Das Internet hat in den letzten rund fünfzehn Jahren eine unvergleichliche Erfolgsgeschichte geschrieben und dabei die Wandlung vom Kommunikationsmedium für Computerspezialisten zum unverzichtbaren Massenmedium vollzogen. Was das weltweite Datennetz so wichtig macht, sind die universellen Dimensionen, die es in seiner Entwicklung angenommen hat und damit v.a. auch die gesellschaftliche Realität beeinflusst: Chats und Foren dienen zum Meinungsaustausch in Echtzeit und ermöglichen dem Nutzer sich über regionale, nationale und kontinentale Grenzen hinaus in virtuellen Gemeinschaften zu sozialisieren, ohne jemals mit irgendwem in physischen Kontakt treten zu müssen; Behörden und Ämter auf allen staatlichen Ebenen haben auf den digitalen Boom reagiert und bieten viele ihrer Dienste auch im virtuellen Raum an, bauen diese stetig aus und ersetzen dadurch in manchen Fällen sogar die gewohnten Behördengänge; kein Unternehmen, keine Organisation oder Person, die in der Öffentlichkeit steht oder stehen möchte, kann es sich mehr leisten nicht im World-Wide-Web präsent zu sein. Das Internet folgt dabei konsequent dem Generalisierungsprinzip der Massenmedien (Merten 2005: 22ff.), die der Gesellschaft durch ihre Realitätsentwürfe die Welt vermittelt. Oder anders: wer nicht im Internet ist scheint nicht wichtig zu sein.
Es zeichnet sich ab, dass das Internet in zunehmendem Maße große Teile des gesellschaftlichen Lebens begleitet, ergänzt, spiegelt und manchmal sogar zu ersetzen scheint. Während diese Veränderungen, von der soziologischen Warte aus betrachtet, dringende Fragen zum sich wandelnden sozialen Verhalten der Nutzer aufwirft, baut sich hinter den unzähligen Detailfragen ein grundlegenderer Problemkomplex auf: Wer und was regelt eigentlich diese virtuelle Welt? Denn trotz aller Virtualität kann das Handeln im Internet sehr reale Konsequenzen haben und wird dann auch schnell zur „echten Realität“.
Unter dem Begriff der Media- bzw. Internet-Governance werden hier seit kurzem Perspektiven und Lösungsoptionen diskutiert. Dabei soll einerseits die Rolle und Funktion der neuen Medien genauer thematisiert und andererseits die durch fusionsfreudige Medienkonzerne veränderte Marktsituation in den Fokus gerückt werden. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich, exemplarisch für den Themenkomplex digitaler Medien, mit den unverzichtbar gewordenen Suchmaschinen im Internet und den auftauchenden Governance-Problemen.
Inhaltsverzeichnis
1. Problemerfassung
2. Suchmaschinen im Internet: Funktion und Rolle
2.1 Abhängigkeit vom Gatekeeper
2.2 Infrastruktur und Marktdominanz
3. Umsetzung von Governance-Systemen
3.1 Manipulierbarkeit von Suchmaschinen
3.2 Governance-System gegen rechtswidrige Inhalte
4. Google in der Praxis
5. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Das Hauptziel dieser Arbeit ist es, die Rolle von Internetsuchmaschinen als unverzichtbare Medienstruktur zu analysieren und die damit verbundenen Herausforderungen für ein wirksames Media-Governance-System kritisch zu hinterfragen. Dabei wird insbesondere untersucht, wie marktbeherrschende Suchmaschinen durch ihre Gatekeeper-Funktion die Informationsvermittlung steuern und welche regulativen Ansätze zur Sicherung von Qualität und Jugendschutz existieren.
- Die Gatekeeper-Rolle von Suchmaschinen und ihre Auswirkungen auf den Informationsmarkt.
- Marktdominanz und Oligopolstrukturen im Bereich der Internetsuchmaschinen.
- Manipulationsgefahren durch illegale SEO-Praktiken und kollusive Werbemechanismen.
- Funktionsweise und Lücken der Freiwilligen Selbstkontrolle (FSM) als Kooperatives Regulierungsmodell.
- Datenschutzrelevante Aspekte und die Praktiken der Archivierung durch den Marktführer Google.
