Todesmacht und Kriegspraktiken. Ein Analyseraster mit Foucault und Elias.


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

37 Seiten, Note: gut


Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung
1. Thema und thematische Abgrenzung
2. Begriffliche Annäherung an Krieg, Gewalt und kriegerische Gewalt
3. Darstellungsabsicht und Ausgangsthesen
4. Aufbau der Arbeit

II. Krieg in historischen Konstellationen oder als Element eines Prozesses
1. Allgegenwart und Alltäglichkeit von Krieg und kriegerischen Praktiken
a) Ort und Rahmen mittelalterlich-feudaler Kriege
b) Der Krieg in Theorie und Praxis
2. Monopole (legitimer) Gewaltanwendung: Die Kriege des Souveräns in höfischen Gesellschaften
a) Rechte und Privilegien des Souveräns: Gewaltsame und kriegerische Machtausübung
b) Souveräne Kriege oder Kriege des Souveräns?
3. Erneute Verallgemeinerung kriegerischer Praktiken: Krieg und Militär als paradigmatische Orte der Disziplinargesellschaft
a) Die anonymen und verallgemeinernden Disziplinen
b) Das universalisierte und zweckgebundene Kriegerische
4. „Der Krieg deckt die Geschichte vollständig ab, er ist nicht nur ihr Umsturz und ihre Unterbrechung“
5. Der absolute Wert des Lebens: Form(ul)ierung von Rassismus und Bio-Macht
a) Der Zugriff auf das Leben
b) Im Dienste des Lebens Kriege führen!
c) Faschistische Kriege

III. Schlussakkord

IV. Siglen- und Literaturverzeichnis

I. Einleitung

1. Thema und thematische Abgrenzung

In meinem Text möchte ich einen möglichen Rahmen zu skizzieren, in dem ein Komplex wie Krieg und Gewalt bzw. kriegerische Gewalt in der Moderne beschrieben werden könnte. Ich möchte dabei für verschiedene historische Konstellationen aufzeigen, wie erstens in einem allgemeinen Diskurs jeweils das Verhältnis von Krieg und Gesellschaft formuliert wurde und zweitens welche Funktion Krieg innerhalb bestimmter Machtverhältnisse und in Bezug auf den genannten allgemeinen Diskurs hatte. Mit beiden Punkten hängt natürlich zusammen, wie Krieg geführt wurde, d.h. welche Formen und Ausprägungen er annahm. Diesen Punkt werde ich jedoch im Rahmen meiner eher theoretisch-analytisch orientierten Arbeit weitgehend vernachlässigen.

Um einen Interpretationsrahmen entwickeln zu können, der es erlaubt, die skizzierten Fragen zu beantworten, werde ich eine Art vergleichende Kombination zweier Ansätze versuchen, dabei aber weniger zwei Konzepte gegenüberstellen, sondern vielmehr beide kombinieren und ergänzen und dabei ggf. Unterschiede und Abweichungen herauszustellen. Der eine – verbunden mit dem Namen Norbert Elias – legt das Augenmerk auf langfristige historische Entwicklungen und versucht, Aussagen „Über den Prozeß der Zivilisation“ zu treffen. Krieg und Gewalt werden im Verlauf dieses Prozesses zunehmend zentralisiert – man denke an die voranschreitende Errichtung eines staatlichen Gewaltmonopols – und aus den alltäglichen Bereichen heraus- und stattdessen in besondere, räumlich und zeitlich begrenzte Zonen hineingedrängt. Auch die Art und Weise des Kriegführens bzw. der Gewaltausübung verschiebt sich in diesem Kontext. Der andere Ansatz – derjenige Michel Foucault s – verweist auf verschiedene historische Konstellationen, in denen die Phänomene Krieg und Gewalt bzw. kriegerische Gewalt unterschiedlich thematisiert wurden. Foucault arbeitet dabei nicht mit einer wie auch immer gearteten Entwicklungslogik, sondern entfaltet die Denkfigur spezifischer Diagramme, in denen sich die jeweils maßgeblichen Mechanismen der Machtausübung realisierten. Krieg und Gewalt nehmen unterschiedliche Ausprägungen an, weil sie als Appendix, Manifestation oder Instrument der Machtausübung jeweils unterschiedlichen Funktionsweisen einverleibt und unterschiedlichen funktionalen Erfordernissen unterworfen sind.

