Antiziganismus und Rassismus gegen Sinti und Roma. Problematiken und Hilfsansätze für Roma in Dortmund und Duisburg


Bachelorarbeit, 2017

62 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Theoretische Einordnung und Einf ü hrung ins Themengebiet
1.1 Begriffsbestimmung „Sinti und Roma“
1.2 Geschichte
1.3 Ländliche und regionale Herkunft
1.4 Kultur
1.5 Fluchtbewegungsgründe
1.6 Einwanderungsgründe für Deutschland
1.7 Einstellung der Deutschen

2. Problematiken in Deutschland und die Schwerpunkte in Dortmund und Duisburg
2.1 Roma in Deutschland – Problematiken
2.1.1 Prostitution
2.1.2 Kriminalität
2.1.3 Armut
2.1.4 Antiziganismus
2.2 Roma in der Innenstadt-Nord
2.3 Roma in Duisburg Marxloh
2.4 Relevanz der Sozialen Arbeit

3. Integrations- und Hilfsans ä tze in Dortmund und Duisburg
3.1 Was tut die Stadt und Politik in Dortmund?
3.1.1 Projekte in Dortmund
3.2 Was tut die Stadt und Politik in Duisburg?
3.2.1 Projekte in Duisburg
3.3 Selbstorganisation

Fazit Quellenverzeichnis

Einleitung

„Geld für die Oma, statt für Sinti und Roma“ - Mit diesem Spruch warb die NPD im Jahre 2013 auf einem Wahlplakat für ihre Partei. Auf einem anderen Plakat der eben genannten Partei war im selben Jahr zu lesen: „Zigeunerflut stoppen! Kriminalität bekämpfen“. Trotz der Empörungswelle, die daraufhin in der Gesellschaft ausbrach (vgl. Saarbrücker Zeitung 2013), scheint mindestens ein Teil dieser Gesellschaft rassistische Vorbehalte und Vorurteile gegenüber Sinti und Roma aufzuweisen. Wo haben diese Vorurteile ihren Ursprung und wie ist die tatsächliche Situation von Sinti und Roma in der Gegenwart? Welche Ansätze gibt es in der Sozialen Arbeit und konkret in den Städten, um grundlegenden Problemen und rassistischen Vorbehalten gegenüber Roma entgegenzuwirken? Um diese Fragen zu beantworten, beschäftigt sich die vorliegende literarische Arbeit, mit der Thematik „ Neustart Ruhrgebiet? Antiziganismus, Problematiken und Hilfsans ä tze f ü r Roma in Dortmund und Duisburg “.

Unterteilt in drei Hauptkapitel, die auf die Grundlagen des Themengebiets eingehen und wie diese sich theoretisch einordnen lassen, die allgemeine Ausgangssituation der Roma in Deutschland, mit dem Fokus auf die Städte Dortmund und Duisburg und letztendlich eine Vorstellung der Integrations- und Hilfsansätze in diesen Städten, sowie soziale Einrichtungen von Roma für Roma.

Das erste Kapitel wird mit einer Beschreibung eingeleitet, die den Begriff „Roma“ auf seiner begrifflicher Ebene untersucht. Darauffolgend wird die Geschichte der Roma behandelt, angefangen bei den Ursprüngen in Indien, über ihre Einwanderung vor dem Mittelalter nach Europa, bis zum 15. Jahrhundert, in dem sie sich vereinzelt in den deutschsprachigen Ländern verbreiteten. Die NS Zeit ab 1933 brachte die Anfänge des Genozids von Sinti und Roma in Europa mit sich. Während der Neunziger Jahren begannen die Flüchtlingsströme der Roma aus Ex-Jugoslawien und dem Kosovo nach Deutschland. 2015 erreichte die Anzahl der Zuwander_innen aus den Balkanstaaten nach Deutschland, ihren Höchststand. Die Meisten von ihnen kommen aus dem früheren Jugoslawien, Serbien, Bosnien, dem Kosovo, Mazedonien, und seit ein paar Jahren überwiegend aus Rumänien und Bulgarien.