Auszug aus dem Buch
3.1 Manipulierbarkeit von Suchmaschinen
Zunächst stellt sich die Frage nach der Manipulierbarkeit der Suchergebnisse. Eine Beeinflussung von außen kann dann stattfinden, wenn Contentanbieter ihre Internetseiten so einstellen bzw. programmieren, dass sie besser oder anders gefunden werden können. Die legale Spielart dieser Praxis nennt man Suchmaschinenoptimierung oder internationaler Search-Engine-Optimization (SEO). Diese Arbeit gehört heute zum Basiswerk des Online-Marketings und soll den kommerziellen Portalen dazu verhelfen, besser von Suchmaschinen und deren Suchrobotern (Web-Crawler) gefunden und im Ranking höher gelistet zu werden. Um hier qualitative Standards durchzusetzen, und somit der Wettbewerbsverzerrung vorzubeugen, gilt für diese Einstellarbeiten eine gewisses Regelwerk (Code of Ethics) (Clay 2007b). Die illegale Variante dieser Beeinflussung dagegen kennt viele Möglichkeiten, sowohl die Mechanismen der Suchmaschinen als auch ihre Nutzer in die Irre zu führen (linksandlaw.de 2007; Rath 2005: 78f.). Hier geht es zumeist darum die Nutzer zu kommerziellen Inhalten zu führen, welche nicht aus den Suchergebnissen erkannt werden können. Wenn auch nicht so häufig, kann es sich dabei auch um politische oder ideologische, meist aber verfassungsfeindliche und allgemein rechtswidrige Inhalte handeln (Rechtsextremismus, Gewaltpornographie, etc.). Die Suchmaschinenbetreiber reagieren auf solche Praktiken, soweit sie diese aufdecken können, mit Löschung der jeweiligen Seiten aus ihrem Index.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Problemerfassung: Einleitung in die Bedeutung des Internets als unverzichtbares Massenmedium und Einführung in die Fragestellung nach der notwendigen Regulierung dieser virtuellen Welt.
2. Suchmaschinen im Internet: Funktion und Rolle: Analyse der technischen und machtpolitischen Stellung von Suchmaschinen als Gatekeeper, die den Zugang zu Informationen massgeblich strukturieren.
3. Umsetzung von Governance-Systemen: Untersuchung von Möglichkeiten zur Beeinflussung von Suchergebnissen sowie Bewertung des deutschen Systems der Freiwilligen Selbstkontrolle.
4. Google in der Praxis: Fallbeispiel zur Marktdominanz von Google, fokussiert auf Ranking-Algorithmen, Archivierungspraktiken und den damit verbundenen Bedenken bezüglich Datenschutz.
5. Zusammenfassung: Fazit über die Komplexität der Regulierung im Internet, die Unverzichtbarkeit der Suchmaschinen und den Bedarf an erweiterten Kontrollinstanzen statt radikaler Maßnahmen.
Schlüsselwörter
Media Governance, Internet-Governance, Suchmaschinen, Google, Gatekeeper, Suchmaschinenoptimierung, SEO, Jugendschutz, Freiwillige Selbstkontrolle, FSM, Datenschutz, Ranking, Informationsmarkt, Online-Marketing, Marktmonopol
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der zentralen Bedeutung von Suchmaschinen für den Informationszugang im Internet und den damit verbundenen Herausforderungen für die gesellschaftliche und politische Regulierung (Media Governance).
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die Gatekeeper-Funktion von Suchmaschinen, die ökonomischen Machtstrukturen des Suchmaschinenmarktes, Manipulationsrisiken durch Suchmaschinenoptimierung sowie Ansätze zur Regulierung von Inhalten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, einen Überblick über den Suchmaschinenmarkt zu geben, die Rolle der Betreiber zu reflektieren und zu prüfen, inwieweit bestehende Regulierungsansätze wie die FSM effektiv auf digitale Probleme reagieren können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine medienwissenschaftliche Analyse, die theoretische Grundlagen von Governance-Systemen auf die Praxis von Suchmaschinen anwendet und aktuelle Studien sowie rechtliche Rahmenbedingungen einbezieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Marktstruktur, die Untersuchung technischer Manipulationsmöglichkeiten (SEO vs. illegale Beeinflussung) und eine Fallstudie zu den Praktiken des Marktführers Google.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Media Governance, Gatekeeper, Suchmaschinen-Monopol, Freiwillige Selbstkontrolle und Datenschutz definiert.
Wie ist die Gatekeeper-Rolle von Google zu bewerten?
Der Autor bewertet die Rolle von Google als technisch bedingt und für das Internet unverzichtbar, warnt jedoch vor der Machtkonzentration und der Intransparenz bei der Datenarchivierung und dem Ranking.
Warum wird das aktuelle System der FSM kritisiert?
Das System wird als teilweise inkonsequent und als "Tropfen auf den heißen Stein" beschrieben, da die Suchmaschinenbetreiber weiterhin primär nach der Logik der Gewinnmaximierung handeln und die Selbstkontrolle nur eine freiwillige Einhaltung geltenden Rechts darstellt.
- Quote paper
- Udo Michel (Author), 2007, Suchmaschinen und Media Governance, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89554