Nationalsozialismus vs. Geist des Kapitalismus

Eine Untersuchung von zwei Ideologien im Dritten Reich anhand der Ideologierezeption von Jürgen Habermas


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Nationalsozialismus vs. Geist des Kapitalismus?

2. Die Ideologierezeption von Jürgen Habermas

3. Kapitalismus und Geist des Kapitalismus – Definition nach Max Weber

4. Faschismus im Dritten Reich

5. Faschismus als Kontingenzphänomen im ideologischen Konflikt?

6. Nationalsozialismus statt Geist des Kapitalismus

7. Literatur

1. Nationalsozialismus vs. Geist des Kapitalismus?

Die Machtergreifung Hitlers in Deutschland am 30. Januar 1933 bestätigte die Vermutung, die in der marxistischen Interpretation des Verhältnisses von Ökonomie und Politik von Lenin geäußert wird. Es zeigte sich deutlich,

„daß der politische Überbau über der neuen Ökonomik, über den monopolistischen Kapitalismus … die Wendung von der Demokratie zur politischen Reaktion (ist). Der freien Konkurrenz entspricht die Demokratie. Dem Monopol entspricht die politische Reaktion.“[1]

Der Monopolkapitalismus der Weimarer Republik wurde auch im Nachhinein lange Zeit als wichtige Ursache für die Entstehung des Dritten Reiches verantwortlich gesehen.

Jedoch wurde die Debatte über das Verhältnis von Kapital zu deutschem Faschismus in den 1970er Jahren durch die Untersuchung „Faschismus und Kapitalismus in Deutschland“, von Henry Ashby Turner Jr., neu entfacht. Turner räumt in seiner Untersuchung zwar ein, dass der Nationalsozialismus „[…] unleugbar ein Kind des kapitalistischen Systems […]“[2] sei, allerdings stellt er eine Kontingenz des Faschismus ähnlich der anderen existierenden Ideologien fest:

„[…] überdies entstammt nicht nur der Nationalsozialismus, sondern auch jede andere vom modernen Europa ausgehende politische Bewegung, die liberale Demokratie ebenso wie der Kommunismus, dem gleichen kapitalistischen System.“[3]

Als Ergebnis seiner Forschung entdeckt Turner, dass die Großunternehmer Hitler keinesfalls vor der Machtübernahme unterstützt haben. Turner war damit gewillt, die Mär vom spendablen Großunternehmer zu widerlegen. Dies gelang ihm mit der Feststellung, dass die Großunternehmer nicht die NSDAP, sondern – wenn diese denn spendeten – zumeist andere Parteien im rechten Spektrum (bevorzugt die DNVP) mit finanzieller Hilfe begünstigten.

Ziel dieser Arbeit ist die Diskussion über das Verhältnis zweier Ideologien nach dem Modell von Jürgen Habermas. Die zu untersuchenden Ideologien sind dabei der Nationalsozialimus zum einen und der Geist des Kapitalismus[4] zum anderen.

Ausgehend davon, dass nach der Ideologierezeption Habermas‘ eine Koexistenz zweier herrschenden Ideologien nicht möglich ist, soll das Verhältnis dieser zueinander untersucht werden. Daran anknüpfend lässt sich auch die Ausgangsthese formulieren:

Der Ideologierezeption von Jürgen Habermas zufolge können mehrere Ideologien nebeneinander existieren. Diese befinden sich in einem steten Wettstreit. Die Ideologie, die diesen Wettstreit gewinnt, ist die vorherrschende, die die Massen zu mobilisieren vermag. Die anderen Ideologien werden unterdrückt, suspendiert, verneint. Demzufolge war der von Max Weber formulierte Geist des Kapitalismus im Dritten Reich nicht existent in dem Sinne, dass dieser das Bewusstsein der Massen zu beeinflussen wusste.

Dafür ist anfangs die Ideologierezeption von Jürgen Habermas zu klären. Dies wird im zweiten Kapitel geschehen. Es folgt in Kapitel Drei eine Unterscheidung zwischen Kapitalismus und Geist des Kapitalismus anhand der Schriften von Max Weber. Hierbei wird auch Luc Botanskis und Ève Chiapellos „Der neue Geist des Kapitalismus“[5] heran gezogen. Während Weber den Geist des Kapitalismus als ein „historisches Individuum“[6] sieht, behaupten Botanski und Chiapello, diesen retrospektiv möglichst genau benennen zu können. Zur Definition der ideologischen Formation Nationalsozialismus wird im speziellen das Programm der NSDAP[7], verfasst von Gottfried Feder, zur Rate gezogen. Schließlich gilt es in Kapitel Fünf, die Frage nach dem kontingenten Verhältnis des Faschismus – in diesem Falle am Beispiel des Nationalsozialismus – zum Kapitalismus zu diskutieren. Dies birgt die Brisanz in sich, dass es sowohl Turner und Saage, die ein kontingentes Verhältnis vermuten, als auch Habermas versäumen, die von Weber unternommene Unterscheidung zwischen Kapitalismus und Geist des Kapitalismus zu übernehmen. Die Zusammenfassung erfolgt in Kapitel Sechs. Dabei wird nicht zuletzt auch auf die Ausgangsthese eingegangen und diese auf ihre Richtigkeit überprüft.