So wie sich ihre Herkunftsländer voneinander unterscheiden, so unterscheidet sich auch die Sprache der Roma, das Romanes, voneinander. Die Roma-Kulturen unterscheiden sich in Ost,- West-, und Süd Europa und ähneln sich doch in bestimmten kulturellen Punkten sehr.

Die Lebensrealitäten vieler Roma in den Balkanstaaten beinhaltet ein hohes Maß an Arbeitslosigkeit, Unbeliebtheit und einer Ausschließung des sozialen Lebens und einer politischen Anteilnahme. Davon abgesehen leben sie in einigen Ländern in riesigen Roma-Ghettos, ohne Sozial- oder Krankenversicherung. Diskriminiert werden sie in Rumänien selbst durch die Behörden, die sie ohne Weiteres abschieben, wenn Papiere nicht vorhanden sind oder fehlen.

Dies sind Punkte, die Roma und ihre Familien dazu veranlassen weiter- bzw. in ein anderes Land zu ziehen, wie Deutschland. Doch weshalb soll es ausgerechnet Deutschland werden? Einige der Beweggründe sind Familie oder Bekannte, die bereits in Deutschland leben, das deutsche Netzwerk zu anderen Ländern, das Wissen über ein gutes Gesundheitssystem in Deutschland, der chancenreiche Arbeitsmarkt und mehr.

Im Jahr 2013 fanden Umfragen in der Bundesrepublik, zur Einstellung der Deutschen gegenüber Sinti und Roma statt. Themen dabei waren das Wissen über Sinti und Roma, Assoziationen mit dem Wort „Zigeuner“, geschichtlicher Hintergrund und ihre Lebenslagen in Südost-Europa.

Im zweiten Kapitel beinhaltet die allgemeinen Problematiken von Roma in Deutschland und sie Schwerpunkte in Dortmund und Duisburg gehen.

Ein Kernthema stellt die Prostitution von Roma-Frauen in Deutschland dar, verbunden mit der Frage, ob es dabei um Menschenhandel geht. Welche Motive treiben die Frauen dazu an, sich zu prostituieren, wenn sie es freiwillig tun und wie werden sie aufgrund ihres Gewerbes von anderen Roma wahrgenommen?

Neben der Prostitution, ist ein Stigma das auf dem Bild der Roma liegt, die Kriminalität. In Duisburg gibt es Banden von Roma-Kindern die stehlen, sie gehen dabei mit ausgeklügelten Tricks vor. Weshalb kommt es dazu, dass Kinder regelmäßig stehlen?

Die Armut mag ein Faktor sein. Sie treibt die Roma nach Deutschland, in der Hoffnung eine Arbeit zu finden, da sie in den Herkunftsländern oftmals keine finden, wenn die Arbeitgeber_innen erfahren, dass sie Roma sind.

Diese Form von Rassismus, auch „Antiziganismus“ geannt, die sich speziell gegen Sinti und Roma richtet, ist womöglich der Grund, weshalb ihnen seit Jahrzehnten in vielen Teilen Europas Unangepasstheit an die Gesellschaft vorgeworfen wird.

Auch die Bürger_innen Dortmunds betrachten die Roma auf der einen Seite mit Mitgefühl, auf der anderen Seite schreiben sie ihnen Selbstverschuldung an ihrer Situation zu, und betrachten sie mit Skepsis.

In Deutschland und gerade in Dortmund hatten Ende 2014 1,12% der Einwohner_innen eine bulgarische oder rumänische Staatsbürgerschaft.

Die Mehrheit wohnt in der Dortmunder Nordstadt, der dichtesten bebaute Stadtteil, mit der höchsten Quote an Arbeitslosigkeit und SGB II Empfänger_innen. 2008 kamen die ersten Berichte über die Zuwander_innen aus Bulgarien und Rumänien, mit der Zeit folgten immer mehr. Zur gleichen Zeit berichteten Journalist_innen aus Plovdiv in Bulgarien, über die unmöglichen Zustände, in denen die Roma dort leben.

