Die Hostienfrevelprozesse im hohen und späten Mittelalter als religiöse und wirtschaftliche Interessenlagen


Seminararbeit, 2007

17 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zur Quellenlage

3. Die Hostie und der Bezug zu den Juden
3.1 Die beginnende Ausgrenzung und deren Motive
3.2 Der Vorwurf des Hostienfrevels und die Folgen für die jüdischen Gemeinden

4. Der Passauer Judenprozess
4.1 Gerechtfertigter Prozess oder antijüdisches Exempel?
4.2 Die Motive des Prozesses

5. Schlussteil

6. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

In der europäischen Geschichte wurden Juden immer wieder Opfer von Verfolgungen und sozialer Ausgrenzung. Schon im 3. Jahrhundert veränderte sich mit der Gottesmordtheorie das soziale Gefüge zwischen der jüdischen und christlichen Gemeinschaft. Ein Jahrhundert nach dem Vorwurf, dass die Juden Jesus Christus getötet hätten, gab es erneute Vorwürfe von Autoren christlicher Quellen. Danach hätten jüdische Verschwörer versucht, das Gottesbild Jesu zu schmähen und zu martern. Typisch für die Hostienwunder der frühen Zeit habe die Hostie während der „Schändung“ angefangen zu bluten und die jüdischen Täter dazu bewogen, zum Christentum zu konvertieren. Die Anfänge solcher Legenden hatten damals scheinbar nicht die Absicht, die jüdische Gemeinschaft oder gar das ganze Judentum zu denunzieren, sondern vielmehr die sakrale Rolle der Reliquien zu festigen. Dennoch entwickelte sich aus diesen Legenden die Grundlage für die Judenverfolgungen im hohen und späten Mittelalter, denen zahlreiche Juden zum Opfer fielen. Es stellt sich nun die Frage, wann der Wandlungsprozess seinen Anfang genommen hat und inwiefern der Glaube der Christen an die Hostie das Bild des Juden bestimmte. In den folgenden Kapiteln werde ich die Frage erörtern, ob der Hostienfrevel nur eine Legitimation zur Vertreibung, Enteignung und Tötung von Juden war. Dazu werde ich ein Beispiel aus dem Jahre 1478 in Passau heranziehen. Ein besonderes Augenmerk werde ich auf die Motivation der Vertreibungen richten. Dabei wird zu klären sein, ob es sich um wirtschaftliche oder religiöse Motive handelte und wie sie miteinander verwoben waren. Besonders die regionalen und zeitlichen Unterschiede in der Siedlungsgeschichte der Juden in Europa erschweren es, ein allgemeines Profil der Vorwurfsmotivation zu erstellen.

Im zweiten Kapitel werde ich kurz die Quellenlage zum Prozess in Passau und auch zum jüdischen Leben im europäischen Mittelalter skizzieren. Während ich im Kapitel 3 den Begriff „Hostie“ und den Bezug der Juden zu den christlichen Sakramenten klären werde, wird sich das 4. Kapitel eher dem Anlass, dem Verlauf und den Folgen für die Passauer Juden im Judenprozess widmen. Im Fazit fasse ich meine Ergebnisse zusammen und gebe einen Kommentar zur weiteren Bearbeitung der Problematik ab.

2. Zur Quellenlage

Obwohl die jüdische Bevölkerung in Europa einen demographisch ansteigenden Teil[1] der Bevölkerung im Mittelalter ausmachte, gibt das die mangelhafte Quellenlage nicht wieder. Gerade die Sicht auf die Ereignisse des Ritualmordprozesses in Regensburg oder des Hostienfrevelprozesses in Passau wird nur aus christlich - theologischer Sicht dargestellt. Die jüdischen Schriften dieser Zeit beziehen sich meist auf jüdische Gesetze oder in sehr wenigen Fällen auf Berichte. Jedoch können viele Schriften als nicht relevant für die Facharbeit ignoriert werden. Die Quellen, die ich bearbeiten werde, sollten daher kritisch betrachtet werden, da antijüdische Tendenzen zu erwarten sind. Zum einen werde ich das Flugblatt des Passauer Judenprozesses, zum anderen Schriften aus dieser Zeit und diverse Chroniken einbeziehen. Gerade die wenigen vorhandenen jüdischen Quellen machen eine kritische und objektive Auseinandersetzung mit den christlichen Quellen unabdingbar.

