„Dein Reich komme“ beten Christen weltweit im Vater Unser, als handelte es sich bei dieser Formulierung um das Herbeibitten einer ganz ‚selbstverständlichen’ Größe. Dass das erbetene ‚Reich’ (Gottes bzw. der Himmel), die βασιλεία (του θεου bzw. των ούρανων), so ‚selbstredend’ nicht sein kann, belegt dagegen schon allein der Befund, dass alle drei Synoptiker es in vielfältiger, nicht widerspruchspruchsfreier Weise thematisieren und Jesus selbst eine oft bildhaft vergleichende Rede von der Basileia in den Mund legen. Schon ein grober Vergleich der relevanten Belegstellen weist die Mehrdeutigkeit dieses Begriffs aus: teils erscheint die Basileia als geographische Größe, in die man „hineinkommen“, bzw. in der man „sein“, „sitzen“ oder aus ihr „ausgestoßen sein“ kann, teils wird sie qualitativ als göttliche Herrschaftsausübung bestimmt, die, obwohl schon angebrochen, erst in der Endzeit volle Verwirklichung findet. Die Zuordnung der jeweiligen Belege in eine der Kategorien kann dabei oft nicht mit letzter Sicherheit getroffen werden. Die offenkundige Polyvalenz des Ausdrucks liegt darin begründet, dass er selbst ja eine Metapher darstellt und als solche prinzipiell semantisch offen ist, wenn auch der kontextuelle Rahmen den Interpretationsmöglichkeiten Grenzen steckt.
Ungeachtet dieser Problemlage, legt die über 80malige Bezeugung des Begriffs in den synoptischen Evangelien nahe, dass die βασιλεία του θεου als zentraler Verkündigungsinhalt Jesu zu gelten hat. Nicht nur die Quantität der Belegstellen, auch ihre Verteilung über verschiedene gattungskritische Formen innerhalb, aber auch außerhalb direkter Rede Jesu, sowie ihre Eingebundenheit in unterschiedliche Kontexte zeigen, wie sehr Jesus darin bemüht war, seinen Hörern die Basileia ‚nahezubringen’. Oft, wie auch im vorliegenden Fall, bediente er sich hierzu des einzigen Mittels, das die menschliche Sprache zur Beschreibung göttlicher Wirklichkeit zur Verfügung stellt: Bildhaft-vergleichender Redeweise.
Am Beispiel der/s Gleichnisse/s vom Senfkorn und vom Sauerteig (Lk 13, 18-21 parr.), sowie unter Zuhilfenahme der klassischen Verfahrensweisen neutestamentlicher Exegese (u. a. die Methodenschritte der Textlinguistik, Textkritik, Literarkritik, Synoptischer Vergleich, Formkritik, Religionsgeschichtlicher Vergleich) versucht die hier unternommene Analyse die Polyvalenz der Basileia-Metapher zu schmälern, um so exemplarisch Zugang zu einem adäquaten Verstehen der Gleichnisrede Jesu zu finden.
Inhaltsverzeichnis
I. „Dein Reich komme...“: 4
II. Textlinguistik: 5
a) Syntaktische Analyse: 5
b) Semantische Analyse: 6
1. ‚Senfkorn’: 6
2. ‚Sauerteig’: 8
c) Textpragmatik: 9
Exkurs I: Zur ‚Dynamik’ der Basileia 11
III. Textkritik: Übersetzungsvergleich: 12
IV. Literarkritik: 17
a) Abgrenzung der ‚kleinsten sinnvollen Texteinheit’ vom Kontext: 17
1. Abgrezung vom Vorangehenden 17
2. Abgrenzung vom Nachfolgenden: 21
Exkurs II: „Letzte, die werden die Ersten sein...“ 22
b) Einordnung von Lk 13, 18-21 in den Makrokontext: 23
c) Kohärenz ? 24
V. Synoptischer Vergleich: 24
a) Lk 13, 18 – 21 vs. Mk 4, 30 – 32: 24
b) Lk 13, 18 – 21 vs. Mt 13, 31 – 33 (vs. Mk 4, 30 – 32): 29
1. Lk 13, 18 – 19 vs. Mt 13, 30 – 32: 29
2. Lk 13, 20 –21 vs. Mt 13, 33: 32
3. Identifikation der ältesten Textvariante: 32
VI. Formgeschichte / Formkritik: 35
a) Prämissen und Begriffsklärung: 35
b) Charakteristika der Gattung ‚Gleichnis’ nach R. BULTMANN: 36
c) Anwendung und Prüfung der BULTMANN’ schen Kriterien auf Lk 13, 18–21parr: 37
VIII. Religionsgeschichtlicher Vergleich, Traditions- und redaktionsgeschichtliche Erwägungen, im Hinblick auf die Frage nach dem Historischen Jesus: 40
a) Allgemeine Übereinstimmungen mit religionsgeschichtlichen Parallelphänomenen: 40
b) Konkretisierung des Befundes an Lk 13, 18 – 21parr: 42
1. Das „Senfkorn“ als metaphorische Innovation: 43
