Inventionen und Innovationen in der Weimarer Republik

Theorien der Innovationsökonomik am Beispiel der Rundfunkindustrie


Seminararbeit, 2007

48 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Problemstellung:

2. Zeitgeschichtliche Hintergründe:

3. Theorien der Innovationsökonomik:
3.1. Kondratieff-Zyklus:
3.2. Makroebene:
3.3.Technologie-Konzepte:
3.4. Die Innovationsphasen:
3.5. Der Innovationsprozess:
3.6. Innovationsanreiz:

4. Entwicklung des Rundfunks:
4.1. Allgemein:
4.2. Inventionsphase:
4.3. Innovationsphase:
4.4.Diffusions-undImitationsphase:
4.5. Konsolidierung:

Resümee:

Anhang:

Literaturverzeichnis:

Abkürzungsverzeichnis:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Problemstellung:

Die Zeit der Weimarer Republik war eine Zeit, geprägt von tiefgreifenden gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Veränderungen - Veränderungen als Triebkraft des Neuen. Jahrhunderte alte Strukturen und Paradigmen wurden nach dem Exodus des Krieges in den Flammen der revolutionären Gründung der ersten Demokratie auf deutschem Boden vernichtet.[1] Die Infragestellung und Zerstörung des Alten ist jedoch der Nährboden des Neuen.[2] (Novus, Innovatio oder Innovation, das Neue schaffen) Was liegt näher, als diese Zeit des Umbruchs und vielleicht der tiefgreifendsten Zäsur in der deutschen Geschichte nach ihrer Fähigkeit und dem Ausmaß der Schöpfung des Neuen zu untersuchen. Diese Arbeit soll die Fragen klären, warum es nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs eine Vielzahl bis in die heutige Zeit bedeutende Inventionen gab und in welchen Bereichen diese auftraten. Warum veränderten sich Kunst und Kultur sprunghaft in wenigen Jahren[3] ? Verlaufen diese Entwicklungen schneller oder anders als in der Vergangenheit des Deutschen Reiches? Oder ist die Weimarer Republik ein Zeitalter wie jedes andere, vielleicht in manchen Bereichen überbewertet und im Grunde nicht mehr oder minder trächtig an innovativen Prozessen und Ergebnissen als andere Epochen? Eine Aussage kann schon jetzt an den Beginn aller Betrachtungen gestellt werden: Die grundlegende Innovation ist die Gründung der Republik selbst. Beruhend auf Ideen, welche seit der Antike existieren, in Frankreich des 17. / 18. Jahrhunderts vorgelebt wurden und ihre erstmalige Realisation in einem gesamtdeutschen Staat erfahren, ist die Weimarer Verfassung Grundlage und Rahmen einer Entwicklung, welche bis in die heutige Zeit reicht[4].

