Europäische Integrationspolitik

Erörterung diverser Integrationstheorien und deren praktische Erscheinung im geschichtlichen Verlauf


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

29 Seiten, Note: 1.7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Theoretische Integrationsansätze
1.1 Dimensionen der Integration
1.2 Föderalismus
1.3 Intergouvernementalismus
1.4 Funktionalismus
1.5 Neofunktionalismus
1.6 Transaktionaler Ansatz

2 Integrationsansätze soziologischer Klassiker
2.1 August Comte, Herbert Spencer und Emile Durkheim
2.2 Max Weber und Talcott Parsons
2.3 Lewis Coser und Niklas Luhmann

3 Europäische Einigung im historischen Überblick
3.1 Ausgangslage nach dem 2. Weltkrieg
3.2 Erste Krisen und Reformversuche
3.3 Die Reformdebatte – Ansätze und Initiativen
3.4 Die Gründung der Europäischen Union
3.5 Neue Herausforderungen

4 (Des-) Integrative Tendenzen der jüngsten Zeit
4.1 Europäische Außen- und Sicherheitspolitik
4.2 Europäische Wirtschaftspolitik
4.3 Europäische Kulturpolitik
4.4 Erweiterung Europas

5 Fazit

Quellenverzeichnis

Einleitung

Die Einheit Europas war ein Traum weniger. Sie wurde eine Hoffnung für viele. Sie ist heute eine Notwendigkeit für alle. “ Konrad Adenauer (1876-1967)[1]

Europa besteht heute aus mehr als 40 Nationalstaaten mit insgesamt 700 Millionen Menschen; die Europäische Union umfasst derzeit 27 Nationen mit rund 493 Millionen Menschen. Seit Ende des Zweiten Weltkrieges vollzog sich in Europa ein tief greifender Integrationsprozess. Er spiegelt den politischen Willen zur Versöhnung zwischen den ehemaligen Kriegsgegnern und die Überwindung der Spaltung Europas infolge des Kalten Krieges wider.

Das Wort Integration stammt aus dem lateinischen integer bzw. aus dem griechischen entagros (= unberührt, unversehrt, ganz) und bedeutet soviel wie Herstellung eines Ganzen.

Im allgemeinen Sprachgebrauch interpretiert man den Begriff Integration meist nur einseitig. In erster Linie denkt man an kulturelle Integration. Das Thema dieser Arbeit bezieht sich jedoch auf die staatsrechtliche Integration, der Integration von Nationalstaaten. Integration ist zu einem Schlüsselbegriff der Politik und der Umgangssprache geworden. Der häufige Gebrauch dieses Begriffs hat indes wenig zur Schärfung seiner Konturen beigetragen. Wer genau zuhört, stellt fest, dass Menschen die über Integration reden, nicht immer vom gleichen sprechen. Eine abschließende und allgemein anerkannte Definition, was denn Integration nun wirklich ist, wird uns heute vermutlich immer noch nicht gelingen. Vielmehr muss man bei der Begriffsdefinition differenziert ansetzten, welches auch in Punkt 1.1 näher erläutert wird. In einer allgemeinen Definition, frei nach der direkten Übersetzung aus dem lateinischen bzw. griechischen, kann man Integration als Herstellung eines Ganzen durch Zusammenführung von Teilen bezeichnen. Fraglich bleibt ob Integration ein Prozess oder ein Ziel, ein Mittel oder ein Zweck ist und ob sich dieser Prozess vornehmlich wirtschaftlich oder politisch vollzieht.[2]

Diese Arbeit befasst sich zunächst mit integrationstheoretischen Ansätzen um so Einblick in diverse Konzepte zu ermöglichen. Die Sichtweise soziologischer Klassiker muss ebenfalls erläutert werden, da auch strukturelle Integration in einer Wechselwirkung mit der Gesellschaft steht. Als abschließenden Punkt werden jene theoretischen Aspekte anhand der geschichtlichen Entwicklung der Europäischen Union erläutert.