Obwohl sich Elias und Foucault auf fundamentaler Ebene erheblich unterscheiden – der eine betont den Prozess in seiner Langfristigkeit, Zielgerichtetheit und Entwicklung; der andere zielt auf Kontingenz und Übertragbarkeit verschiedener, relativ autonomer Machttechniken[1] –, scheinen die historisch-empirischen Aussagen, die Phänomene, die sie beobachten und beschreiben, ähnliche zu sein. Auch die Verschiebungen und Veränderungen, die von beiden Autoren in den Lichtkegel ihrer Arbeit gezogen werden, ähneln sich – wenngleich sie auch unterschiedlich akzentuiert und in unterschiedlichen Programmen verortet und verarbeitet werden.

2. Begriffliche Annäherung an Krieg, Gewalt und kriegerische Gewalt

Begriffliche Annäherungen an bestimmte Phänomene, d.h. verschiedene Definitionsversuche – in diesem Fall bzgl. Gewalt und Krieg –, die am Anfang einer Untersuchung stehen, haben notwendig und zwangsläufig etwas Provisorisches. So soll denn hier auch nur eine Skizze erfolgen, die einige Aspekte problematisiert, die im Verlauf der Arbeit zu präzisieren sein werden.

Foucault bettete Krieg und Gewalt in unterschiedliche Konstellationen bzw. Diagramme der Machtausübung ein. Krieg wird dabei als eine im Verhältnis von Leben und Tod stehende Praktik begriffen, deren Formen und Funktionen jeweils davon abhängen, inwieweit und welche Rolle die Kategorien des Lebens und des Todes in unterschiedlichen Machtverhältnissen und Diskursen spielen. Krieg gewinnt dabei eine Bedeutung, die über konkrete militärische Gefechte hinaus geht, diese aber mitdenkt und z.T. als Modell für Gesellschaft identifiziert. Innerhalb dieser von Foucault angedachten analytischen Verallgemeinerung des Krieges gibt es – folgt man Deleuze – auch hinter dem scheinbar so friedlichen und befriedeten Modell von Gesetz und Legalität nur den Krieg selbst: „Foucault zeigt, daß das Gesetz sowenig ein Friedenszustand wie das Resultat einer gewonnenen Krieges ist: es ist der Krieg selbst, die Strategie dieses aktuell stattfindenden Krieges, genauso wie die Macht kein erworbener Besitz der herrschenden Klasse, sondern die aktuelle Anwendung ihrer Strategie ist. [...] Im Hintergrund tobt die Schlacht mit ihren lokalen Taktiken, ihren Gesamtstrategien“.[2] Die Überlegungen Foucault s kreisen um die Frage, ob „der Krieg als Modell der Machtbeziehungen dienen kann“[3].

Elias versteht Krieg als eine spezifische Verhaltensweise und Praktik, die in unterschiedlichen Gesellschaftsformationen verschiedene Ausprägungen erfährt. Er legt dabei das Augenmerk auf die Verschränkungen individueller (psychogenetischer) und gesellschaftlicher (soziogenetischer) Entwicklungen. Krieg erscheint als Ausdruck und Ergebnis individueller Verhaltensweisen, staatlicher Organisationsformen, sowie eines diese beiden Pole verbindenden Habitus. Krieg ist der Ort individueller und kollektiver Affektentladung.

