Malaysia: ein Beispiel für gelungene Entwicklungspolitik?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
29 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Prozesse des wirtschaftlichen Strukturwandels
2.1. Sozioökonomische Rahmenbedingungen vor dem Hintergrund der Kolonialherrschaft
2.2. Wirtschaftsentwicklung nach der Unabhängigkeit – Importsubstitution einer wenig diversifizierten Wirtschaft
2.3. Offenes Kapitalistisches Marktsystem durch „New Economic Policy“
2.4 Aufbau eigener Industriepotenziale durch ADI in den 80er Jahren
2.5 ADI in Malaysia – Entwicklung und Stellenwert
2.6 Zusammenfassung der Ergebnisse im Phasenüberblick
2.7 Auswirkungen der Asienkrise und ihre Konsequenzen für die Wirtschaftspolitik

3. Aktuelle wirtschaftliche und sozioökonomische Situation
3.1. Ausgewählte Indikatoren in ihrer historischen Entwicklung und im Internationalen Vergleich
3.2.Räumliche Verteilung und Disparitäten
3.2.1. Regionale wirtschaftliche Entwicklung
3.2.2. Industrielle Standortstruktur
3.2.3. Sozioökonomische Entwicklung
3.2.4. Regionalpolitische Maßnahmen
3.2.4.1 Strategien der ländlichen Entwicklung
3.2.4.2 Industrielle Dezentralisierung

4. Vision 2020 – Ein Traum?
4.1. Ziele und Maßnahmen zur Verwirklichung
4.2 Multimedia Superior Corridor

5. Fazit

6. Literaturliste
Allgemeine Literatur
Statistiken
Internet

Anhang 1

1. Einleitung

Die Region Südostasien und Ostasien hat in der zweiten Hälfte letzten Jahrhunderts einen sozioökonomischen Wandel geschafft, der es erlaubt, durchaus von einem neuen Gravitationszentrum der Weltwirtschaft zu reden. Drei Viertel des weltwirtschaftlichen Zuwachses entfielen in den neunziger Jahren auf diese Region mit ihren Staaten, unter denen einige Regionen oft als die „vier kleinen Tiger“ (Hongkong, Taiwan, Südkorea, Singapur) hervorgehoben werden. Aber es sind längst nicht nur diese Wirtschaftsräume, die einen musterartigen Prozess der aufholenden Industrialisierung geschafft haben. Auch Malaysia hat sich durch beträchtiges wirtschaftliches Wachstum ausgezeichnet und gilt hinter Singapur als das am zweitweitesten entwickelte Land Südostasiens. In den Jahren 1988 – 1995 erreichte die Wirtschaft Malaysias ein Wachstum von 8% (vgl. Chowdury, A.; Islam, I. 1996, S.222). Für diese Entwicklung sprechen neben den ökonomischen auch nichtmonetäre Indikatoren (vgl. Vennewald, W. 1996, S. 152). Als Mitglied der ASEAN ist das Land heute ein äußerst ernstzunehmender Konkurrent zu anderen Newly Industrializing Countries (NICs).

Im Folgenden soll der wirtschaftliche Strukturwandel in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts erläutert werden, sowie ein Blick auf die aktuelle Entwicklungsplanung geworfen werden. Unter dem Titel „Vision 2020“ hat sich das Land zum Ziel gemacht, zum vollwertigen Industrieland aufzusteigen. Teil dieses Planes ist der „Multimedia Superior Corridor“, der optimale Standortqualitäten für neue Industrien bieten soll. Des Weiteren soll ein Blick auf aktuelle Kennziffern einen Überblick über die allgemeine Entwicklung und im Vergleich zu anderen Ländern geben, sowie auf die Unterschiede der einzelnen Regionen. Leider beschränkt sich die gesamte Analyse größtenteils auf West-Malaysia, da die Insel Borneo sowohl vom Staat als auch von der Wissenschaft vernachlässigt wurde bisher.