2. Zeitgeschichtliche Hintergründe:

Grundlegend für das Verständnis der Neuerungsaktivitäten in der WR ist das Verständnis der politischen und gesellschaftlichen Hintergründe. Das weitreichendste Ereignis, welches alle Lebensbereiche in der Folgezeit determinierte, war der verlorene Krieg und die damit verbundene demographische Katastrophe.[5] (vgl. Tab. 1) Mit der Niederlage einher ging der endgültige Machtverlust der Monarchie. Besonders sticht dabei die Rolle des Adels heraus. In „November 1918 verlor der Adel sein traditionelles Bezugssystem. Die Höfe […] und ihre Vernetzung mit Militär, Verwaltung, Justiz und Wirtschaft existierten nicht mehr“.[6] Viele Adelssöhne büßten „ihre traditionellen Berufsfelder ein, verbunden mit Verlust an Macht, Vermögen und Einkommen“.[7] Diese frei gewordenen Kapazitäten, nach wie vor mit hervorragender Bildung, Kontakten und teilweise auch Startkapital, drängten nun in die freie Wirtschaft. Die Elite des Alten Reichs stellte somit einen beträchtlichen Pool für neue Möglichkeiten in Wirtschaft und Wissenschaft dar. Dieser Wegfall der staatslenkenden Funktion des Adels ermöglichte erst die Schaffung einer demokratischen Ordnung, wie sie in einigen anderen europäischen Staaten schon etabliert war. In den Wirren der Revolution 1918/1919 bildete die Verabschiedung der Verfassung am 31.07.1919[8] das Fundament des Neubeginns. Mit Blick auf die Innovationstätigkeit der Folgezeit enthielt sie entscheidende Neuregelungen. So erhielt die Frau erstmals das Wahlrecht. (Da viele Männer fehlten, mussten Frauen auch deren Arbeit übernehmen. Eine Folge war, dass viele Frauen allein blieben und - daraus resultierend - zusätzlich Nachwuchs fehlte. Mit diesen neuen Anforderungen begann sich auch die Rolle der Frau zu wandeln, hin zu mehr Akzeptanz und Mitspracherecht in der von Männern dominierten Gesellschaft.[9] ) Das Volk herrschte und wurde zunehmend politisiert. Die Erbmonarchie wurde abgeschafft, jedoch erhielt der RP monarchenähnliche Rechte, was aus „dem Misstrauen gegen einen dominierenden Parlamentarismus“[10] resultierte. Aber für Kultur und Wissenschaft war die entscheidende Neuerung die Garantie auf „das Recht der Meinungsfreiheit und Verbot jeglicher Zensur“.[11] Was die Zeit prägte, waren vor allem anderen die gesellschaftlichen Umwälzungen, in deren Kontext in erster Linie das Bild der Goldenen Zwanziger steht, die weniger eine wirtschaftliche als vielmehr eine kulturelle Blütezeit darstellten. Die neuen Freiheiten weckten den schöpferischen Geist der Zeitgenossen. Besonders die Kunst in Form des Theaters, der Literatur und des Films wurden zu Massenphänomenen. Es kam zu einer Abkehr von der Kultur der Elite hin zu Ausdrucksformen, die auch weniger gebildete Bürger verstanden. Somit fand die Politik Eingang in die Kunst und diese wurde genutzt, um das Gedankengut ihrer Autoren auf den Empfänger zu projizieren. Der Wegfall staatlicher Einmischung machte nun den symbolhaften und verschleierten Ausdruck des Expressionismus überflüssig und markierte damit den Beginn neuer Stilrichtungen. Auf diesen Grundlagen, amerikanischen Einflüssen und der Offenheit für Neues avancierte Berlin zur kulturellen Hauptstadt Europas, somit zur Metropole des Neuen, der innovativ tätigen Gesellschaft.[12] Auch die Wissenschaft erreichte eine einmalige Blüte. Allein ein Blick auf die Nobelpreisträger dieser Epoche untermauert diese These. Insgesamt gingen 17 davon in der Zeit von 1919 bis 1932 nach Deutschland. Aber auch im Bereich der Inventionen waren die Deutschen äußerst produktiv: das Tonband, Grundlagen der Kernspaltung, das Elektronenmikroskop, um nur einige zu nennen. Dieses Sammelsurium an Erfindergeist verhalf später auch den Nationalsozialisten zu ihrer beispiellosen militärischen Aufrüstung. Abschließend soll nun die Industrie in den Fokus der Betrachtung rücken. (vgl. Tab. 2) Die Zeit der WR ist vorrangig gekennzeichnet durch eine flächendeckende Elektrifizierung und Erkenntnisse in der Grundstoffproduktion.[13] (Anh. Bild 1) Mit dem elektrischen Netz einher gehen der Ausbau der Fernkommunikation, Informationssysteme und bis dahin neue Anwendungen im privaten Bereich. Alles in allem ist dies die Grundlage für die bis heute anhaltende Beschleunigung der Wirtschaft. Der erste Schritt war die Umstellung von Kriegs- auf Friedenswirtschaft, was mehr oder minder gelang, und als Folge des Versailler Vertrags eine Welle von Rationalisierungen.[14] Insgesamt hält der Trend der Abwertung des primären Sektors an. „Schon vor dem Krieg gelang es nicht mehr, mit den Hauptagrarländern Kanada, USA und Argentinien Schritt zu halten. […] Ihr Angebot drückte die Weltmarktpreise.“[15] Auch der Aufschwung der zwanziger Jahre ging an der deutschen Agrarwirtschaft vorüber. (vgl. Tab. 3) Steigende Preise versuchte man mit Zöllen zu kompensieren, dies stieß zunehmend auf Ablehnung in der Bevölkerung und brachte dem Sektor keine Besserung mehr.[16] (Anh. Bild 10) Zusammenfassend kann man festhalten, dass der Wegfall der Zensur, neue Lebensweisen, der Druck, unter den der Adel geriet, die Not zur Rationalisierung, die rückläufige Bedeutung der Landwirtschaft und ein beginnender Umbruch der gesamten gesellschaftlichen Ordnung die Tendenz für Neuerungen, einen starken Erfinder- und Unternehmergeist sowie die schnelle Umsetzung von Ideen maßgeblich begünstigte. (vgl. Tab. 4)