2. Konnotationen des „Baumes“: 44
3. Die „Vögel des Himmels“ – ein redaktioneller Nachtrag? 44
4. Zur metaphorischen Indikation des ‚Sauerteiges’: Eine usuelle Metapher in neuem Gewand 47
Exkurs III: Das ‚Fest der ungesäuerten Brote’: 48
5. „Drei Sea Mehl“ – nachgetragene AT-Reminiszenz? 51
6. Frage vs. mt Einleitungsformel: Wie leitete Jesus seine Gleichnisse ein? 52
Exkurs IV: Welche Vortragssituation plausibilisiert die Formulierung einer Doppelfrage? 55
c) Rekonsruktionsversuch der ipsissima verba Jesu und hermeneutische Konsequenzen: 56
d) Vergleich von Mk 4, 30 –32 mit dem rekonstruierten Prototypus und Deutung der Differenzen: 59
e) Mk 4, 30–32 – ‚Prototypus’ – Lk 13, 18–19 (– Q-Fassung): Vergleich und Deutung der Differenzen: 62
f) Integration von Lk 13, 20 – 21 und abschliessende Interpretation: 64
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, die Gleichnisse vom Senfkorn und vom Sauerteig (Lk 13, 18-21) einer fundierten exegetischen Untersuchung zu unterziehen, um deren Herkunft, Bedeutung und Funktion im lukanischen Kontext sowie ihre Beziehung zum historischen Jesus zu klären.
- Literarkritische und textlinguistische Analyse der beiden Gleichnisse.
- Synoptischer Vergleich mit den Fassungen bei Markus und Matthäus sowie dem Thomas-Evangelium.
- Formgeschichtliche Bestimmung der Gattung ‚Gleichnis‘ und Anwendung dieser Kriterien auf den Text.
- Religionsgeschichtliche Einordnung und Untersuchung der Frage nach dem historischen Jesus.
- Interpretation des Verhältnisses von ‚Wachstum‘ und ‚Kontrast‘ als wesentliche Merkmale der Basileia.
Auszug aus dem Buch
c) Textpragmatik:
Als ‚typisch’ sind beide Beispiele dabei nicht nur im Hinblick auf ihre geschlechtliche Verteilung zu bezeichnen, sondern sie dürfen ferner als herkömmliches und alltägliches Handeln der Hörerschaft Jesu vorausgesetzt werden. Was aber für die Hörerschaft Jesu gilt, ist in diesem Kontext auf die Adressaten des Lukas übertragbar: Mit dem Pflanzen und Backen sind Bilder gewählt, die, direkt aus dem Leben der damaligen Bevölkerung gegriffen, keiner weiteren Erläuterung bedürfen. Dem Erstrezipienten werden vielmehr Identifikationsangebote unterbreitet, die das Verständnis erleichtern, Verinnerlichung ermöglichen sollen. Über das gewählte Bildfeld und ‚Rollenangebot’ hinaus, hat bereits die Strukturierung jedes der beiden Gleichnisse hörer-, bzw. leserintegrierende Wirkung: Auf die bewußt knapp gehaltene, weder Zeit und Ort, noch Sprecher und Adressat namentlich nennende Überleitung folgt in Form direkter Rede sogleich die rhetorische (Doppel-)Frage. Ohne Umschweife wird der Leser zum Hörer dessen, was „er sprach“, und somit eingeladen, an der Verkündigung Jesu teilzuhaben.
Die vorliegende relative semantische Unschärfe verzichtet, um möglichst umfassend appellativen Effekt bemüht, bewußt auf die Benennung des Adressaten, der in direkter Rede nicht nur angesprochen, sondern befragt wird. Im Falle des Gleichnisses vom Senfkorn formuliert der lukanische Jesus sogar zwei Fragen: während die erste eindeutig an ein von ihm unterschiedenes Subjekt gerichtet ist, könnte die zweite auch deliberativ aufgefasst werden, was dann hieße, dass (der hier nicht explizit beim Namen genannte) Jesus auch sich selbst fragen, also ‚laut überlegen’ würde, womit das Reich Gottes vergleichbar sei. Diese Doppelung scheint auf den ersten Blick unnötig, wäre doch die Frage in einfacher Ausführung – wie das ja im Gleichnis vom Sauerteig der Fall ist – nicht minder verständlich. Bei näherer Betrachtung nun, wird die offensichtlich intendierte Wirkung dieser Wiederholung deutlich: „Wem gleicht das Reich Gottes ?“ richtet sich direkt an das Imaginationsvermögen des Hörers bzw. Lesers und motiviert ihn zur eigenständigen Reflektion darüber, worüber sich auch Jesus selbst Gedanken macht.
