In dieser Arbeit geht es um die Zusammenhänge von Reformpädagogik und Jugendbewegung im Deutschland des 19. und 20. Jahrhunderts. Als Beispiel wird hierbei auf die sich zu diesem Zeitpunkt entwickelten Waldorfschulen (Rudolf-Steiner-Schule) bezogen. PISA hat es gezeigt, Bildungspolitiker haben es vernommen und mit der Stimme der Entrüstung, die kaum zu überhören ist, schreit Deutschland in die Welt hinaus: Es muss etwas passieren. So geht es nicht weiter. Wir brauchen eine Reform unseres Bildungssystems.
Doch was da scheint wie eine neue, geradezu fantastische Idee, ist in Wahrheit eine Reproduktion dessen, was das deutsche Bildungswesen bereits 100 Jahre zuvor erlebte.
1900 ist das Geburtsjahr der Reformpädagogik Deutschlands. Das kommende Jahrhundert ist, des Buchtitels von Ellen Key zufolge „Das Jahrhundert des Kindes“ und soll dazu bestimmt sein dem Kind selbst die freie Entwicklung zu überlassen und es nicht in vorgefertigte Konzepte zu pressen.
Im Zuge der herrscheden Lebensreform, resultierend aus dem „fin de siecle“, kann sich auch das alt hergebrachte Bildungssystem dem Reiz des Neuen nicht verschließen. Traditionen werden in Frage gestellt, Statuten überdacht und es wird immer klarer: Das Ziel ist nicht mehr nur die Bildung allein. Vielmehr steht die Formung von Individuen im Vordergrund. Das bloße Lehren und Lernen kann und soll nicht mehr vorherrschend sein. Die Schüler sollen zu guten Menschen erzogen werden und nicht für die Schule sondern für das Leben unterrichtet werden. Es bilden sich in dieser Zeit die Kernbegriffe von Erziehung und Sozialisation heraus und werden immer mehr zum Innbegriff der angestrebten Bildung im frühen 20. Jahrhundert.
Eine Wunschvorstellung von einem einheitlichen Schulsystem, das den Anforderungen von interlektueller und sozialer Bildung in gleichem Maße nachkommt und für jedermann, ungeachtet dessen sozialer Herkunft zugänglich ist, wird geboren.
Als Exikutive kristalisieren sich in dieser Entwicklungsphase einer neuen Reformpädagogik die Vorstellungen Rudolf Steiners heraus. Im folgenden werde ich mich mit der Pädagogik Rudolf Steiners und der Waldorfschule näher befassen und mich der Frage zuwenden, wie realistisch eine derartige Utopie ist und ob sie in Hinblick auf die damalige und heutige Gesellschaft überahaupt als erstrebenswert angesehen werden kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Die Anfänge der Reformpädagogik
2.1. Was steckt hinter den Waldorfschulen? Konzept und Praxis
2.2. Zusammenhänge von Jugendbewegung und Reformpädagogik
2.3. Bildung heute – Was von der Utopie übrig blieb
3. Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die pädagogischen Ansätze von Rudolf Steiner im Kontext der Reformpädagogik um 1900 und analysiert deren Übertragbarkeit sowie Realisierbarkeit im modernen Bildungssystem der Bundesrepublik Deutschland.
- Historische Einordnung der Reformpädagogik und Jugendbewegung
- Konzept und pädagogische Praxis der Waldorfschulen
- Wechselwirkungen zwischen Jugendbewegung und Steiners Pädagogik
- Kritische Analyse des heutigen dreigliedrigen Schulsystems
- Diskussion über die Zukunftsfähigkeit und Utopie-Aspekte der Waldorf-Pädagogik
Auszug aus dem Buch
2.2. Zusammenhänge von Jugendbewegung und Reformpädagogik
Nachdem ich nun die Grundzüge und Hintergründe der Waldorfpädagogik hinreichend dargestellt habe, werde ich im folgenden mein Augenmerk auf die Zusammenhänge von Jugendbewegung und der bereits angedeuteten Reformpädagogik richten.
