Die Exilpolitik der österreichischen Sozialdemokratie 1938 bis 1945

Denkstrukturen, Strategien, Auswirkungen


Doktorarbeit / Dissertation, 2004

226 Seiten, Note: ausgezeichnet


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Einleitung
-- Quellen
-- Hinweise

2. Die Genesis der Auslandsvertretung der österreichischen Sozialisten (AVOES) und die Deklarationen von Brüssel und Paris

3. Die Wurzeln der Exilpolitiker und ihrer Politik
3.1. Ein Blick zurück
3.2. Die reformistischen Gründerväter (1867-1914)
3.3. Krieg und Revolutionsoption (1914-1919)
3.4. Der Austromarxismus (1919-1934)
3.4. Die Sozialdemokratie im Abseits (1934-1938)

4. Das entschlossene Exil (März 1938 bis Juni 1940)
4.1. Europa von 1938 bis Kriegsbeginn
4.2. Die Flüchtlinge
4.3. Sozialdemokraten unter dem Hakenkreuz
4.4. Die AVOES definiert ihre Exilpolitik
4.5. Kriegsausbruch und Spannungen in der AVOES

5. Das Exil und seine Zweifel (Juni 1940 bis Juni 1941)
5.1.Die internationale Lage bis Juni 1941
5.2. Österreichische Flüchtlinge und ihre Gastländer
5.3. Die politische Exilorganisationen der Österreicher
5.4. Die Politik der AVOES vom Kriegsbeginn bis Juni 1941

6. Das Exil und die Hoffnung (Juni 1941 bis Herbst 1943)
6.1. Der Kriegseintritt der Sowjetunion
6.2. London: Das Free Austrian Movement und die Spaltung der österreichischen Sozialisten
6.3. New York: Das Ende der AVOES und der Kriegseintritt der USA
6.4. New York: Die Gründung des Austrian Labor Committee (ALC)

7. Die Zeit der ungeliebten Gewißheit ab Oktober 1943
7.1. Paukenschlag Moskauer Deklaration
7.2. Deklarationsgegner Adler schockt das Exil
7.3. Pollaks Coup - die „Österreichische Vertretungskörperschaft“
7.4. Kommunistische Antwort: Das Free Austrian World Movement
7.5. Wie real ist Friedrich Adlers Rücktritt ?
7.6. Das Exil und die Vorstellungen von der Zukunft

8. Das Exil und die 2.Republik
8.1. Die Intentionen der Kriegsführenden
8.2. Die Aktionen der Österreicher im Lande
8.3. Die Fehlkalkulation des Kreml
8.4. Das Exil und die neue Partei

9. Zusammenfassung

Vorwort

Diese Arbeit beruht auf dem Wunsch, einen sozialdemokratischen Politiker Österreichs näher kennen zu lernen und zu verstehen, der 1916 bereit war, den österreichischen Ministerpräsidenten zu töten, um die Regierung und vor allem seine eigene Partei zu einem als essentiell empfundenen Kurswechsel zu bewegen. Es handelt sich um jenen Dr. Friedrich Adler, der nach anfänglicher Ächtung als Retter der Partei gefeiert wurde und knapp nach der erfolgreichen Etablierung einer sozialdemokratisch dominierten deutsch-österreichischen Nachkriegsregierung gleichsam verschwand. Auf der Suche nach dem authentischen Menschen Friedrich Adler und den verschiedenen Facetten seines politischen Lebens war ich irgendwo zwischen der Einsilbigkeit der Partei­chroniken [i] und den Papp­kartons öster­rei­chischer Archive stecken geblieben. Zwar ließen die Schriften von Maimann, Goldner, Buttin­ger und Marschalek erkennen, dass Adler auch noch zwischen 1938 und 1945 eine nicht unwesentliche politische Rolle gespielt hat, doch zum Ver­ständnis seines Handelns und jenes seiner sozialde­mokra­tischen Mitstreiter und Kontrahenten waren die Infor­mationen zu wenig ausführlich und schlüssig. Nach vergeblichen Recherchen in Österreich fand ich schließlich im Adler-Archiv des International Institute of Social History in Amsterdam die fehlenden Unterlagen in Form der Protokolle der Sitzungen der Auslandsvertretung der österreichischen Sozialisten (AVOES) und des Austrian Labor Committee (ALC).

Ohne nun den Anspruch erheben zu wollen, eine definitive Arbeit über die Politik der Auslandsvertretung der österreichischen Sozialisten (AVOES), des Austrian Labor Committee (ALC) und des London Büro vorzulegen, bin ich dennoch überzeugt, auf Basis dieser erstmals publizierten Dokumente aus Amsterdam nicht nur die Persönlichkeit Friedrich Adler sondern darüber hinaus auch die Denk- und Handlungs­muster der wichtigsten Exilpolitiker der öster­reichischen Sozial­demokratie detaillierter und facettenreicher als bislang erfasst, zusammen­hängend dargestellt und ein­schließlich der er­staun­lichen Auswir­kungen auf die Genese der 2.Republik auch nachvoll­ziehbar dargestellt zu haben.

Diese Arbeit beruht auf meiner am Institut für Staatswissenschaften der Universität Wien erstellten Dissertation aus dem Jahr 2004,[1] die von den Universitätsprofessoren Dr. Peter Gerlich und Dr. Roman Horak betreut wurde. Neben ihnen gebührt mein Dank vor allem den Mitarbeitern des International Institute of Social History in Amsterdam , nicht zuletzt aber auch meiner Gattin Susanna, die mich vor allem bei der Archivarbeit in Amsterdam und Wien tat­kräftig unterstützt hat.

Dr. Hans Egger Baden bei Wien, im März 2008

1. Einleitung

Die Geschichte der österreichischen Sozialdemokratie ist eine der Erfolgs­ge­schichten unseres Landes, ganz gleich, ob man nun die Errungenschaften der Partei absolut oder am Maßstab der anderen politischen Kräfte misst. Österreichische Sozial­demokraten waren es, die entscheidend an der Gründung, dem Aufbau und der Aus­gestaltung des öffentlichen Lebens zweier Repu­bliken mitgewirkt haben und mit dem Begriff S ozial auch heute noch jene Grundhaltung vorgeben, an der sich alle politischen Gruppierungen des Landes zu orientieren haben. Der Erwerb dieses Marken­zeichens geht auf Erfolge zurück, die von engagierten Bürgern erzielt wurden, die seit der Aufklärung gegen die Vorrechte von Geburt und Kapital kämpften. Im ,Roten Wien’ gelang es diese Errungen­schaften im Zuge einer „sozial­päda­gogischen und mensche­n­prä­gen­den“ [2] Sonder­leistung zum Gefühl einer neuen Lebensform zu sublimieren, deren Strahlkraft auch heute noch nicht erloschen ist.

Dieser erfolgreiche Weg beruhte weniger auf dem Gedankengut von Marx und Engels, als auf jenem des preußischen Arbeiterführers Ferdinand Lassalle. [3] Viktor Adler verhalf Lasalles Ideen zum Durchbruch und konnte mit der Wahl­rechts­reform des Jahres 1907 einen wichti­gen Etappen­sieg auf dem Weg zu einem sozialen Staat erzielen. Als jedoch das Haus Habsburg im Schulterschluß mit den Ungarn das Land in einen unerwartet blutigen Krieg sowie in Hungers­nöte und soziales Elend führte, da sah sich auch die mit der Staatsführung kooperierende Parteispitze diskre­ditiert. Aufgrund ihrer relativen Ge­schlossen­heit und ihren klaren Zielsetzungen gelang es der Partei­ schließlich dennoch das Ruder des neuen Staatsschiffes an sich zu bringen und es im Chaos der stürzenden Reiche und Revolutionen auf sozial­de­mokratischen Kurs zu trimmen. Als überzeugter Marxist strebte der neue Parteivorsitzende Otto Bauer allerdings nach mehr. Er erklärte die totale Umgestaltung der Gesellschaft zum Ziel, trat aus der Koalition mit den ,Klassenfeinden’ aus und suchte im „Integralen Sozia­lismus“ nach Syner­gien mit dem Bolschewismus. Doch der erwartete Zusammenbruch der ,Klassenfeinde’ fand nicht statt, es war vielmehr die Partei selbst die über den Brand des Justiz­palastes und die Auflösung des Parlamentes in die Katastrophe des Februar 1934 und ins politische ,Aus’ schlitterte.

Diese Arbeit soll nun die Frage beantworten, wie der politische Kurs verlaufen ist, den die Parteispitze aus diesem Desaster über Brünn, Brüssel, Paris, London und New York zurück nach Österreich steuerte. Dabei soll die Genese der von ihr am 1.April 1938 gegründeten Auslandsvertretung der Österreichischen Sozialisten (AVOES) sowie deren Nachfolgeorganisation [4] Austrian Labor Committee (ALC) nachgezeichnet und die Politik dieser Organisationen und deren Auswirkung auf die 2.Republik analysiert werden.

-- Quellen

Wer sich mit Exilpolitik auseinandersetzt muss sich dem Vergleich mit den einschlägigen Standardwerken stellen. Im vor­liegenden Fall handelt es sich um jene von Helene Maimann [5] und Franz Goldner [6]. Beide Autoren haben eine Fülle wertvoller Quellen erschlossen und gut doku­mentierte (Gesamt)­dar­stellun­gen vorgelegt. Trotz der Fülle an Informationen bleibt bei diesen Arbeiten aber manche Frage offen. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass beide Bücher über 25 Jahre alt sind. In der Zwischenzeit ist der Sowjetkom­munis­mus zusammen­gebrochen, wobei Dokumente ans Tageslicht kamen, die manchen Aspekten der Exilzeit klarere Konturen verleihen bzw. alte Ansichten revidieren.[7] Leider verfestigt sich auch dort, wo die Quellenlage bereits damals als hinreichend zu werten ist, der Eindruck, dass die von den Autoren selektierten Dokumente apologetische Züge tragen und nicht immer eine tragfähige Basis für wissen­schaftlich haltbare Inter­pretationen liefern. Dies trifft bei Maimann vor allem auf die Beur­teilung der Brüssler Beschlüsse , [8] auf die sozialde­mo­kratische Anschluss­bewegung [9] und die Rolle der Kommunisten zu.[10]

Bei Goldner trägt die Apologetik ein anderes Vorzeichen. Neben den korrekt ausgewerteten Dokumenten aus den US-Departements of State-, War- und Justice widmet er dem Nachlass des am 30. De­zember 1962 in Wien verstorbenen Ex-Bundes­ministers Hans Rott, eines Mitgliedes der letzten Regierung Schusch­nigg, ewas zu viel Aufmerksamkeit, die Rolle der AVOES und des ALC ist deutlich unterbelichtet. Überdies vertritt er die Meinung, dass alles, was der Schaffung einer anerkannten öster­reichi­schen Auslands­vertretung dienlich gewesen sei, positiv und alle Gegenkräfte negativ zu beurteilen wären.[11] Hätte –so meint er- die Geschichte den Vätern des Brüsseler Manifestes recht gegeben, so würde seine Wertung umge­kehrt ausge­fallen sein. Es wird aber nicht zuletzt Aufgabe dieser Arbeit sein nachzu­weisen, dass gerade das Fehlen einer repräsentativen Auslands­vertretung positive Aus­wirkungen auf die Genese und das weitere Schicksal der 2.Republik hatte.

Der aus heutiger Sicht wohl gravierendste Mangel der beiden Arbeiten ist die Tatsache, dass die Autoren noch keinen Zugriff auf die Bestände des Adler-Archivs in Amsterdam hatten, die u.a. auch zahlreiche Sitzungsprotokolle der Auslands­vertretung der österreichischen Sozialisten (AVOES) und des Austrian Labor Commitee (ALC) umfassen. Diese Dokumente wurden erst 1980 zugänglich.

Aus welchen Quellen wird nun diese Arbeit gespeist ?

Die wichtigsten Quellen dieser Arbeit sind die Protokolle der Sitzungen der AVOES und des Austrian Labor Committee (ALC), die gemeinsam mit dem einschlägigen Schriftverkehr dem Friedrich-Adler Archiv des International Institute of Social History (IISG) in Amsterdam entnommen wurden. Neben Unterlagen aus dem Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung Wien (Adler-Archiv) und des Dokumentationszentrums des österreichischen Widerstandes (DÖW) wurde die ein­schlägige Memoirenliteratur herangezogen. Zu nennen sind hier insbesondere die Er­innerungen von Manfred Ackermann,[12] Dr. Julius Deutsch,[13] Dr. Wilhelm Ellenbogen, [14] Ernst Fischer,[15] Oskar Helmer,[16] Dr. Bruno Kreisky,[17] Dr. Otto Leichter, [18] Karl Mandler,[19] Franz Olah,[20] Erwin Scharf [21] und Dr. Joseph T. Simon.[22] Eine Sonderstellung nehmen die Erinnerungen Joseph Buttingers ein. Buttinger hat die Revolutionären Sozia­listen von 1935 bis 1938 unter dem Decknamen Gustav Richter geführt. Nach 1938 war er maßgeblich am Zusam­men­­schluss der sozialistischen Auslands­organi­sationen beteiligt und führte die Auslandsvertretung der österreichischen Sozialisten (AVÖS) bis Ende 1941. In den USA fasste er rasch Fuß und konnte sich mit seinen Schriften über Südostasien weit über die USA hinaus profilieren. Sein Buch über die Geschichte der in die Illegalität gedrängten öster­reichischen Arbeiter­bewegung fand nur im Inland Beachtung. [23] Hier sorgte es wegen der „rück­sichts­lo­sen,“[24] sehr pointierten Porträtierung sozial­demo­kra­tischer Funktionäre vor allem innerparteilich für Empörung. Was Buttingers Darstellung dennoch Authentizität und damit den Charakter eines Schlüsseldoku­mentes verleiht ist die Tat­sache, dass Bruno Kreisky, der als Funktionär der Revolutionären Sozialisten Zeitzeuge war, dem Autor auch noch nach dieser Publikation in Achtung und Freund­schaft ver­bunden geblieben ist.[25]

Was die umfangreiche Sekundärliteratur betrifft, so wurde neben den Arbei­ten von Maimann und Goldner, den Schriften des Ludwig Boltzmann Instituts für Geschichte der Arbeiterbewegung und des Dr. Karl Renner Instituts vor allem auf die Arbeiten des profilierten Sozialdemokraten Norbert Leser zurück­gegriffen, dessen umfassenden Kenntnisse der Geschichte der Arbeiterbewegung mit Kritik­bereitschaft gepaart sind. Auch die 1989, also nach Freigabe des Amsterdamer Adlerarchivs verfaßte Arbeit des recht gut unterrichteten Dr. Manfred Marscha­lek [26] fand Berücksichtigung. Leider war es auch diesem Autor „angesichts der be­scheidenen, für [seine] Arbeit zur Verfügung stehenden Mitteln… nicht möglich, die in Amster­dam verbliebenen Archivteile an Ort und Stelle einzusehen.“

In Summe reichen die vom Autor verwerteten Quellen, insbesondere die hier glaublich erstmals ausgewerteten und publizierten Protokolle der AVOES und des ALC nicht nur aus, die Tätigkeiten des sozialdemokratischen Exils zu beleuchten. Sie machen auch die Denkschemata der wichtigsten sozialistischen Funktionäre transparent und ermöglichen somit eine Entschlüsselung der insbesondere nach dem Tode Otto Bauers nicht immer leicht durchschaubaren Machtver­hältnisse und Interessenslagen innerhalb der sozia­listi­schen Führungs­mannschaft. Dies führt letzt­endlich zu einer Sicht der sozialdemokratischen Exilpolitik, die in wesentlichen Punkten vom aktuellen Bild abweicht.

-- Hinweise

Diktion: Die moralische Distanzierung von verschiedenen Begriffen und Diktionen wird durch Kursivstellung zum Ausdruck gebracht. Die Kursivstellung wurde auch dort gebraucht, wo es zur Kennzeichnung von Fachausdrücken etc. erforderlich erschien.

Definitionen: Ohne Zweifel haben jene Bürger, die zwischen 1933 und 1941 den NS-Machtbereich verließen dies nur selten aus freien Stücken getan. Sie werden daher –sofern nicht evident ist, dass die Ausreise nichts mit den politischen Umständen zu tun hatte - als Flüchtlinge bezeichnet. Werden sie von einem Land –wenn auch nur vorübergehend- offiziell aufgenommen, so wird die Einstellung gegenüber einer Rückkehr in ihr Heimatland als Unterschei­dungskriterium genommen und eine Unterteilung in Emigranten und Exilanten getroffen. Unter Emigranten werden Bürger verstanden, die selbst bei Änderung der politischen Verhältnisse kein Interesse mehr an einer Rückkehr zeigen, wie dies bei jüdischen Flüchtlingen die Regel war. Als Exilanten firmieren jene Personen, die unter anderen politischen Vorzeichen an einer Rückkehr interessiert waren. Diese Unterscheidung beinhaltet auch eine (nicht immer, jedoch weitgehend zutref­fende) Aussage über die politischen Aktivitäten der jeweiligen Grup­pierung. Emigranten sind nur ausnahmsweise bereit, sich für die Zukunft des Herkunftslandes politisch zu engagieren, bei den Exilanten ist ein solches Engagement der Regelfall.

Zitate: Da der Zustand der Dokumente in Amsterdam die Grenze der Lesbarkeit in zahlreichen Fällen unterschritt, wurde auf Repro­duktionen von Archivalien generell verzichtet. Da diese Dokumente jedoch glaublich bislang noch nicht publiziert wurden und auch in österreichische Archiven nicht verfügbar sind, wurden sie teilweise in vollem, zumeist jedoch in leicht gekürztem Wortlaut dargestellt und in den Text eingebunden.

Hervorhebungen im Text: Sie stammen grundsätzlich vom Verfasser dieser Arbeit. (H.E.). Handelt es sich um Hervorhebungen im Original, so ist ein entsprechender Hinweis angebracht.

2. Die Genesis der Auslandsvertretung der österreichischen Sozialisten (AVOES) und die Deklarationen von Brüssel und Paris

Am 12. März 1938 sitzt Gustav Richter, dessen bürgerlicher Name eigentlich Joseph Buttinger lautet, im Schnellzug der ihn von Wien nach Paris bringen soll. Nach dem Passieren der österreichischen Staatsgrenze ist er vom Status her auch nicht mehr als einer jener zahlreichen Flüchtling, die in diesen Tagen ohne Gewissheit über ihre Zukunft dem vergrößerten Machtbereich Hitlers zu entkommen trachten. Mit dieser Flucht erhält Buttingers steile Karriere, die den sozial­demokratischen Provinz­politiker innerhalb von wenigen Monaten vom Bezirks­parteisekretär aus Kärnten zum Vorsitzenden des Zentral­komitees der bundesweit im Unter­grund agierenden Revolutionären Sozialisten (RS) geführt hatte einen kräftigen Knick nach unten. Buttinger muss sogar damit rechnen, dass die Maßnahmen, die er vor seiner Abreise setzte bzw. nicht gesetzt hat überhaupt das Ende seiner politischen Karriere bedeuten. Buttinger hat nämlich seine Funktionäre nicht aus Zeitdruck, sondern in voller Absicht ohne Weisungen für die Weiterführung der poli­ti­schen Arbeit zurück­gelassen.[27] Er handelte aus der Überzeugung heraus, dass die Partei­orga­nisation gegenüber den neuen, den national­sozialistischen Machthabern rettungs­­los kompromittiert ist und eigentlich unverzüglich aufzulösen wäre.[28] Wie weit dieses Verhalten seinem Führungs-anspruch geschadet hat, werden die Gespräche der nächsten Tage zeigen. Zuversichtlich stimmt ihn die Tatsache, dass es kaum ernsthafte Konkurrenten um die Führung der Auslands­bewegung gibt. Der große Otto Bauer hatte bereits nach dem mißglückten Februaraufstand 1934 dezidiert erklärt, in Zukunft keine Führungs­funktion in der Partei mehr übernehmen zu wollen, [29] auch der als Sekretär der II. Inter­nationale voll ausgelastete Friedrich Adler strebt eine solche Aufgabe nicht an und andere mehrheitsfähige Konkurrenten sind nicht in Sicht. Mehr Sorge bereitete ihm die Tatsache, dass es in diesem hoch­karätigen Gremium, in dem die „Brünner“[30] zahlenmäßig weit stärker vertreten sind als die ,RS’ler’, nicht gerade leicht sein wird eine eigenständige politische Linie durchzusetzen. Deswegen hat er auch bereits die Option erwogen, die Revolutionären Sozialisten als eigenständige Partei weiterzuführen, hat sie allerdings rasch wieder verworfen. Durch die getarnte Arbeit im Untergrund sind weder er, noch seine drei Vertrauten Podlipnig, Hubeny und Bauer II (Herbst),[31] im Ausland wirklich bekannt geworden. Ohne den Segen Adlers und Bauers würde es überdies keine Anerkennung durch die II. Inter­nationale geben, man könnte also auch nicht als offizielle Vertreter der öster­reichischen Sozial­demo­kra­tie auftreten. Auch finanziell wäre man somit völlig auf eigene Ressourcen angewiesen.