3. Theorien der Innovationsökonomik:

3.1. Kondratieff-Zyklus:

Um in dem folgenden Kapitel die F+E-Tätigkeit in der WR zu verstehen, muss man den wirtschaftsgeschichtlichen Hintergrund der Zeit und das theoretische Wesen des Neuerungsprozesses kennen. Die Welt (bezieht sich eigentlich nur auf Europa, Amerika und kleine Teile Asiens) befand sich zu dieser Zeit in der Phase der 3. Industriellen Revolution. Diese Revolutionen wurden durch Basisinnovationen geprägt, wobei die Automobilindustrie, die chemische Grundstoffindustrie und ganz besonders die zunehmende flächendeckende Elektrifizierung des Kontinents diese Periode kennzeichneten.[17] Einher mit der Industriellen Revolution geht die „Theorie der Langen Wellen“ von Nicoley Kondratieff.[18] Er beschäftigte sich mit der Frage, warum die Wirtschaft nicht linear wächst, sondern einen komplexen zyklischen Charakter aufweist und starken Schwankungen unterliegt. Bei seinen Untersuchungen Anfang der zwanziger Jahre fand er zweieinhalb dieser langen Wellen, die später Kondratieff- Zyklen genannt wurden und eine Dauer von ca. 50 bis 60 Jahren aufwiesen.

Die 3. Welle hatte nach seinen Forschungen ihren Beginn ca. 1890, ihren Höhepunkt 1918 und würde ca. 1940 enden.[19] Somit wird deutlich, dass die WR in die Zeit des Rückgangs nahe dem Maximum fällt (Anh. Bild 2), wobei betont wird, dass diese Datierungen um ca. 5 bis 10 Jahre abweichen können.[20] Kondratieff versuchte nun die Ursache für diese langen Wellen zu finden und wich dabei von allgemein gebräuchlichen Erklärungsmustern seiner Zeitgenossen ab (wie Zins, Löhne, Geldmenge) und suchte die Lösung in neuen technologischen Möglichkeiten. Aber warum treten neue Entwicklungen plötzlich gehäuft auf? Die Erklärung sieht Kondratieff darin, dass Entdeckungen und Erfindungen in vielen Institutionen durch viele Akteure gemacht werden und relativ gleichzeitig entstehen.