3. Darstellungsabsicht und Ausgangsthesen

Mit dem hier präsentierten Vorgehen könnte beleuchtet werden, auf Grund welcher Ideen und Verfahrensweisen und mittels welcher politischen Rationalität innere und äußere Ausbrüche „kriegerischer Gewalt in der Moderne“ funktionieren konnten und funktionierten. Nachzugehen wäre aus der Perspektive Foucault s verschiedenen Fragen nach den Bedingungen der Möglichkeit einer Totalisierung, Biologisierung und vielleicht Ent-Politisierung des Krieges. Mit Elias müsste geklärt werden, ob und wie sich Zivilisierung, Affektkontrolle etc. im Zusammenhang mit (post-)modernen Kriegen und Gewaltausbrüchen manifestieren.

In den Arbeiten Michel Foucault s wird deutlich, dass Krieg in (post-)modernen Gesellschaften keineswegs ein Ausnahmezustand oder eine Anomalie darstellt, die vielleicht nicht zu vermeiden, deren Auswuchs jedoch zu kontrollieren und zu regulieren und deren Eintreten möglichst zu verhindern sind; Krieg ist nicht etwas der Gesellschaft und ihrem normalen Funktionieren äußerliches, sondern vielmehr etwas, das auf fundamentaler Ebene wichtiger Bestandteil einer wie auch immer gearteten „Gouvernementalität der Gegenwart“[4] ist. Auf Foucault Bezug nehmend, könnte gefragt werden, „in welchem Maße das binäre Schema von Krieg, Kampf und Zusammenstoß der Kräfte tatsächlich als Grundlage der Zivilgesellschaft, zugleich als Prinzip und Motor der Ausübung politischer Macht aufgewiesen werden kann“.[5]

Machtbeziehungen und damit Gesellschaft erscheinen aus einer solchen Perspektive als allgemeiner Krieg. Die Vielfältigkeit historischer Kräfteverhältnissen kann – so Foucault – tendenziell eher in Form des konkreten, militärischen „Krieges“ oder in Form der „Politik“ codiert werden. Krieg und Politik sind zwei verschiedene Strategien innerhalb von Machtverhältnissen, die jederzeit ineinander überschlagen und im jeweils Anderen ihre Fortsetzung finden können – „zwei verschiedene Strategien zur Integration ungleichgewichtiger, heterogener, instabiler, gespannter Kräfteverhältnisse“.[6] Politische Macht, die sich i.d.R. als friedlich, zivilgesellschaftlich, nach dem Ende des Krieges einsetzend bzw. ihn sogar beendend beschreibt, beseitigt „die Wirkungen des Krieges“ nicht und hebt auch nicht „das Ungleichgewicht, das sich aus dem Endkampf des Krieges ergeben hat“, auf. Vielmehr trägt die politische Macht die allgemeinen kriegerischen Auseinandersetzung „mittels einer Art stillen Krieges beständig von neuem in die Institutionen, die ökonomischen Ungleichheiten, in die Sprache und bis in die Körper der einen oder anderen“ hinein.[7]

In unterschiedlicher Intensität ist allem Bisherigen die Frage implizit, wo Krieg und Gewalt – auch und gerade in Form kriegerischer Gewalt – ihren Ort haben. Walter Benjamin, der sich Gedanken „Zur Kritik der Gewalt“ machte, mag vielleicht einen Anhaltspunkt dafür geben, wo und wann sich Gewalt konstituiert und manifestiert. „Denn zur Gewalt im prägnanten Sinne des Wortes wird eine wie auch immer wirksame Ursache erst dann, wenn sie in sittliche Verhältnisse eingreift. Die Sphäre dieser Verhältnisse wird durch die Begriffe Recht und Gerechtigkeit bezeichnet“.[8] Der dadurch nahegelegten Verallgemeinerung von Gewalt bzw. ihrer Verortung in so zentralen Sphären wie Recht und Gerechtigkeit soll nachgegangen werden.

