Die Ursachen und Konsequenzen der Lesesucht anhand von Karl Philipp Moritz´ „Anton Reiser – ein psychologischer Roman“


Hausarbeit, 2004

14 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Die Lesesucht bei Karl Philipp Moritz´ „Anton Reiser“

2. Der Verfall des Protagonisten Anton in die Lesesucht
2.1 Die Ursachen der Lesesucht
2.1.1 Die Unterdrückung von Kindheit an
2.1.2 Die Flucht in die Phantasie
2.2 Die Konsequenzen der Lesesucht
2.2.1 Der Verfall von Körper und Geist im Suchtverhalten
2.2.2 Die Konsequenzen für Erzieher

3. Das Unterbinden der Lesesucht

4. Literaturverzeichnis

1. Die Lesesucht bei Karl Philipp Moritz´ „Anton Reiser“

Bei Karl Philipp Moritz´ „Anton Reiser – ein psychologischer Roman“ handelt es sich um eine fiktive Biographie des Protagonisten Anton Reiser, welcher im Laufe des Romans immer wieder der Lesesucht verfällt.

Durch psychoanalytische Vorgehensweise sollen die zugrunde liegenden Ursachen herausgestellt werden, um herauszufinden, warum die Hauptfigur immer wieder der Lesesucht verfällt. Zuerst wird die Kindheit betrachtet und die Familienverhältnisse beleuchtet. Dann wird der Blick auf weitere schicksalhafte Begebenheiten gelenkt. Anschließend werden die Konsequenzen der Lesesucht begutachtet, damit festgestellt werden kann, wie sie sein im Roman dargestelltes Leben beeinflusst, wobei als erstes der Verfall von Körper und Geist dargestellt wird. Schließlich werden die Konsequenzen aufgezeigt, die sich für einen Erzieher nach der Lektüre und Analyse des Romans ergeben sollten.

Dabei soll die These zugrunde liegen, dass die Lesesucht eine Folge des Verhaltens der Umwelt und der steten Unterdrückung des Protagonisten ist und dass die Erwachsenen in seinem Umfeld viele Chancen versäumt haben, Anton zurück in ein nicht sucht-bedingtes Leben zu leiten.

2. Der Verfall des Protagonisten Anton in die Lesesucht

2.1 Die Ursachen der Lesesucht

Da der Roman wie eine Biographie mit der Kindheit beginnt und somit ausführlich das Aufwachsen innerhalb der Familie darstellt, gibt Moritz dem Leser die Möglichkeit, sich eine Vorstellung von den Ursachen zu machen, welche die Hauptfigur in die Lesesucht treiben.

2.1.1 Die Unterdrückung von Kindheit an

Karl Philipp Moritz lässt seine Hauptfigur in einer lieblosen Familie aufwachsen. Während der Vater den Lehren der Madame Guion folgt, ist die Mutter in der Bibel sehr bewandert. Durch gegenseitiges Unverständnis der Eltern ist das häusliche Leben der literarischen Familie von Streit geprägt. „Die ersten Töne, die sein Ohr vernahm, und sein aufdämmernder Verstand begriff, waren wechselseitige Flüche und Verwünschungen des unauflöslich geknüpften Ehebandes.“[1] Da die Eltern durch ihre Streitereien sehr mit sich selbst beschäftigt sind, bleibt spätestens nach der Geburt seiner Geschwister wenig Zuneigung für Anton über, „ […] so daß er nun fast ganz vernachlässiget wurde, und sich, sooft man von ihm sprach, mit einer Art von Geringschätzung und Verachtung nennen hörte, […]“[2]. Neben der familiären Abneigung hat Anton auch keine Freunde, denn die meisten Kinder seiner Nachbarschaft haben, bedingt durch die Vernachlässigung seiner Eltern, ein gepflegteres Aussehen als er. Deshalb traut er sich nicht sie anzusprechen und „So hatte er keinen zu dem er sich gesellen konnte, keinen Gespielen seiner Kindheit, keinen Freund unter Großen noch Kleinen.“[3]

Sobald Anton von seinem Vater das Lesen beigebracht bekommt, sind die Bücher für ihn eine Möglichkeit der Flucht vor dem häuslichen Streit und ein Ersatz für Freundschaften, zumal er zusätzlich zu seiner Einsamkeit noch lange krank ist und viel Zeit im Bett verbringen muss. Dabei nehmen die Bücher einen wichtigen Platz in seinem Leben ein, „[…] denn das Buch musste ihm Freund, und Tröster, und alles sein.“[4].

Während sein Vater ihn lehrreiche Bücher lesen lässt, „Das zweite Buch, was ihn sein Vater nebst den Guionschen Liedern lesen ließ, war eine Anweisung zum inneren Gebet von eben dieser Verfasserin.“[5], bekommt er von seiner Base, mit Billigung von seiner Mutter, die ersten Romane.