An der Debatte über die Roma in der Dortmunder Nordstadt beteiligen sich viele, unter anderem Onlineplattformen, Vereine, Initiativen, Privatpersonen und Kirchen. Aber auch rechtspopulistische Parteien wie „Die Rechte“. Zudem berichten Sozialarbeiter_innen in Interviews über ihre Erfahrungen mit Roma als Klientel. Die Roma selbst betrachten ihre Situation aus einem anderen Blickwinkel.

Was die Arbeit mit Roma im Allgemeinen betrifft, hat Dortmund in Duisburg einen den einen und einzigen Kooperationspartner gefunden. Duisburg erlebt seit 2007 stetigen Zuwachs von Zuwander_innen aus Bulgarien und Rumänien.

Die Lage in Duisburg ist angespannt und die Bürger_innen sind genervt von den Roma. Nebenbei mischen die Medien noch mit und stellen die Stadt in ein schlechtes Licht, wenn es um das Thema der Zuwanderung von Roma aus Rumänien und Bulgarien geht.

Parteien wie die NPD nutzen diese negative Stimmung gegen die Minderheit für sich und hetzten 2013 auf Wahlplakaten gegen Sinti und Roma. In Duisburg wurden rumänische Staatsbürger zum Teil auf der Straße attackiert. Gerade im Stadtteil Marxloh, wo viele Kulturen aufeinandertreffen, kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen, selbst unter Roma.

Sowohl soziale Organisationen, als auch Privatpersonen sind auf die Missstände aufmerksam geworden. So sind in den letzten Jahren Integrationsprojekte für Roma entstanden. Nebenbei engagieren sich auch die Bürger_innen Duisburgs ehrenamtlich durch Unterstützungs- und Hilfeleistungen.

Die soziale Arbeit im Allgemeinen, die mit in Deutschland lebenden Roma zusammenarbeitet, ist bemüht sie zur Eigenständigkeit anzuregen und Hilfe zur Selbsthilfe zu verschaffen. Sie unterstützt Möglichkeiten die zur selbstständigen Organisation von Privatpersonen und Gruppen beitragen.

Im dritten Kapitel geht es um die Integrations- und Hilfsansätze in Dortmund und Duisburg, die durch die Städte und soziale Einrichtungen, Organisationen, Vereine, Verbände etc. erbracht werden. Beide Städte sind Träger des Projekts „Interkommunale Kooperation zur Entwicklung eines Handlungsrahmens, Zuwanderung aus Südosteuropa“ (KOMM-IN-PROJEKT) geworden, das aus dem Zusammenschluss von unterschiedlichen Trägern entstanden ist.

Eine soziale Einrichtung, die sich speziell an Roma-Frauen richtet, ist die Dortmunder Mitternachtsmission. Sie leisten aufsuchende Sozialarbeit und richten sich besonders an Klient_innen aus Osteuropa, die sich in Dortmund prostituieren.

Ein weiteres Projekt in Dortmund hat sich auf Roma Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren spezialisiert; „Klarkommen“. Der Schwerpunkt liegt in der Kriminalitätsprävention. Die Mitarbeiter_innen des Projekts arbeiten mit den Jugendlichen und ihren Familien zusammen.

Die Stadt Duisburg änderte 2011 ihren Umgang mit Zugewanderten aus Bulgarien und Rumänien. Es wurden Handlungskonzepte zur Verbesserung der Situation und zur Integration der Zugewanderten ausgearbeitet.

Dabei beteiligten sich unter anderem die Stadtbibliothek, das Gesundheitsamt und Obdachloseneinrichtungen.

Ein Projekt der Jugendarbeit, für Roma-Jugendliche „Angekommen!“, will die Kontakte, von Roma-Jugendlichen zu anderen Kulturen fördern. Das Ziel ist die Eindämmung von Benachteiligung und der Ausbau von Integration der jungen Roma.

