Die erste Klassifizierung der Dialekte Italiens stammt von dem florentinischen Poeten Dante Alighieri. Dieser spricht schon in den Kapiteln IX – XV seines Werks De vulgari eloquentia (1304) von den verschiedenen Sprachen, ebenso wie er 14 verschiedene Dialekte und diverse Unterdialekte auf dem italienischen Territorium unterscheidet. Diese Unterscheidung gründet sich auf die Lage des Appenins, der die Trennlinie zwischen diesen 14 Dialekten darstellt. Sieben befinden sich links des Bergmassivs, sieben rechts. Diese Unterscheidung bezeichnet man als “divisione dantesca” . Doch nicht nur geo-graphische, sondern auch ethnische Grundsätze hat der Poet dafür einbezogen.
Zum besseren Verständnis des Begriffs Dialekt dient die Definition des Sprachwis-senschaftlers Löffler, demzufolge sechs verschiedene Kriterien zu beachten sind:
1. Linguistik
Der Dialekt ist eine Sprachsystem-Variante, der sich innerhalb seines Wirkungs-bereichs ungestörter Verstehbarkeit erfreut.
2. Verwendungsbereich
Der Dialekt wird verwendet für den familiär-intimen Bereich, örtlichen Bereich und Arbeitsplatz, vorwiegend also für das mündliche Sprechen.
3. Sprachbenutzer
Hier ist die sozio-kulturelle Zugehörigkeit des Sprechers ausschlaggebend.
4. Sprachgeschichtliche Entstehung
Der Dialekt ist als zeitliche Vorstufe einer Gemeinsprache zu sehen.
5. Räumliche Erstreckung
Der Dialekt hat eine geringere räumliche Verbreitung als die Hochsprache, die überregional gilt.
6. Kommunikative Reichweite
Der Dialekt hat einen geringeren Verständigungsradius, da er von begrenzter und dadurch minimaler kommunikativer Reichweite ist.
Anhand dieser Auflistung lässt sich erkennen, dass das Thema Dialekt sehr komplex ist, und sich eine Abgrenzung vom Dialekt zur Sprache manchmal als schwer erweisen kann. Dazu kommt, dass Italien, noch weit stärker als Deutschland, bis heute ein „Eldorado“ für Dialektforscher geblieben ist. Denn es ist unbestritten, dass Italien im Laufe der Jahrhunderte von vielen verschiedenen Völkern beherrscht wurde. Auch und vor allem deshalb ist heute Italien mehr als andere europäische Länder die Wiege einer Vielfalt an Dialekten: man kommt auf mehr als 8.000 phonetisch und syntaktisch unterschiedlicher Dialekte. Mit italienischer Zusammenfassung am Ende der Arbeit.
Inhaltsverzeichnis
1. OBER- UND NORDITALIENISCHE DIALEKTE
1.1 Galloitalienische Dialekte
1.1.1 Dialekte des Piemonts
1.1.2 Dialekte Liguriens
1.1.3 Dialekte der Lombardei
1.1.4 Dialekte der Emilia-Romagna
1.2 Dialekte Veneziens
1.3 Dialekte Istriens
2. MITTEL- UND SÜDITALIENISCHE DIALEKTE
2.1 Dialekte der Marken
2.2 Dialekte Umbriens
2.3 Dialekte des Latium
2.4 Dialekte der Abruzzen
2.5 Dialekte des Molise
2.6 Dialekte Kampaniens
2.7 Dialekte Apuliens
2.8 Dialekte Lukaniens (Basilicata)
2.9 Dialekte Kalabriens
2.10 Dialekte Siziliens
3. TOSKANISCHE DIALEKTE
4. FRIAULISCH
5. SARDISCH
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit gibt einen systematischen Überblick über die vielfältige Dialektlandschaft Italiens. Ziel ist es, die sprachwissenschaftlichen Charakteristika, historischen Hintergründe und regionalen Ausprägungen der verschiedenen Dialektgruppen zu analysieren und deren Einordnung in den Kontext der italienischen Sprachgeschichte zu verdeutlichen.
- Klassifizierung der italienischen Dialekte in ober-, mittel- und süditalienische Gruppen
- Analyse phonetischer und grammatikalischer Besonderheiten einzelner Regionen
- Historische und kulturelle Einflüsse auf die Entwicklung der Dialekte
- Unterscheidung zwischen Dialekten und eigenständigen Sprachen (wie Sardisch und Friaulisch)
- Auswirkungen der modernen Sprach- und Globalisierungsentwicklung auf den Dialektgebrauch
Auszug aus dem Buch
1.1.1 Dialekte des Piemonts
Aus der Geschichte heraus und auf Grund der geographischen Lage hat sich das Piemont immer eher von Italien abgewandt und auch sprachlich gesehen an Frankreich orientiert. Tatsächlich hatte das Königreich Sardinien eine entscheidende Mitverantwortung zu tragen am Eintreten des Piemontesischen ins Italienische. Hauptsächlich ist hier die Rede von der militärischen Fachsprache. Im italienischen Heer, das sich nach der Reichsgründung im Jahre 1861 konstituierte, trafen Männer aus ganz Italien im Piemont aufeinander. Die am meisten strukturierte Einheit in diesem Heer war die des Königs von Sardinien, einem Land, dessen Amtssprache zu dieser Zeit französisch war. So kommt es, dass dieser Dialekt auch heute noch sehr an das Französische erinnert (marsc’ = marche, retro boutega = arrière-boutique).