Aber mit Blick auf die Anforderungen der Gesellschaft sind diese Inventionen nicht umsetzbar, solange ökonomische und strukturelle Vorbedingungen fehlen (z.B. in der WR die Installation eines flächendeckenden Energienetzes als Vorbedingung für die Verbreitung von privaten Rundfunkgeräten). Wenn diese dann jedoch geschaffen sind, gibt es einen explosionsartigen Prozess, in dem Inventionen zu Innovationen weiterentwickelt werden. Dieses geschieht zugleich für eine Vielzahl von Produkten und Prozessen, so dass ein enormer Wachstumsschub entsteht, induziert durch eine bestimmte technologische Richtung. Ist das Potenzial dieser Technologie ausgeschöpft, kommt es zur Marktbereinigung und bestenfalls noch zu inkrementellen Verbesserungen, bis diese Technologie im ökonomisch sinnvollen Neuerungspotenzial erschöpft ist und eine neue Entwicklungsrichtung gesucht werden muss, welche ihrerseits wieder die vorhergehende Welle als Grundlage benötigt.[21] Das Konzept von Kondratieff deckt sich auch mit dem Technologie-S-Kurven-Konzept von Mc Kinsey (1989)[22]. Obwohl Letzteres eine einzelne Technologie oder Branche betrachtet, ist das Prinzip das Gleiche (Anh. Bild 3). Jede Technologie weist in ihrem Lebenszyklus eine Start-, Boom-, Reife- und Degenerationsphase auf. Dabei ist entscheidend, dass Technologien in ihrer Leistungsfähigkeit begrenzt sind und unabhängig von ökonomischen Mitteln auch nicht weiter ausgebaut werden können.

Damit ist die einzige Möglichkeit für weitere Entwicklungen der Übergang zu einer neuen Technologie, somit einer neuen S-Kurve mit einer höher liegenden Grenze und neu beginnendem Technologielebenszyklus.[23] Diese Betrachtung für eine einzelne Technologie oder Branche, die erst gut 50 Jahre nach Kondratieffs Tod beschrieben wurde, deckt sich mit dem, was er für die Gesamt-wirtschaft als „Lange Wellen“ bezeichnet hat.

3.2. Makroebene:

Makroökonomisch betrachtet ist Innovation, also technischer Fortschritt, gleichbedeutend mit dem Wachstum des BSP. Die neue Wachstumstheorie beschäftigt sich nun mit der Analyse der Ursachen und den verschiedenen Wirkungsrichtungen. So wird unterschieden in die Zunahme der Produktionsfaktoren, Verbesserung der Produktionstechnologie und Verbesserung der Produktionsprozesse einer Volkswirtschaft. Der Fortschritt wird dabei endogenisiert, was der wesentliche Fortschritt zu bisherigen Theorien ist. Fortschritt entsteht dabei aus den ökonomischen Motiven der Akteure heraus, Steigerung der Effizienz wird durch „learning- by- doing“ (oder auch Erfahrungskurveneffekt) erreicht, was in der beschränkten Rationalität der Individuen begründet liegt. Investitionen werden somit nicht nur ins Sachkapital getätigt, sondern maßgeblich in Humankapital, woraus steigende Skalenerträge[24] resultieren und damit Wachstum. Die Motivation für F+E und somit für Innovationen wird bei der Erreichung kurzfristiger Monopolstellungen und damit überdurchschnittlicher Gewinne gesehen. Die Schaffung neuen Wissens gleicht einem Suchprozess als „Trial and Error“-Verhalten, bei dem sich Wachstum in Schüben vollzieht, die sich in Intensität und Richtung unterscheiden, so zu Strukturwandel führen und das Ziel der Nutzenmaximierung anstreben, gemessen am Verhältnis von Input zu Output einer Volkswirtschaft.

3.3.Technologie-Konzepte:

Sowohl auf Macro-, Meso- und Microebene können Lebenszykluskonzepte zur Erklärung von Neuerungsaktivitäten herangezogen werden.