Sein Vater war ein abgesagter Feind von allen Romanen, und drohete ein solches Buch sogleich mit Feuer zu verbrennen, wenn er es in seinem Hause fände. Demohngeachtet bekam Anton durch seine Base die schöne Banise, die Tausendundeine Nacht, und die Insel Felsenburg in die Hände, die er nun heimlich und verstohlen, obgleich mit Bewußtsein seiner Mutter, in der Kammer las, und gleichsam mit unersättlicher Begierde verschlang.[6]

In diesem Abschnitt werden drei Dinge genannt, die als typisch für die Lesesucht gelten. Zum einen wird die Lesesucht auch als Romansucht bezeichnet, denn sie drückt sich durch das Lesen von Romanen und Theaterstücken und nicht durch das Lesen von Lehrbüchern aus. So erläutert auch Hocke, dass richtiges Lesen nur im Lesen der Wahrheit und durch die Erweiterung von Erkenntnissen, aber nicht im Lesen von Erdichtungen Vergnügen finden kann.[7] Ebenfalls gelten Frauen und junge Männer als anfällig für die Lesesucht, also scheint es nur logisch, dass Anton durch seine Base und seine Mutter zum Lesen von Romanen verführt wird. Auch darauf weist Hocke hin, indem er schreibt „Die Klasse der Modeleser besteht aus Frauenzimmern, aus Jünglingen und aus Männern nach der Mode.“[8] Zuletzt wird das Lesen durch die Phrase ,mit unersättlicher Begierde verschlang’ gleichgesetzt mit unkontrolliertem und damit unkultiviertem Essen, obwohl man sowohl beim Lesen als auch beim Essen eine Auswahl treffen sollte um etwas genießen zu können. „Man liest ohne Zweck alles durch einander, man genießt nichts und verschlingt alles, nichts wird geordnet, alles nur flüchtig gelesen und eben so flüchtig vergessen, […]“[9] Die Analogie von Lesen und Essen wird im Zusammenhang der Lesesucht des Öfteren verwendet und findet auch bei Moritz immer wieder Gestalt. So wird Anton einmal von seinen Eltern nicht mit zu einem Festessen genommen, weshalb er versucht, sich über den Hunger mit Hilfe von Lektüre hinwegzutrösten.[10] Müller spricht davon, dass es eine Art Hunger der Seele geben muss, „der dem des Körpers Paroli zu bieten vermag.“[11] Da Reiser weder den körperlichen Hunger, noch diesen Hunger der Seele durch seine Umwelt stillen kann, nutzt er die Bücher um ihn zu besänftigen.

[...]


[1] Moritz, Karl Philipp: Anton Reiser – Ein psychologischer Roman. Frankfurt am Main, Leipzig 1998, S. 15

[2] Ebenda, S. 17

[3] Ebd., S. 18

[4] Moritz, Karl Philipp: Anton Reiser – Ein psychologischer Roman. Frankfurt am Main, Leipzig 1998, S. 21

[5] Ebd., S. 25

[6] Ebd., S. 35

[7] Vgl. Hocke, Johann Gottfried, Vertraute Briefe über die jetzige abentheuerliche Lesesucht und über den Einfluß derselben auf die Verminderung des häuslichen und öffentlichen Glücks [1794], in: Die Leserevolution. Quellen zur Geschichte des Buchwesens, hrsg. v. Reinhard Wittmann, München 1981, S. 70

[8] Ebd., S. 69

[9] Hocke, Johann Gottfried, Vertraute Briefe über die jetzige abentheuerliche Lesesucht und über den Einfluß derselben auf die Verminderung des häuslichen und öffentlichen Glücks [1794], in: Die Leserevolution. Quellen zur Geschichte des Buchwesens, hrsg. v. Reinhard Wittmann, München 1981, S. 68

[10] Vgl. Moritz, Karl Philipp: Anton Reiser – Ein psychologischer Roman. Frankfurt am Main, Leipzig 1998, S. 24

[11] Müller, Lothar: Die kranke Seele und das Licht der Erkenntnis, Frankfurt am Main 1987, S. 328

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Ursachen und Konsequenzen der Lesesucht anhand von Karl Philipp Moritz´ „Anton Reiser – ein psychologischer Roman“
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
14
Katalognummer
V89668
ISBN (eBook)
9783638035385
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ursachen, Konsequenzen, Lesesucht, Karl, Philipp, Moritz´, Reiser, Roman“
Arbeit zitieren
Bettina Meyer (Autor), 2004, Die Ursachen und Konsequenzen der Lesesucht anhand von Karl Philipp Moritz´ „Anton Reiser – ein psychologischer Roman“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89668

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