Der „Verein Zukunft Orientierte Förderung“ (ZOF) in Duisburg arbeitet an einer Vorgehensweise, die eine funktionierende Integration der Zuwander_innen ermöglichen soll. Dafür unterstützen sie Armutsmigrant_innen im ganzen Ruhrgebiet und bieten verschiedene Programme an.

Neben Projekten die für Roma angeboten werden, gibt es Selbstorganisationen, wie den „Landesverband deutscher Sinti & Roma NRW“. Der Landesverband wurde selbst von einem Roma gegründet: Roman Franz. Er will Roma in Nordrhein-Westfalen, bei Fragen zu Kultur und Gesellschaft helfen, springt als Dialogpartner für Behörden und Organisationen ein, und arbeitet in unterschiedlichsten Feldern, die von Relevanz für Roma sind.

Eine weitere Organisation, gegründet unter anderem von Roma, ist das „Terno Drom e.V.“ Eine Jugendorganisation von Roma Zugehörigen und „Nicht-Roma“ aus Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz.

1. Theoretische Einordnung und Einf ü hrung ins Themengebiet

1.1 Bergriffsbestimmung „ Sinti und Roma “

Der Begriff „Zigeuner“, der früher für das Volk der Sinti und Roma verwendet wurde, gilt mittlerweile als überholt. Diese Bezeichnung fand ihre Ursprünge im Mittelalter, wo sie von der Mehrheit der Bevölkerung für die Minderheit der heutigen Sinti und Roma verwendet wurde. Heute im 21. Jahrhundert wird der Begriff „Zigeuner“ abgelehnt, da er mit Vorurteilen und Klischees in Verbindung gebracht wird, die mit einer rassistischen Grundhaltung einhergehen (vgl. Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma).

Das Wort „Zigeuner“ wird nach gegenwärtigem Wissen, aus dem griechischen „athinganoi“ abgeleitet, was im 9. Jahrhundert eine griechische Sekte darstellte; die „Unberührbaren“. Im 11. Jahrhundert wurde diese Bezeichnung übernommen und verbreitete sich in ganz Europa. Die korrekte Bezeichnung „Roma“, welche die Roma auch als Selbstbezeichnung verwenden, ist ein Sammelbegriff für alle Roma-Gruppen. Die Gruppen haben jedoch zum Teil noch Eigenbezeichnungen, wie „Kelderascha“ oder „Lovara“. Der Terminus „Roma“ kommt aus dem Romanes, der eigenen Sprache der Roma. „Rom“ bedeutet dort so viel wie „Mensch“ bzw. „Mann“. Woher die Selbstzeichnung der Sinti kommt, die seit 600 Jahren die größte Roma-Gruppe in Deutschland bilden, ist bis heute nicht geklärt. Auf Grund ihrer Reisen durch das damalige Indien, wird vermutet, dass sich der Name von der indischen Provinz „Sindh“ oder dem indischen Fluss „Sindu“ herleitet (vgl. Alte Feuerwache e.V. Jugendbildungsstätte Kaubstraße 2014).

Fälschlicherweise geht die Mehrheit der Bevölkerung davon aus, dass Sinti und Roma ein und dasselbe sind. Zwischen ihnen gibt es allerdings große Unterschiede: die Roma kamen im 19. Jahrhundert aus Osteuropa in die damaligen deutschsprachigen Länder. Zuvor gehörten sie zur „Leibeigenschaft“ an Fürstenhöfen, Klöstern und großbäuerlichen Anwesen (vgl. VIA Magazin 2015: 17).

In den 1990er Jahren migrierten Roma-Familien zunehmend als Bürgerkriegsflüchtlinge und Armutsmigrant_innen nach Westeuropa und damit in die deutsche Bundesrepublik (vgl. e-portfolio von Michael Lausberg o.J.).

