhaftigkeit, Enthaltsamkeit, Mäßigung, Demut, Schweigsamkeit und Unterordnung unter den Mann im Zentrum seiner Lehren stand.13 Doch gerade dieser Erwerb des Lateinischen eröffnete für die Frauen im frühen Mittelalter erst den Zugang zum religiösen und weltlichen Gelehrtentum, das eigentlich dem männlichen Geschlecht vorbehalten sein sollte. Selbst wenn Frauen in einzelnen Fällen eine darüberhinausgehende wissenschaftliche Bildung zugestanden wurde, so wurde diese ausschließlich unter dem pragmatischen Gesichtspunkt gesehen, Frauen dadurch vor weltlicher Üppigkeit und Verführung, Müßiggang und Sünde zu bewahren. Aus diesem Verständnis heraus konstatierten die Aachener Beschlüsse im Kapitel 22 auch die Nützlichkeit des Lesens.14 Den Hintergund dieser Lehre Hieronymus' bildete die damals verbreitete Meinung, Frauen seien gegenüber dem Mann mit geringeren bzw. minderwertigen Verstandesgaben ausgestattet und in ihren Unternehmungen weniger diszipliniert. Zahlreiche Beispiele belegen hingegen, daß Frauen, vor allem was das Lesen und Schreiben betrifft, Männern eher überlegen waren als umgekehrt.15 Außerdem ist bekannt, daß Nonnen im Frühmittelalter über ihre Lese- und Schreibkundigkeit hinaus auch über Kenntnisse in den sieben freien Künsten, der Grammatik, Dialektik, Rhetorik, Musik, Arithmetik, Geometrie und der Astronomie, verfügten.16

Den umfangreichsten Bereich weiblicher Schreibtätigkeit umfaßte im frühen Mittelalter wohl das Abschreiben von Büchern, das zumindest in einigen religiösen Frauengemeinschaften eine anerkannte Tätigkeit darstellte. Zwar sind uns nur sehr spärliche Informationen über Identität, Schreibbedingungen oder Wohnort von Schreiberinnen bekannt, doch gibt es Hinweise auf zumindest temporäre Tätigkeiten organisierter Nonneskriptorien, wie etwa in Chelles.

In Nonnenskriptorien wurde eine systematische Buchproduktion betrieben, die sich aufgrund gleicher Schreiblehrer und genauer Anweisungen durch sehr ähnliche oder sogar einheitliche Schreibweisen, -stile und -methoden aller Schreiberinnen gemäß der karolingischen Tradition auszeichntete. Zwar war in den Ordensregeln von Nonnenklöstern die Produktion von Büchern nicht ausdrücklich vorgeschrieben, allerdings wurden ihnen für die Bedürfnisse des Klosters sinnvolle Handarbeiten auferlegt, worunter aufgrund ihrer religiösen Legitimierung auch die Schreibfähigkeit gerechnet werden konnte.

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Frauen als Trägerinnen frühmittelalterlicher Kultur
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
2,0
Autor
Jahr
1999
Seiten
18
Katalognummer
V89287
ISBN (eBook)
9783638026420
ISBN (Buch)
9783638925600
Dateigröße
414 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frauen, Trägerinnen, Kultur
Arbeit zitieren
Evi Goldbrunner (Autor), 1999, Frauen als Trägerinnen frühmittelalterlicher Kultur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89287

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