Die Arbeit untersucht die Herrschergestalten in Goethes ‚Iphigenie auf Tauris‘, Lessings ‚Nathan der Weise‘ und Mozarts ‚Entführung aus dem Serail‘ und deren Interaktion mit den übrigen Rollen. Der den Werken gemeinsame Hintergrund der europäischen Aufklärung dient dabei als Bezugspunkt. Kernfrage ist sodann, in wie weit die Herrscher tatsächlich absolutistisch-allmächtig sind und ob sie wirklich als Beispiele für aufgeklärte Herrscher betrachtet werden können, wie dies in der Fachliteratur i.d.R. geschieht. Der Autor bezweifelt die Legitimität dieser gängigen Interpretation und begründet dies an markanten Gesichtspunkten der einzelnen Werke. Schließlich wird in einem abstrakteren Resümee gezeigt, dass diese Machtlosigkeit hinter der scheinbaren Allmacht der Herrschergestalten das verbindende Element der gewählten Werke ausmacht.
Inhaltsverzeichnis
I. EINLEITUNG
1. ENTFÜHRUNGSMOTIV
2. AUFKLÄRUNG
II. GOETHE: IPHIGENIE AUF TAURIS
1. EXPOSITION
2. FINALE
III. LESSING: NATHAN DER WEISE
1. FIGURENKONSTELLATION
1. SULTAN SALADIN
2. DER PATRIARCH VON JERUSALEM
IV. MOZART: DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL (KV 384)
1. KONSTANZE UND SELIM?
2. DAS FINALE
V. WIE AUFGEKLÄRT SIND DIE HERRSCHER AM SCHLUSS?
VI. SCHLUSSBETRACHTUNG
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Darstellung von Herrscherfiguren in drei bedeutenden Werken des 18. Jahrhunderts – Goethes „Iphigenie auf Tauris“, Lessings „Nathan der Weise“ und Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“ – vor dem geistesgeschichtlichen Hintergrund der Aufklärung. Ziel ist es, die Forschungsfrage zu klären, wie ein Herrscher nach Auffassung der Autoren idealerweise handeln sollte, und dabei das Spannungsfeld zwischen absolutistischem Machtanspruch, Verantwortung und humanitären Idealen zu analysieren.
- Darstellung orientalischer Herrscher im europäischen Kontext
- Analyse des literarischen „Entführungsmotivs“
- Konfliktlösung und Humanität in absolutistischen Machtstrukturen
- Verhältnis von Religion, Stand und Kultur
- Einfluss der Aufklärung auf die Charakterzeichnung
Auszug aus dem Buch
1. Entführungsmotiv
Gemeinsam ist den Werken das sog. ‚Entführungsmotiv‘: Eine junge europäische Frau ist in einem kulturell vermeintlich niederen Land gefangen und dem dortigen Herrscher auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Ein junger, ebenfalls europäischer Held erreicht dieses Land und verwickelt sich in ein Abenteuer, um die Schöne zu retten.
Es gibt zahlreiche Werke mit diesem Motiv. Dabei hat sich für die Gestalt des Herrschers ein Stereotyp des ‚Barbaren‘ entwickelt. Nach der Belagerung Wiens 1683 wurden ‚die Türken‘ zwar als faszinierend, aber doch kulturell unterlegen und primitiv angesehen. Dieses Vorurteil vermischte sich langsam mit nach wie vor herrschenden Kreuzzugsideologien, welche die kulturelle Überlegenheit Europas gegenüber allem Fremden behaupteten. Mit der Zeit wurden türkische Herrscher, als ‚Moslems‘ allgemein als Gegensatz zum christlichen Europa stehend, generell mit zwei grundlegenden Charaktereigenschaften, die allein auf Angst und Vorurteilen gegenüber dem Islam beruhten, versehen:
Die wichtigsten Aspekte von Mohammeds Charakter für die Christen waren sexuelle Zügellosigkeit … und die Anwendung von Gewalt in der Verbreitung seines Glaubens. … (Diese) etablieren sich in der Folge als die Hauptmerkmale im westlichen Bild des Moslems überhaupt.