Die Sinti sind seit 600 Jahren im deutschsprachigen Raum beheimatet (vgl. VIA Magazin 2015: 17). Sie stellen die größte Gruppe der europäischen Roma dar und auch in Deutschland bilden sie die größte Roma-Gruppe; mit bis zu 60.000 Personen, die eine deutsche Staatsbürgerschaft besitzen. Die Sprache der Sinti, das „Sintikes“, wurde sehr durch die deutsche Sprache geprägt und wird fast gar nicht mehr gesprochen. Seit 1997 gelten die Sinti, ebenso wie die Roma, als deutsche, nationale Minderheit (vgl. e-portfolio von Michael Lausberg o.J.).

In der Bundesrepublik Deutschland lässt sich die Roma-Bevölkerung, einschließlich der Sinti, in mindestens sieben Gruppen einteilen:

- Autochthone Sinti und Roma, die seit langer Zeit in der Bundesrepublik leben und eine deutsche Staatsbürgerschaft besitzen.

Roma, die zwischen 1956 bis 1968 aus Ungarn und der Tschechoslowakei eingereist sind und heute fast alle integriert sind und von denen die Meisten zu deutschen Staatsbürger_innen geworden sind.

Roma, die als Gastarbeiter_innen zwischen den 1960er und 1970er Jahren und überwiegend deutsche Staatsbürger_innen geworden sind.

Roma, die als Flüchtlinge und Asylsuchende vor und nach 1989 aus Osteuropa nach Deutschland eingereist sind und deren Asylgründe anerkannt wurden und von denen die Meisten über einen sicheren Aufenthaltsstatus verfügen.

Roma, die zur Zeit des Kosovo-Bosnien-Kriegs nach Deutschland als Flüchtlinge kamen und vereinzelt Staatsbürger_innen in der Bundesrepublik geworden sind, zum Teil einen sicheren-, zum Teil keinen sicheren Aufenthaltsstatus haben.

Roma die aus den neuen EU-Ländern 2004 zugewandert sind, und seit dem 1. Mai 2011 die vollen Rechte der EU-Freizügigkeit genießen.

Roma aus Bulgarien und Rumänien, die seit dem 1. Januar 2014 im Besitz der vollen EU-Freizügigkeitsrechte sind (vgl. Matter 2015: 46).

1.2 Geschichte

Die Vorfahren der Sinti und Roma stammen ursprünglich aus Indien und dem heutigen Pakistan. Ab dem 8. bis zum 10. Jahrhundert wanderten sie über Persien, Kleinasien und Armenien und gelangten im 13. und 14. Jahrhundert in das heutige Europa, wo sie über Griechenland, und den Balkan, nach Mittel-, West- und Nordeuropa reisten. Der Grund ihrer Wanderungen war vor allem die Flucht vor Kriegen, Verfolgung, Vertreibung und Armut (vgl. Engbring-Romang 2014).

Die frühsten Erwähnungen in Europa, von Personen, die wahrscheinlich die Vorfahr_innen der heutigen Sinti und Roma repräsentieren, stammen aus Serbien, Bulgarien, der Walachei und Moldawien.

Anfangs standen Sinti und Roma als Minderheit unter dem Schutz der deutschen Obrigkeit, die Schutzbriefe für sie ausstellten. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts fand ein großer Wandel in der Gesellschaft des späten Mittelalters statt. Politische und soziale Veränderungen führten mehr und mehr zu Unterdrückung und Verfolgung der Sinti und Roma. Die Zünfte verboten ihnen die Ausübungen von handwerklichen Berufen und sie wurden aus vielen Gebieten vertrieben (vgl. Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma).

Von diesem Zeitraum an, über das deutsche Kaiserreich und die Weimarer Republik hinaus, wurden Sinti und Roma immer mehr an den Rand der Gesellschaft gedrängt und somit zu Außenstehenden, die letztlich zu Anfang des 20. Jahrhunderts, überwacht und bekämpft wurden (vgl. Alte Feuerwache e.V. Jugendbildungsstätte Kaubstraße 2014).