Diese werden typischerweise in die Phasen Technologie-Entwicklung, Entwicklung zur Anwendungsreife, Markteinführung, Wachstum, Reife (Sättigung = Globales Maxima) und Degeneration eingeteilt.[25] (Anh. Bild 4) Parallel zu den Phasen verläuft die damit verbundene Technologie, die für das jeweilige Produkt/Prozess angewandt wird (Anh. Bild 5), beginnend mit der Schrittmacher-Technologie (Pace-Technologie), welche eine radikale Innovation in der Einführungsphase darstellt. Diese weist ein hohes Entwicklungspotenzial auf, mit vielfältigen Differenzierungspotenzialen und noch geringem Diffusionsgrad. Die Anwendungsfelder sind noch nicht klar absehbar. Im weiteren Zeitablauf folgt die Schlüssel-Technologie (Key-Technologie), welche die Wachstumsphase mit sich bringt sowie erstmalig breite und erfolgreiche Anwendungen. Letztlich folgt die Basistechnologie (Base-Technologie) und damit verbunden die Phase der Sättigung. Sie ist gekennzeichnet durch allgemeine Beherrschbarkeit und keine weiteren sinnvollen Differenzierungsmöglichkeiten. Der Zeitablauf dieser Übergänge bringt zum einen die Charakteristik mit sich, dass Innovation und Differenzierungsgrad der betreffenden Technologie/Produkte/Prozesse abnehmen, wo hingegen die Marktpenetration wächst. (Anh. Bild 6) Dies wird begleitet von anfänglich vielen und im Zeitablauf immer weniger werdenden Produktinnovationen und einer zunehmenden Zahl von Prozessinnovationen, die jedoch beide zum Ende des Lebenszyklus gegen null konvergieren. Dasselbe Verhalten weist das Verhältnis von radikalen zu inkrementellen Innovationen auf, wobei die Ersteren meist selbst den Anfang eines neuen PLZ/TLZ darstellen. Im Kontext mit dem Technologie-S-Kurven-Konzept betrachtet, stellt dies den Sprung auf eine neue, höhere S-Kurve dar. Je nach Ausmaß der Neuheit kann solch eine radikale Innovation einen Fortschritt entlang technologischer Trajektorien oder einen Paradigmenwechsel bedeuten. Ersteres ist meist der Fall bei marktinduziertem Fortschritt, so genannten Pull-Technologien (Demand-Pull-Technologie, nachfrageinduziert), wobei ein vorhandenes Produkt verbessert/weiterentwickelt wird und dies auf Anregung der bisherigen Nutzer geschieht. Im Gegensatz dazu steht die radikale oder Break-Through-Innovation, welche aufgrund ihrer absoluten Neuheit am Markt unbekannt ist und teilweise direkt aus der Forschung an den Nutzer gebracht wird. Dieses Konzept wird als Technologie-Push bezeichnet, da das Neue angeboten wird ohne direkte vorherige Anregung aus dem Markt.[26]

3.4. Die Innovationsphasen:

Eng gekoppelt an den Entstehungs- und Marktzyklus ist der Innovationsprozess. Dieser unterteilt sich in die 4 Phasen Invention, Innovation, Diffusion und Imitation, welche in vielfältiger Interdependenz stehen. (Anh. Bild 7) Um eingangs die Begriffe im Detail zu klären: Unter Invention versteht man allgemein Erfindung als Ergebnis von Forschungsprozessen im Zeitraum der Ideengewinnungsphase mit oder ohne konkreter Anwendungsorientierung. Innovation heißt die ökonomisch nutzbare Neuerung als Ergebnis der Markteinführung als erstmalige Anwendung. Dabei wird unterschieden nach Produkt-, Prozessinnovation, neuen Absatzmärkten, neuen Beschaffungsmärkten oder Neuorganisation. Die Quellen dieses Fortschritts können zum einen als exogen (Problematik der Wissensgenerierung bleibt unberücksichtigt) oder endogen betrachtet werden. Bei letzteren entscheiden die Akteure selbst über die Höhe der F+E- Anstrengungen, welche verbunden mit Auszahlungen und möglichen späteren Einzahlungen sind, somit unsicher und risikoreich. Der technologische Fortschritt wird also induziert durch Investitionen in Wissensgewinnung und die damit verbundenen ökonomischen Chancen im Falle erfolgreicher F+E. Die Diffusion bedeutet, dass sich eine Innovation über bestimmte Kanäle unter bestimmten Mitgliedern einer Gruppe ausbreitet. Imitation ist die aus Sicht des Innovators unerwünschte Weiterentwicklung, Umgestaltung und Verbreitung durch Konkurrenten. Anhand dieser vier Begriffe lässt sich nun der Ablauf des Innovationsprozesses darstellen.[27]

