Einführung
Mozarts Oper „Le nozze di Figaro“ bietet ein schier unerschöpfliches Spektrum an Möglichkeiten einer interpretatorischen Betrachtung. Viele verschiedene Aspekte im Zusammenhang mit diesem Werk sind eine ausführliche Erörterung wert, darunter als große Eckpfeiler die politisch-gesellschaftlichen Hintergründe, das Libretto von da Ponte, und natürlich – die Musik.
Ungeachtet dieser Vielfalt möchte ich mich in meiner Arbeit auf ein spezielles Merkmal beschränken, das diese Oper in besonderer Weise auszeichnet und das zudem Libretto und Musik zu einer untrennbaren Einheit verschmelzen lässt: die Personencharakteristik.
Schon aufgrund der Tatsache, dass Mozart bei der Anzahl der agierenden Personen von der bisherigen Norm abweicht und statt der üblichen 8 Charaktere 11 Akteure die Handlung bestimmen lässt, ergeben sich zwischen diesen 11 Personen die unterschiedlichsten Paar- und Ensemblekonstellationen, die in ihrer Charakteristik unter verschiedenen Gesichtspunkten zu beleuchten sind.
Hinzu kommt, dass es sich in dieser Oper selbstverständlich nicht nur um eine einzige Hauptperson handelt, wie es der Name „Die Hochzeit des Figaro“ eigentlich suggeriert – auf die Titelwahl werde ich noch gesondert eingehen - , sondern mindestens um vier, die im Mittelpunkt des Geschehens stehen: Figaro, Susanna, die Gräfin und der Graf.
Eine präzise Bestimmung der Hauptpersonen fällt jedoch aus mehreren Gründen schwer: Zum einen nimmt der Page Cherubino eine durchaus ernstzunehmende Sonderrolle ein, die für die Handlung so große Bedeutung hat, dass er kaum als Nebenrolle eingestuft werden kann. Zum anderen wechseln die Handlungsstränge und Verwicklungen nahezu von Szene zu Szene, so dass mal die eine, mal die andere Figur besonders ins Licht gerückt wird. Darüber hinaus tragen auch so genannte Nebenrollen wie Marcellina und Bartolo im Laufe der Oper so entscheidend zur Handlungsentwicklung bei, dass auch ihre Bedeutung keineswegs unterschätzt werden darf.
Inhaltsverzeichnis
Einführung
Kapitel I: Die Ausgangssituation
a) Duettino Nr. 1 (Akt I, Szene 1)
b) Duettino Nr. 2 (Akt I, Szene 1)
Kapitel II: Susanna und Figaro in Duettkonstellation
a) Duettino Susanna – Marcellina (Akt I, Szene IV)
b) Duettino Susanna – Graf (Akt III, Szene 2)
Kapitel III: Susanna und Figaro in Ensemblekonstellation
a) Finale (Akt II, Szene 8): Susanna – Gräfin – Graf
Zwischenbilanz
a) Finale 2. Akt, Szene 9: Susanna – Figaro – Gräfin – Graf
b) 3. Akt, Szene 5: Susanna – Figaro – Marcellina – Bartolo – Don Curzio – Graf
Kapitel IV: Susanna und Figaro in Einzeldarstellung
a) Figaro
b) Susanna
Kapitel V: Die Lösung? – Das Schlussduett
Akt IV, Finale, Szene 13: Figaro – Susanna
Kapitel VII: Gegenüberstellung und Zusammenfassung
Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die Personencharakteristik von Susanna und Figaro in Mozarts Oper "Le nozze di Figaro", um ihre Entwicklung, ihre Beziehung untereinander und ihr Wirken innerhalb der Handlung sowie ihre musikalische Darstellung kritisch zu untersuchen.
- Analyse der Bühnenpräsenz und Charakterentwicklung von Susanna und Figaro
- Untersuchung der Wechselwirkung zwischen Libretto und Musik bei der Rollencharakterisierung
- Vergleich der Rollen von Susanna und Figaro in verschiedenen Paar- und Ensemblekonstellationen
- Kritische Reflexion der Titelgebung der Oper im Hinblick auf die tatsächliche Hauptrollenverteilung
Auszug aus dem Buch
Kapitel I: Die Ausgangssituation
Dieses erste Duett nimmt in zweifacher Hinsicht eine bedeutende Position ein – es eröffnet nicht nur die Opernhandlung, sondern stellt zugleich zwei der wichtigsten Personen in gegenseitiger Wechselwirkung dar. Die Tatsache, dass Mozart nicht zunächst eine einzelne Person auftreten lässt, sondern sofort eine Ensemblesituation herstellt, ist bezeichnend für den Stellenwert der Charaktere. Was aber erfährt der Zuschauer nun über Figaro und Susanna in diesem ersten Auftritt?
Alles, was man dem Textbuch entnehmen kann, ist, dass beide Diener im Haus des Grafen Almaviva sind und beabsichtigen, zu heiraten. Die Handlung, die auf der Bühne stattfindet, ist dementsprechend einfach gestaltet. Figaro misst das Zimmer aus, während Susanna vor dem Spiegel steht und ihren neuen Hut bewundert.