1 Theoretische Integrationsansätze

1.1 Dimensionen der Integration

Spricht man heutzutage von der europäischen Integration, so sind damit in der Regel verschiedene Ebenen des europäischen Zusammenwachsens gemeint. „Neben der politisch staatlichen Ebene der gemeinsamen Entscheidungsfindung und der Analyse einzelner Politikfelder spielen auch die gesellschaftliche Verflechtung [siehe Kapitel 2] , die gemeinsame Identität, sowie die Außenbeziehungen der Europäischen Union eine zunehmende Rolle in der Integrationsforschung.“[3]

Leon Lindberg stellte bereits 1971 in einem Beitrag zur Messung von Integrationsprozessen fest, dass die politische Integration von Staaten ein multidimensionales Phänomen ist. Er unterscheidet die social community, die security community und die economic union. Social community zeichnet sich durch die in der Bevölkerung der verbundenen Staaten entwickelten Gefühle in Bezug auf gegenseitiges Einvernehmen und Vertrauen, sowie die gemeinsame Identität aus. Gemeinsame Probleme ohne Ausübung von Gewalt bewältigen zu können ist Teil der security community. Die economic union bezieht sich auf den wirtschaftlichen Bereich, wie wirtschaftliche Zusammenarbeit, Arbeitsteilung, Austausch von Waren, Kapital und Dienstleistungen, auf globaler Ebene. Die einzelnen Integrationstheorien, welche in den nachfolgenden Kapiteln näher erläutert werden, können also in etwa hinsichtlich dieser drei Kategorien unterschieden werden. Leon Hurwitz und Daniel Frei griffen diese dreidimensionale Konzeption auf und entwickelten die Aussagen Lindbergs weiter, um ein möglichst weites Verständnis von Integration zu schaffen.

Folgendes Schema, welches im Rahmen von Freis Arbeiten entstand, soll einen besseren Überblick über die komplexen Teilbereiche der Integrationsebenen geben.[4]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Betrachtet man den multidimensionalen Ansatz so dürfte klar sein, dass sich aus der Vielzahl der Integrationsebenen auch verschiedene Integrationsansätze herausgebildet haben. „Integration besteht aus einer dynamischen Komponente - dem Prozeß des Zusammenschlusses –und einer statischen Komponente - der Tatsache der Einbeziehung von Politiken, nationalen Rechten u. dgl. in ein Ganzes. Letztlich handelt es sich um eine weitgehende Zusammenführung nationaler Politikbereiche in supranationale, mit übernationalen Befugnissen ausgestattete organisatorische Strukturen einer bisher noch nicht bekannten und erprobten Qualität unter der Herrschaft des internationalen Rechts.“[6]

Die verschiedenen theoretischen Ansätze, welche sich zur Beschreibung, Erklärung und Prognose der Entstehung und weiteren Entwicklung der europäischen Integration entwickelt haben, sollen im Folgenden erläutert werden. Es sei darauf hingewiesen, dass es sich bei sämtlichen Ansätzen um idealtypische Ausprägungen handelt, die so in der Realität nur annähernd existieren.

1.2 Föderalismus

Ziel des Föderalismus als Integrationsansatz für Europa ist die Errichtung eines demokratischen Bundesstaats in dem jeder Nationalstaat seinen Souveränitätsanspruch aufgibt, um sich einer gemeinsamen Willensbildung zu unterwerfen, ohne jedoch seine Territorialität aufgeben zu müssen. Zu vergleichen ist diese Idee etwa mit dem System der BRD und ihren Ländern. Grundlegende Vorraussetzung für das Funktionieren eines solchen Konstrukts ist das Vorhandensein entsprechender legitimierter Institutionen auf bundesstaatlicher Ebene, im Sinne von Europa als Bundesstaat. Weiterhin sind jene Bedingungen Voraussetzungen die in jedem föderalen Staat eigen sein sollten: Gewaltenteilung, freie und geheime Wahl, gegenseitige Kontrolle.[7] Weitere wichtige Faktoren des Föderalismus als Integrationstheorie sind die in demokratischen Systemen üblichen Prinzipien des Aushandelns mit anschließender Mehrheitsentscheidung sowie die hierarchische Strukturierung des Rechts. Die zentralen Strukturprinzipien des Föderalismus können zusammenfassend vor allem der Dimension der gemeinsamen Entscheidungsfindung und des gemeinsamen Bewusstseins, sowie in geringem Maße der Dimension der gesellschaftlichen Verflechtung zugeordnet werden.[8]

Zentrale Akteure des integrativen Föderalismus sind die politischen Akteure auf den beteiligten staatlichen Entscheidungsebenen, die allerdings nur mit der Zustimmung der jeweiligen Bevölkerung agieren können. Die Integration erfolgt durch eine umfassende, machtpolitische Entscheidung von Politikern und Völkern, die sich der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft bewusst sind und die auf Frieden und Stabilität in ihrer Gemeinschaft abzielen. Dieses Integrationskonzept ähnelt sehr stark, wie bereits vorher angesprochen, den Strukturprinzipien der Bundesrepublik Deutschland, wodurch sich dieses Konzept auf Europa übertragen auch als Bundesrepublik Europa[9] bezeichnen ließe.

