„I would, there were no age between ten and three-and-twenty, or that youth would sleep out the rest: for there is nothing in the between but getting wenches with child, wronging the ancientry, stealing, fighting“, so klagt der Schäfer in Shakespeares „Wintermärchen“. 400 Jahre ist diese Klage alt und dennoch scheint sie aktuell Anfang 2008.
So wurde und wird viel diskutiert über das Jugendstrafrecht. Ist es ausreichend? Welche Instrumente fehlen? Wie können wir der Jugendgewalt entgegenwirken?
Die Instrumente, die das Jugendstrafrecht bietet, sind m.E. ausreichend. Es gibt Sozialstunden, Wochenendarreste, Dauerarreste, Teilnahmeverpflichtungen an entsprechenden Kursen des Anti-Aggressivitäts-Trainings und des Sozialen Trainingskurses bis hin zu freiheitsentziehenden Maßnahmen in Form von Unterbringung in Jugendstrafanstalten.
Bisher liegt der Schwerpunkt der meisten vorliegenden Arbeiten zum Thema Jugendgewalt eindeutig auf der empirischen Analyse von Gewaltphänomenen, während die Erarbeitung von Präventionsansätzen nachrangig ist. Das ist ein Problem, obwohl mittlerweile einige gute Präventionskurse vorhanden sind.
Ich möchte ein neues Konzept im Bereich der Präventionsarbeit vorstellen, den Konflikttrainingskurs „Alles klar!“ (KonTAK). Bei diesem Trainingsprogramm geht es um den Aufbau und die Stärkung der kommunikativen Grundkenntnisse.
Kommunikative Grundfertigkeiten sind wichtig, um Konflikte zu vermeiden. Sie sind auch wichtig, um Konflikte anders auszutragen als mit Aggression, Gewalt oder Rückzug. Konflikt- und Kommunikationsfähigkeit, Teamarbeit und eigenverantwortliches Handeln sind Erfahrungen, die das Leben prägen. Die Vermittlung von sozialen Fertigkeiten und Fähigkeiten (soziale Kompetenz) hilft den jungen Menschen, in Schule, Ausbildung und später in der Berufswelt bestehen zu können.
Diese Grundfertigkeiten zu erweitern ist Ziel des Konflikttrainingskurses „Alles klar“, der in Schleswig-Holstein zur Zeit als Angebot besteht. In Kooperation mit Schule, Jugendrichtern, Jugendamt, dem Hamburger Verein ‚Gefangene helfen Jugendlichen’ und der Polizei Elmshorn wird dieses Projekt seit Oktober 2006 in unregelmäßigen Abständen durchgeführt.