Es ist kein Zufall, dass die erste Phase der Jugendbewegung in Form des Wandervogles und die Reformpädagogik in die selbe Zeit des ausgehenden 19. bzw. des beginnenden 20. Jahrhunderts fallen. Zwar muss angemerkt werden, dass beide Bewegungen sich maßgeblich dadurch unterscheiden, dass die eine von der Jugend selbst ausging, während die ander ihren Ursprung in den lehrenden Erwachsenen hatte, jedoch kann eine wechselseiteige Beeinflussung beider nicht abgestritten werden.
Die Vorstelleungen eines neuen Menschen, die die Jugendbewegung maßgeblich prägte, kann durchaus mit der Vorstellung Rudolf Steiners sympathisieren. Auch er strebte eine neue Bildung für Schüler an. Sie sollten nicht länger nur für die Gesellschaft lernen, vielmehr sollte es von nun an um die Bildung des Individuums gehen, welche sich zwar auch auf dessen Intellekt bezieht, viel mehr jedoch die Persönlichkeitsbildung und die Heranreifung eines „ganzen“ Menschen verfolgt. „Die Kinder sollen zu Menschen erzogen und für ein Leben unterrichtet werden […]“12. Klar wird: die Erschaffung eines neuen Schülerbildes stand bei Rudolf Steiner ebenso im Vordergrung wie die Hervorbringung eines neuen Menschenbildes bei den Anhängern der Jugendbewegung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Die Einleitung beleuchtet die Notwendigkeit einer Bildungsreform und führt in die Thematik der Reformpädagogik sowie die Rolle Rudolf Steiners ein.
2. Die Anfänge der Reformpädagogik: Dieses Kapitel erläutert die Grundlagen der Reformpädagogik, das spezifische Konzept der Waldorfschulen, die historischen Zusammenhänge mit der Jugendbewegung und einen Vergleich mit dem heutigen Schulsystem.
3. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die Praktikabilität der Waldorfpädagogik in der leistungsorientierten modernen Gesellschaft.
Schlüsselwörter
Reformpädagogik, Waldorfschule, Anthroposophie, Jugendbewegung, Rudolf Steiner, Bildungssystem, Erziehung, Schulentwicklung, Leistungsbeurteilung, Individuum, Schulform, Lebensreform, Wandervogel, Pädagogik, Schulpraxis
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den historischen Wurzeln der Reformpädagogik um 1900 und untersucht kritisch die pädagogischen Konzepte Rudolf Steiners am Beispiel der Waldorfschulen sowie deren Relevanz heute.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung der Reformpädagogik, der Anthroposophie als didaktische Grundlage, dem Einfluss der Jugendbewegung und dem Vergleich mit dem aktuellen staatlichen Bildungssystem.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Beantwortung der Frage, ob die Pädagogik Rudolf Steiners eine realistische und erstrebenswerte Utopie darstellt und wie sie sich im Vergleich zum heutigen deutschen Bildungssystem verhält.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine Literaturanalyse zur historischen Einordnung und eine vergleichende Betrachtung der Konzepte zwischen Waldorf-Pädagogik und dem staatlichen Regelschulwesen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der anthroposophischen Konzepte, die Analyse der Wechselwirkung zwischen Jugendbewegung und Reformpädagogik sowie eine Bestandsaufnahme des heutigen Schulsystems.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlagworte sind Reformpädagogik, Waldorfschule, Anthroposophie, Individualität und die gesellschaftliche Funktion von Schule.
Welchen Stellenwert nimmt die Jugendbewegung in der Arbeit ein?
Die Jugendbewegung wird als prägende historische Parallelbewegung betrachtet, die den Zeitgeist der Lebensreform maßgeblich mitgeprägt und damit auch die Entstehung der Waldorfpädagogik beeinflusst hat.
Wie bewertet die Autorin den Erfolg der Waldorfschulen?
Die Autorin stellt fest, dass Waldorfschulen trotz ihrer Ideale nur einen kleinen Teil der Schülerschaft (0,8%) erreichen und somit ein eher randständiges Modell innerhalb des deutschen Schulsystems bleiben.
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- Julia Kriebel (Author), 2007, Reformpädagogik 1900 - Jugendbewegung und Bildung am Beispiel von Waldorfsschulen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89594