Bezüglich der Grammatik lassen sich klare Regeln definieren, wie:
• Spontaner Lautwandel [á] > [é]: eingeschränkt im Piemontesischen auf die Infinitive der –are-Verben, z.B. porté (portare).
• Sonorisierung und Abschwächung der lateinischen stimmlosen intervokalischen Verschlusslaute [p], [t] und [k]: cavèi (=capelli), diál (=ditale), dumenga (=domenica).
• Auch die Lang- und/oder Doppelkonsonanten werden zu einfachen Konsonanten reduziert: buka (=bocca).
• Entwicklung (meist Palatalisierung) des lateinischen Konsonantennexus -[kt]- zu [jt] in intervokalischer Stellung: lait (=latte), nöit (=notte), fait (=fatto).
• Einige Wortbeispiele: barbera, barolo, nebbiolo, punt e mes, grissini, cauda (=calda), bocciare (=schiacciare), bocciatura (=schiacciatura), brojàss (=brogliaccio).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Ober- und norditalienische Dialekte: Dieses Kapitel behandelt die galloitalienischen Varietäten sowie die Dialekte in Venetien und Istrien, wobei der Einfluss des Französischen und die historischen Entwicklungen in den jeweiligen Regionen aufgezeigt werden.
2. Mittel- und süditalienische Dialekte: Hier werden die Dialekte von den Marken bis nach Sizilien analysiert, wobei besonderes Augenmerk auf die phonetischen Unterschiede und die Auswirkungen historischer Fremdherrschaften auf die lokale Sprache gelegt wird.
3. Toskanische Dialekte: Dieses Kapitel erläutert den konservativen Charakter des Toskanischen und dessen fundamentale Rolle bei der Entstehung der italienischen Schriftsprache.
4. Friaulisch: Der Fokus liegt hier auf dem Friaulischen als anerkannte Minderheitensprache und dessen linguistischen Abgrenzungen zu den venetischen Dialekten.
5. Sardisch: Das abschließende Kapitel beleuchtet den Status des Sardischen als vollwertige Sprache und diskutiert die Herausforderungen der Zweisprachigkeit in einer globalisierten Welt.
Schlüsselwörter
Italienische Dialekte, Varietätenlinguistik, Galloitalienisch, Metaphonie, Vulgärlatein, Sprachgeschichte, Regionalsprachen, Phonetische Besonderheiten, Minderheitensprachen, Sprachkontakt, Dialektologie, Italienische Sprachräume.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit bietet einen Überblick über die Vielfalt der italienischen Dialekte, klassifiziert diese und untersucht ihre sprachlichen sowie historischen Besonderheiten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die geographische Einteilung der Dialekte, die Analyse grammatikalischer Strukturen, der Einfluss von Fremdsprachen und der soziolinguistische Status der verschiedenen Varietäten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die systematische Darstellung der italienischen Dialektlandschaft und die Verdeutlichung der sprachgeschichtlichen Entwicklung, die Italien zu einem „Eldorado“ für Dialektforscher macht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine deskriptive linguistische Herangehensweise, bei der die Dialekte anhand von phonetischen, lexikalischen und grammatikalischen Merkmalen kategorisiert werden, ergänzt durch historische Kontexte.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert die Dialekte in die drei Hauptgruppen (nord-, mittel- und süditalienisch sowie Toskanisch) und betrachtet zudem Sonderfälle wie das Friaulische und das Sardische.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Dialektologie, Sprachwandel, Regionalsprache, Minderheitenschutz und die soziokulturelle Einbettung von Sprachvarietäten.
Warum wird Sardisch oft nicht als Dialekt bezeichnet?
Die Sarden und viele Linguisten betrachten Sardisch aufgrund seiner eigenständigen Struktur, der komplexen Wurzeln im Lateinischen und der langen Entwicklung als eigenständige Sprache, nicht als bloßen Dialekt.
Welche Bedeutung hat das Toskanische für das Italienische?
Das Toskanische, insbesondere das Florentinische, dient als Grundlage für die moderne italienische Schriftsprache, wobei sich die toskanischen Dialekte durch einen besonders konservativen Sprachcharakter auszeichnen.
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- Julia Wolf (Author), 2006, Die Dialekte Italiens im Überblick, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89384