Bei einem gemütlichen Einkaufsbummel in der Notenabteilung des Berliner Kaufhauses Dussmann sprang mir vor einiger Zeit in einer Glasvitrine ein hierzulande selten gesehenes Instrument ins Auge: eine Mbira. Neben ein paar Querflöten, Violinen und Posaunen wirkte sie wie ein exotisches Kinderspielzeug, nicht wie ein ernstzunehmendes Instrument.
Nach eingehender Auseinandersetzung mit dem Instrument wird deutlich, dass das „Kulturkaufhaus“ einen fragwürdigen Rahmen für eine ernsthafte Auseinandersetzung für die Bedeutung des Instruments in anderem kulturellen Kontext darstellt: Die Mbira ist ein traditionelles, über 1000 Jahre altes von den Shona entwickeltes Lamellophon, welches nicht bloß die Rolle eines Instrumentes zum musizieren erfüllt, sondern zugleich eine außerordentlich große spirituelle Bedeutung im Leben bestimmter Völker Afrikas, wie beispielsweise bei den Shona in Zimbabwe, einnimmt.
Um die Mbira und ihre Musik verstehen zu können, muss das Instrument in seinem kulturellen Kontext betrachtet werden. Nach einer kurzen Erläuterung über das Land, das Volk der Shona und das Instrument als solches, versuche ich die Verwendung und die Funktion der Mbira zu beschreiben, indem ich auf verschiedene Aspekte rund um das Instrument, die Musik und auch die Verwendung im täglichen Leben der Shona eingehe. Die Republik Zimbabwe liegt im südlichen Teil Afrikas . Das Binnenland mit subtropischem Klima hat ca. 13 Millionen Einwohner. 99% der Bevölkerung gehören den Bantuvölkern an, von denen wiederum über 70% zum Volk der Shona gehören. Die Shona leben vorwiegend im nördlichen Teil des Landes, im südlichen Teil leben die Ndebelen, die zweite größere Bevölkerungsgruppe.
Die Mehrheit der Bevölkerung sind Christen, etwa ein Drittel der Einwohner gehören traditionellen afrikanischen Religionen an. Ein Großteil der Bevölkerung lebt auf dem Land; auch die Wirtschaft basiert zu einem großen Teil auf Ackerbau. Seit 1980 ist die Republik unabhängig, vorher war Zimbabwe lange Zeit britische Kolonie unter dem Namen Rhodesien. Shona ist sowohl die Bezeichnung für eine Bevölkerungsgruppe, der die sechs Hauptvölker Kore Kore, Zezuru, Rozwi, Ndau, Manyika und Karanga sowie weitere kleine Stämme angehören, als auch für deren Sprache, welche zu den Bantusprachen zählt. Die Shona leben in Zimbabwe und Mosambique.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Seele der Mbira
2.1. Überblick: Zimbabwe
2.2. Das Volk der Shona
2.3. Die Mbira
2.4. Musik in der Gesellschaft
2.5. Die Bira
2.5.1. Die Rolle der Mbira Musik bei einer Bira
2.6. Die Struktur der Musik
3. Schluss
4. Anhang
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die spirituelle und soziologische Bedeutung des Lamellophons „Mbira“ innerhalb der Kultur der Shona in Zimbabwe. Ziel ist es, das Instrument nicht als bloßes Musikobjekt, sondern als zentrales Medium in religiösen Ritualen und der Kommunikation mit Ahnengeistern zu begreifen.
- Kultureller Kontext der Shona und Bedeutung der Ahnengeister
- Die spirituelle Rolle der Mbira Dza Vadzimu
- Funktion der Musik in der gesellschaftlichen und rituellen Praxis
- Der Stellenwert des Bira-Rituals zur Kommunikation mit Verstorbenen
- Strukturelle Analyse der Mbira-Musik und ihr Einfluss auf die Trance
Auszug aus dem Buch
2.5.1. Die Rolle der Mbira Musik bei einer Bira
Die Mbira-Musik spielt im Ritual eine entscheidende Rolle: „In the context of the bira, the people believe the mbira to have the power to project its sound into the heavens, bridging the world of the living and the world of the spirits and thereby attracting the attention of the ancestors.” In der Regel sind bei einer Zeremonie zwischen zwei und acht Mbira-Spieler anwesend, die von Rasseln unterstützt werden können. In einigen Fällen sind auch verschiedene Trommeln dabei. Die Besetzung variiert in den unterschiedlichen Regionen und auch nach dem speziellen Mbira-Typ, der verwendet wird. Fühlen sich die übrigen Gäste durch die Musik bewegt, beteiligen sie sich auf unterschiedliche Weise, zum Beispiel durch Hände klatschen, Singen oder auch Tanzen. Aktive Beteiligung am Geschehen ist kennzeichnend für das Ritual; ein weiteres Charakteristikum ist die Tatsache, dass sowohl professionelle Musiker als auch Anfänger sich gleichermaßen einbringen können.
