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Die Propaganda des Terrors - Eine Analyse der Kommunikationsstrategie der ersten RAF-Generation

Title: Die Propaganda des Terrors - Eine Analyse der Kommunikationsstrategie der ersten RAF-Generation

Bachelor Thesis , 2007 , 48 Pages , Grade: 1,0

Autor:in: Frank Dersch (Author)

Communications - Media and Politics, Politic Communications
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Die Herausarbeitung des Zusammenhangs zwischen politisch motiviertem Terrorismus und Kommunikation im Falle der RAF wurde bisher erst in einem Aufsatz in Angriff genommen, der das Wechselspiel zwischen den deutschen Terroristen und den Medien im öffentlichen Diskurs untersucht. Ansonsten aber sind Arbeiten zu diesem Thema „so selten, dass man von einer Terra incognita sprechen kann.“

Die Arbeit wird deshalb der Frage nachgehen, wie sich anhand der Kommunikationsstrategie der ersten Generation der RAF die charakteristische Selbstbezüglichkeit dieser Gruppe bereits kurz nach ihrer Entstehung bemerkbar macht.

Die These der partiellen Selbstadressierung als Merkmal der terroristischen Selbstbezüglichkeit soll im Folgenden durch das erste veröffentlichte Positionspapier der RAF und den Bekennerschreiben der so genannten „Mai-Offensive“ belegt werden. Der im April 1971 veröffentlichte Text "Das Konzept Stadtguerilla" stellt die erste theoretische Äußerung der Gruppe dar, in dem der Versuch unternommen wird, über das eigene Handeln, die eigene Ideologie und die selbst gesetzten Ziele Rechenschaft abzulegen. Die in diesem Text angekündigte „bewaffnete Propaganda“ wird im Mai 1972 durch fünf Bomben- und Sprengstoffanschläge in die Tat umgesetzt.

Die Analyse dieser Ereignisse muss dabei zwei Formen der Codierung in den Blick nehmen: erstens die Codierung durch die Bekennerschreiben der RAF und zweitens die Bedeutung der Anschlagsziele im historischen Kontext. Gerade der zweite Punkt ist dabei für die Herausarbeitung der Selbstbezüglichkeit der RAF unerlässlich, da er die Relationen zwischen der Terrororganisation und den Anschlagszielen erhellt, ohne dabei auf die terroristische Propaganda Rücksicht zu nehmen. Gleichzeitig wird sich zeigen, dass in einzelnen Bekennerschreiben die RAF selbst diese historischen Relationen integriert und offen ausstellt.

Die Propaganda des Wortes und die Propaganda der Tat anhand des ersten theoretischen Textes sowie den ersten ideologisch fundierten Taten und deren Bekennerschreiben werden als Beleg für das Scheitern der terroristischen Kommunikationsstrategie herangezogen, um dadurch die isolierte und auf sich selbst fixierte Haltung der RAF bereits im frühesten Stadium zu verdeutlichen. Dass die erste Aktion der RAF eine Gefangenenbefreiung verbunden mit der Gefährdung eines Menschenlebens war, deutete somit unmerklich schon den kommenden Weg voraus.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Terrorismus als Kommunikationsstrategie

2. Die Propaganda des Wortes am Beispiel der RAF-Schrift Das Konzept Stadtguerilla

2.1. „Herrschende Öffentlichkeit ist die Öffentlichkeit der Herrschenden“ – Merkmale einer Gegenöffentlichkeit

2.2. Die argumentative Erzwingung des bewaffneten Kampfes

2.3. Internationale Intertexte

3. Die Propaganda der Tat – Fünf Anschläge im Mai 1972

3.1. Die Codierung der Anschlagsziele

3.2. Die Aporien der Kommunikationsstrategie

4. Die Kommunikationsstrategie als Terrorismus

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht die Rote Armee Fraktion (RAF) als kommunikatives Phänomen und analysiert, inwiefern die terroristische Strategie der ersten Generation als Kommunikationsstrategie zu begreifen ist. Dabei steht insbesondere die Frage im Mittelpunkt, ob und wie die RAF durch ihre Positionspapiere und Anschläge eine gezielte Adressierung ihrer Bezugsgruppen erreichte oder ob die Aktionen primär einer selbstbezüglichen Identitätsstiftung innerhalb der Organisation dienten.

  • Analyse der RAF-Schrift "Das Konzept Stadtguerilla" als theoretische Legitimationsgrundlage.
  • Untersuchung der "Mai-Offensive" 1972 und der symbolischen Codierung terroristischer Anschlagsziele.
  • Reflektion der Rolle von Gegenöffentlichkeit und Medialität für terroristische Akteure.
  • Herausarbeitung der Selbstbezüglichkeit und Isolationsdynamiken der ersten RAF-Generation.