3. Die Hostie und der Bezug zu den Juden

Der Begriff „Hostie“ wurde aus dem lateinischen hostia übernommen. Gemeint sind damit Opfergaben, die schon im 9. Jahrhundert auf dem Altar dargelegt wurden. Es konnten Opfergaben wie Wein oder Brot sein. So glaubte man, dass sich die Hostien während der heiligen Messe in den Leib Christi verwandeln würden.[2] Ab dieser Zeit existierten auch schon Legenden über den Frevel an Hostien, die aber an dieser Stelle eher eine sakrale Rolle einnahmen. Betroffene in dieser Zeit waren Diebe, Ketzer und auch Hexen. Die Motivation, Juden zu beschuldigen, kommt wohl von der Legende, dass die Juden am Leib Christi eine erneute Kreuzigung inszenieren wollten.[3] Ein Jahrhundert später wurde von einem ersten Vorfall mit Beteiligung von Juden berichtet. Nach der Geschichte von Gezo von Tortona hätte ein Jude bei einer Messe eine heilige Hostie auf seine Zunge genommen, aber sie dann in seine Tasche gesteckt. Nach der Geschichte der Quelle hätte der Jude unbändige Schmerzen bekommen und wäre unfähig gewesen seinen Mund zu öffnen. Erst der Pfarrer hätte seine Pein lindern können, indem er dem Juden die auf wundersame Weise von der Lippe hängende Hostie entgegen nahm. Nach diesem „Wunder“ wäre es des Juden größter Wunsch gewesen, zum Christentum zu konvertieren. Ein weiterer Fall wurde von Innozenz III. bekannt. Er schrieb dem Erzbischof eine Geschichte, die er von einer katholischen Frau gehört hatte. Angeblich gab sie einem Juden eine Hostie, die er eine Kiste mit Münzen packte, als jemand an die Tür klopfte. Später hätte er die Kiste geöffnet, um die Hostie an sich zu nehmen, jedoch wären statt der sieben Münzen nur noch Hostien enthalten gewesen. Nach diesem Wunder wäre auch dieser Jude zum Konvertiten geworden.[4] Das sind nur zwei Beispiele für die frühen Legenden, die sich auf Hostien bezogen. Eines wird jedoch klar: die Motivation hinter diesen Geschichten gilt nicht zwangsweise der Ausgrenzung von Juden, vielmehr handelt es sich um Ausschmückung der sakralen Kraft der heiligen Hostie, die auch aus einem Juden einen Konvertiten zum Christentum machen konnte, ohne dabei die Bestrafung eines Juden zu inszenieren. Es wurde so ein Konstrukt geschaffen, um den christlichen Glauben vor allen anderen zu stellen.

