Die Theorie von der Konstruktion von Geschlecht

Eine kritische Refexion


Seminararbeit, 2008
26 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Soziale Konstruktion von Geschlecht
2.1 Sex und Gender
2.2 Essentialismus und Konstruktivismus
2.3 Doing Gender
2.4 De-Naturalisierung von Geschlecht

3. Kritik aus der Naturwissenschaft
3.1 Angriffe
3.2 Die Rolle der Hormone
3.3 Angeborene vs. Erlernte Eigenschaften

4. Schlussfolgerungen

Quellennachweis

1. Einleitung

Im späten 19. Jahrhundert tauchte erstmals der Begriff Feminismus auf und bezeichnete das Engagement von Frauen, sich gegen Ungleichheiten und Unterdrückung durch die Männer zur Wehr zu setzen. Vornehmliches Ziel war es hier, eine geschlechterunabhängige Gleichheit zu schaffen, bei der jedes Individuum, ob nun männlich oder weiblich, die gleichen gesellschaftlichen Chancen und Rechte hat.

Damit einher ging die Kritik patriarchaler Strukturen, in denen die Männer die Vorherrschaft in den politischen, gesellschaftlichen und familiären Segmenten einnehmen.

Mit zunehmender Emanzipation und dem Durchsetzen von Rechten, wie etwa der Beteiligung von Frauen an den politischen Wahlen etc. wandelten sich auch die Zielsetzungen und Fragestellungen des Feminismus und ab den 60er Jahren stellte man auch erstmals Fragen nach dem Recht auf Abtreibung oder sexueller Ausbeutung zur Diskussion.[1]

Im Zuge der Tatsache, dass auch immer mehr Akademikerinnen sich in der feministischen Bewegung engagierten, gerieten zunehmend auch Themen wie die Frauenforschung und feministische Politik in den Fokus der Wissenschaft.[2]

Hierbei, so heißt es mancherorts, spielte zu Beginn dieser Entwicklung auch das Motiv eine Rolle, Frauen in die Wissenschaft hinein zu schreiben, da Frauen in der („offiziellen“) Wissenschaftsgeschichte bis zu diesem Zeitpunkt keine (bzw. nur eine geringe) Rolle spielten.[3]

Im Zuge dieses wissenschaftlichen Engagements kam es auch mehr und mehr zu eigenen Theoriebildungen bezüglich der Frage nach Geschlecht und Geschlechtsidentität im Allgemeinen.

In der Geschlechterforschung der Sozialwissenschaft hat sich in den letzten Jahren immer mehr die Theorie durchgesetzt, hinter dem „Phänomen“ Geschlecht weniger eine natürliche binär geteilte Ordnung zu sehen, als viel mehr ein soziales Konstrukt. Geschlecht ist demnach nicht gegebenes, sondern etwas, dass gemacht wird, während frühere Geschlechtertheorien eher auf individuelle Eigenschaften von Frauen und Männern abzielten, doch dazu an anderer Stelle mehr.

Folgt man dem Gedankengang des Feminismus, ist es diese Konstruktion von geschlechtlicher Differenz, die im Endeffekt zur Unterdrückung der Frau durch das männliche Geschlecht führte.

In dieser Hausarbeit soll zunächst einmal der grundlegende Gedanke des Sozialkonstruktivismus in der Geschlechterforschung samt der hierbei angewandten Methodik und Begrifflichkeiten darstellt werden.

Andere wissenschaftliche Disziplinen hingegen üben zum Teil scharfe Kritik an dem Gedanken des Konstruktivismus in der Geschlechterforschung, vornehmlich aus Reihen der Naturwissenschaft.

Einige der Argumente dieser Kritiker, vor allem, was den Einfluss von Hormonen auf geschlechtsspezifische Verhaltensweisen angeht, sollen hier kurz aufgeführt und abgewogen werden.

Zum Abschluss soll dann eine Quintessens aus den vorgebrachten Argumentationslinien gezogen werden, ein abschließendes Urteil allerdings muss ausbleiben.

Das auch aufgrund des begrenzten Umfangs einer Hausarbeit, die eine detaillierte und erschöpfende Diskussion der vorgetragenen Für- und Widerargumente leider nicht möglich macht..