2. Prozesse des wirtschaftlichen Strukturwandels

2.1. Sozioökonomische Rahmenbedingungen vor dem Hintergrund der Kolonialherrschaft

Aufgrund seiner Ausstattung mit natürlichen Ressourcen entwickelte sich Malaysia schon unter der britischen Kolonialherrschaft zu einem weltwirtschaftlichen Produzenten von Zinnerz und Kautschuk. Außerdem schufen die Kolonialherrscher ein gutes Rechtssystem, sowie ein effizientes Verwaltungsgefüge im Lande. Doch die koloniale Phase hatte auch negative Auswirkungen. Die Produktpalette der Halbinsel war wenig differenziert und unterlag den Nachfragemärkten von Nordamerika und Europa. Da der Ausbau der exportorientierten Wirtschaftsregion mehr Arbeitskräfte erforderte als im Land vorhanden waren, kam es zur Immigration vieler chinesischer und indischer Arbeiter. Die Briten beeinflussten diese Einwanderung durch Landvergabe und Zuweisung von Arbeitsplätzen. Die Zuwanderung erlaubte es den Chinesen, sich im produzierenden Gewerbe und im Dienstleistungsgewerbe zu etablieren. Ihr durchschnittliches Einkommen lag deshalb über dem der Bumiputra (Ureinwohner in Malaysia; Übersetzung: „Söhne der Erde“) (Kulke, E. 1989, S. 68). Dies hatte die Schaffung einer Vielvölkergesellschaft zur Folge, dessen Struktur sich auch heute noch nach verfolgen lässt. Hinzu kam ein Anstieg der sozioökonomischen Disparitäten zwischen der infrastrukturell entwickelten und auf Exportprodukte spezialisierten Westküste, und der Ostküste, an der die Subsistenzwirtschaft zu dieser Zeit noch überwog.

Mit dieser Ausgangssituation, die durch 150 Jahre Kolonialherrschaft der Briten geprägt war, wurde das Land 1957 in die Unabhängigkeit entlassen (vgl. Schätzl, L. 1994, S. 144 ff.).

2.2. Wirtschaftsentwicklung nach der Unabhängigkeit – Importsubstitution einer wenig diversifizierten Wirtschaft

Die durch den Ausbau der Infrastruktur in der Kolonialzeit geförderten Aktivitäten im Exportgeschäft von Rohstoffen und Agrarprodukten (anfangs Zinn und Kautschuk, später insbesondere Palmöl) legten auch den Grundstein für die wirtschaftlichen Aktivitäten nach der Unabhängigkeit. Jedoch war der Export wenig differenziert. Auf die Ausfuhr von Zinn und Kautschuk entfielen deshalb 1960 ca. 94% aller Exporterlöse (vgl. Kulke, E. 1994, S. 69). Anfang der 50er Jahre konzentrierte sich die Wirtschaftspolitik des Staates auf die Diversifizierung von Primärgütern (Cash Crops) und die Schaffung eines günstigen Investitionsklimas für Ausländische Direktinvestitionen (ADI). Die darin zu erkennende „laissez – faire“ – Politik war Bestandteil wirtschaftlicher Empfehlungen der Weltbank (Schätzl, L. 1994, S. 148). Zu dieser Wirtschaftpolitik gehörten vor allem auch die Bereitstellung einer ausgebauten Infrastruktur sowie das Zusichern von „Incentives“ wie z.B. Steuererleichterungen. In den Folgejahren der 60er rückte mehr die Industrialisierung in den Mittelpunkt des Interesses der Wirtschaftsplaner. Der industrielle Schwerpunkt mit ihrer Konsumgüterindustrie sollte durch Importbestimmungen, vorrangig Zölle, geschützt werden (Jomo, K. S. 1993, S. 112). Mit diesen Vorgaben entwickelte sich bis zum Ende der 60er Jahre aufgrund der niedrigen Löhne eine auf arbeitsintensive Produktionsschritte spezialisierte Industrie aus, die vor allem bei der Herstellung von Textilprodukten Vorteile fand (Schätzl, L. 1994, S. 147). Die Strategie der Importsubstitution zeigte aber schon bald ihre negativen Auswirkungen. Der viel zu kleine Binnenmarkt (1960: 8,1 Mio. Einwohner) schaffte es nicht, genügend Antrieb für ein Selbsttragendes Wachstum zu geben (vgl. Kulke, E. 1994, S. 69).

Die durch die ethnischen Gegensätze ausgelösten Unruhen von 1969 forderten eine Neukonzeptionierung der Strategie der malaysischen Regierung und induzierten über Umwege auch neue Impulse in der Wirtschaftspolitik.