4. Aufbau der Arbeit

Nachdem ich bereits versucht habe, das umfangreiche Thema „Krieg und kriegerische Gewalt in der Moderne“ abzugrenzen und gleichzeitig einige Begriffe zu klären und Ausgangsthesen zu formulieren, werde ich mich nun – im folgenden, umfangreichen Hauptteil meiner Arbeit – der Frage nach der Verortung von Krieg innerhalb unterschiedlicher historischer Konstellationen oder als Element eines übergreifenden Prozesses zuwenden. Es wird darum gehen, die verworrenen Wege von Krieg als Feld des Wissens und soziale Praxis zu verfolgen. Dabei begegnet der Krieg als allgegenwärtige und alltägliche Praxis innerhalb feudaler Zusammenhänge, wird jedoch zunehmend monopolisiert und zentralisiert, um schließlich nur noch dem Souverän als Modus legitimer Gewaltanwendung zuzustehen. Ein dergestalt verändertes Kriegsverständnis wird dann wiederum aufgegriffen werden, um bestimmte Praktiken und Wissensfelder erneut zu verallgemeinern – nun aber indem Krieg und Militär zu den paradigmatischen Orten einer entstehenden Disziplinargesellschaft werden und das maßgebliche Muster des Verhaltens abgeben. In einem nächsten Schritt gilt es, einen Diskurs nachzuzeichnen, der nicht nur militärisch-diszipliniertes Verhalten, sondern den Krieg, die kriegerische Auseinandersetzung insgesamt zum Modell der Gesellschaft und zu ausschließlichen Realität der Geschichte erklärt. Danach und diesen Teil abschließend bearbeite ich die immer stärker ins Zentrum drängende Bedeutung des menschlichen Lebens für die Politik – die Geburt und Ausbreitung einer Bio-Politik, die in notwendiger Verbindung mit rassistischen Gedankenfiguren das Töten zu einer Bedingung des Lebens erklärt und dadurch in der ist, den Krieg als Erfordernis des Lebens, des Über-Lebens einer Bevölkerung, eines Volkes agieren zu lassen.

II. Krieg in historischen Konstellationen oder als Element eines Prozesses

Foucault und Elias beschreiben die mittelalterliche, feudale Form der Vergesellschaftung und gesellschaftlichen Organisation in ähnlicher Weise – zumindest im Hinblick auf die Bedeutung und Verbreitung von Krieg und Gewalt. An dieser Stelle sollen jedoch nur einige Stichworte in den Raum gestellt werden. Da beide Autoren die mittelalterlich-feudale Ordnung lediglich als Ausgangspunkt und Kontrast benutzen bzw. thematisieren, um darauffolgende Entwicklungen, Veränderungen oder Brüche darzulegen, soll auch in meiner Arbeit versucht werden, zentrale Merkmale dieser Ausgangszeit eher in der Gegenüberstellung mit der Gesellschaft souveräner Machtausübung (Foucault) bzw. dem höfisch-zivilisierten Modell (Elias) zu verdeutlichen.