Um die Übersicht zu erhöhen, schließt jedes Unterkapitel mit einer kleinen Zusammenfassung in einem extra Kasten in kursiver Schrift. Hierdurch erhoffe ich mir, dass der Zusammenhang der dargestellten Punkte für die Leser/innen greifbarer und verständlicher wird. Auch soll hierdurch die Möglichkeit gegeben werden, sich kurz über die wichtigsten Aspekte der einzelnen Unterpunkte einen Überblick verschaffen zu können.

2. Soziale Konstruktion von Geschlecht

2.1 Sex und Gender

Im Englischen unterscheidet man bei dem Begriff Geschlecht zwischen Sex und Gender. Während Sex für das biologische Geschlecht steht, bezeichnete Gender ursprünglich nur das grammatikalische Geschlecht. In der Sozialwissenschaft aber verwendet man den Begriff um die Geschlechtsidentität zu beschreiben.

Im Deutschen existiert in der Alltagssprache keine Unterscheidung zwischen biologischen und kulturellen Geschlecht, sondern beides wird unter dem Begriff „Geschlecht“ zusammengefasst.[4]

Aus einer solchen Trennung des Begriffs Geschlecht in ein biologisches und ein kulturelles Geschlecht ergeben sich gewisse Konsequenzen für die Herangehensweise der Geschlechterforschung. Es wird hier eine Unterscheidung getroffen, die scheinbar nicht automatisch darauf schließen lässt, dass biologisches Geschlecht und kulturelles Geschlecht ursächlich miteinander zusammen hängen müssen. Beispielsweise kann eine Person einerseits einem biologischen Geschlecht angehören, aber gleichzeitig eine andere Geschlechtsidentität haben. Das Phänomen der Transsexualität liefert hierfür ein anschauliches Beispiel und spielt für die Argumentation in der Geschlechterforschung eine tragende Rolle, wie hier an anderer Stelle noch näher ausgeführt werden soll.

Im Folgenden sollen die unterschiedlichen methodischen Ansätze der Feministischen Geschlechterfrage diskutiert und näher erläutert werden.

Sex und Gender werden in der Sozialwissenschaft als differenzierende Begriffe verwendet. Während sex für das biologische Geschlecht steht, bezeichnet Gender die Geschlechtsidentität. Aus dieser Trennung ergibt sich, dass biologisches und kulturelles Geschlecht nicht zwangsläufig und ursächlich miteinander verschränkt sein müssen

2.2 Essentialismus und Konstruktivismus

In der sozialwissenschaftlichen Theorieentwicklung existieren zwei unterschiedliche Ansätze feministischer Theorien, aus denen sich grundlegende Unterschiede in der Herangehensweise an das Sex-Gender-Problem ergeben. Zum einen gibt es als essentialistisch bezeichnete Ansätze und zum anderen den Ansatz des Konstruktivismus.[5]

Der Essentialismus (aus dem lateinischen essentia, was soviel wie „das Wesen einer Sache“ bedeutet[6] ) entstammt von seiner Richtung her der Philosophie/Wissenschaftstheorie und geht von dem methodischen Ansatz aus, das Wesen einer Sache würde in der Begrifflichkeit stecken, bzw. auch und vor allem in den Wandel dieser oder im Kontext der jeweiligen Definition desjenigen, der diese Begrifflichkeiten verwendet.[7]

Anders ausgedrückt, soll sich das Wesen einer Sache laut diesem Ansatz in Worte fassen lassen. Es hängt nur von der Qualität der Definition ab, ob dies richtig oder falsch ist.

In ihrem Grundprinzip wurde diese Methodik erstmals durch den griechischen Philosophen Platon geprägt, der hier von einer Idee sprach. Zum Beispiel würde die Idee des Tisches in ihrer Definition die Eigenschaften und Gebrauchsmöglichkeiten eines selbigen beschreiben. Damit, so Platon, ist eine Idee, also eine Definition/Beschreibung immer ein Verweis auf etwas, das real existiert.[8]

Für die Geschlechterforschung bedeutet dieser Ansatz, dass der Genderaspekt auf eine natürliche Ursache zurückgeführt wird. Anders ausgedrückt, Sex als biologisches Geschlecht prägt Gender, also die Geschlechtsidentität. Frausein wird hier als ein fast schon homogenes Phänomen begriffen, als klar benennbare weibliche Identität.