Gleich nach seiner Ankunft in Brüssel führt Buttinger die ersten Gespräche mit Bauer und Adler. Über die Fusion der Revolutionären Sozialisten mit dem Auslandsbüro der österreichischen Sozialdemokratie (ALÖS) zur neuen Auslands­vertretung der öster­reichischen Sozialisten (AVOES ) [32] unter Führung Buttingers einigt man sich rasch, die Debatte über die personelle Zusammen­setzung des Führungs­gremius dauert länger, man einigt sich aber auch darüber. Am letzten Märztag tritt dann die Führung der neuen Auslandsvertretung der österreichischen Sozialisten erstmals in Brüssel zusammen. Das Ergebnis der zweitägigen Sitzung wird am 1.April 1938 verlautbart und geht als Brüsseler Dekla­ration [33] in die Geschichte ein. Sie erfährt im Zuge der stei­genden inter­nationalen Spannungen am 3. November 1938 eine Ergänzung durch die Kriegsdeklaration. [34]

Diese beiden Deklarationen lassen folgende Strategie der AVOES erken­nen: Das Ziel der österreichischen Sozialisten im Exil ist nicht der Kampf bzw. die Förderung des Kampfes gegen Hitler, sondern die Förderung einer sozialistischen Revolution nach Hitler. Dies beruht nur zum Teil auf der Überzeugung, dass die Förderung bzw. Unterstützung eines aktiven Kampfes der vor Ort verbliebenen Revolutionären Sozialisten gegen das Hitlerregime als „aussichtloses, selbst­mör­deri­sches Abenteuer“[35] angesehen wird. Gemäß Buttinger gliche die alte Orga­nisation vor Ort[36] „seit dem 11.März einem veralteten, einge­kreisten, kampfunfähigen Kriegsschiff“, das „von allen Seiten tödlichen Angriffen ausgesetzt“ ist. Es müsse daher „von seiner eigenen Mannschaft versenkt werden.“ Die Revolutionären Sozialisten sollten also „nicht nur vorübergehend stillgelegt, sondern völlig aufgelöst werden.“[37]

Hauptgrund für die Inaktivität gegenüber dem NS-Regime ist jedoch die Überzeugung, dass es dieser Revolution sogar dienlich sein könnte, wenn Hitler vor seinem Niedergang noch so manche bürgerliche Demo­kratie Europas zerschlägt oder schwächt, „ein anti­faschistischer Krieg zur Verteidigung bzw. zur Wiedererrichtung der ge­schlagenen Demokratien [bzw. eine Unterstützung desselben wäre daher für die AVOES] ausge­schlos­sen.“[38]

Die angestrebte Revolution müsse allein von den Menschen vor Ort ausgehen, eine entsprechende Durchschlagskraft und Signalwirkung auf das restliche Europa könne dieser Aufbruch nur im großdeutschen Rahmen (Deutschland + Österreich) gelingen, der Anschluss wäre daher nicht rückgängig zu machen. Der Auslands­ver­tre­tung falle bei diesem Geschehen lediglich die Aufgabe zu, die Genese der neuen Partei und die Vorbereitung und Durch­führung ihrer Revolution politisch abzu­schirmen und den Revolutionären vor Ort die maximale Aktions­freiheit sicher zu stellen. Dies erfordere die strikte Abstinenz des Exils von jeglicher konkreten Zusammen­arbeit mit nicht­revolutionären österreichischen Exilkräften und Gastländern. Vorrangig wäre die Verhinderung einer repräsentativen öster­reichischen Aus­lands­vertretung oder Auslands­regierung.

Wie ist dieses Programm zu werten ?

Buttinger hat mangels ideologischer Alternativen grundsätzlich nur eine Möglichkeit sich von Otto Bauers Linie des Austro­mar­xismus abzugrenzen, dies ist der Weg der revolutionären Kompromiss­losigkeit. Diesen Weg will er nun im Rahmen einer (in Österreich bewährten) konspirativen Kaderpartei, die weder Bindungen mit Gastländer noch anderen österreichischen Gruppierungen eingeht, beschreiten. Die Ablehnung der von Bauer präferierten international vernetzten Öffent­lichkeitsarbeit mag auch mit der Erkenntnis zusammenhängen, dass man ihn auf dem internationalen Parkett als völlig unbekannten Exilpolitiker sehr bald an die Wand spielen würde. Buttingers zum Credo erhobene Kompromisslosigkeit hat jedoch entscheidende Nachteile. Die Fixierung der AVOES auf ein einziges Ziel, die Revolution nach Hitler, erhöht die Gefahr des Scheiterns der gesamten Exilpolitik beträchtlich, zumal die Hoffnung auf die autonome Formierung entsprechender revolutionärer Kräfte im Lande selbst und die autonome Planung und Durchführung eines gesamtdeutschen Aufstandes weniger auf nüchterner Analyse beruhen, als auf dem Axiom von der Gesetzmäßigkeit geschichtlicher Abläufe im Sinne des Historischen Materialismus. Es hätte zu denken geben müssen, dass man sich auch in Moskau nicht auf angeblich zwingende geschichtliche Gesetzmäßigkeiten verlässt, sondern die –realistischere- Überzeugung vertritt, dass eine Wider­stands­bewegung vor Ort in einer solch schwierigen Lage auf Impulse und Koordination von außen angewiesen ist.

Ein weiterer Nachteil der singulären Zielsetzung ist der Zwang zur Untätigkeit für die Dauer des Hitlerregimes, eine Untätigkeit, die bei den um das Überleben bzw. um die Niederwerfung des NS-Regimes kämpfenden Gastländern, den Untergrundorganisationen und den im Schulterschluss mit diesen befindlichen anti­faschisti­schen österreichischen Emigranten und Exilanten auf weitgehendes Unverständnis stößt. Es ist deshalb nicht verwunderlich, wenn spätestens nach Kriegsausbruch nicht nur die Masse des sozialdemokratischen Exils, sondern auch die Mehrheit der Mitglieder der AVOES die von Buttinger aufgezwungenen und von Bauer gebilligten Statuten der Auslandsvertretung als ein drückendes Korsett empfinden und dagegen aufbegehren. Otto Bauer wird an diesem Problem zerbrechen, Buttinger wird gehen, das Korsett wird bleiben. Warum ? Woher stammen diese zählebigen Zielsetzungen? Wurzeln sie in der Geschichte der Bewegung oder stellen sie einen Bruch dar ?

3. Die Wurzeln der Exilpolitiker und ihrer Politik

3.1. Ein Blick zurück

Wer den Wurzeln der ssozialistischen Exilpolitik nachspürt und dabei bis zu den Gründungs­jahren der Bewegung zurückblickt, dem wird unter dem Eindruck widerstrebender Meinungen und unterschiedlicher Strate­gien bald klar, dass es sinnvoll ist, die Parteigeschichte in Zeitabschnitte zu gliedern, die historische Zäsuren darstellen. Dies auch deswegen, weil diese meist auch mit dem Wirkungs­zeitraum dominanter Führungsper­sön­lichkeiten korrelieren. Bei dieser Sicht kommt man zu sechs Zeitabschnitten. Der erste Abschnitt ist die von Viktor Adler und zuletzt auch von Karl Renner geprägte Gründungs- und Aufbauphase. Sie reicht bis in den ersten Weltkrieg hinein und lässt sich –etwas verallgemeinernd- als die Reformistische [39] charakterisieren. Die zweite Phase umfasst die von der Revo­lution in Russland und dem Untergang der Monarchie geprägte Umbruchszeit, die vom Attentat Friedrich Adlers (1916) bis 1919, dem Jahr der Konsolidierung der 1.Republik reicht. Die Leitfigur ist kurzfristig Friedrich Adler, dann Otto Bauer. In der dritten Phase, der Phase des Austro­marxismus, dominiert Otto Bauer die Bewegung allein. Er wird sie von 1920 bis 1934 zu lokalen Höhepunkten wie dem ,Roten Wien’, auf Bundesebene aber in den Niedergang und die Illegalität führen. Die vierte Phase, jene der Partei in der Illegalität unter den Revolutionären Sozialisten wird von Josef Buttinger und Otto Bauer gestaltet. Ihr folgt 1938 jene Exilphase die samt ihren Auswirkungen auf die Phase 6, der Nachkriegs­ent­wicklung, Kernthema dieses Buches ist.

3.2. Die reformistischen Gründerväter (1867-1914)

-- Ferdinand Lassalle als Geburtshelfer

Die österreichische Arbeiterbewegung ist kein Kind der Revolution des Jahres 1848. Auf den Barrikaden Wiens standen zwar auch Arbeiter, doch ihr Handeln war noch nicht vom Klassenbewusstsein, sondern allein vom Wunsch getragen, dem absolutistischen Regime ganz allgemein mehr Bürgerrechte abzutrotzen. Die öster­reichische Arbeiterbewegung ist vielmehr eine Tochter der (reichs) deut­schen Arbeiterbewegung, deren organisatorische und ideolo­gische Führung auf dem Vorsprung der Industrialisierung in Preußen beruhte. Ihre Geburtshelfer in Österreich waren durchwegs deutsche Sozialdemokraten, der Sozialismus den sie predigten war jener von Ferdinand Lassalle.[40] Diese Geburtshelfer dachten nicht nur sozial und inter­national, sie dachten auch national. Dieses Denken in Ethnien entsprang nicht etwa den deutschen Fürstenhöfen, im Gegenteil. Die deutschen Fürsten des 18.Jahr­hunderts standen dem Deutsch­natio­nalismus mit be­trächt­lichem Miss­trauen gegenüber, da er ja mit den eigenen Macht­- und Loyali­täts­­ansprüchen konkurrierte. Auf diesem Misstrauen beruhte auch die Präferenz der nichtpreußischen Fürsten für die Führung des Reiches durch das Haus Habsburg. Man konnte unter Habsburgs Führung sicher sein, dass aus dem multiethnischen Osten des römisch-deutschen Reiches keine großdeutschen Im­pul­se kommen würden. Der deutsche Nationalismus der Neuzeit geht auf keinen Deutschen, sondern auf einen Franzosen zurück, auf Napoleon Bonaparte. Als Führer der Grande Nation zerschlug er das weit mehr an feudalen als an ethnischen Kriterien orientierte [41] Römisch-Deutsche Kaiser­reich. Nicht zuletzt um Habsburg zu schaden förderte der Korse im Zuge seiner imperia­listischen Politik das National­bewusstsein der nichtdeutschen Nationen innerhalb des Reiches, provozierte damit aber auch das Nationalbewusstsein des durch katastrophale Nieder­lagen gedemütigten deutsch­spra­chi­gen Bürgertums.[42]

-- Die Stunde der „geschichtslosen Völker“

Im Wiener Kongress gelingt es den Fürsten Europas die nationalistischen Ten­denzen noch einmal zurück zu drängen. Doch die Revolution von 1848, die den Vielvölkerstaat Österreich weit nachhaltiger erschüttert als andere vom Aufstand betroffene Länder, läßt ahnen, dass es 1915 lediglich gelungen war, die Uhr der Weltgeschichte um ein paar Jahre zurückzustellen. Die Notwendigkeit Russland zu Hilfe zu holen, um die eigenen Völker wieder in den Griff zu bekommen macht klar, dass Habsburgs deutsche Führungsrolle auf keiner tragfähigen Machtbasis mehr beruht. Dies wird in der Niederlage des Jahres 1866 zur folgenschweren Gewissheit und führt zur Eliminierung des Landes aus dem Deutschen Bund. Das militärische und außenpolitische Debakel lässt den internen österreichischen Natio­nalitäten­konflikt erneut hell auflo­dern, das Kaiserreich Österreich droht wie 1848 zu zerbrechen. Magya­ren und Slawen hatten sich bislang ja nur deshalb mit der Führungsrolle der deutschen Minderheit im Kaiserreich abgefunden, weil hinter dieser auch die Deutschen des Reiches bzw. des Deut­schen Bundes standen. Nun aber steht die deutsche Minder­heit im Habs­burgerreich für sich allein. Ihrer -von der Staatssprache und der Nationalität eines Gutteils der Beamten und Offiziere abgesehen- eher fiktiven Führung stehen nun die Gleichbe­rechti­gungs- bzw. Autonomie­ansprüche der anderen Nationen des Reiches gegenüber.

Zunächst sind es nur die Ungarn, die aus dieser neuen Situation Kapital schlagen können. Sie ringen dem isolierten Monarchen mit dem Ausgleich des Jahres 1867 ihre weitgehende Selbständigkeit ab. Die Versuche der tschechischen Volks­gruppe ähnliche Zugeständnisse für die Länder der böhmi­schen Krone zu lukrieren scheitern vordringlich am Widerstand der Ungarn, auch die deutsche Volksgruppe in Böhmen und Mähren wehrt sich im Reichstag mit Obstruktion dagegen, was die Tschechen mit gleicher Münze zurückzahlen.

Was die tschechischen Nationalisten in diesen Jahren beflügelt, ist die Eroberung der bislang vorwiegend deutschsprachigen Städte und deren Bildungseinrichtungen. Die Ursache liegt in der Industrialisierung des kohle­reichen Böhmens, das in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts zum wichtigsten Indu­strie­standort Zisleithaniens aufwächst. Die Industrie lockt hundert­tausende böhmi­sche Bauernsöhne und Bauern­töchter nicht nur in die böhmischen und mährischen Städte, sondern auch nach Wien.[43]

-- Deutsch-Österreicher im Abwind

Parallel zum Hochgefühl der Magyaren und Slawen [44] steigt die Furcht der abge­werteten deutschen Volksgruppe zwischen den selbst­bewussten, kinderreichen Tschechen sowie den Ungarn, den Polen und den Südslawen zerrieben zu werden. Sie verstärkt sich, als der Monarch, der sich international weiterhin als „erster deutscher Fürst“ gibt, diese Be­fürch­tungen keineswegs durch unter­stützende Taten entkräftet. Im Bestreben, sein berstendes Reich zusam­men­zu­halten und einer slawischen Einheitsfront in Zisleithanien vorzubeugen, präferiert er vielmehr Bündnisse mit den Polen und reaktionären böhmi­schen Adelskreisen, während er zu den Liberalen und damit zum Kern der deutschen Volksgruppe auf Distanz geht. Aus dieser Perzeption von Bedrängnis und Zurücksetzung entwickelt sich der heute generell missverstandene bzw. politisch umgedeutete Deutsch­nationalismus mit seiner typischen Vereins­kultur, seinen Schiller- und Goethedenkmälern und seiner Obstruktion gegen Änderungen der bestehenden Ordnung. Dieser Deutsch­nationalismus weist auch nach 1871 in Summe nur geringe groß- bzw. alldeutsche Tendenzen auf und zeigt sich so gut wie ausschließlich bestrebt, die Rechte der deutschen Volksgruppe wenigstens im Rahmen von Zisleithanien zu wahren.[45] Eine der Magyarisierungs­politik in Transleithanien oder der Polo­ni­sierungspolitik in Galizien vergleichbare Germani­sierungs- bzw. Austri­fi­zie­rungs­politik hat es in der Doppelmonarchie we­der von Regierungsseite noch seitens der Volksgruppe gegeben. Wenn nun österreichische Politologen und Historiker[46] die Schuld am Untergang der Do­nau­monarchie nicht etwa generell mit dem Natio­na­li­täten­problem in Zusam­menhang bringen, sondern überwiegend bis ausschließlich mit der deutschen Volks­gruppe und ihren angeblich fatalen groß- bzw. alldeutschen Ten­denzen, so muss dies mangels tragfähiger Quellen [47] als ahistorisch bezeichnet werden.

-- Arbeiterbewegung und Nationalitätenfrage

Mitten im turbulenten politischen Geschehen nach Königgrätz schlägt mit der Dezemberverfassung 1867 auch die Geburtsstunde der Arbeiter­bewegung. In den nun legalisierten Arbeiter-Bildungsvereinen wird sehr engagiert über Wege zur realisier­baren Mitbe­stimmung und Mitgestaltung des öffentlichen Lebens diskutiert, es werden dabei aber auch Hoffnungen und Sehnsüchte geweckt, welche durch die neue Verfassung nicht gedeckt sind. Dazu zählt vor allem das von der deut­schen Schwester­partei geförderte alldeutsche Streben. So richtet bei­spiels­weise Lassalles Nach­folger Jo­hann Baptist von Schweitzer am 1.Jänner 1868 folgendes Manifest an die Arbeiter Wiens: [48]

„Die Sachlage ist einfach und klar: Es muss danach gestrebt werden, ein Zusam­men­gehen des Bürgertums mit der Arbeiterklasse in Fragen der politischen Freiheit im weitesten Sinne und des politischen Volksrechtes zu ermöglichen!... Haltet zusammen mit euren Brüdern im Vaterland. Im ganzen Vaterland ! Denn ob euch die Kabinette auch losgetrennt haben oder bleibend euch lostrennen wollen, die deutsche Arbeiterpartei überall weiß, dass wir nur ein Vaterland haben: Unser Deutschland ! Wir wissen, dass wir eine Nation sind und eine Nation bleiben wollen ! Niemals wird man uns einreden, wir seien im Ausland, wenn wir im Prater zu Wien oder auf den Bergen Tirols stehen. Soweit die deutsche Zunge klingt ist unser Vaterland !“

Solche alldeutschen Worte werden von den Genossen in Wien nicht zuletzt im Hinblick auf das Kommu­nistischen Manifest, das solche grenz­überschreitenden Zusammen­schlüsse ausdrücklich fordert, durchaus positiv rezipiert. Man erhofft sich von ihnen schließlich auch die Marginalisierung des Nationa­li­täten­problems. Dazu Marx und Engels: [49]

„Die nationalen Absonderungen und Gegensätze verschwinden mehr und mehr schon mit der Entwicklung der Bourgeoisie, mit der Handelsfreiheit, dem Weltmarkt, der Gleichförmigkeit der industriellen Produktion und der ihr entsprechenden Lebens­verhältnisse. Die Herrschaft des Proletariats wird sie noch mehr verschwinden machen. Vereinigte Aktion, wenigstens der zivi­lisierten Länder, ist eine der ersten Bedingungen ihrer Befreiung. In dem Maße wie die Exploitation des einen Individuums durch das andere aufgehoben wird, wird die Exploitation einer Nation durch die andere aufge­hoben. Mit dem Gegensatz der Klassen im Inneren der Nation fällt die feindliche Stellung der Nationen gegeneinander.“

Wenn also österreichische Sozialisten den Schulterschluss mit Deutschland suchen, so geschieht dies bis 1945 grundsätzlich auch im Sinne des prole­tarischen Internationalismus und bis 1918 auch im Sinne der Lösung des Nationalitäten­pro­blems. Engels tritt deshalb auch für die Zer­schlagung des Vielvölkerstaates Österreich und die Angliederung der deutsch­sprachigen Gebiete an Deutsch­land ein, der allerdings eine Germanisierung der „ge­schichts­­losen“ Tschechen vorangehen müsse. Engels: [50]

„Die Deutschen haben… den Slawen [Gebiete] wieder aberobert; eine Eroberung die durch geographische und strategische Notwendigkeiten bedingt war… dass diese Eroberung aber im Interesse der Zivilisation lag, ist bisher noch nie bestritten worden. Und endlich welche „Verbrechen“…, dass die Deutschen und Magyaren… alle diese kleinen, verkrüppelnden, ohnmächtigen Natiönchen zu einem großen Reich zusammenschlugen und sie dadurch befähigten an der historischen Entwicklung teilzunehmen.“

1851 nannte er die[51]

„Böhmen, Kärntner [Slowenen], Dalmatiner u.s.w… sterbende Völkerstäm­me,… zersplitterte Reste zahlreicher Nationen, deren Nationalität und politische Lebenskraft längst erloschen waren und die sich daher seit beinahe einem Jahrtausend gezwungen sahen, den Spuren einer stärkeren Nation zu folgen…“

Dieses von den Schwesterparteien begrüßte Streben nach alldeutscher Einheit wird von den Zislei­thanischen Behörden zumindest bis zum „Eisenacher Kongress“ der deutschen Sozialdemokraten im Jahr 1869 geduldet. Auch Helmut Konrad betont, dass bis zu diesem Zeitpunkt, [52]

„die Zusammengehörigkeit noch außer Frage [stand]. Der Mitgliedsbeitrag wurde etwa auch in österreichischen Kronen angegeben. Wien wurde zum Sitz der Kontrollkommission bestellt.“[53]

Nach dem „Eisenacher Kongress“ stuft die Administration solche Kontakte aller­dings als staatsgefährdend ein. Der Grund ist nachvollziehbar, hat sich doch die deutsche Sozial­demokratie in diesem Kongreß von Lassalle ab- und dem klassenkämpferischen, an den Grundfesten der Monarchie rüttelnden Marxismus zugewendet. Die zisleithanische Justiz statuiert auch prompt an den 31 österreichischen Teilnehmern des Kongresses ein Exempel. Man klagt sie des Hoch­verrates an und verurteilt sie im Juli 1970 zu Freiheits­strafen zwischen fünf und sechs Jahren.[54] Parallel dazu werden die meisten Arbeiterbildungs­vereine aufgelöst. Es ist daher nicht verwunderlich, wenn die Sozialisten im Neudörfler Kongress des Jahres 1874 neben der internen Nationali­tätenfrage auch die Frage der Be­ziehungen zur deutschen Schwesterpartei ausklammern und sich auf unstrittige Themen wie die Wahl­rechtsreform konzentrieren.