3.5. Der Innovationsprozess:

Durch das Betreiben von Forschung als Input entsteht eine Idee, die Invention, die zur Marktfähigkeit entwickelt wird, die Innovation. (F+E Ertrag = Patent). Durch den Verkauf des Produkts verbreitet sich die Innovation (unmittelbarer Fortschritt). Imitatoren erfahren von dem Produkt und entwickeln ähnliche. Die Imitatoren führen zu einer weiteren Verbreitung des Produkts (mittelbarer Fortschritt).

Nutzer geben im Zeitablauf dem Innovator ein Feedback über die Eigenschaften und Anregungen zur Verbesserung. Der Innovator erfährt außerdem von der Weiterentwicklung durch die Imitatoren und bindet dieses Wissen in die eigenen Produkte/Prozesse ein. Der Erfolg oder das Scheitern eines Innovators beeinflusst in der Folge die Richtung der Suche neuer Ideen(Anh. Bild 8). Auch die Nutzer werden direkt in diesen Prozess als eine Art Innovator eingebunden, indem sie grundlegend neue Ideen mittels ihrer gewonnenen Erfahrungen im Umgang mit dem Produkt generieren und diese Innovationen an Stellen weitergeben, die sie zur besseren Bedienung der Kundenbedürfnisse umsetzen (Beispiel für Demand-Pull-Prozess)[28]. Auch der Imitator kann zum neuen Initiator des beschriebenen Prozesses werden. Aus den gewonnenen Erfahrungen entwickelt die Forschungsabteilung eigene Ideen und schafft neue Produkte/Prozesse, welche selbst meist inkrementelle Innovationen sind, aber auch radikale Innovationen seinen können.[29] (Anh. Bild 9)

3.6. Innovationsanreiz:

Letztlich soll noch auf der Mikroebene geklärt werden, worin überhaupt der Anreiz besteht, diesen Innovationsprozess in Gang zu setzen. Die beiden Hauptströmungen, welche auf diese Frage eine Erklärung geben, sind die Neoklassische und die Evolutorische Ökonomik, wobei Letztere die Modernere ist und somit die heute verbreitet angewandten Konzepte beinhaltet. Der Grundgedanke besteht in der Know- how-basierten Innovationstätigkeit, verbunden mit Begriffen und Erklärungsmustern, angelehnt an die Biologie. (vgl. Tab. 5) Im Vordergrund steht nicht das reine ökonomisch sinnvolle Anwenden von unbegrenzt verfügbarem technologischen Wissen, sondern der Prozess, dieses Wissen zu schaffen, um es anschließend zu verwenden[30].