Inhaltsverzeichnis
1 Ein paar einleitende Worte zum Anfang
1.1 Warum noch ein neuer Trainingskurs?
1.2 Einzelne Trainingskurse – ein Abriss
1.2.1 Die Rahmenbedingungen von AAT / CT ®
1.2.2 Konfrontatives Soziales Training (KST) ®
1.2.3 Sozialer Trainingskurs (STK)
1.3 Konflikttrainingskurs „Alles klar!“
1.4 Zum Aufbau dieser Schrift:
2 Zielsetzung des Konflikttrainings
2.1 Empathieerfahrung: Grundlage für den Trainingskurs
2.2 Zielsetzung
2.3 Zielgruppe
2.4 Unterschiedliche Ehrbegriffe
2.4.1 Versuch einer allgemeingültigen Definition
2.4.2 Geschichtliche Betrachtung
2.4.3 Ehre im westlichen Kulturkreis heute
2.4.4 Ehre im muslimischen Kulturkreis
2.4.5 Der Ehrbegriff und das Konflikttraining
2.5 Bildliche Darstellung als zentrales Element
2.5.1 Das Phasenmodell nach Weidenmann
2.5.2 Zwei Arten des Bildverstehens
2.5.3 Zusammenfassung
3 Der Aufbau des Kurses
3.1 Motivationsgespräche
3.2 Einführungsphase
3.3 Verfestigungsphase
3.3.1 Die Modelle – Methoden zu Konfliktlösungen
3.3.1.1 Das ABC-Modell
3.3.1.2 Das BAC-Modell
3.3.2 Rollenspiel und Präsentation
3.3.3 Was ist Gewalt?
3.3.3.1 Ursachen von Gewalt:
3.3.3.2 Jugendgewalt:
3.4 Abschlussphase
4 Die Umsetzung
4.1 „Wir lernen uns kennen“(1. Treffen)
4.2 „Wer bin ich?“ – die Eigenwahrnehmung (2. Treffen)
4.3 Begriffsklärungen: Mut und Respekt (3. Treffen)
4.3.1 Ergebnisse zum Thema „Mut“
4.3.2 Ergebnisse zum Thema „Respekt“
4.4 Erarbeitung einer Gewaltdefinition (4. Treffen)
4.4.1 Ergebnisse zum Thema „Gewalt“
4.4.2 Jugendliche üben Gewalt aus, weil ...
4.5 Wir sprechen mit Fachleuten (5. Treffen)
4.6 Konfliktanalyse nach dem ABC-Modell (6. Treffen)
4.7 Der Santa-Fu-Besuch (7. Treffen)
4.7.1 Die Vorbereitung der Santa-Fu-Fahrt
4.7.2 Der Santa-Fu-Besuch
4.7.3 Die Nachbereitung
4.8 Der Tag danach und das BAC-Modell (8. Treffen)
4.9 Das Abschlusswochenende (9. Treffen)
4.10 Einzelgespräche
4.11 Nachbereitung und Nachhaltigkeit (10. Treffen)
5 Die Schulung Konfliktfähigkeit
5.1 Angesprochene Handlungsebenen
5.2 Regeln für die Trainer:
5.3 Schritt für Schritt
6 Das Kurstagebuch zum Konflikttraining „Alles klar“
6.1 Ein kleines Vorwort:
6.2 Das persönliche Kurstagebuch
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit stellt den Konflikttrainingskurs „Alles klar!“ (KonTAK) vor, ein präventives, niedrigschwelliges Konzept für Kinder und Jugendliche, das darauf abzielt, kommunikative Grundfertigkeiten zu stärken und alternative Konfliktlösungsstrategien jenseits von Gewalt oder Rückzug zu entwickeln.
- Entwicklung von Empathie und Stärkung der sozialen Kompetenz
- Reflektion und Erweiterung des Ehrbegriffs im Kontext kultureller Identität
- Methodik des visuellen Lernens durch bildhafte Darstellung
- Praxisnahe Konfliktanalyse und Förderung eigenverantwortlichen Handelns
- Nachhaltigkeit durch Bindungsarbeit und kontinuierliche Erreichbarkeit
Auszug aus dem Buch
2.1 Empathieerfahrung: Grundlage für den Trainingskurs
Das Konflikttraining wird, wie die bereits genannten Trainingsprogramme auch, getragen von einem optimistischen Menschenbild. Den Menschen zu mögen, mit seinem Handeln aber nicht einverstanden zu sein, sind keine Widersprüche. Dieses zu vermitteln ist Aufgabe des Trainers.
Die Empathieerfahrung hat im Trainingskurs eine zentrale Bedeutung. Das Gefühl, nicht gemocht zu werden, kann neben Rückzugs- und Fluchttendenzen auch gesteigerte Aggressivität und Gewaltakte bedingen: „Wenn andere Angst vor mir haben, akzeptieren sie mich mehr. Sie mögen mich, weil ich stark bin“. Sprüche wie diese hören wir oft in unserer Arbeit mit Jugendlichen. Empathie wird auf diese Art und Weise eingefordert; sie wird erzwungen und, das ist die Zwickmühle, die Jugendlichen wissen, dass diese Empathie nicht authentisch ist. Gerade deswegen müssen sie sich und der Gruppe immer wieder beweisen, wie „cool“ sie sind. Dieser Druck führt zu einer schnelleren und höheren Erregung, die erhebliche Einschränkungen der kognitiven Fähigkeiten bewirken. Dadurch vermindern sich die Problemlösungskompetenz und die Kommunikationsfähigkeit. Im Konfliktfall wird dann, wenn überhaupt, einseitig und eindimensional gedacht. Oft kommt nur noch eine Lösung in Betracht.