2. Die Ideologierezeption von Jürgen Habermas

Die Arbeiten von Habermas sind stark mit seiner Ideologiedefinition verknüpft. In seinen Schriften ist Habermas stets bestrebt, eine von Verzerrung freie – und damit auch von Ideologie befreite – Sprache zu entwickeln: ein kommunikatives Handeln, welches nicht durch Interesse bzw. Macht verzerrt wird.

Beeinflusst wird Habermas` Modell dabei von Siegmund Freuds Metapsychologie. Dabei entstehen Ideologien laut Habermas immer „aus Konfliktabwehr und Triebunterdrückung“[8] eines steten Destruktionspotenzials. Um den Ursprung der Ideologien allerdings zuerst klären zu können, erweist sich eine Arbeit aus den späten Sechziger Jahren von Habermas als sehr hilfreich.

In seinem Aufsatz „Technik und Wissenschaft als Ideologie“[9] unterscheidet Habermas zu Beginn zwischen Arbeit als zweckrationalem Handeln und Interaktion als kommunikativem Handeln. Arbeit ist dabei spezifischen Handlungsnormen unterworfen, während sich Interaktion nach „obligatorisch geltenden Normen, die reziproke Erwartungshaltungen definieren“[10], richten muss. Die modernen Gesellschaften beinhalten dabei jeweils Subsysteme von zweckrationalem und kommunikativem Handeln. Habermas unterscheidet für seine Untersuchung zwischen dem institutionellen Rahmen bzw. dem bestehenden Herrschaftssystem einerseits und (Sub-)Systemen zweckrationalen Handelns andererseits.[11] Im Übergang von den traditionalen Herrschaftssystemen im Sinne Max Webers zur Moderne stellt Habermas eine permanente Ausdehnung der Subsysteme zweckrationalen Handelns fest. Dies führt zu kosmologischen Weltinterpretationen, welche unweigerlich ein Hinterfragen der Machtlegitimation mit sich zieht:

„Diese mythischen, religiösen und metaphysischen Weltbilder gehorchen der Logik von Zusammenhängen der Interaktion. Sie geben Antwort auf die zentralen Menschheitsprobleme des Zusammenlebens und der individuellen Lebensgeschichte. […] Ihre Logik bemisst sich an der Grammatik einer entstellten Kommunikation und an der schicksalhaften Kausalität abgespaltener Symbole und unterdrückter Motive. Die an kommunikatives Handeln geknüpfte Rationalität von Sprachspielen wird nun, an der Schwelle der Moderne, mit einer Rationalität von Zweck-Mittel-Beziehungen konfrontiert, die an [… zweckrationales] Handeln geknüpft ist. Sobald es zu dieser Konfrontation kommen kann, beginnt das Ende der traditionalen Gesellschaft: die Form der Legitimation von Herrschaft versagt.“[12]

Besonders zu beachten sei hier die entstellte Kommunikation. Ausgehend davon, dass jedwede Kommunikation von Interesse beeinflusst wird, versucht Habermas eine Kommunikationsform frei von Interesse zu erschaffen bzw. sich der Entstellung dieser durch stete Selbstreflexion im Sinne Freuds nach und nach zu entledigen.[13]

Habermas sieht, dass im Kapitalismus der institutionelle Rahmen mit dem System der gesellschaftlichen Arbeit, einem zweckrationalem System also, verbunden wird. Dies hat einen Wandel des institutionellen Rahmens zur Folge. Das Herrschaftssystem muss sich nun den Rationalitätsforderungen der neuen, sich horizontal permanent ausdehnenden Subsysteme anpassen, um die Legitimation aufrecht zu erhalten. Sich auf Weber berufend begreift Habermas dies als Rationalisierungsdruck von unten. Von oben entsteht ein Rationalisierungszwang, durch welchen die traditionalen Herrschaftssysteme ihre Verbindlichkeit einbüßen. Sie verlieren Macht und Geltung, werden dadurch in subjektive Glaubensmächte oder Ethik umgewandelt und gelangen schließlich an den Punkt, dass sie die eigenen Überlieferungen zwar kritisieren, sich allerdings im Rahmen des traditionalen Naturrechts stets reorganisieren. Durch das Ersetzen der brüchigen Legitimationen durch neue behalten diese Weltinterpretationen ihre Legitimationsfunktion und entziehen dem öffentlichen Bewusstsein zugleich die faktischen Gewaltverhältnisse.