Die Grundannahmen bezüglich der Akteure bestehen in ihrer beschränkten Rationalität, verbunden mit starker Unsicherheit bezüglich der Innovationsergebnisse. Forschung ist ein „Trial and Error“- Prozess, verbunden mit Lernen und Handeln nach bewährten Routinen. Produktion von Wissen als Prozess ist der eigentliche Fortschritt in einem durch die Erzeugung und Ausbreitung von Neuerungen selbst transformierenden System. Auf dieser Grundlage prägte schon Schumpeter den Begriff der „kreativen Zerstörung“[31] und traf zwei grundlegende Aussagen zur Innovationsfähigkeit von U. Erstens, dass große U mehr Neuerungen hervorbringen als kleine und zweitens, dass eine höhere Konzentration auf einen Markt für Neuerungsaktivitäten förderlich ist. Beide Hypothesen (bekannt geworden als Neo-Schumpeter-Hypothesen I + II) zielen auf die Erreichung von Monopolstellungen ab. Das stellt auch - nach einhelliger Meinung in der Literatur - den Anreiz für Innovationstätigkeit dar, eine Stand alone Incentive, verbunden mit Monopolrenditen, welche jedoch abhängig von der Höhe, der Wahrscheinlichkeit und dem Zeitpunkt des Innovationserfolgs sind. Letztlich besagt die Evolutorik, dass Fortschritt endogen bedingt ist und durch die Konkurrenz der Marktteilnehmer eine Situation entsteht, gleich dem evolutorischen Überlebenskampf zwischen Individuen und Populationen in der Natur (kann man als eine Art des Sozial- Darwinismus interpretieren). Dabei kommt es in der Wirtschaft zu einem Technologie-, verbunden mit einem Selektionswettbewerb, bei dem Akteure in nicht optimalen Prozessen neues Wissen schaffen und dieses von anderen Akteuren im Rahmen ihrer absorptiven Fähigkeiten aufgenommen werden kann. Durch Zeit, Größen und Know- how-Vorteile können sie konkurrierende Marktteilnehmer verdrängen. Ziel ist es, durch dieses Verhalten in eine (durch Imitation zeitlich begrenzte) Monopolposition zu gelangen, überdurchschnittliche Renditen zu erzielen und so den Wettbewerb für sich zu entscheiden.

[...]


[1] Kolb, Grundriss, S. 1-6

[2] Vgl. Schumpeter, Kapitalismus, S. 134-141

[3] Kolb, Grundriss, S. 97f

[4] L.c., S. 18ff

[5] Kluge, Republik, S. 29

[6] L.c., S.30f

[7] L.c., S. 31

[8] Kolb, Grundriss, S.19

[9] Kluge, Republik, S. 142ff

[10] L.c., S.43

[11] L.c., S.44

[12] Kolb, Grundriss, S. 97-105

[13] Aubin, Wirtschaftsgeschichte, S. 112

[14] Kluge, Republik, S. 129-148

[15] Walter, Wirtschaftsgeschichte, S.165

[16] Walter, Wirtschaftsgeschichte, S. 171

[17] L.c., S. 49

[18] Haupt, Industriebetriebslehre, S. 19

[19] Kondratieff, Konjunktur, S. 573

[20] L.c., S. 593

[21] L.c., S. 318-328

[22] Specht, Lebenszyklen, S. 1987

[23] Brockhoff, Technologiemanagement, S. 337-340

[24] Varian, Microökonomik, S. 335f, S. 587f

[25] Haupt, Industriebetriebslehre, S. 22ff , 173

[26] Haupt, Industriebetriebslehre, S. 23ff

[27] Schnabel, Evolution, S. 1-5

[28] Kutschker, Management, S.187ff

[29] Haupt, Industriebetriebslehre, S. 27

[30] Walter, Innovationsgeschichte, S. 9

[31] Schumpeter, Kapitalismus, S. 134-141

Ende der Leseprobe aus 48 Seiten

Details

Titel
Inventionen und Innovationen in der Weimarer Republik
Untertitel
Theorien der Innovationsökonomik am Beispiel der Rundfunkindustrie
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Wirtschaftswissenschaften)
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
48
Katalognummer
V89685
ISBN (eBook)
9783638040563
ISBN (Buch)
9783638940542
Dateigröße
3649 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Inventionen, Innovationen, Weimarer, Republik
Arbeit zitieren
Marcus Böhm (Autor), 2007, Inventionen und Innovationen in der Weimarer Republik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89685

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