1. Allgegenwart und Alltäglichkeit von Krieg und kriegerischen Praktiken

a) Ort und Rahmen mittelalterlich-feudaler Kriege

In naturalwirtschaftenden Kriegergesellschaften war Krieg ein naheliegendes, ja sogar ein unentbehrliches Mittel des Erwerbs von Gütern und Produktionsmitteln. Erst mit zunehmender Monopolisierung der Gewaltmittel und funktionaler Differenzierung wurden Erwerb und Produktion immer mehr von Gewaltandrohung und –anwendung getrennt.[9] „Krieg, Raub, Überfall und Plünderung war für die natural wirtschaftenden Krieger eine reguläre Form des Erwerbs, überdies die einzige, die ihnen zugänglich war“.[10] Die in feudalen Gesellschaften notwendige Eroberung und Erschließung neuer Böden konnten von einem bestimmten Stand der Entwicklung an „nur unmittelbar mit dem Schwert“ geschehen. Welche Bedeutung dabei der kämpfenden Oberschicht bzw. dem Kriegerischen im Allgemeinen zukam, ist unschwer zu erraten.[11] Der Lehnsschwur – zentrales Moment feudaler Gesellschaftsorganisation – war auch „nichts anderes als die Besiegelung des Schutzbündnisses zwischen einzelnen Kriegern, als die sakrale Verfestigung der individuellen Beziehungen zwischen einem Boden vergebenden und schützenden Krieger und einem Dienste vergebenden Krieger“.[12] In „naturalwirtschaftenden Kriegergesellschaften“ stand „die kriegerische Integration, der Zusammenschluß zur Abwehr gemeinsamer Feinde“ im Vordergrund.[13] Krieg und Gewalt bildeten in solchen Formationen wenn schon nicht den ausschließlichen, so doch zumindest den primären Verflechtungszusammenhang.[14] Kriegerische Auseinandersetzungen durchzogen den gesamten Gesellschaftskörper[15] - sie hatten keinen gesonderten und abgeschlossenen Raum, sondern drohten überall und jederzeit auszubrechen, ohne dass diese Drohung oder dieses Ausbrechen dabei den Boden des normalen und alltäglichen gesellschaftlichen Zusammenlebens verlassen oder ins Wanken gebracht hätten. Wie sollte es auch anders sein, in einer Gesellschaft, die u.a. dadurch charakterisiert war, dass – gemäß der strukturellen Rahmenbedingungen – die Burgherren in erster Linie Ritter und Kriegsführer und ihre Ausbildung „die eines Kriegers und zentriert um das Waffenhandwerk“ war?[16] Wenn der Burgherr beinahe überall „ein brutaler und räuberischer Haudegen“ blieb, der in den Krieg zog, sich im Turnier schlug, die Friedenszeit mit der Jagd verbrachte, sich durch Verschwendungen ruinierte, die Bauern bedrückte, die Nachbarn erpresste und die Ländereien der Kirche plünderte.[17]

Der mittelalterliche Krieger verbrachte seine „Jugend damit sich auf Kämpfe vorzubereiten. Wenn er mündig war, schlug man ihn zum Ritter, und er führte so lange Krieg, als es seine Kräfte nur irgend erlaubten, bis ins Greisenalter hinein. Sein Leben hatte keine andere Funktion. Sein Wohnhaus war eine Wache, eine Festung, Angriffs- und Verteidigungswaffe zugleich. Wenn er zufälligerweise, wenn er ausnahmsweise im Frieden lebte, brauchte er wenigstens noch die Illusion des Krieges. Er schlug sich in Turnieren, und diese Turniere unterschieden sich oft von wirklichen Kämpfen nur wenig“. (PdZ, I, S. 362f.)

Die benannten soziogenetischen Rahmenbedingungen verbanden sich mit den psychogenetischen Dispositionen ihrer Träger, d.h. mit jenen individuellen Verhaltensweisen, die durch die Strukturvorgaben sowohl ermöglicht, hervorgebracht und begünstigt wurden, als auch ihrerseits diesen Rahmen zumindest mitkonstituierten und (verändernd) fortschrieben. Das Verhalten der Burgherren, Ritter, Krieger, der „weltlichen Oberschichten des Abendlandes“ gestaltete sich eben auch entsprechend der gesellschaftlichen Verfasstheit. Diese Schichten kannten, folgt man Elias, „meist keinen anderen Vermittler zu ihrem Lebensunterhalt – und damit keine andere unmittelbare Abhängigkeit – als das Schwert. Allenfalls die Gefahr der körperlichen Überwältigung, die Kriegsdrohung eines sichtbar Überlegenen, also direkte, körperliche Zwänge von außen können sie zur Zurückhaltung bringen“.[18]