Es gibt jedoch Probleme, die sich nicht ausklammern lassen, weil sie –wie die wirtschaftlichen Probleme des Landes- in Zusammenhang mit dem Bankenkrach des Jahres 1873 stehen. Dieses Ereignis bedeutet das Ende für zahlreiche Unternehmen, was generell zu Sorgen um den Arbeitsplatz bzw. Arbeitslosigkeit führt. Dies dämpft das politische Engagement der Bürger ebenso wie die arbeiterfreundliche Gesetzgebung und die Wahlrechtsreform eines Minister-präsidenten Taafe.[55] Parallel dazu verschärfen sich die Probleme mit den Genossen der anderen Volks­gruppen der Monarchie, was zumeist mit dem wachsenden Druck der nationalistischen Kräfte ihrer Ethnien zusammenhängt, sich von den als dominant empfundenen Deutsch­österreichern zu eman­zipieren. Der Unter­gang der 1. Internationale [56] und Bismarcks Sozialisten­gesetze, durch welche die (reichs)­deutsche Arbeiter­bewegung in den Untergrund gedrängt wird, führen zu weiteren Frustrationen. Als Folge­er­scheinungen kommt es zu Orientierungs­losigkeit und Frak­tions­kämpfen, anarchistische Terroranschläge verschärfen die Lage. [57] Diese bitteren Jahre bis zum ,Einigungsparteitag’ charakterisiert Parteichronist Brügel wie folgt: [58]

„Der innere Zwiespalt wirkte weit verheerender als alle Verfolgungen der Gewalthaber.“

Der Durchbruch zu mehr Einheit findet am 30. Dezember 1888 am Parteitag von Hainfeld statt. Der Mann, der entscheidend zum Erfolg dieser Veranstaltung beiträgt ist Viktor Adler. Adler bekennt sich zwar ausdrücklich zum Kommu­nis­tischen Manifest, der darin geforderte gewaltsame Umsturz wird jedoch nicht zum Diskussionsthema erhoben. Leser [59] und Kulemann [60] werten dies folgerichtig als ideo­lo­gische Inkonse­quenz und meinen bereits hier den Ursprung des für den späteren Austro­marxis­mus typischen Ausei­nanderklaffens von Theorie und Praxis orten zu können. Als (nunmehr stiller) Verehrer und Schüler Lassalles handelt Viktor Adler allerdings durchaus konsequent. Gewalt wird er bis zuletzt ablehnen, weil er überzeugt ist, dass dann, wenn die Zeit für einen Systemwechsel reif ist, auch die Legislative folgen wird, notfalls unter etwas Druck der Straße. Victor Adler: [61]

„Es wäre … eine Methode, das Volk zu täuschen, wenn man sagen wollte, es sei möglich, aus dem Zustand, wo die Menschen eines jeden freien Wortes beraubt sind, so dass die Massen absolut nicht in der Lage sind, über ihr Schicksal sich ein Urteil zu bilden, aus solcher Versklavung, es sei möglich aus geradezu menschenunwürdigen Zuständen direkt zu Zuständen zu gelangen, die das Ideal der Menschheit sein sollten… unsere Aufgabe ist es nur, das Volk physisch und geistig reif zu machen, [62] um den Moment nutzen zu können; etwas anders wollen wir nicht, etwas anderes können wir nicht wollen.“

In diesem Sinne konzentriert sich die Partei auf die Bildungsarbeit und die Etablierung einer proletarischen Kultur, die aus heutiger Sicht zumindest unter Victor Adler und Renner mehr als Parallel- denn als Gegenkultur erscheint. Mit der Gründung zahlreicher Vereine und genossenschaftlichen Einrichtungen, sowie dem Aufbau eines komplexen Parteiappa­rates liegt die SDAP des Kaiserreiches damit durchaus auf einer Linie mit den anderen Parteien der von Sozialdemokraten dominierten II.Inter­nationale. Was die Nationalitäten­pro­blematik betrifft, so finden wir in der Prin­zipien­erklärung des Hainfelder Parteitages lediglich zwei Sätze: [63]

„Die SDAP in Österreich ist eine internationale Partei. Sie verurteilt die Vorrechte der Nationen ebenso wie die der Geburt, des Besitzes und der Abstammung und erklärt, dass der Kampf gegen die Ausbeutung international sein muss wie die Ausbeutung selbst.“

Diese karge Notiz könnte als Indiz gewertet werden, dass es kein wirkliches Natio­nalitätenproblem gibt, tatsächlich ist es jedoch nur das Eingeständnis, dass auch die Partei keine Lösung für ein Problem parat hat, das im Jahr 1897 unter Ministerpräsident Badeni zu veritablen Unruhen führen wird. Die Partei versucht in dieser Krise einen neutralen Mittelweg zwischen den Ethnien zu steuern, was ihr keinen Dank sondern bloß Kritik von beiden Seiten einbringt, von der die Parteiarbeit zunehmend überschattet wird.[64] Butter­wegge ist überzeugt, dass es neben der Bindung der Bürger an die Kirche vor allem der Nationalitätenstreit war, der die Arbeiterklasse und ihre Funktionäre von der eigentlichen Auseinandersetzung Arbeiter – Kapitalist abgelenkt hat. [65] Offiziell steht die Nationalitätenfrage erst am Brünner Parteitag des Jahres 1899 auf der Tagesordnung. Dazu Renner: [66]

„Im Jahre 1899 beschloss die damals noch international geeinigte österreichische Sozialdemokratie auf dem Brünner Parteitag ein Programm der Nationalen Autonomie, und sozialdemokratische Schriftsteller verkündeten lange vor Wilson das Selbstbestimmungsrecht der Nationen als allgemeine Zeitforderung wie als letztes Mittel einer friedlichen Lösung der österreichischen Krise. Ihre Vorschläge fanden in Zisleithanien wohl teilweise Durchführung, so im mährischen Ausgleich vom Jahre 1906, in der letzten Verfassung des Küsten­andes und der Bukowina, sowie in dem Entwurf einer böhmischen Verfassung. Jede solche Reform aber strebte „mit halben Mitteln zu halben Zielen“ und verfehlte so die befriedende Wirkung. Die Magyaren aber widersetzten sich jeglicher [durch­greifenden] Änderung und verschärften den Druck auf Ungarns Nationen immer mehr.“

Das im Brünner Programm präsentierte Konzept zur Lösung der Nationalitätenfrage auf ethnisch-födera­listischer Basis ist ambitioniert, als realistisch kann es jedoch nicht eingestuft werden. Für die Ungarn ist dieser Lösungsansatz a priori inakzeptabel, mit fehlenden Konzepten für die gemischtsprachigen Gebiete werden auch die ethnischen Haupt­pro­bleme Zisleithaniens ausgeklammert. Das endgültige Ende der „Kleinen Internationale“, wie man die Koalition der deutschsprachigen Sozialdemokraten mit jenen der nichtdeutschen Nationen innerhalb der Monarchie nannte, zeichnete sich am Wiener Parteitag des Jahres 1905 ab. Der endgültige Bruch mit der wichtigsten gruppierung, den Tschechen, wird 1911 am Parteitag in Innsbruck vollzogen. Die Abspaltung der polnischen und südslawischen Sozialdemokraten folgt wenig später.

Eine Analyse der Gründerjahre der Partei wäre unvollständig, würde man nicht auch der Frage nachgehen, welchen Einfluss die jüdischen Genossen auf den Kurs der Partei hatten. Im Zuge des politischen Höhenfluges des juden­feindlich polternden Populisten Lueger suchten und fanden zahlreiche jüdische Akademiker den Weg zur Abeiterbewegung, was einerseits zur Konsolidierung der finanziellen Basis beitrug, anderseits innerhalb von 30 Jahren zu einer Situation führte, die Walter Pollak wie folgt be­schreibt: [67]

„Das jüdische Element dominierte in der Parteiführung, vor allem unter den Intellektuellen. In der Wiener SP waren 80 Prozent der Intellektuellen Juden; die Mehrheit der 3.000 Mitglieder umfassenden Studentenorganisation waren Juden; die sozialdemokratisch organisierten 200 Rechtsanwälte, die 400 Juristen und die 1.000 Ärzte waren fast ausschließlich Juden. Auch die 450 Mittelschullehrer waren überwiegend jüdisch. 90 Prozent der Redakteure der Arbeiterzeitung und acht von zehn Funktionären der sozialdemokratischen Bildungszentrale waren Juden. In diesem Lande, in dem jahrzehntelang der religiöse Antisemitismus der katholi­schen Kirche und der Rassenantisemitismus Schönerers mit vehementer Dema­gogie agiert hatten, gab es eine antisemitische Grundstimmung über Partei­grenzen hinaus, die durch die ostjüdische Zuwanderung vor und während [sowie nach] dem ersten Weltkrieg eher verstärkt worden war. Selbst Otto Bauer verschmähte es nicht, dieser Grundstimmung entgegen zu kommen, wenn er sich in seiner Polemik gegen den Kapitalismus des Begriffes „jüdisches Finanzkapital“ bediente.[68] Der sozialdemokratische Parteivorstand war sich dieser Lage bewusst und deshalb immer darauf bedacht, dass in den führenden Parteigremien zumindest eine nichtjüdische Stimme überwog. In Teilen des Parteianhanges verbreitete sich nun auch die Meinung, die Tatenlosigkeit jüdischer Intellektueller hätte zur Februarniederlage beigetragen.“

Haben die jüdischen Intellektuellen den Kurs der Partei beeinflusst?

Da es diesbezüglich keine Untersuchungen gibt, kann nur von der allgemeinen Interessenslage von Intellektuellen ausgegangen werden, die sich bereits in einem Beruf etabliert haben und über ein überdurchschnittliches Einkommen verfügen. Es kann als gesichert gelten, dass in diesem Gesellschaftssegment das Interesse, das Erreichte durch eine Revolution zu gefährden, gering ist. Es ist daher anzunehmen, dass sich in den revolutionsträchtigen Phasen der Bewegung –wie Pollak auch insinuiert- der hohe Anteil jüdischer Intellektueller eher bremsend ausgewirkt hat.

-- Der erfolgreiche Weg zum ,allgemeinen‘ Wahlrecht

Victor Adlers Kurs erweist sich als erfolgreich. Am 26. August 1907 wird der Monarch die Einführung des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechtes (für Männer) in Österreich sanktionieren. Bei den Wahlen im Mai des Jahres 1907 können die Sozialdemokraten 87 Mandate erringen und werden neben den mit 96 Mandaten stimmenstärksten Christlichsozialen zweitstärkste Fraktion im Reichstag.[69] Die Sozialdemokratie hat damit einen wichtigen Etappensieg errungen, die Strategie der Partei, sich als Staatspartei im Sinne einer nach dem Legalität­sprinzip agierenden politischen Kraft zu profilieren ist voll aufge­gangen.[70] Nach den unbestreitbaren Erfolgen der Taktik der kleinen Schritte besteht nun weitgehender Konsens darüber, den bewährten reformistischen Kurs fortzuführen und das Erreichte nicht aufs Spiel zu setzen. Was man nun anstrebt ist die Hebung des Lebens­standards der Arbeiterklasse, wobei man Allianzen mit allen „moderni­sierungswilligen“ Kräften in Industrie, Gewerbe und Kapital zu schmieden gedenkt, um die Löhne anzuheben, vor allem aber die Lebens­mittelpreise zu senken. So drückt Adler in einer bürgerlichen Zeitung die Hoff­nung aus, dass nach der Wahlniederlage

„vielleicht… nunmehr den Industrieherren Zeit gegönnt [wird] zu der primitiven Erkenntnis zu kommen, dass Österreich und vor allem seine Industrie nichts mehr Not tut, als eine ausgiebige Hebung der Lebenshaltung der Arbeiter­schaft.“[71]

-- Die Grundmotive der ,reformistischen Phase’

Die auf Basis der Lehren Lassalles errichtete Partei macht zwar die Wende der deutschen Sozialdemokratie zum Marxismus (Eisenacher Kongreß des Jahres 1873 ) offiziell mit, es bleibt aber bei Lippenbekenntnissen. So wird das Kommunistische Manifest vom Führungsgremiun lediglich als Programm für eine eher ferne Zukunft dargestellt, für dessen Verwirklichung das Erreichen von „Vorstufen“ erforderlich ist. Man löst sich also de facto keineswegs von seinen gewaltfreien, reformistischen und etatistischen Wurzeln,[72] das Bemühen, die Er­run­gen­schaften der Partei durch revolutionäre Experimente nicht zu gefährden bleibt dominant. Das Streben nach Einheit der Bewegung und deren Bewahrung, ist in dieser Phase stark ausgeprägt, dazu haben sowohl die dunklen Zeiten vor dem Hainfelder Parteitag, wie auch die Nationalitäten­konflikte innerhalb der Partei beigetragen. Im Zuge dieses Nationalitätenstreites tritt allerdings der proletarische Internationalismus weitgehend in den Hintergrund und macht einem Nationalismus Platz, der nicht zuletzt aufgrund der Affinität zur deutschen Schwesterpartei auch großdeutsche Züge trägt.[73] Kritikern präsentiert man dieses Streben als Vorstufe zu einer weiter­führenden Integration der internationalen Arbeiterklasse.

3.3. Krieg und Revolutionsoption (1914-1919)

-- Der europäische Hintergrund

Der Unruhen und Kriege am Balkan lassen die Furcht vor einem gesamteu­ro­päischen Konflikt an­steigen. In den Kongressen der im Jahr 1889 konstituierten II. Inter­nationale (Sozialistische Arbeiter Internationale – S.A.I.), einer Organisation ohne Statut und ohne feste Organisation, [74] wird nun der gemeinsame Widerstand gegen diesen Krieg zum Hauptthema.[75] Dieser Widerstand wird allerdings durch den generell wachsenden europäischen Nationalismus konterkariert. Seine universelle Kraft wird sichtbar, als ihn beim Sozialistenkongress des Jahres 1907 ein aufrechter sozialistischer Internationalist wie Jean Jaurès als „Schatzhaus des menschlichen Genies und Fortschritts“ bezeichnet und mit dem Argument verteidigt

„es stünde dem Proletariat schlecht an, diese kostbaren Gefäße menschlicher Kultur zu zertrümmern“.[76]

Somit rangiert bei Kriegsbeginn auch unter den Proletariern die nationale Identität klar vor dem Internationalismus. Sowohl die deutschen, wie auch die französischen, britischen und öster­reichischen Sozialde­mokraten werden geschlossen für die Kriegskredite ihrer Länder stimmen. Solidarisch mit der internationalen Gesinnungsgemeinschaft werden sich lediglich zwei sozialistische Abgeordnete im serbischen Parlament und alle 14 sozialdemokra­tischen Deputierten (Menschewiki wie Bolschewiki) in der russischen Duma erweisen.

-- Viktor Adler und der Weg in den Krieg

Nach der Ermordung des österreichischen Thronfolgers ist Viktor Adler überzeugt, dass der Kaiser aufgrund der desolaten innenpolitischen Verhältnisse keinen Krieg riskieren wird.[77] Er irrt. Für Franz Joseph ist dieser Krieg eine Flucht nach vorne. Entweder würde der als so gut wie sicher geltende Sieg über das kleine Serbien die zerstrittenen Nationalitäten wieder einander näher bringen oder es würde –was niemand annimmt- das Habs­burgerreich in einer grandiosen Schlacht zumindest heroisch untergehen, was der greise Monarch einem Zer­brechen des Reiches im Nationalitäten­hader allemal vor­zog.