Auszug aus dem Buch

Die Aporien der Kommunikationsstrategie

Aus dem Bewusstsein heraus, dass die Konzeption „Stadtguerilla“ nur „die revolutionäre Interventionsmethode von insgesamt schwachen revolutionären Kräften“ sein kann, behalf sich die RAF in ihrer sozial-revolutionären Ideologie mit einer Konstruktion, die sie zwar nicht zum revolutionären Subjekt hypostasierte, aber dennoch als Initiator der Umwälzung erscheinen ließ. Das Ideologem der Avantgarde bedingt jedoch eine kommunikative Vermittlung, um die „schwachen revolutionären Kräfte“ mit dem revolutionären Subjekt, also den „proletarischen Massen“, zu verbinden und damit die Revolution durch große Teile der Bevölkerung überhaupt erst begründen zu können. Das Selbstverständnis der RAF forderte demnach gerade bei öffentlichkeitswirksamen Anschlägen, die im Gegensatz zu den theoretischen Schriften nicht für den Diskurs der Gegenöffentlichkeit konzipiert waren, das Nachreichen der Bekennerschreiben heraus. Zumal das medial gestreute Ereignis der Tat an sich die Eigenschaft besitzt, nur „mit außerordentlich geringer Information verknüpft“ zu sein und deshalb eine schriftliche Sinnaufladung erfordert, die im Fall der RAF einerseits staatliche Repressionen auslösen sollte, um damit andererseits eine Massenmobilisierung gegen den „faschistischen“ Staat einzuleiten.

Historisch gesehen gelang den Terroristen auch der erste Punkt: Sie erzwangen eine staatliche Reaktion auf ihre Anschläge durch Gesetzesänderungen und -verschärfungen sowie durch die Aufrüstung des Fahndungs- und Sicherheitsapparats. Der zweite Punkt erfüllte sich jedoch praktisch nicht, denn die „Massen“ bzw. das „Volk“ solidarisierten sich nicht mit der RAF, sondern nahmen die Einschränkung von Freiheit und Grundrechten zugunsten der inneren Sicherheit in Kauf. Retrospektiv betrachtet scheint dies auch unabhängig von politischen, sozialen und wirtschaftlichen Faktoren nachvollziehbar, da die Kommunikationsstrategie der Terroristen erhebliche Mängel aufwies, die eine Solidarisierung mit ihnen von vorne herein ausschloss. Das bedeutet, dass die Position und die Ideologie der RAF, die sie mit Hilfe der Anschläge vermitteln wollte, in dieser Weise gar nicht vermittelbar waren.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Terrorismus als Kommunikationsstrategie: Einleitung in die Entstehungsgeschichte der RAF und die theoretische Verortung der Gruppe als terroristische Organisation, deren Handeln trotz programmatischer Ansprüche eine starke Selbstbezüglichkeit aufwies.

2. Die Propaganda des Wortes am Beispiel der RAF-Schrift Das Konzept Stadtguerilla: Analyse des ersten theoretischen Grundsatzpapiers, welches zur Legitimationsstiftung und Identitätsbildung der eigenen Mitglieder diente sowie internationale Bezüge zur Ideologisierung nutzte.

2.1. „Herrschende Öffentlichkeit ist die Öffentlichkeit der Herrschenden“ – Merkmale einer Gegenöffentlichkeit: Untersuchung der Bestrebungen der RAF, einen antihegemonialen Diskurs zu etablieren und sich von bürgerlichen Interpretationsmustern abzugrenzen.

2.2. Die argumentative Erzwingung des bewaffneten Kampfes: Erläuterung der rhetorischen Strategien und Argumentationsfiguren, mit denen die Zwangsläufigkeit des bewaffneten Kampfes im Text konstruiert wird.

2.3. Internationale Intertexte: Untersuchung der Einbindung fremder Zitate und Konzepte, die der RAF eine internationale Kontextualisierung und zusätzliche Legitimität verleihen sollten.

3. Die Propaganda der Tat – Fünf Anschläge im Mai 1972: Analyse der konkreten gewaltsamen Eskalation im Mai 1972 als "Propaganda der Tat" und deren mediale sowie interne Wirkung.

3.1. Die Codierung der Anschlagsziele: Untersuchung der Bekennerschreiben zu den Anschlägen, die den Gewaltakten durch historische Analogien und Feindbildkonstruktionen einen Sinn verleihen sollten.

3.2. Die Aporien der Kommunikationsstrategie: Kritische Reflexion über das Scheitern der kommunikativen Vermittlung zwischen den terroristischen Taten und dem anvisierten Zielpublikum.