b) Der Krieg in Theorie und Praxis

Nachdem ich den strukturellen Rahmen mittelalterlicher, feudaler Gesellschaften, d.h. den funktionalen Ort von Krieg, Gewalt, Leben und Tod ebenso bearbeitet habe, wie die psychischen Dispositionen und Verhaltensweisen verschiedener Menschen(gruppen) innerhalb dieses Rahmens, werde ich der Frage nachgehen, was Krieg bzw. hier ebenso wichtig Fehde konkret bedeuteten. Wie sah Krieg in Theorie und Praxis aus? Auf allgemeiner Ebene hieß Krieg „als Stärkerer über den Feind kommen, seine Weinstöcke abhauen, seine Bäume ausreißen, sein Land verwüsten, seine Bürgen im Sturm nehmen, seine Brunnen verschütten, seine Leute fangen und töten...“.[19] Dies erweiternd kann gesagt werden, dass Krieg – zumindest in semantischer Hinsicht – die relativ weitgehende, in alltägliche Praktiken hineingreifende Bedeutung von „Rechtsstreit“ hatte.[20]

„Wie immer man das Phänomen Krieg – seine Ursachen, seine Erscheinungsweisen – beurteilen mag, grundlegend für den mittelalterlichen Kriegsbegriff war die Zuordnung von Krieg und Recht. Nicht von ungefähr hat eben das Wort, das den Krieg als Rechtsstreit begreifen lehrt, ursprünglichere Bezeichnungen außer Gebrauch setzen und somit aus dem Bewußtsein löschen können“. (GGr, S. 568)

[...]


[1] Lemke: Neoliberalismus, Staat und Selbsttechnologien, S. 33, Fn. 2: „Hinter der gemeinsamen Fragestellung [von Foucault und Elias, TL] verbergen sich jedoch entscheidende theoretische Differenzen. Anders als Elias zeichnet sich für Foucault der Zivilisationsprozess weder durch eine einheitliche oder widerspruchsfreie historische Entwicklungslogik aus noch lässt er sich als zunehmende Zurückdrängung <barbarischer>, d.h. gewaltförmiger Elemente aus dem sozialen Leben begreifen“.

In den Fußnoten erfolgt im Übrigen ein durchgehende Kurzzitation. Die vollständigen bibliographischen Angaben sowie eine Auflösung der Siglen erfolgt am Ende der Arbeit im Siglen- und Literaturverzeichnis.

[2] Deleuze, Foucault, S. 46f. Zu Grenzen und Revisionen dieser Kriegshypothese bzw. „Hypothese Nietzsches“ bei Foucault vgl. Lemke, Kritik, S. 89ff.

[3] Ebd., S. 131.

[4] so der Titel des äußerst wichtigen und aufschlussreichen Sammelbandes von Bröckling / Krasmann / Lemke. Gouvernementalität meint ...!!!!!!!!

[5] VdG, S. 29.

[6] WzW, S. 114f.

[7] VdG, S. 26f.

[8] Benjamin, S. 179.

[9] PdZ, II, S. 205f.

[10] Ebd., S. 93.

[11] Ebd., S. 52.

[12] Ebd., S. 80.

[13] Ebd., S. 36.

[14] Ebd., S. 116.

[15] Ebd., S. 55.

[16] Ebd., S. 109.

[17] Ebd., S. 94

[18] Ebd., S. 96.

[19] PdZ, I, S. 359f.

[20] GGr, S. 567.

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Todesmacht und Kriegspraktiken. Ein Analyseraster mit Foucault und Elias.
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar Geschichte: Kriegerische Gewalt in der Moderne
Note
gut
Autor
Jahr
2002
Seiten
37
Katalognummer
V8963
ISBN (eBook)
9783638157872
Dateigröße
664 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Todesmacht, Kriegspraktiken, Analyseraster, Foucault, Elias, Hauptseminar, Geschichte, Kriegerische, Gewalt, Moderne
Arbeit zitieren
Timo Luks (Autor), 2002, Todesmacht und Kriegspraktiken. Ein Analyseraster mit Foucault und Elias., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8963

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