Als 1933 die Nationalsozialist_innen die Macht in Deutschland übernahmen, stieg die Verfolgung der Sinti und Roma noch stärker an. Dies war zugleich der Beginn des Genozids oder auch „Porajmos“1 der Sinti und Roma. Die in der Zeit herrschende „Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei“ (NSDAP) bemühte sich politische Gegner mittels Terrorismus, und der Abschaffung von grundlegenden Rechten, zu vernichten. Diese „rassistische Neuausrichtung“ richtete sich gegen die etwa 500.000 jüdischen Einwohner_innen und rund 20.000 Sinti und Roma, die ebenfalls zur selben Zeit in der Bundesrepublik Deutschland lebten (vgl. Von Mengersen 2015).

Im selben Jahr, am 14.1 Juli, wurde das Gesetz zur „Verhütung erbkranken Nachwuchses“ entworfen und 1934 durch Zwangssterilisationen an Sinti und Roma durchgeführt. Nebenei erfolgten die ersten Einweisungen von Sinti und Roma in Konzentrationslager. Die Errichtung der Reichskulturkammer unter der Leitung des Politikers Joseph Goebbels, beinhaltete den Ausschluss von Sinti und Roma aus bestimmten Kammern, wie der Reichsmusikkammer und der Reichsfilmkammer, was für viele Sinti und Roma ein Berufsverbot mit sich brachte. Zwei Jahre später wurden sie wie bereits zuvor jüdische Bürger_innen, zu Bürger_innen mit eingeschränkten Rechten eingestuft und ihnen wurde der Kontakt zu „Deutschblütigen“ untersagt. 1936 wurden sie weitestgehend entmachtet, und aus so gut wie allen Bereichen des öffentlichen Lebens ausgeschlossen.

Von Juni 1938 bis Juni 1939 wurden mehr als 2.000 Sinti und Roma in Konzentrationslager gebracht, wo sie zu Zwangsarbeit für Unternehmen der nationalsozialistischen Organisation „Schutzstaffel“ gedrängt wurden.

Am 1. Oktober 1938 wurde auf Anweisung des Politikers Heinrich Himmler hin, eine Stelle im Reichskriminalpolizeiamt eingerichtet. Die „Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens“. Himmler ordnete an, dass alle Sinti und Roma im Deutschen Reich erfasst werden sollten. Die „Rassenhygienische Forschungsstelle“ stellte daraufhin bis Kriegsende 24.000 „Rassengutachten“ über Sinti und Roma aus.

Auf einer Reichsbesprechung im September 1939 wurde festgelegt, dass Menschen jüdischen Glaubens, Sinti und Roma, aus dem Deutschen Reich nach Polen verschleppt werden sollten. Unter Androhung von Haft im Konzentrationslager, wurde allen Sinti und Roma darauf hin verboten, ihre Wohnorte zu verlassen. Im Mai begann die erste Deportation von etwa 2.500 Sinti und Roma nach Polen, wo sie in Konzentrationslagern und Ghettos unter furchtbaren Bedingungen Zwangsarbeit leisten mussten. Immer mehr von ihnen wurden aus unterschiedlichen europäischen Ländern in Ghettos oder Konzentrationslager gebracht, wo sie umkamen. 1942 wurden 4.500 Sinti und Roma nach Auschwitz-Birkenau verschleppt. Ein paar Monate später sprach sich Goebbels für die Vernichtung von jüdischen Menschen und Sinti und Roma aus. 1943 kamen 23.000 Sinti und Roma aus fast ganz Europa in das Konzentrationslager in Auschwitz-Birkenau. Die Schutzstaffel richtete dort extra ein so genanntes „Zigeunerlager“ ein. Im März 1943 erfolgt der erste Genozid im „Zigeunerlager“. Dabei wurden rund 1.700 Sinti und Roma in den Gaskammern erstickt. Im Jahr darauf wurde das „Zigeunerlager“ aufgelöst. Die letzten Überlebenden, wo von die meisten Kinder, Frauen oder alte Menschen waren, wurden zuletzt im August 1944 ermordet. Zum Ende des Jahres, wurden eine von Vielzahl ungarischen Roma verhaftet, in ein Sammellager geschickt und von dort aus weiter in ein Konzentrationslager nach Deutschland.