Als Folge dieser Lage­beurteilung Viktor Adlers, die sich durchaus mit jener der II.Internationale deckt, reagiert die Partei daher eher unaufgeregt auf das österreichische Ultima­tum. Mitten im Trubel der Vorbereitungen für den großen Kongress der II. Internationale in Wien wendet man sich lediglich mit einem Manifest an die Arbeiter, in dem man die Mitschuld an einem möglichen Krieg von sich weist. Bezüglich zusätzlicher Maßnahmen im Sinne der Beschlüsse der 2.Internationale meint Viktor Adler am 29.Juli 1914 im Partei­vorstand: [78]

„Wir können die Gefahr nicht abwehren. Demonstrationen sind unmöglich geworden. Aber unsere gesamte Organisation und die Presse stehen auf dem Spiel. Man läuft Gefahr, die Arbeit von 30 Jahren zu vernichten, ohne irgendein politisches Resultat.“

Tatsächlich wird sich die sozialdemokratische Führung auch nach Kriegs­ausbruch zunächst we­ni­ger mit dem Krieg an sich, als mit dessen Auswirkungen auf die maroden parteieigenen Hammerbrotwerke und die Konsum­vereine be­schäftigen. Medial stimmt man in der „Arbeiter-Zeitung“ in den martialisch-patriotischen Chor des heimischen wie europäischen Umfeldes ein. Der vielzitierte und –kritisierte kriegerische Leitartikel von Friedrich Austerlitz [79] dokumentiert, dass der Partei­vorstand in diesen Tagen die Ansicht vertritt, man habe im Kampf gegen den reaktionären Zarismus Schulterschluss mit der politischen Führung und den deutschen Bundesgenossen zu zeigen. Viktor Adler wird die Zustimmung der Parteiführung zum Krieg wie folgt begründen: [80]

„Ob das Reich Schuld trägt oder nicht, das ist in diesem Moment so gleichgiltig, wie es gleichgiltig ist, ob ein Streik in berechtigter oder unberechtigter Weise begonnen wurde oder nicht. In diesem Moment ist das deutsche Volk in der schwersten Gefahr, in der jemals ein Volk war, umgeben von übermächtigen Gegnern, und sie begreifen, dass wir dieser Empfindung wie jeder deutsche Sozialdemokrat, ebenso wie alle Deutschen, Ausdruck geben.“

Nun rückt Adlers ältester Sohn Friedrich ins Geschehen. Grundsätzlich wollte ihn sein Vater der labilen Ge­sund­heit wegen von der politischen Bühne überhaupt fern­halten.[81] Friedrich geht 1897 auch tatsächlich auf Wunsch des Vaters in die Schweiz, wo er ein Diplom als Fachlehrer für Mathematik und Physik erwirbt und 1902 zum Dr.phil. promoviert. Nach einem Zwischenspiel in München habilitiert er sich 1907 als Privatdozent der Physik in Zürich, nicht ohne sich nebenbei als Chefredakteur der sozialistischen Zeitung „Volksrecht“ zu betätigen. Die mehrere hundert Briefe umfassende Korrespondenz zwischen Vater und Sohn legt Zeugnis ab von der engen persönlichen Verbundenheit und dem Gleichklang des Strebens dem Sozialismus zum Durchbruch zu verhelfen. 1911 zieht es Friedrich der Politik wegen doch wieder nach Wien, wo er als einer der vier Sekretäre der Partei seines Vaters vorwiegend als Redakteur der Monats­schrift „Der Kampf“ tätig wird. Bereits vor Kriegsbeginn mischen sich in den Gleich­klang von Vater und Sohn einige dissonante Töne. Friedrich Adler ist in der von ihm ebenfalls redigierten Parteizeitung „Das Volk“wegen der Sistierung des Reichsrates auf Basis des §14 der Verfassung auf Konfron­tationskurs mit der Politik der Regierung gegangen und reitet nun laufend schwere Attacken ge­gen Ministerpräsident Stürgkh. Als der Chefredakteurs der „Arbeiter Zeitung“ Friedrich Austerlitz am 4.August 1914 dieser Regierung volle Unterstützung bei ihrem Ziel, der Niederringung der russischen Despotie, zusagt, so löst dies bei Fritz Adler ein „Gefühl des Scheiterns [seiner] gesamten Lebenspläne und Lebensaufgaben“[82] aus. Er attakiert nun auch die Politik des Parteivorstandes und er greift –nach harten internen Debatten- auch die Politik seines Vater in aller Öffentlichkeit an, der sich „mit seinem vollen politischen und moralischen Gewicht die [regierungstreue] Politik der deutschen Mehrheits­sozialisten“[83] zu eigen gemacht hatte. Friedrich Adler verliert im Zuge dieser Auseinandersetzung die Masse der Sympathien im Partei­vorstand, an der engen persönlichen Beziehung zu seinem Vater wird sich jedoch nichts ändern. Dazu Victor Adler: [84]

„Der politische Konflikt mit Fritz ist persönlich nicht so schlimm, er ist und bleibt mein intimster Freund – aber ich leide darunter, dass ich ihn der Fanatisierung unterworfen sehe… Meine Hoffnung ist, dass in ruhigeren Zeiten der Sinn für Tatsachen bei ihm wieder hervortreten und der Götzendienst der Gradlinigkeit, was sie ,Prinzipien’ nennen, wieder weichen wird…“

Diesen ,geradlinigen Weg’ wird Friedrich allerdings bis zu seinem Tode nicht verlassen. Es ist nun mal Friedrichs Überzeugung, dass die europäische Sozialdemo­kratie weder auf den Sieg der einen Mächtegruppe, noch auf jenen der anderen setzen dürfe. Der Sieg imperialistischer Mächte dürfe grundsätzlich nicht das Ziel von Sozialisten sein. Ihre Aufgabe im Krieg sei es, sich nicht für den Sieg, sondern für die rasche Beendigung des Krieges einzusetzen, wozu sich die sozialistischen Parteien mit der Stuttgarter Resolution [85] auch verpflichtet hätten.

Im Herbst 1915 erhebt Friedrich Adler in einem Manifest [86] leidenschaftliche Anklage gegen alle jene sozialistischen Parteien, die für ihn zum Instrument der Kriegs­führung „herabgesunken“ sind:

„…Wahr ist, dass dieser Krieg, der von den Herrschenden aller Länder als ein Eroberungskrieg gehofft wird, für die Völker, auf denen er lastet, zu einem Kampf für die Existenz, für das unmittelbare Leben wird. Die Völker… sind verdammt, sich zu opfern für ihre Selbstbehauptung. Hatte aber die Sozialdemokratie als politische Partei das Durchhalten zu preisen ? Dieses Durchhalten, das nichts anderes ist als Durchleiden, Durchhungern, Durchmorden ? Aber die Sozial­demokratie hat sich nicht zum Herold dieser Not zu machen, sondern sie hat die Aufgabe, die sie jeder Not gegenüber hat: sie hat anzuklagen die kapitalistische Gesellschaft, das herrschende System, anzuklagen die Schuldigen, anzuklagen alles und alle, die die Verantwortung dafür tragen, dass das Volk zum Jammer des Durchhaltens verdammt ist…“

Was Friedrich Adler am Verhalten seiner eigenen Partei besonders empört ist die Tatsache, dass sie sich mit einem Regime solidarisiert, über dessen Hauptschuld am Ausbruch des Krieges für ihn kein Zweifel besteht:[87]

„Und doch haben sich die Wortführer der österreichischen Sozialdemokratie nicht zu dieser [entsolidarisierenden] Konsequenz aufraffen können… Sie ignorierten den Zarismus in der Heimat, um jenen Russlands mit Begeisterung bekämpfen zu können, sie betäubten in sich das Bewußtsein der schwarzgelben Kriegsstiftung, um desto mehr von der ,Notwehr des deutschen Volkes’ sprechen zu können.“

Gemeinsam mit wenigen Getreuen wie Danneberg, Winarsky, Therese Schle­singer, Max Adler, Gabriele Proft und Helene Bauer gründet er nun den Verein „Karl Marx“ und wird dessen Vorsitzender. Auf der ersten Reichskonferenz im Mai 1915 stimmen von den ca. 100 Delegierten nur elf für seine Ideen, auf der Konferenz im Mai 1916 von den ca. 150 Delegierten nur sechzehn. Als er am 20.Oktober in einer län­geren Rede die „Arbeiter Zeitung“ zum Zielpunkt scharfer Kritik macht, kommt es zum Eklat, seine Isolierung innerhalb der Parteiführung erreicht an diesem Tag seinen Höhepunkt. Am Folgetag wird Friedrich Adler zur Waffe greifen.

-- Friedrich Adler und der Weg aus dem Krieg

Am 21. Oktober 1916 erschießt Friedrich Adler den cisleithanischen Minister­präsidenten Graf Stürgkh. In der „Arbeiterzeitung“ wird die Tat zu­nächst als „der ganzen sozialistischen Ideenwelt fremd und unbegreiflich“ und als das Handeln eines Menschen bezeichnet „der einem Wahne folgt“ und sich in einer „unseligen Tat“ im „Fanatismus der Selbstzer­störung ...selbst dahin gibt und grausam vernichtet, was noch ein reiches Blühen versprach.“[88]

Nach dem Todesurteil des Ausnahmegerichtes urteilt Friedrich Austerlitz bereits milder über Adler. Er wird zwar nicht zum Märtyrer der sozial­demo­kratischen Bewe­gung, aber immerhin zum „Märtyrer seiner Über­zeu­gung“ erhoben. Es wird ihm nun auch bescheinigt, sein Leben eingesetzt zu haben, um

„in aufrechter Tapferkeit... der Sozialdemokratie zu dienen, um der Idee zu dienen, der sich sein Geist, sein Wille, seine Arbeitskraft für ewig verbunden hat.“

In Rudolf G. Ardelt’s Buch [89] kommt Friedrich Adler weniger gut weg, man erhält den Eindruck es mit einer irrational agierenden, patho­logischen Persönlichkeit zu tun zu haben, dessen Tat den tragischen Endpunkt einer unglück­lichen Vater-Sohn Beziehung darstellt. Wer allerdings über die enge Beziehung Vater-Sohn Bescheid weiss, die Verantwortung Friedrich Adlers vor dem Sondergericht kennt [90] und überdies jene Leistungen in Betracht zieht, die Adler in den Jahren 1918 und 1919 für die Partei erbringen sollte, der wird kaum pathologische Züge finden. Adler verantwortet sich vor Gericht klar und überzeugend und präsentiert sich als ein reiner Idealist, der sein Leben riskiert, um die eigene Partei aufzurütteln.[91] Gemäß Friedrich Adler hatte dort nämlich bereits der

„bürokratische Apparat... die Oberhand über die Zukunftsinteressen des Proletariats gewonnen“.[92]

Die Partei sei dadurch immer mehr verchristlichsozialisiert, nationalisiert und verkleinbürgerlicht. [93] Sie habe sich dadurch immer mehr zu einer konter­revo­lu­tio­nären Instanz [94] entwickelt, die den Prinzipien der 2. Internationale längst untreu geworden sei. Er habe die Parteiführung mehrfach vor dieser Entwick­lung gewarnt, man habe ihn jedoch nicht ernst genommen. Er sei dadurch zu Über­zeugung gelangt, dass nur eine aufrüttelnde Tat das dringend erforderliche generelle Umdenken einleiten könne. Diese Tat habe er nun gesetzt. Sie sei einer­seits als Attentat gegen die österreichische Moral [95] und zweitens als Bekenntnis zur Gewalt eines Sozialisten zu verstehen, der auf der Basis des Massenkampfes stehe, der nach sozialistischen Grundsätzen „mit allen zweck­dienlichen Mitteln“ zu führen sei.[96] Seine Legitimitär erhalte er durch den im Lande vor­herrschenden Absolutismus. Adler betont, dass diese Tat weder den Massen­kampf ersetzen, noch ihn auslösen solle, sie möge lediglich die „psycho­logischen Voraus­setzungen künftiger Massen­aktionen“[97] in Österreich schaffen.

Die so angesprochene Partei bleibt nicht unbeeindruckt. Die offizielle politische Wende erfolgt allerdings erst am Parteitag Ende Oktober 1917, der auch im Lichte der sich dramatisch verschlechternden Lage der Zivil­bevölkerung steht. Bei diesem Treffen wird die von 50 Delegierten unterzeichnete „Erklärung der Linken“ positiv zur Kenntnis genommen, die Weichen werden nun vom Sozialpatriotismus weg und hin zu Zentris­mus und Sozialpazifismus gestellt. Otto Bauer begründet im „Kampf“[98] die Rückkehr zu den pazifistischen Zielen der 2. Internationale mit der Notwen­digkeit

„den vielen Arbeitern, die Fritz Adlers Rede vor Gericht aufgerüttelt hat, zu zeigen, dass sie die Befriedigung ihrer politischen Bedürfnisse nicht außerhalb der Partei suchen müssen, sondern sie innerhalb der Partei finden können, indem sie sich um den marxistischen Flügel der Partei scharen.“

Obwohl sich die marxistische Linie der „Linken“ an diesem Parteitag durchsetzt und bis in den Zweiten Weltkrieg hinein tonan­gebend sein wird, kommt dennoch nicht der Eindruck auf, dass die alte Garde eine wirkliche Niederlage erlitten hätte. Die interne Parteiarbeit läuft wie immer konsensual unter der Führung des weiterhin unumstrittenen Viktor Adler. Es gibt keine scharfe, persönliche Kritik an der alten Linie, kein Köpferollen. Im Gegenteil, am Parteitag 1917 wird nicht nur der alte Vorstand weitgehend im Amt bestätigt, im Zuge seiner Erweiterung von 10 auf 14 Personen beruft man erstmals auch den von Friedrich Adler besonders heftig ange­griffenen Karl Renner in dieses Gremium.[99] Man geht lediglich –soweit dies im Rahmen der Kriegszensur möglich ist- auf verbale Distanz zur Staatsführung, ohne allerdings den Reichstag zu verlassen. Dem Jännerstreik 1918 nimmt man gemeinsam mit der Regierung die revolutionäre Spitze. Doch auch dieser Hilfestellung kann den Untergang der Monarchie nicht verhindern. Am 16. Oktober 1918 verzichtet Kaiser Karl auf die weitere Führung der Regierungsgeschäfte, die Monarchie zerbricht. Am 1. November kommt Friedrich Adler frei. Die Arbeiter-Zeitung vom 2.November 1918 würdigt dieses Ereignis wie folgt: [100]

„…es gibt keinen Proletarier bei uns, dessen Herz nicht heißer schlüge, wenn er Friedrich Adlers Name vernimmt… Gruß und Willkommen dem Helden und Märtyrer!“

Das Parteiblatt trägt damit der Tatsache Rechnung, dass Friedrich Adler durch den Mordprozeß zum „populärsten Mann in Österreich“[101] geworden ist. Dement­sprechend heftig wird er nun auch von allen politischen Kräften der Linken um­worben. Die Führung einer noch zu grün­denden Kommunistischen Partei Österreichs lehnt er zweimal ab und entscheidet sich für eine Funktion in der eigenen Partei. Und diese Partei überträgt ihm auch unverzüglich die überaus wichtige Führung der Arbeiterräte.[102] Seinen Wieder­ein­stieg in die von ihm oft geschmähte, personell weitgehend unveränderte Partei begründet er mit der Tatsache, dass er zum Zeit­punkt seiner Tat der festen Überzeugung gewesen sei, dass es zu einer Spaltung der Partei ähnlich wie in Deutschland kommen müsse, „wenn nicht etwas Energi­sches geschieht und nicht die Gemüter gewendet werden.“ In seiner ersten, am 21. November 1918 veröffentlichten Rede [103] meint er, dass es ihm gelungen sei, diese Gemüter zu wenden. Die Masse der Partei stehe nun nicht mehr wie vorher rechts, sondern links. Dies bedeute allerdings nicht, dass man nun unverzüglich dem russischen Beispiel einer Räterepublik folgen müsse, sie sei als Alternative zu einer demokratischen Republik zwar eine legitime und denkbare, jedoch keineswegs die „alleinseligmachende“ Lösung.

Diese für viele Linke enttäuschenden Aussagen machen klar, dass die öster­reichische Sozial­demo­kratie einen gewaltsamen Umsturz weder provozieren, noch unterstützen wird, dass also von einem echten Kurswechsel nicht die Rede sein kann.

-- Herausforderung russische Oktoberrevolution

In Russland haben Lenin und Genossen anders reagiert. Sie haben trotz fehlender Mehrheiten und ohne den Rückhalt durch ein zahlenmäßig bedeutsames Industrieproletariat Revolution gemacht. Die Bedenken kamen nachher, sie führten dazu, dass dem Export der Revolution in die übrigen europäischen Länder Priorität 1 zuerkannt wurde, da man zur Überzeugung gelangte, dass nur ein Sieg des Proletariats im gesamt­europäischen Rahmen der Revolution jene Nachhaltigkeit verleihen könne, die den Übergang von der Diktatur des Proletariats zum wahren Kommunismus möglich macht. Lenin am VII. Parteitag der KPdSU am 07.März 1918: [104]

„Gewiss, wenn man an die Dinge welthistorischen Maßstab anlegt, so kann auch nicht der geringste Zweifel darüber bestehen, dass der Endsieg unserer Revolution eine hoffnungslose Sache wäre, wenn sie allein bliebe… Unsere Ret­tung aus all diesen Schwierigkeiten - das wiederhole ich nochmals – ist die Revolution in ganz Europa.“

Trotzki schlägt in die gleiche Kerbe:[105]

„Entweder die russische Revolution wird eine revolutionäre Bewegung in Eu­ropa auslösen oder die reaktionären Mächte Europas werden das revolutionäre Russland zerstören.“

In Österreich werden diese Vorgänge aufmerksam verfolgt. Otto Bauers Zweifel an den Überlebenschancen der Bolschewiki sind noch stärker als jene der sowje­tischen Führung. Im sozialistischen „Kampf“ („Die Bolschewiki und wir“) verurteilt er ebenso wie Friedrich Adler [106] das Vorgehen Lenins, nicht weil es revo­lutionär wäre, sondern weil es mangels der entsprechenden Voraus­setzungen misslingen müsse. Er begründet diese Prognose mit Marx, der aus dem Scheitern der europäischen Revo­lutionsversuche 1848 und jenem der Pariser Kommune des Jahres 1871 den Schluss ge­zogen hatte, erst eine voll entwickelte industrielle Gesellschaft mit einem mächti­gen Industrie­proletariat böte die Voraus­setzungen für den Sturz des Kapita­lismus. Otto Bauer irrt, prophetischer wirkt Victor Adler: [107]

„Was immer die Methoden dieser Leute erreichen mögen, für uns im Westen werden sie die schlimmsten Folgen haben; bei uns werden entschlossene Minderheiten aus anderen Lagern sich diese Methoden zunutze machen –was dann ? Werden wir lettische Regimenter zur Verfügung und die Bauernmassen an unserer Seite haben ? Die russischen Vorgänge sind die schwerste Prüfung, der der internationale Sozialismus jemals ausgesetzt war.“

Mit dem Blick auf die Entwicklung in Russland gerichtet bleibt die Stimmung in der Arbeiterschaft auch in Österreich weiterhin explosiv. Dafür sorgt schon die Machtübernahme Béla Kuns in Ungarn, der dort am 21.März 1919 eine Räterepublik ausgerufen hat. Mit Dr. Bettelheim entsendet Ungarn unverzüglich einen glühenden Revolutionär nach Österreich, der als Emissär der 3. Inter­nationale auftritt und der kleinen und daher wenig risikofreudigen Schar der österreichischen Kommu­nisten einen Aufruf abnötigt, der auch in Österreich die Diktatur des Proletariats propagiert.[108] Der erste improvisierte Versuch, diese Pläne umzusetzen scheitert am 17.April, für jenen am 15.Juni 1919 bereitet man sich besser vor. Als der Putschplan Friedrich Adler zugespielt wird, beruft er unverzüglich den Wiener Kreisarbeiterrat ein und legt in Gegenwart der kommunistischen Delegierten den Putschplan auf den Tisch. Der anschließend ein­dringlich zur Loyalität gegenüber Partei und Regierung ermahnte Arbeiterrat verabschiedet darauf einen Aufruf an die Arbeiterschaft Wiens, sich zu Putsch­versuchen nicht missbrauchen zu lassen, dem auch weitgehend entsprochen wird. [109] Nicht ohne Berechtigung wird Otto Bauer später behaupten, dass die „zielbewusste Führung Friedrich Adlers in den Arbeiterräten, Julius Deutsch und seines Freundeskreises in den Soldatenräten ...den Kampf entschieden“ habe.[110]

-- Warum gab es keine Revolution in Österreich ?[111]

Aufgrund der günstigen Wirtschaftslage und die sozialen Reformen kam in der entscheidenden Phase kein Druck von der Basis in Richtung Aufruhr. Damit war selbst innerhalb der eigenen Partei ein Putsch nie mehrheitsfähig. Die Parteiführung sah sich überdies mit der Tatsache konfrontiert, dass eine Revolution nicht nur im Lande sondern auch außerhalb wenig Unterstützung finden, aber viele Gegner auf den Plan rufen würde. So müsste man damit rechnen, dass Nachbarländer wie beispiels­weise der neue SHS-Staat erneut Ambitionen zeigen würden, ihr Territorium auf Kosten Österreichs zu erweitern. Selbst die Hilfe durch Béla Kun würde man wohl nur nach Konzessionen im Streit um Deutsch-Westungarn (Burgenland) lukrieren können. Angesichts dieser Rahmenbedingungen zieht die Parteiführung eine Revo­lut­ions­option niemals ernsthaft ins Kalkül.