3.1 Die beginnende Ausgrenzung und deren Motive

Zu der Zeit der eher noch „harmlosen“ Hostienfrevelgeschichten könnte man das Leben der Juden mit den Christen als friedliche Koexistenz beschreiben, die aber auch von Konflikten und “gegenseitigen Aversionen überdeckt“[5] war. Ein Effekt, der später vom Missionsgedanken der Bettelorden, wie die der Dominikaner oder Franziskaner, noch verstärkt wurde. Im Laufe des 13. Jahrhunderts waren sie die entscheidende Kraft zur Verbrennung des Talmuds. Sie förderten einen Zustand in Europa, der durch ihre Predigten und Literatur noch verstärkt wurde - die Dämonisierung von Juden. Hierzu schreibt der Krakauer Bischof an den Franziskanermönch Capistrano im März 1453: „Den Schlünden der Seelen des Satans, verkehrt durch den Glauben der Verführten, hast du die große Beute entrissen“[6]. Hier wird klar, welchen Stellenwert Juden in der christlichen Umgebung, besonders im Spätmittelalter hatten. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die jüdische Gemeinschaft selbst in den ruhigsten Zeiten doch nur geduldet war. Die anfänglich mit Christen zusammenlebenden Juden mussten in sogenannte Judenviertel umsiedeln. Das Zusammenleben zwischen Christen und Juden schränkte sich weiter ein. Schon 1096 wurde zum Beispiel in Speyer das Judenviertel mit Mauern und Toren umschlossen.[7] Die meist zentral gelegenen Judenviertel mussten an den Rand der Stadt weichen. Nach den Pestpogromen 1348-1350 konnten sich Juden zwar wieder in Städten, wie Frankfurt am Main oder Braunschweig ansiedeln, mussten aber zum Teil Gebäude mieten, die sie vorher in der Gemeinde besessen hatten.[8] Die Ausgrenzung ging sogar so weit, dass die jüdische Stadtgemeinde kein Recht mehr auf räumliche Ausdehnung besaß. Ein Beispiel dafür wäre 1462 in Frankfurt am Main. Ohne das Recht des Immobilienerwerbs und der Ausgrenzung durch Mauern und Tore waren die Juden nun vollends aus dem christlichen Leben verbannt. Eine Steigerung dessen bildeten nur noch Kennzeichnungen der jüdischen Häuser und Siedlungen durch einen „angebrachte[n] Mesusa, einen kleinen Metallbehälter mit Pergamentinschrift eines Bibelspruches“ oder gar „die Umspannung des Sabbathbereiches (Eruw) mit Stricken, Drähten oder Stangen“.[9] Der Jude wurde zu einem „anormalen“ Wesen. Künstlerische Darstellungen von Juden wurden immer mit Begriffen wie „Judenanlitz“ oder „Langnase“ in Verbindung gebracht. Kleidernormen sorgten auch für die Erkennung eines Juden im alltäglichen Leben. So waren die Männer dazu gezwungen einen „gehörnten Hut […], wie es einst auf dem allgemeinen Konzil[10] festgelegt wurde“[11] zu tragen, der nach oben hin spitz verlief. Frauen waren verpflichtet, schallende Glocken an ihren Kleidern zu tragen.[12] Besonders die Typisierungen fanden ihre Begründung auf dem vierten Laterankonzil[13] im Jahre 1215. Dort wurde auch mit der „doctrine of Transubstantiation“[14] die Hostie als Leib und Blut Christi zum Dogma. Die zunehmende Passivität der jüdischen Gemeinden ist also nicht verwunderlich, hatten sie doch gelernt, dass der geringste Anlass reichte, um einen Pogrom auszulösen. Ihre Zwei- und Mehrsprachigkeit konnte der christlichen Umgebung, die sich zunehmend feindlich gegenüber Juden entwickelte, eine mögliche Ermutigung zur Ausgestaltung weiterer Mythen um geheime Rituale sein. Jedoch konnte man nie die Ausgrenzung komplett unterbinden, da die wirtschaftliche Verknüpfung zwischen Juden und Christen zu eng war. Gerade der Aspekt, dass Juden durch zahlreiche Arbeitsverbote in den Finanzsektor abgedrängt wurden und Christen durch die Zensur der Kirche keine Zinsgeschäfte machen durften, hatte eine Verschiebung der christlich - jüdischen Beschäftigung zur Folge. Nicht nur der Fakt, dass die meisten christlichen Kunden, wie etwa der lokale Landadel, die Stadt, der Bischof samt Kirche oder gar Könige und Kaiser, Gebrauch von den Zinsgeschäften machten, zeigt die enorme Nachfrage für große Geldsummen. Die Lebensnotwendigkeit, die von diesen Summen ausging, kann angezweifelt werden. Der Großteil der Kreditnehmer nahm die zahlreichen Kredite eher aus Prestigegründen, wie für Kirchen- und Palastbauten, in Anspruch.[15] So ist es nicht verwunderlich, dass die Rückzahlung der Kredite teils durch Unvermögen teils durch Rückzahlungsunwilligkeit zahlreiche Probleme hervorrief. Es entstand das Bild des reichen Juden, der sich Christen als Bedienstete hält, um sie angeblich zum Judentum zu drängen. Desweiteren soll er sich in einer „geheimen“ Sprache unterhalten haben. Hinzu kam die Angst der „Befleckung des corpus Christianorum durch den stinkenden Juden, dessen Geruch jedem Christen zuwider sei“[16]. Mit dem vierten Laterankonzil wurde auch bezeichnenderweise der körperliche Kontakt verboten. Die Bestimmungen gipfelten im Ausgehverbot für Juden, deren Schutz nachts nicht gewährleistet sei. Die Basis für diesen Wandel lag zum großen Teil in der kirchlich verordneten Doktrin vom „schmutzigen“ Juden und der zum Teil wirtschaftlichen Abhängigkeit von jüdischen Zinsgeschäften.