Nach einem kurzen Vorspiel, in dem zwei Themen vorgestellt werden, beginnt Figaro das Duett, indem er, ganz vertieft in seine Arbeit, laut zählt, passend zu den rhythmisch-melodischen Vorgaben der Streicher. Sein Motiv ist von minimaler Ausstattung, es besteht vornehmlich aus Quinten und Terzen, die allerdings eher einem flüchtigen Einwurf als einer Melodie gleichen (T. 20ff.). Fast könnte man annehmen, das Orchester wäre noch immer mit dem Vorspiel beschäftigt und würde gelegentlich durch Figaros zustimmende Einwürfe begleitet! Nichts deutet hier auf jene gesangliche Eigenständigkeit hin, die an einer solchen Stelle erwartet werden dürfte.
Zusammenfassung der Kapitel
Einführung: Die Autorin legt dar, dass die Personencharakteristik der zentrale Aspekt ihrer Untersuchung ist, da sich aus den 11 Akteuren komplexe Konstellationen ergeben, die eine präzise Identifikation der Hauptpersonen erschweren.
Kapitel I: Die Ausgangssituation: Anhand der ersten beiden Duette wird aufgezeigt, wie Susanna durch ihre musikalische Eigenständigkeit die Idylle herstellt, während Figaro zunächst als eher untergeordneter, leichtgläubiger Part erscheint.
Kapitel II: Susanna und Figaro in Duettkonstellation: Diese Kapitel untersuchen Susannas Überlegenheit in Konfrontationen, etwa gegenüber Marcellina, und ihre Fähigkeit, den Grafen durch kalkulierte Mimikry zu täuschen.
Kapitel III: Susanna und Figaro in Ensemblekonstellation: Es wird analysiert, wie Susanna auch in explosiven Ensembleszenen die Rolle einer Dirigentin einnimmt und die Handlung maßgeblich beeinflusst, während Figaro waghalsig agiert.
Zwischenbilanz: Die Autorin stellt fest, dass Susanna bisher eine deutlich höhere Bühnenpräsenz und Überlegenheit zeigt, was die Titelwahl der Oper ("Hochzeit des Figaro") fragwürdig erscheinen lässt.
Kapitel IV: Susanna und Figaro in Einzeldarstellung: Die Arien beider Figuren werden analysiert, wobei Figaro als emotionaler Typ und Susanna durch ihre emotionale Tiefe, besonders in der "Rosenarie", charakterisiert werden.
Kapitel V: Die Lösung? – Das Schlussduett: Das finale Duett wird als dramaturgischer Höhepunkt betrachtet, in dem Figaro Susanna überlistet und somit eine gewisse Rehabilitation seines Charakters erfolgt.
Kapitel VII: Gegenüberstellung und Zusammenfassung: Die Autorin resümiert, dass der erste Eindruck zwar täuscht, da sich beide Charaktere als vielschichtig erweisen, Susanna jedoch die zentrale Figur bleibt.
Schlussbemerkung: Die Titelwahl wird als bewusste Absicht Mozarts gedeutet, durch die Ungewissheit über die Hauptrolle beim Zuschauer eine zusätzliche Spannungsebene zu erzeugen.
Schlüsselwörter
Mozart, Le nozze di Figaro, Susanna, Figaro, Personencharakteristik, Libretto, Musik, Opernanalyse, Duett, Ensemblekonstellation, Charakterentwicklung, Hauptrolle, Rollenverhalten, Musikdramaturgie, Rosenarie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die musikalische und dramaturgische Charakterisierung der beiden Hauptfiguren Susanna und Figaro in Mozarts Oper "Le nozze di Figaro".
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Bühnenpräsenz der Figuren, die Wechselwirkung zwischen musikalischem Ausdruck und Libretto sowie die Entwicklung der Charaktere im Verlauf der Handlung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Mozart durch Musik und Text die Charaktere Susanna und Figaro formt und ob der Titel der Oper die tatsächliche Hauptrollenverteilung widerspiegelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine musikwissenschaftliche Analysemethode, indem sie spezifische Szenen, Duette und Arien detailliert untersucht und die musikalischen Motive und Strukturen mit der Handlung verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert schrittweise verschiedene Schlüsselszenen, Duette und die Arien beider Figuren, um ihre Entwicklung von einem ersten oberflächlichen Eindruck hin zu einer tiefschichtigen Persönlichkeitsdarstellung nachzuzeichnen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Personencharakteristik, Rollenverhalten, Musikdramaturgie und die spezifische Analyse der Charakterbilder von Susanna und Figaro charakterisiert.
Wie verändert sich das Bild von Figaro im Laufe der Oper?
Figaro erscheint zunächst als naiver Diener, gewinnt jedoch durch die Analyse der Ensembles und besonders des Schlussduetts an Profil, da er dort seine Cleverness unter Beweis stellt und Susanna überlistet.
Warum hinterfragt die Autorin den Titel der Oper?
Aufgrund der deutlich höheren Bühnenpräsenz und der aktiven, steuernden Rolle von Susanna erscheint der Titel "Die Hochzeit des Figaro" einseitig; die Autorin deutet dies jedoch als Absicht Mozarts, mit dem Publikum zu spielen.
Welche Bedeutung kommt der "Rosenarie" für das Charakterbild zu?
Die "Rosenarie" offenbart erstmals Susannas tiefere Gefühlswelt und Romantik, was sie als vielschichtige Persönlichkeit jenseits ihrer üblichen rationalen und beherrschten Art zeigt.
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- Uta Schmidt (Author), 2006, "Die Hochzeit des Figaro" von Wolfgang Amadeus Mozart. Analyse der Personencharakteristik in der Darstellung von Susanna und Figaro, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89419