Für die Bolschewiki stellt diese Entwicklung in Österreich eine weitere Enttäuschung dar, zumal man nach der militärischen Niederlage gegen Polen im Jahr 1920 auch im eigenen Lande in Schwierigkeiten gerät. Im Petrograder Februar­auf­stand 1921[112] stehen Trotzki noch dazu keine finsteren Reaktionäre, sondern jene Genossen gegenüber, die ihm zur Macht verholfen haben und lediglich die Versprechungen bezüglich Demokratisierung einfordern. Kronstadt bringt Lenin zur Einsicht, dass seine Bemühungen, die Nachkriegswirren zum europaweiten Durchbruch des Bolschewismus zu nutzen endgültig gescheitert sind. Man ist bei diesem vergeblichen Streben überdies in die politische Isolation und an den Rand des wirtschaftlichen Zusammenbruches geraten. Die Industrieproduktion ist auf 25% der Vorkriegsniveaus abgesackt.[113] Um diese Isolation zu durchbrechen und die Voraussetzungen für eine Gesundung der sowjetischen Wirt­schaft zu schaffen, sucht man durch eine politische „Öffnung“ international und national vertrauens­bildende Maßnahmen zu setzen. So fordert die Komintern am 18.Dezember 1921 die Kommunisten weltweit auf, Einheits­fronten mit sozialdemokratischen Parteien zu bilden. Da aber die Kommunisten in den gemeinsamen Politgremien nirgendwo als echte Partner auftreten, sondern generell Führungs­positionen reklamieren, erweist sich dieser Schritt als wenig zielführend. Nach dem Verbot der Gründung gemeinsamer Organisationen[114] wird gerade noch das Schlagwort Kooperation überleben. De facto baut man nun aus­schließlich auf die „Zusammenarbeit von unten“, worunter die Taktik zu verstehen ist, sozial­demokratische Organisationen von der Basis her zu unter­wandern. Erfolgreicher verlaufen die Bestrebungen, die heimische Wirtschaft mit der Neuen ökonomischen Politik (NEP) nach kapitalistischem Muster zu sanieren, auch Handelspartner sind auf dieser Basis wieder zu finden.

--Die Grundmotive der Kriegs- und Revolutionsphase

Fragt man den Grundmotiven der Kriegsphase, so haben die russische Revolution, der Untergang der Monarchie und die Übernahme der Regierungs­verantwortung gewisse Voraussetzungen für eine revolutionäre Umgestaltung des Landes geschaffen. Aufgrund der günstigen Beschäftigungslage, der neuen Sozialgesetzgebung und das Ende des Hungerns ist jedoch der Wille der Basis ein Bürgerkriegsrisiko einzugehen eher gering, der Kader sieht sich in seiner refor­mistischen Grundhaltung bestätigt und entscheidet gegen eine revolutionäre Übernahme der gesamten Staatsgewalt.

Das Streben nach Bewahrung der Einheit der Partei, das Viktor Adler erfolgreich propagierte, wird von Friedrich Adler und Otto Bauer aufgegriffen und zum Axiom erhoben. Revolutionäre Rhetorik in Kombination mit handfesten Reformen verhindert die Abwanderung des linken Flügels an die Kommunisten und damit die Spaltung der österreichischen Ar­beiter­­bewegung.

In der Nationalitätenfrage ist als erste Reaktion eine Erleichterung über das Ende des Natio­nalitätenstreites innerhalb des Landes spürbar. Als zweite Reaktion zeigt sich der so gut wie generelle Wunsch der Deutsch-Österreicher bezüglich Anschluss an das Deutsche Reich, von dem man sich wirtschaftliche Gesundung, Wiedererlangung verlorener nationaler Größe und –teilweise- Synergien mit den dort regierenden Sozialdemokraten erwartet. Abgesehen von den Legitimisten, die sich bei ihren Restaurationsplänen mehr an dynastischen Kriterien als an Ethnien orientieren, gibt es nur wenige Bürger und Institutionen, die Interesse an einem selbständigen Deutsch-Österreich zeigen. Die Idee einer Österreichischen Nation, in der Monarchie undenkbar, wird auch jetzt noch nicht angedacht.

3.4. Der Austromarxismus (1919-1934)

Als „Austromarxismus“ ist nach Glaser [115] jenes

„…geistesgeschichtliche „Konstrukt“ aufzufassen, dessen Wirksamkeit recht eindeutig in die zeitlichen Grenzen zwischen der Jahrhundertwende und dem Jahr 1938 liegt, wobei im einzelnen auch noch Nachwirkungen bis in die Jahre nach 1945 nachgewiesen werden können... Als Hauptvertreter dieses so verstandenen Austromarxismus und damit gleichsam als dessen politisch bedeutsamer „harter Kern“ werden Otto Bauer, Karl Renner, Friedrich Adler und Max Adler genannt; mit Abstand rechnet man noch Rudolf Hilferding, Gustav Eckstein und mit einigen Publikationen sogar Karl Kautsky dazu.“

Diese Definition überzeugt nicht. Schon semantisch betrachtet insinuiert der Begriff Austromarxismus weit eher eine länderspezifische Denkrichtung als eine mit der ,Jahrhundertwende’ beliebig eingeleitete und mit 1938 abrupt endende Zeitspanne, während der politisch stark differierende Intellektuelle in unterschiedlichen Staats­formen und Ländern tätig waren.[116] In dieser Arbeit wird daher Austromarxismus als das Denk­modell jenes Mannes verstanden, der die Partei als Chefideologe von 1919 bis 1934 autoritär führte und ihr seinen unverwechselbaren ideologischen Stempel aufgedrückt hat. Dies war Otto Bauer. Man hatte ihn 1907 zum Parteisekretär berufen, nach dem Tod von Viktor Adler übernahm er am 15. November 1918 im Alter von 37 Jahren de facto die Führung der Sozial­demokratie. Er hatte sich für dieses Amt durch Dynamik, Fleiß und über­ragende Fach­kompetenz als Nationalökonom qualifiziert. Als prononcierter Marxist ist er gerade in der Umbruchszeit der Mann der Stunde, dem man zutrauen kann, nicht nur als Führer der Gesamtpartei aufzutreten, sondern auch den linken Flügel im Griff zu behalten. Bauer wird diese Aufgaben dank seiner Rednergabe auch erfolgreich abdecken und bis zu seinem frühen Tod der wichtigste Schriftsteller, Theoretiker, Lehrer und auch Führer der österreichischen Sozial­demokratie bleiben.

Neben ihm gibt es Funktionäre wie den (prononciert rechten) Dr. Karl Renner und (den prononciert linken) Dr. Max Adler, die den Kurs Otto Bauers lediglich aus Parteiräson mittragen, in entscheidenden Punkten jedoch andere Meinung als Bauer vertreten und dies –im Rahmen der eher strikten Parteidisziplin- auch immer wieder thematisieren. Während Max Adlers Einfluß auf das Parteivolk als marxistischer Theoretiker eher gering einzustufen ist, verfügt Renner über einen starken Rückhalt vor allem bei den kleinen und mittleren Funktionären durch sein Engagement an der Basis. Für sie ist er die Verkörperung des auch wirtschaftlich erfolgreichen Aufstieges der Partei vor 1914. Die Parteiräson wird allerdings verhindern, dass die interne Opposition sichtbaren Einfluss auf den Kurs von Otto Bauer und damit auf jenen des ,Austromarxismus’ nimmt.

-- Otto Bauers Revolutionsmodell

Bauer ist kein Lassallianer wie Renner, er ist ein in der Wolle gefärbter Marxist, auf den die russische Revolution in der Phase der Räte einen nach­haltig positiven Eindruck gemacht hatte. Den unaus­weichlichen ,Endsieg’ des Sozia­lismus führt er nicht nur im Mund, er ist von ihm überzeugt und richtet sein Handeln danach aus. Zweiflern an der Unausweichlichkeit des Sieges hält Bauer ent­gegen:[117]

„Aber man gibt den Marxismus selbst auf, wenn man den sozialen Deter­minis­mus aufgibt.“

Buttinger charakterisiert Bauers Linie wie folgt: [118]

„Das Stahlgerüst seines Lehrgebäudes war die Anerkennung der objektiven Faktoren, die den „wirklichen Geschichtsverlauf“ bestimmen... Die Wirklich­keit, die Marx erkennen lehrte, damit der Mensch sich gegen sie erhebe, setzte Bauer auf den höchsten Thron. Was wirklich war, hatte sich gegen die materiellen Hindernisse und menschlichen Absichten durchgesetzt, war demnach ein unver­meidliches Ergebnis der gesellschaftlichen Entwicklung, notwendig, und daher selbst als Übel gleichzeitig gut, denn es war auch die Voraussetzung aller kommenden besseren Dinge. Das galt nicht nur für den Kapitalismus; es galt ebenso für den Reformismus und die russische Revolution. Infolgedessen war es die Pflicht der „Revolutionäre“, auch die „Gewalt der Umstände“ anzuerkennen, denen der Reformismus entsprang.“

Dies kann jedoch –wie Buttinger treffend anmerkt- dazu führen,

„dass das Gegenteil der revolutionären Politik, wenn es nur den „Verhältnissen“ entspringt, für den Sieg des Sozialismus genauso gut ist wie diese selbst.“

Nur aus dieser Sicht heraus wird eine Zusammenarbeit Bauer – Renner überhaupt erst möglich. Bauer läßt eben den Reformismus Renners, in der 2.Internationale ein Axiom, als Teilaspekt einer dynamischen Entwicklung, die unauf­haltsam der revolutionären Erfüllung zustrebt, gelten. Mit Angriffen auf den „Führer des rechten Flügels der Partei“, auf „Gewerkschaftsbonzen“ und „reformistische Provinzspießer,“ die für „reformistische Verirrungen“ der Partei ver­antwortlich wären, die in Deutschland zum Niedergang der Sozial­demo­kratie geführt hätten, kann Renner gut leben. Dazu Buttinger:[119]

„Die streng getadelte „Rechte“ hatte trotzdem keinen Grund sich zu beklagen. In keinem anderen Lande Europas wurden Reformisten ihres Lebens froher als in Österreich. Nirgends hatte ein Otto Bauer die überall rege linke und kommu­nis­tische Kritik so vollständig gezähmt und nirgends ein linker Flügel die rebellischen Schichten der Arbeiterschaft und der Intelligenz gleich erfolgreich vom „revolutionären Sinn“ des „reformistischen Tuns“ über­zeugt.“

Bauers Toleranz gegenüber dem Reformismus führt zu einer Ausweitung des Revo­lutionsbegriffes, die den Unterschied zum Reformismus faktisch aufhebt. So schreibt er unter dem Titel „Revolutionäre Kleinarbeit“:[120]

„Nicht die große geologische Katastrophe hat die Welt umgebildet, nein die kleinen Revolutionen, im unmerklichen, nicht einmal mehr mit dem Mikroskop studierbaren Atome, die ändern die Welt, die erzeugen die Kraft, die sich dann in einem Tage in einer geologischen Katastrophe auslöst. Das Kleine, das Unmerkliche, das wir Kleinarbeit nennen, das ist das wahrhaft Revolutionäre.“[121]

Die für Bauers „demokratische Revolution“ maßgeblichen Obje­ktiven Verhält-nisse sind keineswegs nebulos, sie sind exakt definiert. Wenn seine Partei auf demokratischem Wege 51% der Mandate erreicht hat, soll eine Revolution losbrechen, bei der -seiner Rhetorik gemäß- kein (bürgerlicher) Stein auf dem anderen bleiben wird. Mit seinen Visionen einer sozialistischen Gesellschaft führt er Anhängern wie Gegnern immer wieder drastisch vor Augen, dass die aktuelle Demokratie nur eine „bürgerliche Demo­kratie auf Abruf“ ist.[122] Bauer übersieht dabei, dass er durch diese–wenn auch nur verbale- aber durch seine Permanenz durchaus nachhaltige Abwertung der parlamen­tarischen Demokratie und der Propagierung ihres Endes seine Gegner geradezu auffordert Vorkehrungen zu treffen, nicht als Opfer des Totalitätsanspruches einer Ideologie zu werden, deren Affinität zum Bolsche­wismus immer wieder betont wird. Auch in diesem Bereich zeigt er sich als schlechter Taktiker. Operationspläne, die offen auf dem Tisch liegen, büßen an Wirksamkeit ein.

--Der „integraler Sozialismus“ Otto Bauers

Der Erfolg Bauers bei der Integration der österreichischen Linken in die Partei beruht neben seiner aufrichtigen Überzeugung von der Unvermeidlichkeit und Notwendigkeit der im historischen Materialismus prognostizierten sozialen und politischen Umwälzungen auch auf seinem speziellen Verhältnis zum Bolsche­wismus. Dieses Verhältnis wiederum gründet auf Bauers Axiom vom „Integralen Sozia­lis­mus“, dem der Austro­marxismus einen großen Teil seiner Singularität verdankt. Bauer grenzt sich von Lenin und Stalin nicht ab wie die Sozial­demo­kraten anderer Länder. Er verteidigt sie vielmehr ohne wesentliche Vorbe­halte mit dem Argument, dass nur „sie allein [diesen revolutionären] Prozess in Gang setzen und in Gang erhalten“ konnten. Nach Konsolidierung des Regimes müsse man sich allerdings bemühen, die innere Diktatur friedlich abzubauen und „durch eine soziale Demokratie [zu]ersetzen.“ [123] Diesbezüglich wäre die friedliche Über­zeu­gungskraft der internationalen Arbeiter­klasse gefordert. Parallel dazu müsse aber auch der „Reformismus [der übrigen europäischen Sozialisten], als Ideologie der Arbeiterklasse auf einer bestimmten Stufe ihrer Entwicklung,“ [124] langsam aber sicher in den „revolutionären Kampf“ übergehen. Dies würde über die „Diktatur des Proletariats“[125] letztendlich zur gleichen „sozialen Demokratie“ wie in der reformierten Sowjetunion und damit zur Wiedervereinigung der Arbeiterklasse führen.

Bauer begeht hier einen Denkfehler. Die Sowjetunion befindet sich ganz im Sinne von Marx in jener Phase der Diktatur des Proletariats, in der alle jene Einflüsse eliminiert werden müssen, die den Übergang zum Endziel Kommu­nismus behindern. Dazu gehört für Stalin ohne Zweifel auch die Sozial­demo­kratie. Von den Bolschewiki in dieser Phase eine Lockerung der Diktatur des Proletariats zu erwarten, kann lediglich als Aufforderung rezipiert werden, den Kommunismus selbst als Endziel aufzu­geben. Daher erweisen sich auch die Versuche von Bauer und Adler mit der Internationalen Arbeitsgemeinschaft sozialistischer Parteien zwischen der neu erstandenen II. und der ebenfalls neuen III. (kommunistischen) Internationale im Sinne des „Integralen Sozialismus“ zu vermitteln sehr bald als Illusion, was im Jahr 1923 zur Gewißheit wird.

1928 hat Stalin seine Macht endgültig gefestigt und verfügt nach Realisierung zahlreicher Rüstungs­projekte auch militärisch und damit außenpolitisch wieder über beträchtliche Handlungs­freiheit. Bauers Streben nach Einheit der Arbeiter­klasse ignoriert er. So kann auch Karl Radek, polnischer Delegierter der KOMINTERN, Bauers Internationale Arbeitsgemeinschaft als „2 ½ Internationale“ verhöhnen und dem Fäkalbereich zuordnen: [126]

„Die 2 ½ Internationale ist ein Produkt des revolutionären Prozesses, den die ganze Welt durchmacht. Aber sie ist nicht ein Produkt, in dem sich der schaffende Geist der Weltrevolution ausdrückt. Sie ist ein decoctus historiae, ein Ausschei­dungsprodukt der Weltrevolution. Darum wird [sie] von dem Strom der Welt­revolution weggespült, sobald sie in schnellere Bewegung gerät.“

Im Sommer 1928 geht der erstarkte Kreml erneut auf Konfron­tationskurs zur inter­nationalen Sozial­demokratie. Am VI. Weltkongress der KOMINTERN überrascht Stalin mit der Erklärung, dass die Sozial­demokratie „objektiv der gemäßigte Flügel des Faschismus“ sei, Sozialdemokratie und Faschismus wären „nicht Antipoden, sondern Zwillinge.“ Die Tatsache, dass man die Deutsche Kommu­nistische Partei (DKP) zwingt diese neue Politik auch ange­sichts der drohenden Macht­über­nahme durch die National­sozialisten und gegen den Willen der gesamten deutschen Arbeiterklasse beizubehalten, [127] bringt Bruno Kreisky zu folgender Einsicht:[128]

„Was nun die Ansichten Stalins betraf, so schien uns –nicht zuletzt aufgrund der ständigen Auseinandersetzungen mit den den Kommunisten nahe stehenden „Lin­ken“- seine Politik durchaus folgerichtig. Was scherte ihn die deutsche Demo­kratie? Was interessierte ihn das Schicksal der deutschen Kommunisten? Und das Schicksal der Sozialdemokraten interessierte ihn schon gar nicht. Sie alle mussten geopfert werden, damit er seinen teuflischen Plan verwirklichen konnte: Hitler sollte in Deutschland an die Macht gelangen! ...Der Kommunistenführer Thäl­mann, der fliehen wollte, wurde verraten und so ein Opfer des National­sozialismus. Wie sollte man sich das alles erklären? ...Eine eindeutige Antwort bekam man am 24.August 1939, als die Unterzeichnung des deutsch sowjetischen Nichtangriffspaktes bekannt gegeben wurde: Stalin wollte den Sieg der Nazis. Er wusste oder glaubte zu wissen... dass Hitler das Deutsche Reich in einen Konflikt mit England und Frankreich verwickeln werde.“

Tatsächlich spricht recht viel dafür,[129] dass Stalin die KPD den überge­ordneten Interessen der Weltrevolution geopfert hat.

Als die KOMINTERN die kommunistischen Parteien auch noch nach der Macht­übernahme Hitlers auf Konfrontationskurs mit der Sozial­demo­kratie hält, droht dem Weltkommunismus und der Sowjetunion wieder einmal die Isolation. Der nächste Kurswechsel findet dennoch erst 1935 statt, als im Zuge der Appease­mentpolitik Baldwins ein Arrange­ment des Westens mit Hitler in den Bereich der Möglichkeit rückt. Im VII. Welt­kongress der KOMINTERN wird plötzlich die Aktions­­ein­heit der Ar­beiter­­klasse als die „mächtigste Waffe im Kampf gegen den Faschis­mus“ gepriesen.[130] Die neue Volksfront­politik führt dazu, dass nun in Frankreich und Spanien die Linke die Regierungsmacht übernimmt, was in Spanien zum Bürgerkrieg führt. 1939 wird man die internationale Sozial­demokratie allerdings erneut zum Feindbild erklären, zumindest bis zum nächsten Schwenk, dem Schwenk Nr. 5 im Sommer 1941.…

- Otto Bauer und die nationale Frage

Wer in der aktuellen Literatur nach Spuren von Affinität der Sozial­demokratie zu Deutschland und der deutschen Schwesterpartei sucht, wird kaum fündig. Solche Naheverhältnisse werden in populären Schriften generell geleugnet,[131] in wissen­schaftlichen Publikationen im Regelfall als Übertreibungen oder Fehl­deutungen gewertet. [132] Severin Heinisch räumt immerhin ein, dass der

„illusionäre Glaube an ein geistiges und kulturelles Deutschland, dem man sich zugehörig fühle, gerade auch für die Linke, die nach 1918 die Sozialdemokratie dominierte, symptomatisch war…“[133]

Er schränkt dies jedoch unverzüglich mit dem Hinweis ein, dass

„der aus dieser Idee vertretene Anschlussgedanke ein gänzlich irrealer und irrationaler [gewesen sei], der auch bei der Arbeiterschaft und der Gewerkschaft keinesfalls mit Überzeugung geteilt wurde… Hier muss betont werden, dass die österreichische Sozialdemokratie trotz ihrer idealistischen Anschlussideen nicht die Wegbereiterin des nationalistischen Anschlusses war.“

Sind also die Funktionäre aller politischen Richtungen nach kurzer, irra­tio­naler, illusio­närer Anschluss­hysterie im Jahr 1919 tatsächlich von einer ver­nünf­tigen ,Basis’ auf den logischen, österreichisch-patriotischen Weg zurückver­wiesen worden ?