Obwohl die Mbira das Herzstück der Musik darstellt, ist die Musik und die daraus resultierende Atmosphäre als Ganzes ein Produkt von allen an der Bira beteiligten Personen. Die Art der Beteiligung ist völlig frei. Beginnt jemand zu singen, kann dies sowohl auf Text, als auch ganz frei, zum Beispiel in Form von Ululation der Frauen oder auch anderen Techniken geschehen, was die Gesamtatmosphäre stark beeinflusst. Wird auf Text gesungen, können diese Texte alles beinhalten, was der Sänger gerade ausdrücken möchte. Stimmungen und Gefühle, Bitten und Wünsche, aber auch Kritik an den Musikern oder anderen Gästen, die sich nicht angemessen verhalten, sind nicht unüblich. Das Zusammenwirken der verschiedenen Menschen macht jede Bira zu einem einzigartigen Ereignis, welches sich jedem Wiederholungsversuch entzieht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die erste Begegnung der Autorin mit der Mbira und steckt den Rahmen für eine tiefergehende kulturwissenschaftliche Betrachtung ab.
2. Die Seele der Mbira: Dieses Kapitel liefert den soziokulturellen Hintergrund über Zimbabwe und die Shona sowie die spirituelle Bedeutung und Handhabung des Instruments.
2.1. Überblick: Zimbabwe: Kurze geographische und demographische Einordnung des Landes und der Bevölkerungsgruppen.
2.2. Das Volk der Shona: Erläuterung der traditionellen Glaubenswelt der Shona, insbesondere der fundamentalen Bedeutung der Ahnengeister.
2.3. Die Mbira: Beschreibung der Mbira als traditionelles Instrument und ihre spirituelle Verankerung in der Kultur.
2.4. Musik in der Gesellschaft: Analyse der Rolle von Musik im täglichen Leben und deren Wandel durch Kolonialisierung und Moderne.
2.5. Die Bira: Beschreibung des Bira-Rituals als zentrales Ereignis für die Kommunikation mit Ahnen.
2.5.1. Die Rolle der Mbira Musik bei einer Bira: Untersuchung der musikalischen Gestaltung des Rituals und der aktiven Einbindung der Gemeinschaft.
2.6. Die Struktur der Musik: Analyse des zyklischen Aufbaus der Mbira-Stücke und deren Funktion im Trance-Zustand.
3. Schluss: Ein Fazit zur veränderten Wahrnehmung des Instruments nach der wissenschaftlichen Auseinandersetzung.
4. Anhang: Enthält ergänzende Materialien wie Quellen, Kartenmaterial und Abbildungen des Instruments.
Schlüsselwörter
Mbira, Shona, Zimbabwe, Ahnengeister, Bira, Besessenheit, Ritual, Musiksoziologie, Lamellophon, spirituelle Bedeutung, Trance, Kushaura, Kutshinhira, Tradition, Kultur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die kulturelle, spirituelle und soziologische Bedeutung des Lamellophons „Mbira“ innerhalb der Gesellschaft der Shona in Zimbabwe.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Im Zentrum stehen der Glaube an Ahnengeister, die Funktion von Musik in religiösen Ritualen sowie der soziokulturelle Kontext der Shona.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, das Verständnis für die Mbira von einem exotischen Musikinstrument zu einem zentralen, spirituell aufgeladenen Medium im Leben der Shona zu erweitern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse, die das Instrument in seinem soziokulturellen und historischen Kontext einbettet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung von Land und Volk, die Erläuterung des Instruments, die Rolle der Musik im rituellen Kontext sowie eine musikalische Strukturanalyse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Mbira, Shona, Zimbabwe, Ahnengeister, Bira-Ritual und kulturelle Identität.
Warum ist der Zustand der Besessenheit für das Bira-Ritual so entscheidend?
Die Besessenheit dient als Höhepunkt des Rituals, da in diesem Zustand die direkte Kommunikation mit den Ahnengeistern stattfindet, um deren Rat bei Problemen einzuholen.
Welche Bedeutung kommt dem Musiker während eines Rituals zu?
Der Musiker trägt eine hohe Verantwortung; er muss die Musik so gestalten, dass sie den Trance-Zustand unterstützt, andernfalls kann sein Status leiden oder er wird ersetzt.
Wie unterscheiden sich Kushaura und Kutshinhira?
Es handelt sich um die zwei Teile eines Mbira-Stücks: Kushaura ist der Anfangsteil und Hauptteil, Kutshinhira ist der zweite Teil; ihr Ineinandergreifen erzeugt komplexe Rhythmen.
Was besagt das sogenannte „Gesetz der Mbira“?
Es handelt sich um ein System von Verhaltensregeln, das unter anderem den respektvollen Umgang mit dem als heilig geltenden Instrument und Reinheitsvorschriften regelt.
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- Anja Börke (Author), 2007, Die Seele der Mbira, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89783