Dieses eindimensionale Denken trägt sich nicht nur in die Gruppe Gleichaltriger. Da Kritik gleichgesetzt wird mit Ablehnung, werden weitere Gruppen wie Schule, Jugendhäuser, z.T. auch das Elternhaus durch die Jugendlichen unter dieser Prämisse bewertet. Die Folgen sind „Einbildungen“ wie „meine Eltern mögen mich nicht“, „der Lehrer mag mich nicht“ und die „Sozialarbeiter mögen mich auch nicht“. Empathie wird nicht mehr zugelassen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Ein paar einleitende Worte zum Anfang: Die Autorin begründet die Notwendigkeit des neuen Konzepts KonTAK im Vergleich zu bestehenden Angeboten wie dem Anti-Aggressivitätstraining.
2 Zielsetzung des Konflikttrainings: Dieses Kapitel erläutert die Bedeutung von Empathie, den Einfluss unterschiedlicher Ehrbegriffe auf Konfliktsituationen und die theoretische Fundierung des visuellen Lernens.
3 Der Aufbau des Kurses: Hier werden der zeitliche Ablauf des Trainings sowie zentrale Methoden wie Motivationsgespräche, Gruppenregeln und die Arbeit mit dem ABC- und BAC-Modell beschrieben.
4 Die Umsetzung: Dieses Kapitel dokumentiert praxisnah den Ablauf der zehn Treffen, inklusive Fallbeispielen und Erfahrungen aus Besuchen in der JVA Hamburg.
5 Die Schulung Konfliktfähigkeit: Die Autorin fasst die essenziellen Ebenen der Konflikttrainingsarbeit zusammen und reflektiert die Rolle und Regeln der Trainer.
6 Das Kurstagebuch zum Konflikttraining „Alles klar“: Dieses Kapitel stellt das Kurstagebuch als Werkzeug vor, das den Lernprozess individuell dokumentiert und als persönlicher Anker für die Jugendlichen dient.
Schlüsselwörter
Konflikttraining, Alles klar!, KonTAK, Jugendgewalt, Prävention, Empathieerfahrung, Sozialkompetenz, Kommunikation, Ehrbegriff, Gruppenregeln, Konfliktlösung, Rollenspiel, Bildmedien, JVA-Besuch, Nachhaltigkeit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dem Buch im Kern?
Das Buch stellt das Konflikttraining „Alles klar!“ (KonTAK) vor, ein präventives Projekt für Kinder und Jugendliche zur Stärkung sozialer und kommunikativer Kompetenzen.
Welche Themenfelder werden abgedeckt?
Zentrale Themen sind die Arbeit mit dem Ehrbegriff, die Reflexion über eigene Handlungsmuster, Gewaltprävention und der Aufbau sozialer Bindungen.
Welches Hauptziel verfolgt das Training?
Ziel ist es, Jugendlichen Handlungsalternativen zu vermitteln, damit sie Konflikte ohne Gewalt oder Rückzug bewältigen können und ein selbstverantwortliches Leben führen.
Welche pädagogische Methode wird angewandt?
Es wird ein aktions-, erlebnis- und gesprächsorientierter Ansatz genutzt, der stark mit bildlichen Darstellungen und Rollenspielen arbeitet, um kognitive Lernprozesse zu fördern.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil beschreibt detailliert den Ablauf der Kurstreffen, die theoretischen Hintergründe wie das Phasenmodell nach Weidenmann und die praktische Arbeit an Konfliktbeispielen.
Welche Begriffe charakterisieren das Werk am besten?
Wichtige Begriffe sind Konfliktfähigkeit, Empathie, Gewaltprävention, Sozialarbeit, Interaktion und handlungsorientiertes Lernen.
Wie gehen Sie mit dem sensiblen Thema „Ehre“ um?
Das Training beleuchtet den Ehrbegriff im muslimischen wie westlichen Kulturkreis, um Verständnis für die Konfliktlage der Jugendlichen zu wecken und eine reflektierte Haltung zu ermöglichen.
Warum ist der Besuch in der JVA Hamburg ein zentraler Bestandteil?
Der Besuch dient der Realitätskonfrontation; Jugendliche sollen die tatsächlichen Folgen krimineller Laufbahnen erfahren, um ihr eigenes Handeln in der „Freiheit“ besser zu bewerten.
- Quote paper
- Ulrike-Anna Kindler (Author), 2008, Konflikttraining „Alles klar!“ - Ein Präventionskurs zur Verhinderung von Jugendgewalt, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89932