1.3 Intergouvernementalismus

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2[10]

Betrachtet man Abb.2 so stellt man fest, dass neben dem Föderalismus zentripentaler Ausgestaltung auch die Möglichkeit zentrifugaler Ausprägung denkbar ist. Der Intergouvernementalismus eben ist Integrationsmodell für einen Staatenbund bzw. eine Konföderation, in dem die Souveränität der Mitgliedstaaten weitgehend unangetastet bleibt. Zwar sind beim Intergouvernementalismus auch gemeinsame Institutionen, welche Plattform für den Austausch von Informationen und die Angleichung nationaler Standpunkte dienen, notwendig; der wesentliche Unterschied zum Föderalismus besteht jedoch darin, dass das letztendliche Entscheidungsrecht beim Nationalstaat verbleibt, womit die gemeinsamen Beziehungen immer einseitig aufgekündigt werden können.[11] Die Tatsache, dass beim Ansatz des Intergouvernemetalismus die Erweiterung der Gemeinschaft Vorrang vor der Vertiefung der gemeinsamen Entscheidungsfindung hat, da eine Einbindung neuer Mitglieder in die vorhandenen Institutionen die Kooperation, aber auch die Kontrolle erleichtert, dürfte klar sein. Die gemeinsame Identität spielt hier vordergründig keine große Rolle, primär steht gerade die Wahrung der nationalen Identität im Vordergrund. Ein Beispiel für einen solchen Bund wäre die NATO. Die zentralen Akteure jenes Integrationsansatzes sind die Nationalstaaten und ihre Regierungen. Der Prozess der Integration schreitet in den Bereichen voran, in denen ein allgemeiner Konsens besteht oder der Gewinn aus Souveränitätsbeschränkungen groß genug ist, um einzelne nationalstaatliche Bedenken zu zerstreuen.

[...]


[1] http://www.zitate-online.de/thema/europa/, Abruf vom 25.07.2007.

[2] Katrin Winter: Führung in der Europäischen Union, Zum Spannungsverhältnis von Macht und Gemeinschaft,
Europäische Hochschulschriften Reihe XXXI Poltikwissenschaft Band 541,Europäischer Verlag der
Wissenschaften, Frankfurt am Main 2007, S.34.

[3] Klaus Giering: Europa zwischen Zweckverband und Superstaat, in: Werner Weidenfeld (Hg.): Münchner
Beiträge zur Europäischen Einigung Band 1, Europa Union Verlag, Bonn 1997, S.17.

[4] Vgl. Giering, a.a.O., S.19ff.

[5] Ebd., S.22.

[6] Wolfgang W. Mickel: Das erweiterte Europa. Eine fachliche und didaktische Problemanzeige, in:
http://www.ebb-aede.com/Material/DasErweiterteEuropa.pdf, S.1 f., Abruf vom 20.08.2007.

[7] Vgl. Winand Gellner: Macht und Gegenmacht, Einführung in die Regierungslehre, Baden-Baden: 1. Auflage,
Nomos, 2004, S.225-234.

[8] Vgl. Giering, a.a.O., S.198.

[9] Ebd., S.199.

[10] Gellner, a.a.O., S.231.

[11] Vgl. Giering, a.a.O., S.201.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Europäische Integrationspolitik
Untertitel
Erörterung diverser Integrationstheorien und deren praktische Erscheinung im geschichtlichen Verlauf
Hochschule
Universität Passau
Veranstaltung
Hauptseminar Politik - Wer sind wir? Identität und Konflikt in postmodernen Gesellschaften
Note
1.7
Autor
Jahr
2007
Seiten
29
Katalognummer
V89361
ISBN (eBook)
9783638026697
ISBN (Buch)
9783638927307
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Europäische, Integrationspolitik, Hauptseminar, Politik, Identität, Konflikt, Gesellschaften
Arbeit zitieren
Robert Pfeiffer (Autor), 2007, Europäische Integrationspolitik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89361

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