Der deutsche Sozialstaat erlebt derzeit eine Finanz- und Legitimationskrise, die droht, sich zu einer politischen und gesellschaftlichen Sinn- und Orientierungskrise auszuweiten. Besonders dem Problem der Massenarbeitslosigkeit steht der deutsche Sozialstaat hilf- und ratlos gegenüber. Schlimmer noch, angesichts der hohen Sozialausgaben wird der Faktor Arbeit zunehmend verteuert. So gilt der Sozialstaat mitverantwortlich für die hohe Arbeitslosigkeit und erweist sich als Hindernis einer möglichst breiten Verteilung des Gutes Arbeit. Obgleich diese Entwicklung bereits seit Jahrzehnten absehbar ist, konnten sich die relevanten Akteure, die Politiker, Journalisten und Interessensgruppenvertreter, lange Zeit nicht auf eine Verständigungsgrundlage und einheitliche Problemwahrnehmung einigen. Erst mit fortschreitender Zuspitzung der Probleme am Arbeitsmarkt und im Staatshaushalt scheint ein Prinzip auf dem besten Wege, zu einer solchen Verständigungsgrundlage zu avancieren: „Sozial ist was Arbeit schafft“ – im Folgenden mit „SIWAS“ abgekürzt. Es wird vermehrt von der deutschen Politik bemüht, um Reformmaßnahmen zu rechtfertigen. Und auch in der öffentlichen Meinung scheint diese Interpretation von sozial angesichts der Anerkennung von Arbeitslosigkeit als Hauptübel der derzeitigen Wirtschaftsmisere auf Zustimmung zu stoßen. Ob auch aus wissenschaftlicher Sicht SIWAS Geltung erlangen kann wird diese Arbeit klären.
Dazu wird die zentrale Fragestellung - ist sozial was Arbeit schafft? - in drei Unterfragen aufgegliedert: Was ist Sozial? Was schafft Arbeit? Und inwieweit ist beides deckungsgleich? Es gilt somit in einem ersten Schritt theoretisch zu klären, wie Gerechtigkeits- und Sozialstaatskonzeptionen aussehen, in die sich eine Handlungsmaxime SIWAS integrieren lassen könnte. In einem zweiten Schritt ist daraufhin zu konkretisieren, worauf der Maßstab der sozialen Gerechtigkeit anzuwenden ist. Wege und Maßnahmen sind zu benennen, mit denen die begründete Hoffnung verbunden wird, dass sie zu mehr Beschäftigung führen. Diese Wege gilt es mit Hilfe der zuvor erarbeiteten Gerechtigkeitskriterien in einem dritten Schritt auf ihre soziale Wirkung hin zu überprüfen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung
2 Gerechtigkeits- und Sozialstaatskonzeptionen
2.1 EGALITÄRE PERSPEKTIVE
2.1.1 Egalitäre Konzeptionen der Gerechtigkeit
2.1.2 Egalitäre Konzeptionen des Sozialstaates
2.1.3 Kritik am Egalitarismus
2.2 LIBERALE PERSPEKTIVE
2.2.1 Liberale Konzeptionen der Gerechtigkeit
2.2.2 Liberale Konzeptionen des Sozialstaates
2.2.3 Kritik am Liberalismus
2.3 MONISTISCHE PERSPEKTIVE
2.3.1 Monistische Konzeptionen der Gerechtigkeit
2.3.2 Monistische Konzeptionen des Sozialstaates
2.3.3 Kritik an monistischen Konzeptionen
3 Probleme, Ursachen und Auswege der Arbeitslosigkeit
3.1 PROBLEME DER ARBEITSLOSIGKEIT
3.2 URSACHEN DER ARBEITSLOSIGKEIT
3.3 ERWERBSARBEITSZENTRIERTE WEGE AUS DER ARBEITSLOSIGKEIT
3.4 IMPLIKATIONEN FÜR EINE PRAKTISCHE ARBEITSMARKT- UND SOZIALPOLITIK
4 Wege aus der Arbeitslosigkeit aus der Sicht von Gerechtigkeits- und Sozialstaatskonzeptionen
4.1 WEGE AUS DER ARBEITSLOSIGKEIT AUS EGALITÄRER PERSPEKTIVE
4.2 WEGE AUS DER ARBEITSLOSIGKEIT AUS LIBERALER PERSPEKTIVE
4.3 WEGE AUS DER ARBEITSLOSIGKEIT AUS MONISTISCHER PERSPEKTIVE
5 Zusammenfassung, Ausblick und Schlussbemerkung
5.1 ZUSAMMENFASSENDE BETRACHTUNG
5.2 EMPIRISCHER AUSBLICK
5.3 SCHLUSSBEMERKUNG
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht, inwieweit das politische Prinzip „Sozial ist, was Arbeit schafft“ (SIWAS) theoretisch und praktisch mit verschiedenen Gerechtigkeits- und Sozialstaatskonzeptionen vereinbar ist. Die zentrale Forschungsfrage lautet, ob die Schaffung von Beschäftigung als legitimes und gerechtes Ziel innerhalb egalitärer, liberaler und monistischer Ansätze anerkannt werden kann.
- Analyse der theoretischen Fundamente von Gerechtigkeit (Egalitarismus, Liberalismus, Monismus).
- Untersuchung der Ursachen und Problemlagen struktureller Arbeitslosigkeit.