Wäre dies der Fall, so müßte es markante Persönlichkeiten, Wortmeldungen und schriftliche Belege geben, die von der Existenz einer patrio­­tischen Gegenströmung Zeugnis ablegen. Dies ist jedoch nicht der Fall. Das Anschluss­votum im Parlament und vor allem die Ergebnisse der Volksbefragungen in den westlichen Bundesländer lassen vielmehr einen eindeutigen, parteiüber­grei­fenden Konsens in dieser Frage erkennen, vereinzelte Gegenstimmen stammen von Randgruppen wie einem Teil der Legitimisten und jenen Bürgern, die Bedenken bezüglich eines Anschlusses an ein ,rotes’ Deutschland haben. Aus den Schilderungen von Zeit­zeugen [134] läßt sich Bewußtseinslage der Österreicher zu Kriegsende ziemlich eindeutig sublimieren. Zunächst überwiegt die Freude über das Kriegsende sowie das Ende der Erpressungs­politik [135] der Ungarn und des Forderungsdruckes der Slawen. Die Freude, endlich wieder ,Herr im eigenen Hause’ zu sein wird allerdings durch Gebietsverluste und den Verlust des Weltmachtstatus getrübt und schließlich auch vom (allgemein propagierten) Axiom der mangelnden wirtschaftlichen Überlebensfähigkeit des Landes überschattet. Der logische Schritt ist nun der Anschluss, da nur er sowohl eine Heilung vom Zwergstaatensyndrom, als auch die Lösung der Wirtschafts­probleme erwarten läßt. Für die Funktionäre der Sozial­demokratie kommt noch das Gefühl hinzu, mit dem Anschluss an ein ,rotes’ Deutschland den lang ersehnten Schulterschluss mit der mächtigen deutschen Schwester­partei zu realisieren. Diese zahlreichen, teilweise stark emotional belasteten Argumente für die Angliederung lassen Otto Bauer als Staatssekretär im Außenamt noch zu einem Zeitpunkt in diesem Sinne streben, als dies aufgrund der Bestimmungen von St. Germain tatsächlich irrational geworden war und für Restösterreich und Deutschland bereits politisch gefährlich zu werden droht.

Wieso haben eigentlich Parteien wie Bürger die Loyalität zu Österreich so leicht abgeschüttelt ? Die Antwort ist einfach. Es gab in der Monarchie keine Loyalität zu „Österreich.“[136] Österreich war ein Begriff, der seit Jahrhunderten lediglich die habsburgischen Erb- und Herrschafts­ansprüche auf Teile des Imperiums der Hauses Habsburg definierte. Im Rahmen des weit größeren, multiethnischen habsburgischen Kaiserreiches bzw. der Habsburgermonarchie lag es dem Kaiserhaus fern geographisch-ethnische Identitäten zu fördern, gefördert wurde lediglich die Loyalität zum Herrscherhaus, auf das auch Armee und Beamte vereidigt wurden. Darüber hinaus gab es eine inoffizielle, ab 1867 vor allem von den Ungarn provozierte und immer domi­nanter werdende Identität mit der jeweiligen Volksgruppe. Bei den Sozial­demokraten gab es noch jene mit der internationalen Arbeiterklasse. Nach der Abdankung des Kaisers waren nun die Bürger der Monarchie von der offiziellen Loyalität, von jener zum Kaiser­haus entbunden. Was nach 1918 an Identitäten verblieb, war also lediglich die Affinität zur Volksgruppe, was im einstimmig beschlossenen Landesnamen Deutschösterreich auch seinen Ausdruck fand. Die Sozialdemokraten trennten sich von dieser Bezeichnung auch nach dessen Verbot im Jahr 1919 nicht. Sie wurde sowohl in der Bezeichnung der Partei, als auch in deren offiziellen Publika­tionen [137] beibehalten. Das Naheverhältnis der Sozial­demo­kratischen Partei Deutsch­österreichs zu Deutschland ist auch noch 1926 im Linzer Partei­programm vom 3.November verankert: [138]

„Die Sozialdemokratie betrachtet den Anschluss Deutschösterreichs an das Deutsche Reich als notwendigen Abschluss der nationalen Revolution von 1918. Sie erstrebt mit friedlichen Mitteln den Anschluss an die deutsche Republik.“

Das Engagement in Richtung Anschluss ist sowohl am linken wie auch am rechten Flügel der Partei evident. Den zahlreichen Aussagen von Bauer, Adler, Leuthner, Austerlitz, Renner, Ellenbogen, Glöckel,[139] Seitz und anderen führenden Funktionären sei lediglich einer von Renner entnommen:[140]

„Keine geographische, ethnische, ökonomische Gewalt, keine Macht der Welt, kein Diktat einer Siegerkoalition kann die Grundtatsache unseres Daseins ändern: Wir sind ein großer Stamm der großen deutschen Nation, nicht mehr, aber auch nicht weniger ! Wir sind keine Nation, waren es nie und können es niemals werden !... Was wir künftig in der Welt sein werden, können wir nur im Rahmen unserer Nation sein.“

Die Brücke zum proletarischen Internationalismus baut Renner wie folgt:[141]

„Die österreichische Sozialdemokratie ist emporgestiegen in einer ständigen Ge­meinschaft mit der deutschen Sozialdemokratie... sie nimmt die Tradition von 1848 auf und führt sie weiter… Die Internationale ist die Gemeinschaft der Nationen, sie beruht darauf, dass ihre Glieder eben die vorher in sich geeinten Nationen sind. Das Nationalitätenprin­zip, an sich eine Idee der aufsteigenden Bourgeoisie und ihr Endziel, ist in geschichtlicher Betrachtung eben der Ausgangspunkt für die höheren menschlichen Ziele des Sozialismus. Er baut sein Reich nicht auf Trümmern, sondern auf der Unterlage vorangegangener Kulturerrungenschaften auf und ist nicht bereit, auch nur eine davon preiszugeben.“

Zitate einzelner Funktionäre könnten den –häufig kolportierten- Eindruck er­wecken, die Anschlussidee wäre nur von einer dünnen, zumindest in dieser Frage vom Volk abgehobenen Funktio­närsschichte getragen worden. Dieser Ein­druck wird durch den Österreichisch-Deutschen Volks­bund [142] ent­kräftet. Es handelte sich dabei um einen überparteilichen Verein, der in seiner Blütezeit [143] allein in Österreich über 1,2 Millionen Mitglieder zählte und an deren Massen­kundgebungen, wie Wolfgang Speiser [144] anmerkt, überwiegend Arbeiter teilnahmen. Das Motto des Vereins lautete: „Ein Volk – Ein Reich !“ Neben mehreren anderen sozialdemokratischen Funktionären engagierte sich auch Renner für diese Organisation, hielt Ansprachen und schrieb Beiträge für das Vereins­organ „ Der Anschluss “ wie beispielsweise im September 1928:[145]

„Die Österreicher waren niemals eine Nation für sich und haben niemals gewünscht dies zu sein. Österreich war durch Jahrhunderte der führende Stamm der Deutschen, Wien war ebenso lang die Hauptstadt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gewesen.“

Unter solchen Vorzeichen kann die Streichung des Anschlussparagraphen aus dem Partei­programm nach Hitlers Machtübernahme nicht als grundsätzliche, einem neu entflammten Österreichpatriotismus zuzuordnende Handlung betrachtet werden. Sie signalisiert lediglich die Ablehnung der national­­sozia­listischen Herrschaft und die Weigerung, sich Hitler aus freien Stücken zu unterwerfen.

Die KPÖ tritt erstmals 1936 gegen einen Anschluss auf. Dies kann im lebensgefährlichen Ambiente des Moskauer Exils wohl kaum als autonomer Entschluss dieser kleinen Gruppierung gewertet werden, sondern eher als Streben des Kremls, einen weiteren Machtzuwachs Hitlerdeutschlands zu verhindern. Da man mit diesem Argument vor Ort nicht punkten kann, wird die österreichische Nation aus der Taufe gehoben. [146] Otto Bauer wird nun der „gesamt­deutschen Ge­schichts­­fälschung“[147] bezichtigt, sein Nationen­begriff [148] wird als „idealistisch und un­hi­sto­risch“ abqualifiziert.[149]

-- Karl Renner –der Gegenentwurf zu Otto Bauer

Otto Bauers profiliertester innerparteilicher Gegenspieler ist Karl Renner. Seine Affinität zu Victor Adler und damit zu Lassalle ist unver­kenn­bar. Unterschiedlich ist zunächst einmal die Einstellung zum Staat. Für Marx wie für Otto Bauer ist auch der demokratische Staat lediglich ein Repressions­instrument der herrschenden Klasse. Als solches habe es zwar auch noch in der Phase der Diktatur des Proletariats seine Berechtigung, in der zukünftigen sozialistischen Ge­sellschaft würde man diese Krücke jedoch nicht mehr benötigen, der Staat würde sich auflösen. Bauer: [150]

„Das [wahre] sozialistische Gemeinwesen setzt sich nicht nur zum modernen Staat, sondern zu allen historischen Staatsformen in Gegensatz.“

Für Renner wie für Kelsen ist hingegen der Staat oder ein staatsähnliches Konstrukt ein zu allen Zeiten und in allen Gesell­schaftsformen unverzichtbares Gerüst aus Führungs-, Legislativ-, Exekutiv- und Verwaltungsorganen, das ein Zusam­men­leben von Menschen in einer größeren Gemeinschaft überhaupt erst möglich macht. Die permanente Adaptierung dieses Gerüstes an die sich wandelnde Gesellschaft sehen sie als die wichtigste Aufgabe von Volksvertretern.

Verschiedene Ansichten herrschen auch über den Umgang mit dem Begriff Demokratie. Bauer weigert sich die „bürgerliche Demokratie“ mit ihrem Mehrheitsprinzip „im Gegensatz zum Sozialismus und über den Sozialismus zu setzen.“[151] Er plädiert für eine „sozialistische Demokratie“, bei welcher der Wille der Mehrheit nicht grundsätzlich essentiell ist. Der Priorität des Sozialismus setzt Renner, der sich in diesem Punkt neben Hilferding auch auf Kelsen berufen kann, ein uneingeschränktes Bekenntnis zur (bürgerlichen) Demokratie ent­gegen:[152]

„Unterbinden wir die freie gesellschaftliche Demokratie, so zerstören wir den fruchtbaren Boden, aus dem alles Neue hervorwächst, das soziale Experi­mentierfeld, von dem aus alle materielle und geistige Verjüngung der Gesell­schaft hervorsprießt ! Diktatur heißt in allen Formen und unter allen Umständen Verselbständigung des Mittels der Gesellschaft, um es zu deren Herren zu machen. Herrschaft um der Herrschaft willen.“

Auch in der Einstellung zur Partei gibt es gravierende Unterschiede. Während Bauer für unbedingten Parteipatriotismus eintritt, meint Renner:[153]

„Nie ist die Partei das Ganze, nie kann sie das Ganze darstellen oder ersetzen. Das Ganze lebt in der Wechselbeziehung der Parteien zueinander und in dem Widerstreit ihrer Programme, in demselben Für und Wider, das ja den Prozess widerstreitender Erwägungen vor dem Entschluss des Individuums auszeichnet.“

Verschieden ist auch die Einstellung zur Zukunft. Während Bauer sich mit den real existierenden Objektiven Verhältnisse als Voraussetzung für die unausweich­liche Revolution abfindet, ist Renner, ebenso wie Victor Adler, überzeugt, dass man nicht ohne politische Verantwortung und Partnerschaften in einer politischen Warteschleife bzw. „revolutionären Pause“ verharren dürfe,[154] sondern dass man mit welchen Partnern auch immer daran arbeiten müsse, die Voraussetzungen für das Endziel, die sozialistische Gesellschaft, selbst zu schaffen.

Die Summe dieser Unterschiede lässt erkennen, dass Renner überzeugt ist, dass die Arbeitswelt, auf der Marx sein Manifest aufbaute, nicht mehr der Arbeitswelt an der Wende zum 20.Jahrhundert entspricht. Er ist überzeugt, dass der auf den Industriearbeiter fixierte Proletarierbegriff nun -im Sinne von Lassalles Perzeption von Werktätigkeit- unbedingt auf andere Arbeits­bereiche, vor allem jedoch auch auf geistige Arbeit ausgedehnt werden sollte. Dies würde den ökonomischen und gesellschaftlichen Realitäten des modernen Industriestaates mit seiner Ver­wischung der Klassengrenzen und der sich abzeichnenden eher friedlichen Entwicklung zur klassenlosen Gesellschaft mehr Rechnung tragen. Renner plädiert daher ebenfalls im Sinne Lassalles, die Gewichte von Revolution in Richtung Evolution und von Konfrontation in Richtung Koopera­tion zu verschieben und sich auch unter bürgerlichen Mehrheiten konstruktiv ins Geschehen einzubringen. Renner: [155]

„Die Theorie des Sozialismus hat lange Zeit wie geblendet ausschließlich auf die Entwicklung des Kapitals… gestarrt und erwartet, dass der Sozialismus auf einem bestimmten Punkt dieses Prozesses durch dessen jähen Umschlag in die Welt treten werde… In zweifacher Richtung ist die Einseitigkeit wahrzunehmen: Sowohl rein ökonomisch, indem sie auf den Entwicklungsprozess des Kapitals starrt und von dessen Umschlag die sozialistische Gesellschaft erwartet, als auch rein politisch, indem sie der politischen Revolution des Proletariats die Aufgabe zuschreibt, den Umschlag aus dem Kapitalismus in den Sozialismus künstlich zu beschleunigen und mit einem Schlag zu vollenden. Die eine Richtung fällt leicht in einen politischen Quietismus, die andere in einen politischen Hyperaktivismus. Die letztere hat sich insbesondere ausgewirkt in dem russischen Bolschewismus.“

Wer dem politischen Quietismus verfallen ist lässt Renner offen, ist aber unschwer zu erraten. Gemeint ist Otto Bauer.

-- Otto Bauer und sein Weg ins Jahr 1934

Der Beginn der Ära Bauer ist vielversprechend. Bei den Wahlen 1919 schafft die Sozialdemokratie die relative Mehrheit. Sie steigt mit klaren Zielen in eine Koalition mit einer Christlichsozialen Partei ein, die nach der Zerschlagung der Monarchie zunächst gelähmt und ziellos wirkt, was Otto Bauer viel politische Aktionsfreiheit einräumt. Während sich Otto Bauer vergeblich um den Anschluss bemüht, sind Friedrich Adler und Julius Deutsch damit beschäftigt, die Arbeiter- und Soldatenräte von einer Revolution abzu­halten, was ihnen aufgrund der günstigen Beschäftigungslage auch gelingt. Diese ca. zwei Jahre andauernde Kon­junktur­phase versetzt die Betriebe in die Lage nicht nur die Löhne der Inflation anzu­passen, sondern darüber hinaus auch alte Forderungen der Arbeiter­schaft (8 Stundentag für größere Betriebe etc.) zu verkraften. Wer von dieser Konjunktur noch profitiert, dass ist eine neue Schichte von Geschäftsleuten, die Otto Bauer wie folgt charakterisiert: [156]

„Zunächst wurden durch die Geldentwertung diejenigen Schichten der alten Unternehmensklasse begünstigt, deren Unternehmen in Wien ihre Büros, aber außerhalb Deutschösterreichs, zumeist in der Tschechoslowakei, ihre Fabriken haben. Diese Unternehmer bezogen ihr Einkommen in tschechischen, sie veraus­gabten es in österreichischen Kronen. Sie vor allem waren die Nutznießer der großen Differenz zwischen dem inneren und dem äußeren Wert der Krone. Neben ihnen zog eine neue Schicht der Bourgeoisie aus dieser Differenz große Gewinne. Aus Valutenspekulation und Schiebertum entstanden neue große Vermögen…“

Es gibt allerdings auch Bevölkerungsschichten, die von der Nachkriegs­konjunktur und der Geldentwertung weniger profitieren als die Arbeiter und die „New Economy“, es sind jene, die auf Vermögens- bzw. Miet- und Pachtzinsen angewiesen sind bzw. Kriegsanleihen gezeichnet haben. Otto Bauer:

„Die Republik bezahlte die Zinsen der Kriegsanleihen, aber sie bezahlte sie in Papierkronen. In dem Maße, als der Wert der Papierkrone sank, wurde die Rentnerklasse expropriiert. Die Zinsen... stellten 1920 nur noch ein Hundertstel, 1922 nur noch ein Zehntausendstel des versprochenen Wertes dar... Mit den Rentnern wurden auch die Hausbesitzer expropriiert. Die während des Krieges erlassene Mieterschutzverordnung wurde aufrechterhalten. Die Mietzinse, in Papierkronen ausgedrückt, stiegen nur sehr langsam, während der Wert der Papierkrone schnell sank. Die Aufrechterhaltung des Mieterschutzes war eines der wirksamsten Mittel, die Lebenshaltung der Volksmassen zu heben. Der Wohnungsaufwand verschlang bald nur noch einen geringen Teil des Lohn­einkommens...“

Beamte und Offiziere gehören ebenfalls zu den Verlierern:[157]

„Auch die höhere Beamtenschaft wurde von der Geldentwertung nieder­gedrückt. Staat, Länder, Gemeinden, infolge der Geldentwertung mit den größten finanziellen Schwierigkeiten kämpfend, konnten die Bezüge ihrer Angestellten nur langsamer erhöhen als die für den Export arbeitende Industrie und als die durch die Geldentwertungskonjunktur begünstigten Banken und Han­dels­unternehmen. Die Bezüge der untersten Kategorien der öffentlichen Angestellten, die auch vordem nur das nackte Leben ermöglichten, mussten freilich in dem Maße erhöht werden, als die Kaufkraft des Geldes sank; desto mehr mussten die Not leidenden öffentlichen Haushalte an den Bezügen der höheren Angestellten sparen. Ihre Bezüge stiegen viel langsamer, als der Geld­wert sank. So wurden von Ende 1915 bis zum März 1920 die Bezüge der ledigen Staatsbeamten in der XI. Rangklasse immerhin um 718 %, in der IV. Rangklasse nur um 215 % erhöht. Ein Hofrat hatte im Jahr 1915 noch 8,6 mal, im Jahr 1920 nur noch 3,3 mal höhere Bezüge als ein Beamter der untersten Rangklasse.“

Die Pauperisierung des Bürgertums erfasst auch die freien Berufe. Mit ihrem Hauptkundenkreis ver­lie­ren auch viele Ärzte, Schriftsteller und Künstler ihre Haupteinnahmequelle. Viele von ihnen können nun das tägliche Leben nur mehr durch den Verkauf von Hausrat, Schmuck und durch die Aufnahme von Untermietern bestreiten. Bauer:[158]

„Sie waren die Träger des österreichischen Patriotismus, der altösterreichischen Traditionen gewesen. Sie waren seit einem Jahrhundert die Träger der spezifisch österreichischen Kultur, der Wiener Literatur, der Wiener Musik, des Wiener Theaters gewesen. Es war ihr Reich, das im Oktober 1918 zusammengebrochen war... Ihr wirtschaftliches Schicksal bestimmte ihre soziale und politische Ideologie.“

Es ist nicht so, dass dieses Bürgertum jede Veränderung abgelehnt hätte. Viele ihrer Protagonisten waren durchaus bereit als „geistige Arbeiter“ mit der neuen Arbeiter­klasse Schulter an Schulter zu marschieren. Als sie aber zunächst einmal allein von Arbeitslosigkeit, Inflation und sozialem Abstieg erfasst werden und die Löhne von Handarbeitern über die Einkommen akademisch Gebildeter steigen, da schlägt auch bei den Einsichtigen die Stimmung um. Bauer: [159]

„Ihre Erbitterung wandte sich gegen die beiden Klassen, die aus der Kata­strophe, die das alte Bürgertum zugrunde gerichtet hatte, aufgestiegen waren: gegen die neue Bourgeoisie, die wirtschaftlich die Katastrophe genützt, und gegen die Arbeiterklasse, die die Katastrophe zu politischer Vorherrschaft gehoben hatte. Sie sahen viele Juden unter den reich gewordenen Schiebern. Sie sahen Juden unter den Führern der Arbeiter. Ihr zwiefacher Hass fand im Antisemitismus seine Vereinigung.“

Am 14. März 1919 sorgt das Gesetz über die „Vorbereitung der Sozia­lisierung“ für zusätzliche Verbitterung im bürgerlichen Lager. Es beinhaltet Grundsätze für die zukünftige Enteignung von Wirtschafts­betrieben „zugunsten des Staates, der Länder und der Gemeinden aus Gründen des öffentlichen Wohles“.[160] Schließlich stoßen auch noch die Bauern zur Schar der Unzu­friedenen. Vom Krieg heimgekehrt haben sie gegen die Geldentwertung zunächst nicht viel einzuwenden. Die Inflation erleichtert ihnen die Rückzahlung von Hypo­­thekar­­schulden beträchtlich, die nicht angepasste Grundsteuer wird infolge der Geldentwertung bedeutungslos. Weniger Anklang finden die neuen Rechte jener, die im Dorf bislang über keinen Grund und Boden verfügten und nun vom Gesetz gedeckt in die Agrar­gemeinschaften drängen. Darüber hinaus be­ginnen sich Land- und Forstarbeiter zu organisieren und eine Begrenzung ihrer Arbeitszeit einzufordern. Als mehrheitlich negativ wird vor allem von den älteren Landwirten die Pächter­schutz­verordnung vom 5. August 1919 [161] empfunden, der die Anpassung des Pacht­zinses an die Geldentwertung hemmt und einen Enteignungseffekt mit sich bringt, der an jenen der Hausbesitzer ge­mahnt.