Zusammenfassung der Kapitel
I. „Dein Reich komme...“: Einleitende Reflexion über die Mehrdeutigkeit und Polyvalenz des Begriffs der Basileia (Reich Gottes) im synoptischen Kontext.
II. Textlinguistik: Untersuchung der formalen Struktur und syntaktischen Eigenheiten, die eine Zweiteilung der Perikope nahelegen, sowie semantische Analyse der zentralen Bildbegriffe.
III. Textkritik: Übersetzungsvergleich: Analyse verschiedener Übersetzungsansätze, die aufzeigen, wie unterschiedliche Interpretationsansätze die Darstellung beeinflussen.
IV. Literarkritik: Literarkritische Untersuchung zur Abgrenzung der Texteinheit vom Kontext und Prüfung der textinternen Kohärenz.
V. Synoptischer Vergleich: Synoptische Analyse der Gleichnisse im Vergleich zu Markus und Matthäus zur Klärung der Quellenlage und literarischen Abhängigkeit.
VI. Formgeschichte / Formkritik: Gattungsbestimmung und Prüfung der Texte anhand Bultmannscher Kriterien, um die Klassifikation als Gleichnis zu legitimieren.
VIII. Religionsgeschichtlicher Vergleich, Traditions- und redaktionsgeschichtliche Erwägungen, im Hinblick auf die Frage nach dem Historischen Jesus: Religionsgeschichtliche Einordnung der Metaphorik und Untersuchung der Historizität der Jesustradition in den Gleichnissen.
Schlüsselwörter
Reich Gottes, Basileia, Lk 13, 18-21, Senfkorn, Sauerteig, Gleichnis, Exegese, Historischer Jesus, Q-Quelle, synoptische Evangelien, Metaphorik, Lukanische Redaktion, Wachstumsgleichnis, Kontrastgleichnis, Textpragmatik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Gleichnisse vom Senfkorn und vom Sauerteig im Lukasevangelium (Lk 13, 18-21) im Hinblick auf ihre literarische, historische und theologische Bedeutung.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Struktur der Gleichnisse, die Bedeutung der Metaphern (Senfkorn, Sauerteig, Baum), die Quellenfrage (Logienquelle vs. Markus) und die Frage nach dem historischen Jesus.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist eine fundierte exegetische Bestimmung der Gleichnisse, insbesondere die Frage zu klären, wie diese Texte im Munde Jesu fungierten und wie sie durch die lukanische Redaktion geformt wurden.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Es kommen textlinguistische Analysen, literarkritische Untersuchungen, synoptische Vergleiche, formgeschichtliche bzw. formkritische Prüfungen sowie religionsgeschichtliche Vergleiche zum Einsatz.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die formale Zweiteilung der Perikope, führt Vergleiche mit Markus und Matthäus durch, prüft die Gattungszugehörigkeit als Gleichnis und reflektiert die Einbettung in die Geschichte des historischen Jesus sowie der Urkirche.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Reich Gottes, Basileia, Senfkorn, Sauerteig, Gleichnis, Exegese, historischer Jesus, lukanische Redaktion, Metaphorik und synoptische Tradition.
Wie bewertet die Autorin die Rolle des "Menschen" bzw. der "Frau" in den Gleichnissen?
Sie interpretiert diese Figuren als notwendige, aber sekundäre Akteure, die als "Identifikationsvariable" oder Platzhalter für den gläubigen Menschen dienen, während das eigentliche Wachsen Gottes Werk bleibt.
Welche Bedeutung kommt der "Vögel des Himmels" im Text zu?
Sie werden als Anspielung auf alttestamentliche Traditionen gewertet, die in der urchristlichen Gemeinde symbolisch für die Eingliederung der Heiden in das Gottesreich stehen.
Warum wird das Gleichnis vom Sauerteig als "historisch plausibel" angesehen?
Weil es auf einer im jüdischen Kontext bekannten Metaphorik aufbaut, diese jedoch in einer Weise neurealisiert (Rehabilitierung eines negativ konnotierten Begriffs), die für die unkonventionelle Pädagogik Jesu charakteristisch ist.
Wie beurteilt die Autorin die "Drei Sea Mehl" in Lk 13, 21?
Die Angabe wird als sekundärer, redaktioneller Nachtrag (vermutlich aus der Q-Gemeinde in Anlehnung an Gen 18,6) gewertet, um die AT-Verbindung zu verstärken.
- Quote paper
- Andrea Mesicek (Author), 2006, Exegese Lk 13, 18 - 21 parr., Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89773