Zusammenfassung der Kapitel
I. EINLEITUNG: Einführung in das Thema der Herrscherdarstellung in drei klassischen Werken des 18. Jahrhunderts und Verortung im Kontext der Aufklärung.
II. GOETHE: IPHIGENIE AUF TAURIS: Untersuchung von König Thoas als Figur, die das Klischee des Despoten durch ein verantwortungsbewusstes, wenn auch durch Göttergebote eingeschränktes Herrschaftsverständnis bricht.
III. LESSING: NATHAN DER WEISE: Analyse von Sultan Saladin, der als aufgeklärte Herrscherfigur trotz finanzieller Abhängigkeiten und politischer Zwänge für Toleranz steht, sowie eine Betrachtung der kirchenkritischen Figur des Patriarchen.
IV. MOZART: DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL (KV 384): Darstellung des Bassa Selim als weisen Herrscher, dessen großmütige Begnadigung am Ende des Werkes als christlich-humanes Ideal interpretiert wird.
V. WIE AUFGEKLÄRT SIND DIE HERRSCHER AM SCHLUSS?: Synthese der Ergebnisse: Keiner der Herrscher ist absolutistisch allmächtig; ihr Handeln wird stark durch äußere Umstände bestimmt, wobei der Humanismus über die Gewalt obsiegt.
VI. SCHLUSSBETRACHTUNG: Zusammenfassendes Fazit, dass Gewalt in allen Stücken scheitert und humanes Handeln die einzige tragfähige Lösung für die dargestellten Konflikte bietet.
Schlüsselwörter
Aufklärung, Iphigenie auf Tauris, Nathan der Weise, Die Entführung aus dem Serail, Herrscherbild, Humanität, Entführungsmotiv, Absolutismus, Toleranz, Vernunft, Thoas, Saladin, Bassa Selim, Literaturanalyse, 18. Jahrhundert.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Darstellung von Herrscherfiguren in drei kanonischen Werken des 18. Jahrhunderts und untersucht, wie die Autoren die Ideale der Aufklärung auf absolutistische Herrscher anwenden.
Welche Stücke bilden den Kern der Analyse?
Analysiert werden Goethes „Iphigenie auf Tauris“, Lessings „Nathan der Weise“ und Mozarts Singspiel „Die Entführung aus dem Serail“.
Was ist das zentrale Ziel dieser Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, die Frage zu beantworten, wie ein idealer Herrscher nach Auffassung der jeweiligen Autoren sein sollte, und ob dies mit den historischen Realitäten der Zeit vereinbar war.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor wendet eine komparative literaturwissenschaftliche Analyse an, die die Figurenkonstellationen, das Motiv des Fremden und den geistesgeschichtlichen Kontext der Aufklärung einbezieht.
Welche Schwerpunkte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Einzelanalysen der Herrscherfiguren Thoas, Saladin und Selim sowie eine vergleichende Schlussbetrachtung zur Wirksamkeit humanen Handelns.
Was charakterisiert die Arbeit in Bezug auf ihre Schlüsselwörter?
Die Arbeit ist durch den Diskurs über Toleranz, das Spannungsfeld zwischen Macht und Ohnmacht sowie die Kritik am Stereotyp des „orientalischen Barbaren“ geprägt.
Warum wird der Patriarch von Jerusalem als „Barbar“ bezeichnet?
Der Patriarch wird als Gegenentwurf zum aufgeklärten Menschen gezeichnet, da er Intoleranz und Gewalt fordert, was im Kontext der Aufklärung als rückständig und „barbarisch“ bewertet wird.
Wie unterscheidet sich Selim von anderen Herrscherfiguren im Text?
Im Gegensatz zu Thoas, dessen Handlungsspielraum durch Götter stark begrenzt ist, erscheint Selim als der Herrscher, der seine humanitäre Entscheidung am freiesten trifft.
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- Ulf Thomassen (Author), 2007, Dem Despoten ausgeliefert, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89892