Die Enttäuschung der Bürger und Bauern macht sich bei den zweiten Wahlen der Republik am 17.Oktober 1920 bemerkbar. Die Sozialdemokraten verlieren den Status der stärksten Partei an die Christlichsozialen, die nun 6 Prozentpunkte vorne liegen. Während sich für Otto Bauer die erste Regierung noch als „Klassen­allianz der Arbeiter mit den Bauern“ darstellte, sieht er die zweite Koalition nur mehr als eine[162]

„banale Parteienkoalition der Sozialdemokraten mit den Christlichsozialen… Jede Partei war stark genug, die andere am Handeln zu hindern, keine stark genug der anderen ihren Willen aufzuzwingen... Die Aktionskraft der Regierung und der Gesetzgebung war gelähmt. “

Otto Bauer zieht aus dieser Erkenntnis am 22. Oktober 1920 die Konsequenz und tritt aus der Regierungskoalition aus. Er handelt aus der Überzeugung, die Christ­lichsozialen würden scheitern, was die vom Wähler gestärkten Sozialsten wieder ans Ruder bringen würde. Bauers Taktik geht allerdings nicht auf. Die österreichische Sozial­demokratie wird erst 24 Jahre später -unter fast der gleicher Kräfte­konstellation wie 1921- in einer österreichischen Regierung vertreten sein. Nicht wenige Politologen halten deshalb auch den Austritt aus der Koalition für Bauers schwersten Fehler. Er habe damit aus freien Stücken die Kontrolle über die Volkswehr abgegeben, was einen schweren Machtverlust zur Folge hatte. Die innerparteiliche Kritik hat Renner wie folgt zum Ausdruck gebracht:[163]

„Otto Bauer machte durch seine starre Haltung, durch das Gewicht seiner Persönlichkeit… der Sozialdemokratie den Eintritt in die Koalition, außer um den Preis einer Parteispaltung, unmöglich. Diesen Preis zu zahlen war jedoch kein Sozialdemokrat bereit… So war das Experiment glücklich gelungen, die Republik, die in erster Linie von der sozialdemokratischen Arbeiterschaft als demokratische Republik gegründet worden war, zu Ehren des Prinzips als „reine Bourgeois-Republik“ zu deklarieren und die öffentliche Gewalt ohne zwingende Not in die Hand eines Volksteiles zu legen, in dem Legitimisten, Reaktionäre aller Rich­tungen, Großgrundbesitz und Großunternehmertum, der katholische Klerus und die nationalistische Intelligenz allmählich die Führung über die von der demo­kratischen Linken verlassenen demokratischen Kleinbürger und Bauern gewinnen mussten.“

Am 15. Juli 1927 tritt das nächste gravierende Problem an den Parteivorstand heran. Ein Geschworenengericht hat im Schattendorfer Mordprozess jene Be­schuldigten freigesprochen, die tödliche Schüsse auf Sozialdemokraten abgegeben hatten. Die Arbeiter-Zeitung lenkt am 15. Juli die Volkswut weniger auf die unabhängigen Geschworenen, als gegen die Justiz und kaum verschleiert auch gegen die Regierung. Chefredakteur Austerlitz: [164]

„Denn die Versagung der Gerechtigkeit ist das Schlimmste, was den arbeitenden Menschen angetan werden kann, und wenn sie das einmal erkennen und ihr Bewusstsein von der niederdrückenden Tatsache erfüllt wird, so ist es um die Rechtsordnung geschehen. Die bürgerliche Welt warnt immerzu vor dem Bürgerkrieg, aber ist diese glatte, diese aufreizende Freisprechung von Menschen, die Arbeiter getötet haben, weil sie Arbeiter sind, nicht schon selbst der Bürgerkrieg ? Wir warnen sie alle, denn aus einer Aussaat des Unrechtes… kann nur schweres Unheil entstehen.“

[...]


[1] Egger, Hans: Die Politik der Auslandsorganisationen der österreichischen Sozialdemokratie in den Jahren 1938 bis 1946. Denkstrukturen, Strategien, Auswirkungen (Wien 2004)

[2] Leser, Norbert: Zwischen Reformismus und Bolschewismus. Der Austromarxismus in Theorie und Praxis (Wien 1968) 19

[3] Horak, Roman: Freiheitsgang. Lassalleanische Agitation in den Anfangsjahren der österreichischen Arbeiterbewegung, in: Konrad /Maderthaner (Hg.) Neuere Studien zur Arbeitergeschichte (Wien 1984) Band 2. 282. Horak weist nach, dass der Lassalleanismus nicht einfach durch den Marxismus abgelöst wurde, sondern weiterwirkte. Wenn Horak allerdings die (endgültige) Aufhebung dieser Ansichten in einer Frühform des „Kautskyanismus“ ortet, so ist dem entgegenzuhalten, dass Karl Renner wohl mehr Lassalleaner als Marxist war und sich dieser Flügel der Sozialdemokratie nach 1945 gegenüber dem Marxismus durchgesetzt hat.

[4] Der ALC war von Friedrich Adler mit voller Absicht nicht als Nachfolgeorganisation der AVOES gegründet worden. Adlers Mitwirkung führte jedoch dazu, dass sie de facto als Nachfolgeorganisation galt.

[5] Maimann, Helene: Politik im Wartesaal. Österreichische Exilpolitik in Großbritannien 1938 bis 1945 (Wien 1975)

[6] Goldner, Franz: Die österreichische Emigration 1938 bis 1945 (Wien-München 1972)

[7] Unter diesen Doku­menten nehmen die Tagebücher des Vor­sitzenden der Kommu­nistischen Internationale (Komintern) und Mitglied des Politbüros der KPdSU Georgi Dimitroff eine Schlüsselrolle ein. [Dimitroff, Georgi: Tagebücher 1933-1943 (Berlin 2000). 2 Bände]

[8] Maimann. 47. Überbewertung der Denkschrift Leichters und des Papiers von Karl Hans Sailer.

[9] Konrad, Helmut: Wurzeln deutschnationalen Denkens in der österreichischen Arbeiterbe­wegung, in: Ders.(Hg.) Sozialdemokratie und „Anschluss“. Historische Wurzeln Anschluss 1918 und 1938. Nachwirkungen – Tagung des Dr. Karl Renner Instituts 1.März 1978 (Wien 1978) Seiten 19 bis 35. Der von Konrad als dominant beurteilte sozialdemokratische Anschluss­ge­danke spielt bei Maimann überhaupt keine Rolle.

[10] Maimann.53. Maimanns Behauptung, dass die österreichischen Kommunisten in London „…in politischen Entscheidungen…auf sich selbst gestellt“ waren, ist ahistorisch. Die Führung der KPÖ in Moskau hatte nicht nur die Pflicht, sondern gerade in London auch alle Möglichkeiten ihre zahlreichen, gut geschulten Mitglieder (Gruppe Winterberg) auf den Kurs der 3.Inter­nationale zu bringen und zu halten. Maimann selbst bestätigt dies indirekt wenig später: „Anderseits muss die Versorgung mit wichtigem Propaganda­ma­terial aus Moskau gut geklappt haben: Die von Ernst Fischer im Moskauer Exil verfassten Schriften konnten kurz darauf in London gedruckt werden.“

[11] Goldner. 8

[12] Ackermann, Manfred: Erziehung zum Menschenbewusstsein (Wien 1988)

[13] Deutsch, Julius: Ein weiter Weg. Lebenserinnerungen (Wien 1960)

[14] Ellenbogen, Wilhelm: Menschen und Prinzipien. Erinnerungen, Urteile und Reflexionen eines kritischen Sozialdemokraten (Wien 1981)

[15] Fischer, Ernst: Das Ende einer Illusion. Erinnerungen 1945-1955 (Wien 1973)

[16] Helmer, Oskar: 50 Jahre erlebte Geschichte (Wien 1957)

[17] Kreisky, Bruno: Zwischen den Zeiten. Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten ( Berlin 1986)

[18] Leichter, Otto: Zwischen zwei Diktaturen (Wien 1968)

[19] Mandler, Karl: Verlorene Jahre. Kämpfe innerhalb der Linken. Erinnerungen eines Austro­marxis­ten (Wien 1996)

[20] Olah, Franz: Die Erinnerungen (Wien 1995)

[21] Scharf, Erwin: Ich hab’s gewagt mit Sinnen… Entscheidungen im antifaschistischen Widerstand, Erlebnisse in der politischen Konfrontation (Wien 1988)

[22] Simon, Joseph: Augenzeuge (Wien 1979)

[23] Buttinger, Joseph: Das Ende der Massenpartei. Am Beispiel Österreichs (Frankfurt 1972)

[24] Kreisky. 1986. 276

[25] Kreisky. 1986. 271-276.

[26] Marschalek, Manfred: Untergrund und Exil (Wien 1989)

[27] Der gemeinsame Kampf gegen das Dollfuß- und Schuschniggregime hatte vor allem in den Gefängnissen und Anhaltelagern immer wieder zum kollegialen Austausch von Informationen geführt, die nicht uner­hebliche Zahl von ,Überläufern’ im Umfeld der Untergrundkader be­stärkte den Verdacht der Kompromittierung.

[28] Die Tatsache, dass er diesen Schritt nicht bereits in Österreich gesetzt hat und auch später nicht setzen wird, hängt mit dem Bestreben zusam­men, auch noch im Exil als Funktionär der Revolutionären Sozialisten und damit der Gesamt­partei auftzutreten und Führungs­ansprüche auch im Rahmen einer neuen Parteiorganisation geltend zu machen.

[29] Bauer, Otto: Zwischen zwei Weltkriegen ? (Bratislava 1936) 348 „Wir sind nicht berufen, die junge Bewegung, die heute in Österreich wie in den anderen faschistischen Ländern entsteht zu führen; sie… muss sich ihre Ziele selbst setzen, sich selbst ihre Mittel wählen, sie muss sich selbst ihre Politik bestimmen und ihre Ideologie gestalten.“

[30] Unter den „Brünnern“ sind die bereits 1934 in die Tschechoslowakei ge­flüchteten Funktionäre der alten Partei zu verstehen. Sie hatten in der mährischen Hauptstadt unter der Führung des früheren Parteivor­sitzenden Otto Bauer mit Unterstützung von Julius Deutschdas Auslands­büro der Österreichischen Sozial­demokraten (ALÖS) etabliert und die illegale Arbeit Buttingers in Österreich unterstützt.

[31] Josef Podlipnig war Redakteur des sozialdemokratischen Wochenblattes in Kärnten, als Mitglied des ZK der RS war er Stellvertreter von Josef Buttinger und Leiter der Provinz­or­ganisation der RS. Josef Hubeny war Jugend­funktionär in Wien-Alsergrund und Otto Bauer (Tarnname ,Herbst’, auch der „kleine Bauer“ genannt), war Obmann des Bundes der Religiösen Sozialisten.

[32] Mitglieder der AVOES bei deren Gründung: Vorstand: Buttinger, Holoubek, Podlipnig, Ackermann, Bauer. Beratende Mitglieder: Czernetz, Pollak, Leichter, Sailer, Bauer II und Pav. Bei der Sitzung fehlten: Holoubek, Pav und Bauer II und Pollak.

[33] Die Brüssler Deklaration (Buttinger) wird auch als Brüssler Beschluss (Czernetz in „Der sozia­listische Kampf“ 9/38) bzw. Brüssler Manifest bezeichnet. Als Teil des Protokolls der Sitzung vom 1.April 1938 ist dieses Papier ebenso wenig erhalten geblieben wie die Protokolle der übrigen Sitzungen der AVOES in Belgien und Frankreich.

Nachweis 1: Valentin, Fritz (Karl Czernetz): Gibt es eine österreichische Nation?, in: „Der sozialistische Kampf“ (9/38 Seite 208). Czernetz zitiert in diesem Artikel zumindest Teile des Beschlusses: „Der Freiheitskampf in Österreich kann nicht geführt werden im Bunde mit jenen reaktionären Kräften, die in vier Jahren klerikofaschistischer Diktatur Hitler den Weg nach Öster­reich geebnet haben und deren oberster Wortführer, die katholische Kirche in Österreich, sich ihm schmählich unterworfen hat. Angesichts der vollzogenen Tatsache erklären wir: Die öster­reichischen Arbeiter können ihre Befreiung nicht anders erkämpfen, das österreichische Volk kann von der Despotie des Dritten Reiches nicht anders befreit werden, als durch die gesamtdeutsche Revolution…“

Nachweis 2: Bauer, Otto: Nach der Annexion, in: „Der sozialistische Kampf“ Nr.1/1938

Nachweis 3: Hinweise in der RS-Korrespondenz vom 18.Juni 1938 (Seite 3): „Die Entschlossenheit, den Kampf gegen die hitlerfaschistische Gewaltherrschaft in Österreich weiter zu führen, lässt uns österreichische Sozialisten aber nicht verkennen, dass das Ziel dieses Kampfes nicht sein kann, die Unabhängigkeit Österreichs wiederherzustellen. Wir führen unseren Kampf, um gemeinsam mit der deutschen Arbeiterklasse [Hervorhebung im Original] den Hitlerfaschismus zu stürzen. Es wäre eine reaktionäre Vorstellung, nach dem Sturz Hitlers für die Lostrennung Österreichs von Hitler-Deutschland einzutreten… Diese Losung hätte nur einen Sinn, wenn es eine realpolitische Zielvorstellung der Verwirklichung dieser Unabhängigkeit ohne den Sturz Hitlers geben könnte. Das ist jedoch ausgeschlossen. Da die „nationale Befreiung“ der Österreicher nicht ohne den Sturz Hitlers möglich ist, der Sturz Hitlers aber nur das Werk einer gesamtdeutschen Revolution sein kann, kann für den sozialistischen Befreiungskampf nicht die Unabhängigkeit Österreichs als Ziel proklamiert werden… Eine gesamtdeutsche Revolution darf auch heute keine Losung aufstellen, die die Zerstückelung eines von Hitler befreiten Deutschland erleichtern würde.“

[34] „Kriegsdeklaration“ ist eine Bezeichnung des Autors. Es handelt sich um einen Beschluss der AVOES, veröffentlicht unter: „Die politische Stellung und die Tätigkeit der Auslandsvertretung während der Zeit der akuten Kriegsgefahr“ in der RS-Korrespondenz Nr.5 vom 3.November 1938.

[35] Buttinger.553. Diese Einschätzung ist vor dem Hintergrund der Verhaftung sämtlicher Spitzen­funktionäre der KPÖ im Jahr 1938 zu sehen.

[36] Buttinger. 543 f.

[37] Buttinger. 543 - 544

[38] RS-Korrespondenz 5/38 vom 3.November 1938. Seite 8. Es erschien unter den Exilbedingungen nicht ratsam, diese Zielsetzung in ungetarnter Klarheit zu publizieren. Auch die Verweigerung des antifaschistischen Kampfes musste verschleiert werden. So wurde zwar nicht jegliche aktive Teilnahme (RS-Korrespondenz Nr.5. Seite 8) abgelehnt, man knüpfte sie jedoch an so gut wie unannehmbare Bedingungen (Volle Propagandafreiheit auch im Rundfunk, Recht auf Indoktrinierung deutscher Kriegsgefangener etc.)

[39] Revolutionäre Ansätze führten aufgrund der staatlichen Restriktionen zu keinen Erfolgen.

[40] Horak, Roman: Die Versittlichung des Staates. Zur Bedeutung des Lassalleanismus in der Frühgeschichte der österreichischen Sozialdemokratie (Phil Diss Wien 1983)

[41] De Staël, Germaine: De l’Allemagne (London 1813)

[42] Von dieser Nationalisierung war zunächst nur Preußen betroffen, der Rheinbund genoss unter Napoleon bedeutende Vorteile.

[43] In Wien rückt zeitweise ein Kippen der ethnischen Bevölkerungsmehrheit in den Bereich des Denkbaren, dazu: Winter, Lev: Die Lex Kolisko und die deutsche Sozialdemokratie, in: Der Čechoslowakische Sozialdemokrat (1.Jhg.Nr.14) vom 01.11.1913, zitiert in: Löw: Zerfall der „Kleinen Inter­nationale“.S.311. „…Wien [wird] mit seinen etwa 300.000 Čechen für die größte čechische Stadt gehalten. Die Čechen in Wien sind in ihrem weitaus überwiegenden Teil Proletarier. Zumeist sind es Arbeiter, teilweise proletarische Kleingewerbetreibende und einige Beamte in den Zentralstellen. Der Zusammenhang der Wiener Čechen mit dem Mutterlande ist so fest, die gegenseitigen Beziehungen sind so zahlreich, dass heutzutage kein ernster Mensch daran denken wird, die Masse der Wiener Čechen zu germanisieren.“

[44] Němec, Antonín: Debattenbeitrag am IX.Parteitag der Tschechoslowakischen Sozialdemokratie, in: Löw: Zerfall der „Kleinen Internationale“Seite 277: „Unser Standpunkt ist in vielen Sachen der nationalen Politik ein anderer als der Standpunkt der deutschen Genossen, und dies deshalb, weil wir eine Nation im Vormarsch sind, sie jedoch im Rückzug. Es ist natürlich, dass die rückweichende Partei schwerer eine Veränderung der Verhältnisse trägt, dass sie hart­näckiger an dem bestehenden Zustand festhält.“

[45] Konrad. Anschluss. 49. Diskussionsbeitrag Fritz Wolfram.

[46] Kaufmann. Sozialdemokratie. 21. „…so war es sie, die schließlich den Untergang der Monarchie mehr als jede andere am Gewissen hatte,“ oder: Rumpler, Helmut: Eine Chance für Mitteleuropa (Wien 1997) 403: „Die Nationalisierung des österreichischen Deutschtums als Folge der Trennung von Deutschland, das war die eigentliche katastrophale Wirkung von 1866.“

[47] Rumpler/Urbanitsch: Die Habsburgermonarchie 1848 – 1918 VII/1 (Wien 2000) Die All­deutschen waren 1888 (noch unter Schönerer) mit lediglich 7 Abgeordneten im Reichsrat vertreten, 1907 mit 3 (S. 978) und 1911 mit 4 Mandaten (S. 987).

[48] Brügel. Geschichte. 1.Bd. 113. Es ist anlässlich der Gründung der österreichischen Arbeiter­bildungsvereine in der Zeitung der deutschen Sozialdemokratie Sozialde­mokrat erschienen, die in der Schweiz publiziert wurde.

[49] Marx, Karl / Engels, Friedrich: Das Kommunistische Manifest, in: Sozialistische Hefte (Wien 1945). Folge 5. Seite 26.

[50] Engels, Friedrich, in: N eue Rheinische Zeitung vom 15.Februar 1849

[51] Engels, Friedrich: Revolution und Konterrevolution in Deutschland, in: Löw, Konrad: Das Rotbuch der kommunistischen Ideologie (München 1999) 95 f.