„Erst dadurch entstehen Ideologien im engeren Sinne: sie ersetzen die traditionellen Herrschaftslegitimationen, indem sie mit dem Anspruch der modernen Wissenschaft auftreten und sich aus Ideologiekritik rechtfertigen. Ideologien sind gleich ursprünglich mit Ideologiekritik. In diesem Sinne kann es vorbürgerliche ‚Ideologien’ nicht geben.“[14]

Ideologie entsteht nach Habermas immer dann, wenn „Sprache durch die Machtinteressen, die auf sie einwirken, ihre kommunikative Gestalt verliert.“[15] Laut Terry Eagleton führt dies dazu, dass

„wenn die kommunikativen Strukturen systematisch verzerrt sind, dann [… die Tendenz dahin geht], daß sie die Normativität und Gerechtigkeit repräsentieren.“[16]

Es bildet sich eine ideologische Formation, die das Bewusstsein der Masse beeinflusst. Diese Formation wird von der Masse nicht als überzeugender als das herkömmliche Weltbild wahrgenommen, während dieses nur noch zweite Wahl wird:

„[…] vielmehr werden die Grundlagen einer solchen Urteilsbildung so geschickt entzogen, daß es unmöglich wird, anders als in den Begriffen des Systems selbst zu denken oder zu hoffen. Eine solche ideologische Formation ist in sich selbst gekrümmt wie der Kosmos und verneint die Möglichkeit eines Außen, indem es sowohl neue Hoffnungen im Keim erstickt als auch schon existierende frustriert.“[17]

Dadurch wird klar, dass es sich nicht nur um eine einzige Ideologie handeln kann, die alle anderen absorbiert. Vielmehr existieren mehrere Ideologien nebeneinander, die sich wiederum stets im Wettstreit befinden. Aus einer Vielzahl an (Macht-)Interessen, die die Kommunikation jeweils verzerren, entsteht eine Vielzahl an Ideologien. Dennoch kann stets nur eine Ideologie die jeweils vorherrschende sein. Diese ist dann in der Lage, sowohl das Entstehen neuer Ideologien zu verhindern – „neue Hoffnungen im Keim [zu ersticken]“ – als auch „schon existierende [zu frustrieren]“ d.h. diese zu suspendieren, unterdrücken oder sich sogar in diesen zu transzendieren.

[...]


[1] Lenin zit. nach Saage. In: Richard Saage. Faschismustheorien. Eine Einführung. 3. Auflage München 1981. S. 27.

[2] Henry Ashby Turner Jr. Faschismus und Kapitalismus in Deutschland. Studien zum Verhältnis zwischen Nationalsozialismus und Wirtschaft. 2. Auflage Göttingen 1980. S. 32.

[3] Ebd.

[4] Vgl. dazu Max Weber. Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. In: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. 1. 9. Auflage Tübingen 1988. S. 34. Der von Weber formulierte Geist des Kapitalismus soll als Geist des modernen Kapitalismus verstanden werden. Die Unterscheidung zwischen modernen (im Sinne von: modern, okzidental) Kapitalismus und Kapitalismus erfolgt in Kapitel Drei.

[5] Luc Boltanski, Ève Chiapello. Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz 2003.

[6] Weber 1988. S. 30.

[7] Gottfried Feder (Hg.). Das Programm der NSDAP und seine weltanschaulichen Grundlagen. 22. Auflage München 1930.

[8] Richard Sorg. Ideologietheorien. Zum Verhältnis von gesellschaftlichem Bewusstsein und sozialer Realität. Köln 1976. S. 107.

[9] Jürgen Habermas. Technik und Wissenschaft als ‚Ideologie.’ Frankfurt/ Main 1968.

[10] Ebd. S. 62.

[11] Anzumerken sei hier noch, dass der institutionelle Rahmen den Normen des kommunikativen Handelns unterworfen ist bzw. von diesen gestaltet wurde.

[12] Habermas 1968. S. 68f.

[13] Als Resultat dieser fortwährenden Selbstreflexion steht der ideale Sprechakt – frei von Interesse und damit auch von Verzerrungen/ Entstellungen. Auf die politische Ebene transformiert soll dies nach Habermas zur deliberativen Demokratie führen. Zum besseren Verständnis der deliberativen Demokratie bzw. dem idealen Sprechakt eignet sich hervorragend Terry Eagletons „Ideologie. Eine Einführung.“ Stuttgart 2000. S. 150 – 160.

[14] Habermas 1968. S. 72.

[15] Eagleton. S. 151.

[16] Ebd.

[17] Ebd.

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Details

Titel
Nationalsozialismus vs. Geist des Kapitalismus
Untertitel
Eine Untersuchung von zwei Ideologien im Dritten Reich anhand der Ideologierezeption von Jürgen Habermas
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
23
Katalognummer
V89371
ISBN (eBook)
9783638035149
ISBN (Buch)
9783638931755
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nationalsozialismus, Geist, Kapitalismus
Arbeit zitieren
Martin Dunkel (Autor), 2007, Nationalsozialismus vs. Geist des Kapitalismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89371

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