[...]


[1] Vgl. Michael Toch, Die Juden im mittelalterlichen Reich, München 1998, S.12-13.

[2] Vgl. Charles Caspers, Hostie, in: Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. 5, 1960, Sp. 290.

[3] Vgl. Max Schloessinger, Host, Desecration of, in: The Jewish Encyclopedia, Bd. 6, 1904,

S. 482.

[4] Vgl. Norman Roth, Host Desecration, in: The Medieval Jewish Civilization. An Encyclopedia, 2003, S. 332.

[5] Toch, Juden (wie Anm. 1), S. 33.

[6] Lucas F. Wadding (Übers.), Annales Minorum seu trium Ordinum, in: S. Francisco institutorum. Editio

tertia, Bd. 12, Florenz 1932, S. 188-189.

[7] Bei den Daten fällt natürlich auf, dass die Zeitspannen zum Teil weit auseinander liegen.
Das liegt zum Teil an den großen regionalen Unterschieden. Gerade die aus Frankreich und
England vertriebenen Juden siedelten später in Mittel- und Osteuropa. In England und
Frankreich waren es meiste Ritualmordbeschuldigungen, die sich gegen
die jüdischen Gemeinden richteten.

[8] Vgl. Toch, Juden (wie Anm. 1), S. 35.

[9] Toch, Juden (wie Anm. 1), S. 35.

[10] Hier ist das 4. Laterankonzil gemeint.

[11] Julius H. Schoeps; Hiltrud Wallenborn [Hrsg.], Juden in Europa. Ihre Geschichte in Quellen.
Bd. 1. Von den Anfängen bis zum späten Mittelalter, Darmstadt 2001 .

[12] Vgl. Toch, Juden(wie Anm. 1), S. 36 und 37.

[13] Wesentliche Inhalte waren abgetrennte Lebensräume für Juden, Ausgeh- und Badeverbot, Verbot von
sexuellen Beziehungen zw. Christen und Juden, Berufsverbote und Kennzeichnungspflicht.

[14] Cecil Roth, Host, Desecration of, in: Encyclopedia Judaica, Bd. 8, 1978, Sp. 1040.

[15] Toch, Juden (wie Anm. 1), S. 39-42.

[16] Ebd., S 42.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Hostienfrevelprozesse im hohen und späten Mittelalter als religiöse und wirtschaftliche Interessenlagen
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
2,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
17
Katalognummer
V89332
ISBN (eBook)
9783638068871
ISBN (Buch)
9783638954198
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hostienfrevelprozesse, Mittelalter, Judenverfolgung, Schauprozesse, Antijudaismus
Arbeit zitieren
Stefan Behm (Autor:in), 2007, Die Hostienfrevelprozesse im hohen und späten Mittelalter als religiöse und wirtschaftliche Interessenlagen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89332

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