- Konfrontation des SIWAS-Prinzips mit den jeweiligen gerechtigkeitstheoretischen Anforderungen.
- Evaluierung beschäftigungsfördernder Maßnahmen hinsichtlich ihrer sozialen und ökonomischen Auswirkungen.
- Diskussion über das Verhältnis von Sozialpolitik und marktwirtschaftlichen Zielsetzungen.
Auszug aus dem Buch
Die Rawlssche Gerechtigkeitskonzeption
Im Kern geht es Rawls darum zu zeigen, für welche Regelordnung sich rationale, freie und gleiche Bürger entscheiden würden, wenn sie ihre Regelwahl unter Ausschluss von Verhandlungsvorteilen und ohne Wissen über die konkreten Lebensumstände treffen müssten. Er verlegt die Diskussion der Regelsetzung weg vom Naturzustand der klassischen Vertragstheorie in die so genannte original position. In diesem Urzustand befinden sich die Individuen hinter einem Schleier der Unwissenheit, der einen vergessen lässt, welche soziale Stellung man einnimmt, und der sich von den Umständen des allumfassenden Handlungsrahmens loslöst und somit nicht durch sie verzerrt ist. Von diesem Standpunkt aus ist es möglich, eine faire Übereinkunft zu erreichen, die angemessenen Beschränkungen im Bezug auf all das unterliegt, was als guter Grund gelten soll.
Rawls erhebt selbst den Anspruch, auf Basis dieses Urzustandes eine öffentlich anerkannte Gerechtigkeitskonzeption für moderne demokratische Staaten entwickelt zu haben, die vielfältigen Weltanschauungen und konkurrierenden Konzeptionen des Guten gerecht wird. Zwar könne nicht auf alle Fragen eine Lösung bzw. ein Konsens gefunden werden. Doch sei es möglich, auf die in den politischen Institutionen und öffentlichen Traditionen verankerten grundlegenden Gedanken zurückgreifend, eine Basis zu finden, um über eine geeignete institutionelle Ordnung für Freiheit und Gleichheit zu entscheiden.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung: Hinführung zur Fragestellung der Arbeit und Erläuterung des Prinzips „Sozial ist, was Arbeit schafft“ (SIWAS) im Kontext der deutschen Sozialstaatskrise.
2 Gerechtigkeits- und Sozialstaatskonzeptionen: Systematische Darstellung der drei grundlegenden Gerechtigkeitsperspektiven (Egalitarismus, Liberalismus, Monismus) und der daraus abgeleiteten Sozialstaatsmodelle.
3 Probleme, Ursachen und Auswege der Arbeitslosigkeit: Analyse der Ursachen der strukturellen Arbeitslosigkeit sowie Diskussion wirtschaftswissenschaftlich begründeter Ansätze zur Steigerung der Beschäftigung.
4 Wege aus der Arbeitslosigkeit aus der Sicht von Gerechtigkeits- und Sozialstaatskonzeptionen: Kritische Konfrontation der in Kapitel 3 identifizierten Maßnahmen mit den normativen Kriterien der in Kapitel 2 vorgestellten Konzeptionen.
5 Zusammenfassung, Ausblick und Schlussbemerkung: Synthese der theoretischen Ergebnisse sowie Ausblick auf die empirische Relevanz und politische Durchsetzbarkeit der behandelten Konzepte.
Schlüsselwörter
Soziale Gerechtigkeit, Sozialstaat, Arbeitslosigkeit, Arbeitsmarktpolitik, SIWAS, Egalitarismus, Liberalismus, Monismus, Differenzprinzip, John Rawls, Beschäftigung, Beschäftigungsförderung, Markt, Verteilungsgerechtigkeit, Strukturwandel.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die theoretische Vereinbarkeit des politischen Prinzips „Sozial ist, was Arbeit schafft“ (SIWAS) mit verschiedenen wissenschaftlichen Gerechtigkeitstheorien.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Felder sind die politische Philosophie (Gerechtigkeitstheorien) und die Arbeitsmarktökonomie, verknüpft durch die Frage der Sozialstaatlichkeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, ob SIWAS wissenschaftlich als handlungsleitende Maxime für eine sozial gerechte Politik gerechtfertigt werden kann.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative theoretische Analyse unterschiedlicher Gerechtigkeitskonzeptionen und konfrontiert diese mit ökonomischen Reformvorschlägen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Herleitung der Gerechtigkeitsmodelle, die Diagnose der Arbeitsmarktprobleme und die anschließende kritische Bewertung von Reformmaßnahmen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere die Unterscheidung zwischen egalitären, liberalen und monistischen Perspektiven sowie der Fokus auf das Differenzprinzip von John Rawls.
Wie bewerten monistische Konzeptionen das Prinzip SIWAS?
Monistische Ansätze betrachten SIWAS tendenziell positiv, da sie auf die Versöhnung von Wirtschaftlichkeit und sozialer Teilhabe abzielen.
Ist das Prinzip SIWAS mit der Rawlsschen Theorie vereinbar?
Ja, das Rawlssche Differenzprinzip lässt sich theoretisch mit SIWAS in Einklang bringen, sofern die Maßnahmen dem am wenigsten begünstigten Teil der Bevölkerung zugutekommen.
- Quote paper
- Dipl. Vw.; M.A. Nils Christian Hesse (Author), 2006, Sozial ist, was Arbeit schafft?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89846