[52] Konrad. Anschluss. 23

[53] Die Etablierung wurde allerdings von den Zisleithanischen Behörden nicht genehmigt.

[54] Kaufmann.15. Die Verurteilten wurden allerdings bereits 1871 begnadigt.

[55] Kaufmann. 17

[56] Die deutsche Schwesterpartei wurde 1878 verboten.

[57] Staudacher, Hanna: Sozialrevolutionäre und Anarchisten. Die andere Arbeiterbewegung vor
Hainfeld (Wien 1988) Staudacher behandelt vor allem die Geschichte der radikaleren (,Roten’)
Fraktion, der Radikalen Arbeiter-Partei Österreichs.

[58] Brügel. Geschichte. Band 3. 81

[59] Leser, Norbert: Zwischen Reformismus und Bolschewismus. Der Austromarxismus als Theorie und Praxis (Wien 1968) 199 ff.

[60] Kulemann, Peter: Am Beispiel des Austromarxismus. Sozialdemokratische Arbeiterbewegung in Österreich von Hainfeld bis zur Dollfuß-Diktatur (Hamburg 1979) 75 ff.

[61] Parteivorstand der SDAP (Hg.): Adler, Viktor: Aufsätze, Reden, Briefe (Wien 1925) 55 f.

[62] Dowe. Lassalle 8. Lassalle ist immer schon der Überzeugung von Karl Marx entgegengetreten, dass es die Ideen großer Menschen sind, die den Verlauf der Weltgeschichte bestimmen. Der große Mensch müsse vielmehr den richtigen Zeitpunkt erkennen, wenn sich die Verhältnisse so weit entwickelt hätten, wo es darauf ankäme, den latenten Ideen seine Hand zu leihen bzw. ihre Durchsetzung und Umsetzung zu beschleunigen.

[63] Löw, Raimund: Der Zerfall der „Kleinen Internationale“. Nationalitätenkonflikte in der Arbei­ter­bewegung des alten Österreich (1889-1914) (Wien 1984) 12

[64] Braunthal, Julius: Viktor und Friedrich Adler. Zwei Generationen Arbeiterbewegung (Wien 1965) 174 f. Adler schreibt an Bebel, er fühle sich „an den Marterpfahl der Nationalitäten­gegen­sätze gebunden.“

[65] Butterwegge, Christoph: Austromarxismus und Staat (Marburg 1991) 108

[66] Renner, Karl: Die Gründung der Republik Deutschösterreich, der Anschluß und die Sudeten­deutschen (Wien 1938) 10

[67] Pollak, Walter: Sozialismus in Österreich. Von der Donaumonarchie bis zur Ära Kreisky (Wien 1979) 220 f.

[68] Bauer hat auch in anderen Fällen antijüdische Ressentiments für seine Zwecke nutzbar gemacht. Siehe z.B.: Bauer, Otto: Der Aufstand der österreichischen Arbeiter (Prag 1934) 21.. „…Aus der Erinnerung an unsere Gefallenen… gegen ihre Henker,…gegen ihre Mitschuldigen, mögen sie in katholischen Bischofsitzen, mögen sie in jüdischen Zeitungsredaktionen dem Blutwerk der Henkerregierung applaudieren, wird die österreichische Sozialdemokratie siegreich wieder erstehen.“ Oder (Seite 30) wo er die Vaterländische Front u.a. als ein „Sammelsurium von jüdischen Bourgeois“ bezeichnet „die den Antisemitismus Hitlers fürchten.“

[69] Kleindel, Walter: Österreich. Daten zur Geschichte und Kultur (Wien 1995) 298 f.

[70] Ardelt, Rudolf: Vom Kampf um Bürgerrechte und Burgfrieden (Wien 1994) 40

[71] Münchner Halbmonatszeitschrift „März“ (Verlag Albert Langen) Juni 1907

[72] Perfahl, Brigitte: Marx oder Lassalle ? (Wien 1982) 175 und 192. Eine Analyse der parteinahen Zeitungen „Sozialist“ und „Zukunft“ ergeben auch weiterhin einen hohen Gehalt an refor­mistischem Gedankengut.

[73] Braunthal. Adler. 176. Adler an Bebel (1910): „Das Schlimmste [im Konflikt mit den tschechischen Sozialdemokraten], dass bei den deutschen Arbeitern schließlich die nationalen Instinkte geweckt werden, dass die internationale Ideologie zerstört wird…“

[74] Nollau. Die Internationale. Wurzeln und Erscheinungsformen des Proletarischen Internatio­nalismus (Köln1959). 35. Man wird erst 1896 das „Internationale Sozialistische Bureau“ etablieren.

[75] Braunthal. Adler. 213.

[76] Nollau: 42

[77] Ardelt. Vom Kampf.79

[78] Ardelt. Vom Kampf.80

[79] Ardelt. Vom Kampf. 125

[80] Brief Adler an den Chefredakteur des Laboratori, Valentino Pittioni vom 24.August 1914, zitiert
in: Braunthal.Adler.215

[81] Braunthal. Adler. 178

[82] Braunthal. Adler. 215

[83] Braunthal. Adler. 217

[84] Brief Victor Adler an Kautsky vom 26.November 1914, zitiert in: Braunthal. Adler. 222

[85] In Stuttgart (1907) wird die Arbeiterklasse aufgefordert, das Ausbrechen eines Krieges zu verhindern und, «falls der Krieg dennoch ausbrechen sollte», «mit allen Kräften dahin zu streben, die durch den Krieg herbeigeführte wirtschaftliche und politische Krise zur Aufrüttelung des Volkes auszunutzen und dadurch die Beseitigung der kapitalistischen Klassenherrschaft zu beschleunigen». In Kopenhagen wird im Jahr 1910 die Stuttgarter Resolution nochmals bestätigt. Aus Anlass der Balkankriege wurde auf dem Kongress der II.Internationale 1912 in Basel eine weitere Resolution gegen den Krieg mit dem «Verbot für die Sozialisten, den nationalen Krieg zu unterstützen» verabschiedet.

[86] Die Internationalen in Österreich an die Internationalen aller Länder, zitiert in: Braunthal. Adler. 220 Dieses Manifest ist am 3.12.1915 gleichzeitig im Züricher Volksrecht, der Berner Tagwacht, dem Avanti in Mailand und in der von Trotzki in Paris herausgegebenen Zeitung Nasche Slowo publiziert worden.

[87] Brügel. Vor dem Ausnahmegericht. 26

[88] Austerlitz, Friedrich, in: Arbeiter Zeitung vom 22.Oktober 1916, zitiert in: Brügel: Friedrich Adler vor dem Ausnahmegericht (Wien 1967).

[89] Ardelt, Rudolf: Friedrich Adler. Probleme einer Persönlichkeitsentwicklung um die Jahrhun­dertwende (Wien 1984) Ardelt wird in späteren Arbeiten (Konrad. Anschluss) ein deutlich positiveres Bild von Friedrich Adler präsentieren.

[90] Brügel, J.W: Friedrich Adler vor dem Ausnahmegericht (in der 1. Auflage ist der Gerichtsakt noch ungekürzt wiedergegeben)

[91] Brügel, J.W: Friedrich Adler vor dem Ausnahmegericht (Wien 1967) In dieser Ausgabe fehlen die noch in der Ausgabe Jena 1923 auf Seite 62 in Entsprechung der Gerichtsprotokolle (Archiv der Stadt Wien) enthaltenen überaus kritischen Anmerkungen über Dr. Karl Renner, dem Fried­rich Adler „biedere Verlogenheit“, „Prinzipienlosigkeit“ und „Gaukelei“ vorwirft.

[92] Brügel. Auflage 1967. 123

[93] Brügel. Auflage 1967. 124

[94] Ebenda

[95] Brügel.Auflage 1967. 158

[96] Ebenda. 129

[97] Brügel.Auflage 1967. 158

[98] O.B. (Pseudonym für Otto Bauer): Der Kampf Nr.11/12 aus 1917. 327

[99] Der Parteivorstand setzte sich nach dem 24. Oktober 1917 wie folgt zusammen: Viktor Adler, Friedrich Austerlitz, Otto Bauer, Anton David, Franz Domes, Wilhelm Ellenbogen, Matthias
Eldersch, Engelbert Pernerstorfer, Adelheid Popp, Karl Renner, Jakob Reumann, Karl Seitz,
Ferdinand Skaret und Josef Tomschik. Die wichtigsten Neuaufnahmen waren Otto Bauer und
Karl Renner.

[100] Braunthal. Adler. 280

[101] Ebenda

[102] Über die tatsächlichen Gründe seiner Absage kann man nur spekulieren. Wahrscheinlich haben folgende Faktoren besonders dazu beigetragen: Enttäuschung über die Entwicklung der russischen Revolution (Brutalität, Entrechtung der Arbeiterklasse), Loyalität gegenüber seinem Vater, Erkenntnis, dass er aufgrund seiner gesundheitlichen Probleme für die Führung einer Partei nicht voll geeignet ist.

[103] Arbeiter Zeitung vom 21. November 1918

[104] Nollau. 108 f.

[105] Trotzky, Leo: Geschichte der russischen Revolution (Berlin 1933) 710

[106] Parteitagsprotokoll 1920, Seite 180, zitiert in: Braunthal. Adler. 287. Adler sprach sich am Parteitag 1920 generell gegen die „bolschewistische Diktatur“aus. Er zeigte sich von der „alten, primitiven marxistischen Theorie“überzeugt, dass eine sozialistische Weltrevolution ihren Ausgang von den hochentwickelten Industrieländern mit seinem Massenproletariat nehmen müsse. In dieser Form wäre die Revolution in Russland „als großes Unglück für die revo­lu­tionäre Arbeiterbewegung in der ganzen Welt“zu betrachten

[107] Renner, Karl. Wandlungen der modernen Gesellschaft (Wien 1953) 60, zitiert in Leser. Reformismus. 123

[108] Portisch, Hugo: Die unterschätzte Republik (Wien 1989) 108 f.

[109] Braunthal. Adler. 287

[110] Arbeiter Zeitung vom 21. November 1918

[111] Spira, Leopold: Ein gescheiterter Versuch (Wien 1979) 125. 1919 hätten nicht die bürgerlich-reaktionären Kräfte die kapitalistische Ordnung verteidigt, sondern die SDAP.

[112] Hildermeier, Manfred: Geschichte der Sowjetunion 1917 -1991 (München 1998) 156. Der Autor lässt die blutige Niederschlagung des Aufstandes allerdings unerwähnt.

[113] Musial, Bogdan: Kampfplatz Deutschland (Berlin 2008) 108

[114] Dies geschieht am IV. Weltkongress der 3.(Kommunistischen) Internationale vom 5.November bis 5.Dezember 1922

[115] Glaser, Ernst: Im Umfeld des Austromarxismus (Wien 1981) 17

[116] Butterwegge begreift den Austromarxismus ebenfalls als einheitliche Denkrichtung. In der Eurokommunismusdebatte kommt es 1974 zu einer sich auf Bauer und Gramsci fokussierenden Diskussion über deren Parallelerfahrungen.

[117] Leser. Zaungäste. 62

[118] Buttinger. 195

[119] Buttinger. 197

[120] Bauer, Otto: Revolutionäre Kleinarbeit (Wien 1928) 10, zitiert in: Leser. Reformismus. 106 f.

[121] Butterwegge. 27. Gemäß Eugen Varga diene die Theorie des Austromarxismus das Geschehene zu rechtfertigen, nicht die Zukunft zu gestalten.

[122] Ende der ,bürgerlichen’ Demokratie nach dem Erreichen von 51 % der Mandate.

[123] Bauer. Zwischen zwei Weltkriegen ? 327

[124] Bauer. Zwischen zwei Weltkriegen ? 321

[125] Ebenda. 322

[126] Radek, Karl: Theorie und Praxis der 2 ½ Internationale (Wien 1921) 35

[127] Winkler, Heinrich: Der Weg in die Katastrophe. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Wei­ma­rer Republik 1930 bis 1933 (Berlin 1990) 849. Das Zentralorgan der KPD (Rote Fahne vom 26.1.1933) nannte das Ansinnen, dass „wir Kommunisten mit den Goebbels-Wegbereitern aus der SPD-Führung einen ,Nichtangriffspakt’ abschließen sollen, „eine infame Verhöhnung des anti­fa­schistischen roten Berlin.“ Der von der SPD vorgeschlagene Nichtangriffspakt sei in Wirklichkeit ein „An­griffs­pakt gegen die Werktätigen“ und diene nur der „Sicherung des kapitalistischen Aus­beu­ter­systems und seiner sozialdemokratischen Stütze.“

[128] Kreisky, Bruno: Zwischen den Zeiten. Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten (Berlin 1986)

[129] Es würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, wenn hier alle Argumente angeführt würden, die Kreiskys These stützen. Es sei diesbezüglich auf die historische Dissertation des Autors verwiesen: Egger, Hans: Der Krieg 1939-1945 im Osten Österreichs und seine Vorgeschichte (Wien 2002)

[130] Lexikon Sozialismus. 146

[131] Butterwegge. 261

[132] Maimann. Politik im Wartesaal. 233

[133] Heinisch, Severin: SPÖ und die österreichische Nation. Zum Geschichtsbild der Sozial­demokratie, in: Maimann, Helene: Die ersten 100 Jahre. Österreichische Sozialdemokratie 1888-1988 (Wien 1988) 100 f.

[134] Archiv Egger. Mitteilung Josef und Amanda Ernst, Christian und Hedwig Themessl u.a.

[135] Die 1867 vertraglich fixierten periodischen Verhandlungen bezüglich der Adaptierung des Ausgleiches wurden von den Ungarn mit dem Ziel geführt, sich von den noch bestehenden Abhängigkeiten zu befreien, in politischen und wirtschaftlichen Fragen jedoch entscheidenden Einfluss auf das Kaiserhaus zu bewahren. Die wichtigste Waffe der Ungarn in diesen Auseinandersetzungen war die Drohung mit der völligen Loslösung von Zisleithanien.

[136] Den geographisch bzw. staatlichen Begriff Österreich gab es nicht, weil diese Bezeichnung für die westliche Hälfte der Monarchie von der slawischen Mehrheit abgelehnt worden war.

[137] Chefredakteur Austerlitz nach dem Verbot des Staatsnamen Deutschösterreich in St.Ger­main in der AZ vom 22.Oktober 1919::„…in der Arbeiterzeitung würde weiterhin nur von Deutsch­öster­reich die Rede sein“.

[138] Winkler, Ernst: Die österreichische Sozialdemokratie im Spiegel ihrer Programme (Wien 1963) 57 . Siehe Kapitel VI/4

[139] Warum fordern wir den Anschluss? Erste Denkschrift des österreichisch-deutschen Volks­bun­des (Wien 1926) Beitrag Otto Glöckl

[140] Renner in: „Der Kampf“ 23/Feb 1930 Nr.2 S. 54

[141] Arbeiterzeitung 11.11.28 Seite 3

[142] Konrad, Helmut (Hg.): Sozialdemokratie und „Anschluss“ (Wien 1978). Dieses Buch enthält Referate und Debattenbeiträge der Tagung des Dr. Karl Renner Institutes vom 1.März 1978. Der für das brisante Thema Volksbund vorgesehene Referent Dr.Stuhl­pfarrer erkrankte, sein Manus­kript wurde nicht in den Band aufgenommen.

[143] Zollunionsdebatte

[144] Speiser, Wolfgang, in: Konrad: Sozialdemokratie und „Anschluss“.45. Zum Volksbund:„Das war eine Organisation, die nach dem Scheitern der Bauerschen Anschlusspolitik einen ziemlich breiten Zulauf gehabt hat. Es hat sich dabei um eine Allparteienorganisation gehandelt, deren Vorsitzender ein großdeutscher Politiker Neubacher war, ein Mann, der später eine wenig sympathische Rolle in der österreichischen Politik gespielt hat. Zweiter Vorsitzender war ein christlichsozialer Politiker. Diese Bewegung hat in Deutschland und in Österreich große Massenkundgebungen veranstaltet, Massenkundgebungen, an denen die Arbeiterschaft maß­gebend, wenn nicht sogar überwiegend, beteiligt war. Man darf dabei natürlich nicht übersehen, dass in der Deutschen Republik die Sozialdemokratie eine führende Rolle spielte, dass es also, wenn man an die ersten Jahre der Republik denkt, durchaus sinnvoll erscheinen musste, eine Zusammenarbeit mit den deutschen Sozialdemokraten und der von ihnen verwalteten Republik ins Auge zu fassen. Dieser Volksbund ist also durchaus keine so abwegige Sache gewesen, wie es aus der heutigen Sicht vielleicht scheinen mag.“

[145] „Der Anschluß“ - Mitteilungen des Österreichisch-Deutschen Volksbundes 2.Jhg. 15. 12. 1928. Folge 12. Seite 1

[146] Klahr, Alfred: Zur nationalen Frage in Österreich, in: „Weg und Ziel“ (März 1937).

[147] Ebenda. 40

[148] Bauer, Otto: Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie (Wien 1924)

[149] Der Marxismus und das Wesen der Nation, aus: Klahr, Alfred: Zur nationalen Frage in
Österreich, in „Weg und Ziel“ März 1937, in: o.A.:Die Kommunisten im Kampf für die
Unabhängigkeit Österreichs (Wien 1955) 38. Klahr beruft sich dabei auf Stalins noch in Wien
verfasste Broschüre „Marxismus und nationale Frage“. Hier stellte Stalin als Voraussetzung der Nationswerdung neben der Gemeinschaft der Sprache und der Geistesart, die Gemein­sam­keit des Territoriums und des Wirtschaftslebens dar, was bei Österreich seit 1866 nicht mehr gegeben sei.

[150] Bauer, Otto: Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie (Wien 1907) 508 f.

[151] Bauer, Otto: Die Zukunft der russischen Sozialdemokratie, in: „Der Kampf“ Jhg.24, Nr.12.S. 18

[152] Renner, Karl: Wege der Verwirklichung (Berlin 1929) 109

[153] Renner, Karl: Demokratie und Bureaukratie (Wien 1946) 40

[154] Bauer, Otto: Nach dem Parteitag, in: „Der Kampf“ Nr.12/1927

[155] Renner: Wege. 128 f.

[156] Bauer. Revolution. 205

[157] Bauer. Revolution. 206

[158] Bauer. Revolution. 207

[159] Ebenda

[160] Hautmann. Räte. 321- 323

[161] Bauer. Revolution. 212

[162] Bauer. Revolution. 214

[163] Kaufmann, Fritz: Sozialdemokratie in Österreich (Wien 1978). 144

[164] Arbeiter-Zeitung vom 15.Juli 1927

[...]


[i] Braunthal, Julius: Victor und Friedrich Adler. Zwei Generationen Arbeiterbewegung (Wien 1965) Selbst Braunthal, Zeitzeuge des Exils in den USA, handelt das Exilthema in lediglich 4 Seiten ab.

Ende der Leseprobe aus 226 Seiten

Details

Titel
Die Exilpolitik der österreichischen Sozialdemokratie 1938 bis 1945
Untertitel
Denkstrukturen, Strategien, Auswirkungen
Hochschule
Universität Wien  (Human- und Sozialwissenschaftliche Fakultät )
Note
ausgezeichnet
Autor
Jahr
2004
Seiten
226
Katalognummer
V89893
ISBN (eBook)
9783638029797
ISBN (Buch)
9783638928106
Dateigröße
3464 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit entspricht weitgehend der Dissertation aus dem Jahre 2004 über die der Doktorvater sagte: Ich bestätige gerne, dass ihre Arbeit auf Grund der neu erschlossenen Materialien sowie der Originalität, Neuheit und Geschlossenheit der Argumentation aus wissenschaftlicher Perspektive jedenfalls zur Veröffentlichung geeignet ist.
Schlagworte
Exilpolitik, Sozialdemokratie
Arbeit zitieren
Dr. Hans Christian Egger (Autor), 2004, Die Exilpolitik der österreichischen Sozialdemokratie 1938 bis 1945, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89893

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