2.3. Offenes Kapitalistisches Marktsystem durch „New Economic Policy“

Nach zwei Jahren einer Übergangsregierung durch das National Operation Council, wurde in langfristiger Planung von den bis dahin geführten Strategien der Wirtschaftspolitik abgewichen. Die Hauptziele dieser neuen Entwicklungspläne sollten sein:

1. Dynamisches Wirtschaftswachstum durch ausgeprägte Exportindustrialisierung
2. Reduzierung der Armutshaushalte (bis 1990 auf 17%)
3. Ausgeglichene Beteiligung der Ethnien am Beschäftigungsanteil in den einzelnen Sektoren (vgl. Schätzl, L. 1994, S. 147).

Die Schwerpunktsetzung auf die Exportindustrialisierung hatte zur Folge, dass sich zwei Typen Exportorientierter Produktionen herausgebildet haben. So bildeten die resourced – based industries (Palmenöl, Holz) den einen Exportzweig, non – resourced – based industries aus dem Bereich der Konsumgüter, einen weiteren. Im Laufe der 70er Jahre gewann letzterer, insbesondere hinsichtlich neuer Konzepte der internationalen Arbeitsteilung, an Bedeutung (vgl. Jomo, K. S. 1993, S. 117). Damit ergab sich für Malaysia eine Verschiebung der Anteile an den Gesamtausfuhren der Industrieerzeugnisse im Export von 6% (1960) auf 48% (1988). Die arbeitsintensive Herstellung von Textilgütern wich zugunsten von Produktionen aus den Bereichen Maschinenbau, Metallverarbeitung und vor allem Elektrotechnik (vgl. Schätzl, L. 1994, S. 147). In diesem Bereich hatte Malaysia schon in den 80er Jahren Wettbewerbsfähigkeit auf internationaler Ebene erreicht. Entsprechend des Wachstums des non – resourced – based Sektors behielt der resourced – based Sektor zwar seine dominierende Stellung, verliert aber verglichen an den Anteilen der Warenausfuhr an Bedeutung.

Als positiv ist jedoch hervorzuheben, dass es gelungen ist die Exportrohstoffe zu diversifizieren. Die wichtigsten Rohstoffe waren 1988: Rohöl, Kautschuk, Palmöl und Holz. Gerade Palmöl ist auch heute noch das wichtigste Agrargut im primären Sektor. Im folgenden Zeitraum von 1970 bis 1996 sank er Anteil der Rohstoffexporte an den Gesamtausfuhren weiter von 72% auf 11%. Im Gegenzug stieg der Anteil der Industriegüterexporte von 28% auf 89%. Dieser strukturelle Wandel wurde vor allem durch Industrieproduktionen von arbeitsintensiven und einfachen „low value – added productions“ angetrieben. Erste Investitionen aus dem Ausland in diese Richtung realisierten vor allem amerikanische Unternehmen in den 70er Jahren (vgl. O’Brien, L. 1992, S.121).

Neben den wirtschaftlichen Anliegen war auch der Abbau von interethnischen Einkommensdisparitäten zwischen Malaien und Chinesen Gegenstand der NEP (vgl. Schätzl, L. 2000, S. 242).

2.4 Aufbau eigener Industriepotenziale durch ADI in den 80er Jahren

Ziel der Wirtschaftspolitik in den 80er Jahren war vor allem der Aufbau einer eigenen Automobilindustrie sowie einer durch ADI finanzierten Elektroindustrie. Die Quellgebiete der ADI waren vorrangig Japan und die USA (vgl. Kulke, E. 1998, S. 193 ff.).

Europäische Investoren hielten sich hingegen anfangs sehr stark zurück. Erst im Laufe der Zeit entwickelte sich Europa, zusammen mit den USA, zu den stärksten Partnern im Handel (vgl. Chowdhury, A.; Islam, I. 1996, S. 222).

Um diesen Prozess zu unterstützen, etablierte die Regierung Malaysias einige wirtschaftspolitische Instrumente wie z.B. Einrichtung von Freihandelszonen, Steuererleichterungen für Investitionen, Industrial Estates (vgl. Schätzl, L. 2000, S.242 ff.). Die Produktionen von elektronischen, elektrischen und textilen Produkten bildeten den Kern der Firmen, die in den malaysischen Freihandelszonen aktiv wurden. Bis zum Ende der 80er lösten die Sektoren der Elektrotechnik, Maschinenbau und Metallverarbeitung die bisherigen Träger der Industrialisierung ab. Auch die Qualität der Produktion veränderte sich zunehmend. Die anfangs durch einfache, arbeitsintensive Schritte gekennzeichnete Produktionen nahmen zugunsten von höherwertigen Industriegütern aus dem Konsum- und Investitionsbereich ab. Ein Beispiel dafür ist die 1985 begonnene Fertigung eines Personenkraftwagens, der Proton Saga. Gemeinsam mit Mitsubishi wurde bei Kuala Lumpur das erste Automobilwerk des Landes errichtet. Der Mittelklassewagen konnte in den ersten elf Jahren 56% des Marktanteils innerhalb Malaysias gewinnen, was nicht zuletzt Verdienst der Importzölle auf ausländische Autos war. Später versuchte man dieses Modell auch in Entwicklungsländern wie Brunei, Pakistan und Sri Lanka abzusetzen (Kulke, E. 1989, S. 27 ff.).