Es ließe sich an dieser Stelle sicherlich die Frage stellen, wie sehr diese Sichtweise der Geschlechtertrennung durch die politische Bewegung des Feminismus beeinflusst wurde, die ja gerade im Zusammenhalt der Frau im Kampf gegen die männliche Unterdrückung ihre Stärke sah.[9] Doch solcherlei sicherlich auch spekulative Fragestellungen würden an dieser Stelle zu weit vom Thema wegführen.

Von Vertretern des Konstruktivismus wird diese Sichtweise einer gemeinsamen Geschlechtsidentität stark kritisiert. Judith Butler zum Beispiel verweist darauf, dass durch diese Sichtweise eine Universalität von weiblicher Identität geschaffen würde, die der Realität der unterschiedlichen Ausprägungen, ob nun kulturell bedingt oder gemein Individuell gesehen, nicht Rechnung tragen und somit ein künstliches Konstrukt unterstützen würde.

Ganz der These Butlers nach, die den Begriff des biologischen Körpers als eine durch kulturelle Mittel sprachlich hervorgebrachtes Konstrukt hält.[10]

„Die gegenwärtige feministische Debatte des >>Essentialismus<< gibt der Frage nach der Universalität der weiblichen Identität und der maskulinen Unterdrückung eine andere Form. (…) Mit anderen Worten: das Insistieren auf der Kohärenz und Einheit der Kategorie >>Frau(en)<< hat praktisch die Vielfalt der kulturellen und gesellschaftlichen Überschneidungen ausgeblendet, in denen die mannigfaltigen konkreten Reihen von >>Frauen<< konstruiert werden. „[11]

Damit wäre die grundsätzliche Fragestellung mit der sich der Konstruktivismus beschäftigt auch schon angerissen. Lassen sich Geschlechter als bestimmbare, fest definierbare Phänomene überhaupt definieren? Gibt es so etwas wie ein natürliches Geschlecht?

Konstruktivismus ist in der Wissenschaft kein homogener Begriff, vielmehr verwenden unterschiedliche Disziplinen ihn in einem jeweils anderen Kontext.

Die Erkenntnistheorie als Teildisziplin der Philosophie etwa stellt (in unterschiedlichen Ansätzen) entweder die grundsätzliche Fähigkeit des Menschen in Frage, wahre Erkenntnis zu erlangen oder aber kommt zu dem Schluss, dass Erkenntnis durch eine methodisch durch exerzierte wissenschaftliche Herangehensweise tatsächliches Wissen konstruiert werden kann.[12]

Ernst von Glaserfeld merkt hierzu an, dass unsere Sinne, wenn wir nun sehen, schmecken, fühlen oder hören nicht die Realität abbilden, sondern sie als aktive Elemente machen, also konstruieren.[13]

In der Soziologie spricht man von Sozialkonstruktivismus. Dieser macht sich die Gedanken der konstruktivistischen Erkenntnistheorie zu Eigen:

„Aufgrund der erkenntnistheoretischen Annahmen müssen soziale Prozesse als Prozesse der Erzeugung von Realität und auf sie abgestimmter Handlungen verstanden werden.“[14]

[...]


[1] Vgl. Kroll 2002, S. S. 102

[2] Vgl. ebd.

[3] Vgl. Korte; Schäfers 2006, S. 89

[4] Vgl. Heintz 1993, S. 17

[5] Vgl. Morel; Bauer; Meleghy; u.a. 2001, S. 267

[6] Vgl. Kroll 2002, S. 87

[7] Vgl. Atteslander 1975, S. 34

[8] Vgl. Bordt (O.J.), S. 100 ff. u. Neumann 2006, S. 117 ff.

[9] Vgl. Müller 1984, S. 106 f.

[10] Vgl. Butler 1991, S. 9

[11] A.a.O., S. 34

[12] Vgl. Glaserfeld 2006, S. 9 ff. u. Detel 2007, S. 12 ff.

[13] Vgl. Glaserfeld 2006, S. 29 f.

[14] Hejl 2006, S. 112

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die Theorie von der Konstruktion von Geschlecht
Untertitel
Eine kritische Refexion
Hochschule
Fachhochschule Kiel
Veranstaltung
Geschlechterfragen in der Sozialen Arbeit
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
26
Katalognummer
V89786
ISBN (eBook)
9783638039383
ISBN (Buch)
9783638936170
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theorie, Konstruktion, Geschlecht, Geschlechterfragen, Sozialen, Arbeit
Arbeit zitieren
André Kramer (Autor), 2008, Die Theorie von der Konstruktion von Geschlecht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89786

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