4. Die Kommunikationsstrategie als Terrorismus: Abschließende Betrachtung der RAF-Strategie, die verdeutlicht, dass die angestrebte Mobilisierung der Massen misslang und die Gruppe in einer selbstgewählten gesellschaftlichen Isolation verblieb.

Schlüsselwörter

RAF, Rote Armee Fraktion, Terrorismus, Kommunikationsstrategie, Gegenöffentlichkeit, Stadtguerilla, Ideologie, Avantgarde, Propaganda der Tat, Mai-Offensive, Selbstbezüglichkeit, Bewaffneter Kampf, Radikale Linke, Politische Kommunikation, Institutionenkritik.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert die Kommunikationsstrategie der ersten Generation der Roten Armee Fraktion (RAF) und untersucht das Verhältnis zwischen ihren theoretischen Schriften, ihren gewaltsamen Anschlägen und der beabsichtigten Wirkung auf die Gesellschaft.

Welche zentralen Themenfelder behandelt die Studie?

Im Zentrum stehen die Themenfelder Propaganda, Gegenöffentlichkeit, Legitimationsstrategien durch internationale Intertexte sowie die symbolische Codierung von Anschlagszielen im Kontext der "Mai-Offensive" 1972.

Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage der Untersuchung?

Das primäre Ziel ist es aufzuzeigen, wie die RAF ihre terroristische Praxis kommunikativ zu rechtfertigen versuchte und warum diese Kommunikation letztlich nicht nach außen zu einer Massenmobilisierung führte, sondern in eine zunehmende gesellschaftliche Isolation mündete.

Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?

Die Arbeit stützt sich auf eine diskursanalytische Betrachtung der zeitgenössischen RAF-Texte (Positionspapiere und Bekennerschreiben) unter Einbeziehung medienwissenschaftlicher und historischer Analysen zur Dynamik terroristischer Gruppierungen.

Welche Inhalte bilden den Schwerpunkt des Hauptteils?

Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der theoretischen Fundierung durch das "Konzept Stadtguerilla" und die empirische Untersuchung der Anschläge im Mai 1972 sowie deren jeweilige Kommentierung durch die RAF-eigenen Bekennerschreiben.

Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?

Wichtige Schlüsselbegriffe sind Selbstbezüglichkeit, Avantgardeanspruch, Aporie der Kommunikation, Symbolik der Anschläge und die Abgrenzung zur bürgerlichen Öffentlichkeit.

Inwiefern spielt das "Konzept Stadtguerilla" eine Rolle für die Argumentation des Autors?

Der Autor sieht in diesem Text das grundlegende Instrument der Identitätsbildung für die RAF-Mitglieder, das weniger an die Öffentlichkeit gerichtet war, als vielmehr die Mitglieder innerhalb ihrer "Binnenwelt" immunisieren und legitimieren sollte.

Warum gelang der RAF laut Analyse keine Solidarisierung mit den "Massen"?

Der Autor argumentiert, dass die abstrakte Qualität der Gewalt und die damit verbundene Schockwirkung eine Wahrnehmung der politischen Botschaft verhinderten, wodurch die Terroristen von den Bürgern primär als Kriminelle wahrgenommen wurden.

Wie bewertet der Autor die Rolle der Kommandonamen bei den Anschlägen?

Die Kommandonamen dienten als symbolische Codierung, um gefallene Mitglieder zu Märtyrern zu stilisieren und den Konflikt mit dem Staat in ein Freund-Feind-Schema zu übersetzen, das primär die psychologische Selbsterhaltung der Gruppe stützte.

Was ist das vernichtende Fazit der Arbeit zur Wirkung der RAF-Kommunikation?

Der Autor kommt zu dem Schluss, dass die Kommunikationsstrategie der RAF ein "Armutszeugnis" darstellte, da der Diskurs aufgrund der tiefen Isolation der Gruppe und der Selbstbezüglichkeit ihrer Rhetorik den Bezug zur gesellschaftlichen Realität und zu den angestrebten Bezugsgruppen vollständig verloren hatte.

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Details

Title
Die Propaganda des Terrors - Eine Analyse der Kommunikationsstrategie der ersten RAF-Generation
College
University of Constance
Grade
1,0
Author
Frank Dersch (Author)
Publication Year
2007
Pages
48
Catalog Number
V89912
ISBN (eBook)
9783638042109
ISBN (Book)
9783638940047
Language
German
Tags
Propaganda Terrors Eine Analyse Kommunikationsstrategie RAF-Generation
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Frank Dersch (Author), 2007, Die Propaganda des Terrors - Eine Analyse der Kommunikationsstrategie der ersten RAF-Generation, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89912
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