Seit Mitte der 70er Jahre hat Malaysia durch seine Wirtschaftspolitik und die implizierten ökonomischen Aktivitäten es geschafft, ein hohes Wirtschaftswachstum zu erreichen. Der Aufbau einer zeitgemäßen Infrastruktur im Telekommunikations- und Energiesektor war ein wichtiger Bestandteil der damaligen Zielsetzung und kam Anfang der 90er Jahre eine besondere Bedeutung zu. Die Realisierung dieser Infrastrukturprojekte wurde, anders als in Singapur, durch Einbindung des privaten Sektors erreicht.

Außerdem hat man, gerade in Malaysia und Singapur, von staatlicher Seite gezielte Forschungs- und Entwicklungspolitik betrieben und so den Aufbau einer Technologieorientierten Industrieproduktion gefördert (vgl. Kraas, F. 1998, S.143).

Die Aufstrebende Entwicklung Malaysias wurde jedoch bereits Anfang der 80er Jahre durch eine Rezession erschüttert. Doch im Vergleich zu der sich im darauf folgenden Jahrzehnt nährenden Krise, handelte es sich hierbei nur um einen kleinen Vorboten.

2.5 ADI in Malaysia – Entwicklung und Stellenwert

Malaysias rapides Wachstum der vergangenen 20 Jahre wurde zum großen Teil von Ausländischen Direktinvestitionen getragen. Dabei ist der Großteil der ADI mit einem Anteil von 43% in den verarbeitenden Sektor geflossen und zu 35% in den Dienstleistungsbereich (The Economist, 2001). Nach Angaben der World Bank war der südostasiatische Staat unter den fünf attraktivsten Volkswirtschaften für ADI in den Jahren 1987 – 1991. Pull – Faktoren waren zu dieser Zeit vor allem das wirtschaftliche Wachstum, makroökonomische Stabilität, Verfügbarkeit von Arbeitskräften und eine gut ausgebaute Infrastruktur. Vorwiegende Produktionen sind im Bereich der elektro- und elektrischen Produktion, chemischen und petrochemischen Produktion, Produktion von Maschinenbauteile sowie Textilproduktion, angesiedelt.

Die hauptsächlichen Investoren sind Unternehmen aus Taiwan, Japan, USA, EU und Singapur. Insbesondere nach 1989 stiegen die ADI – Zuflüsse, was nicht zuletzt den vom Staat zugesprochenen Incentives durch Steuervergünstigungen zu verdanken war. Auch heute noch ist der Anteil der ADI relativ hoch. Dies hat jedoch nicht nur positive Seiten, da es eindeutig zeigt, dass Malaysia stark von diesen Geldern abhängig ist. Angesichts der Tatsache, dass weitere Länder der asiatischen Region immer attraktiver für ADI werden, kann man der zukünftigen Entwicklung in diesen Bereich sehr kritisch gegenüber stehen. China beispielsweise hat gegenüber Malaysia, mehr als den 8fachen Betrag an ADI 1997 erworben und weitere aufstrebende Länder, wie Indonesien und Indien, stehen in direkter Konkurrenz (The Economist, 2001).

[...]

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Malaysia: ein Beispiel für gelungene Entwicklungspolitik?
Hochschule
Universität Hamburg  (Geographisches Institut)
Veranstaltung
Südostasien
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
29
Katalognummer
V89595
ISBN (eBook)
9783638040556
ISBN (Buch)
9783640432073
Dateigröße
577 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Malaysia, Entwicklungspolitik, Südostasien
Arbeit zitieren
Alexander Wijgers (Autor), 2003, Malaysia: ein Beispiel für gelungene Entwicklungspolitik?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89595

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