Familiengeheimnisse und Vergangenheitsbewältigung im Jugendbuch "Echtzeit" von Pnina Moed Kass


Essay, 2006

7 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Vergangenheitsbewältigung und Gegenwartsprobleme

- Das kommt in den besten Familien vor

VON Corinna Neeb, Mai 2007

"Ist die eigene Person in Ordnung, so kommt die Familie in Ordnung; ist die Familie in Ordnung, so kommt der Staat in Ordnung; ist der Staat in Ordnung, so kommt die Welt in Ordnung." (chinesischer Philosoph: Lü Bu We; ca. 300 v.Chr.; http://www.swin.de/user/acg/familie.htm)

Wer wünscht sich angesichts des Chaos in dieser Welt dieses „In-Ordnung-Sein“ beziehungsweise „In-Ordnung-Leben“ nicht? Doch wer Ordnung herstellen will, muss selber tätig werden. Jetzt ist schnelles Handeln gefragt, das geprägt ist von einem starken Willen, von pubertärer Entschlossenheit und jugendlichem Mut, sich der eigenen Vergangenheit zuzuwenden, bevor es vielleicht zu spät ist und das Auslaufmodell „Familie“ bereits vom Markt verschwunden ist. Die neuen Familien- und Partnerschaftsstrukturen des 21. Jahrhunderts führen komplexe Verwandtschafts- und Beziehungsgeflechte mit sich, die eine Auseinandersetzung mit der eigenen Person und das Finden der eigenen Identität im Spiegel der Herkunftsfamilie nicht gerade erleichtern. (www.familienhandbuch.de) Und wenn es dann auch noch darum geht, das Aufzuarbeiten, was die Generation davor nicht leisten wollte oder konnte, wird es umso schwieriger, in alles eine Ordnung zu bekommen.

Lässt man sich dennoch darauf ein, muss Folgendes bedacht werden: Ist unsere Zeit heute überhaupt reif für eine Bewältigung der Vergangenheit mit ihren Familiengeheimnissen, besonders der national-sozialistischen? Wenn unsere Zeit, das Jahr 2007 reif dafür ist, wie soll diese Bewältigung dann aussehen? Sind hier Schuldzuweisungen und kollektive Schulden-bekenntnisse in jeglicher Hinsicht der richtige Ansatz? Hier muss Vorsicht walten, denn wer nur in die Vergangenheit sieht, verliert leicht den Blick für Gegenwart und Zukunft!

Pnina Moed Kass wählt in ihrem Jugendbuch einen anderen Ansatz: Sie gestaltet mit ihrem Roman „Echtzeit“ die Nachwirkungen eines Selbstmordattentats im heutigen Israel mit Bezug zur deutsch-jüdischen Vergangenheit und verknüpft damit Vergangenheit und Gegenwart der Protagonisten. In ihrem Roman kreuzen sich die Wege verschiedener Personen, die in Israel aufeinander treffen - ausgerechnet in dem Land, das von Terroranschlägen und Freiheitskämpfen gebeutelt ist und in dem ein Leben in Frieden so unwahrscheinlich ist, wie die Harmonie mit der eigenen Vergangenheit. Auf eindrücklich realistische Weise schildert die amerikanische Autorin, die selber über 35 Jahren in Israel gelebt hat, vor dem Hintergrund des Nahost-Konflikts die persönliche Lebensgeschichte der jungen, teils noch jugendlichen Protagonisten und beleuchtet den Alltag in den palästinensischen Familien ebenso, wie die Lebensumstände der Israelis und die persönlichen Motive zweier Attentäter. Minutiös – also in Echtzeit, beschreibt und verfolgt Kass die Erlebnisse an sechs Tagen im Leben von dreizehn Menschen vor und nach dem verheerenden Attentat auf der Autobahn 1 nach Jerusalem. Diese Katastrophe erschüttert und verändert das Leben zahlreicher Menschen. Die Schilderung des Bombenattentats bildet das Zentrum im Roman, auf das die Erzählung zuläuft und von dem aus sie sich in die je eigene Lebensrealität des Einzelnen erstreckt.

Da ist zum einen der Sechzehnjährige Schüler Thomas Wanninger aus Berlin, der sich nach dem Tod seines Vaters auf die Reise in ein Kibbuz nach Israel macht, um dort als Praktikant unter Aufsicht des Chefgärtners Erfahrungen in der Gartenarbeit zu sammeln, wozu es jedoch aufgrund des Attentats nicht kommen wird. Allerdings steht für ihn die Aufklärung seiner Familiengeschichte im Vordergrund des Israel-Aufenthaltes. So stellen die geplanten Nachforschungen in Yad Vaschem den wahren Grund seiner Reise dar. Er will Gewissheit erlangen über die Beteiligung seines Großvaters an den Naziverbrechen. Noch wichtiger ist ihm jedoch, dort um Vergebung zu bitten für die vermeintlichen Taten seines Großvaters: „Dort zu sein bedeutet, etwas wieder gutzumachen.“ (Kass, 2005: 50)

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Details

Titel
Familiengeheimnisse und Vergangenheitsbewältigung im Jugendbuch "Echtzeit" von Pnina Moed Kass
Hochschule
Universität Siegen
Note
1,5
Autor
Jahr
2006
Seiten
7
Katalognummer
V89820
ISBN (eBook)
9783638040952
Dateigröße
403 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Familiengeheimnisse, Vergangenheitsbewältigung, Jugendbuch, Echtzeit, Essay, Israel, Jugendliche, Anschlag, Konflikt, Pnina Moed Kass, Moed Kass
Arbeit zitieren
Corinna Neeb (Autor), 2006, Familiengeheimnisse und Vergangenheitsbewältigung im Jugendbuch "Echtzeit" von Pnina Moed Kass, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89820

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