Aus der Slowakei wurden ebenfalls Roma in deutsche Konzentrationslager gebracht. 1945, zum Ende des zweiten Weltkriegs, kamen zahlreiche Sinti und Roma während der Räumungen der Konzentrationslager zu Tode oder starben nach ihrer Befreiung an den Folgen der Gefangenschaft (vgl. Dokumentations-und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma 2011: 1-5)

Nach der Zeit des Nationalsozialismus, in den 1950 Jahren, stellten einige Sinti Wiedergutmachungsanträge, für das, was ihnen und ihren Familien während der dieser Zeit widerfuhr. Die Anträge wurden weitestgehend abgelehnt, mit der Begründung, dass die Verfolgungen keine rassistischen Motive hätten. Sie würden sich gegen Sinti und Roma als Kriminelle richten. Ein anschließendes Gerichtsurteil stimmte diesem zu.

Erst in den 1960 Jahren und nach tiefgehender Recherche von Menschenrechtsorganisationen, wie der „Gesellschaft für bedrohte Völker“, stellte sich heraus, dass die Verfolgung und der Genozid sehr wohl rassistische Gründe hatten (vgl. Schopf, Hermes 1994: 98).

1.3 L ä ndliche und regionale Herkunft

Im März 1982 und nach mehreren Veranstaltungen der Sinti und Roma Verbände, die immer wieder auf Missstände aufmerksam machten, erkannte der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt, die Ermordung der Sinti und Roma im zweiten Weltkrieg, als Genozid aus rassistischen Motiven heraus, an.

Kurz zuvor gründete sich der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma. 1995 wurden diese letztendlich als nationale Minderheit anerkannt und geschützt. Doch noch während des Kampfes der deutschen Sinti und Roma gegen die Diskriminierung und für die Gleichberechtigung in Deutschland, kamen zur Zeit des Bürgerkriegs in Ex-Jugoslawien, und dem Kosovo-Konflikt, während der 1990er Jahre, rund 50.000 Roma als Flüchtlinge nach Deutschland. Fast die Hälfte von ihnen waren Minderjährige oder Kleinkinder. Ein großer Teil der geflüchteten Roma war lange Zeit nur geduldet, und somit von permanenter Abschiebung bedroht. 2015 erreichte die Zahl der Flüchtlinge aus den Balkanstaaten ihren Höchststand. Ein Drittel unter ihnen waren Sinti oder Roma. Im Jahr zuvor wurden Bosnien, Serbien und Mazedonien zu sicheren Herkunftsländern erklärt. Als Ende 2015 dann auch noch Albanien, der Kosovo und Montenegro dazu kamen, gingen die Zahlen der Asylbewerber zurück und es kamen nur noch wenige Sinti und Roma aus dem Balkan nach Deutschland (vgl. Frietsch 2016).

Von den etwa 70.000 bis 140.000 in Deutschland lebenden Roma, kommen die meisten aus dem früheren Jugoslawien, Serbien, Bosnien, dem Kosovo und Mazedonien, seit ein paar Jahren kommen allerdings immer mehr aus Südosteuropa: Rumänien und Bulgarien (vgl. Mappes-Niediek 2012: 44).

In Bulgarien hat es eine Stadt besonders oft in die Medien geschafft, Stolipinovo: Gerade weil sie als größtes Roma Ghetto Europas bekannt ist. Im März 2016 verfasste ein Blogger namens Nate einen Artikel über Stolipinovo, für einen Travel Blog. Dieser beschreibt die Zustände vor Ort: „Stolipinovo, a ghetto neighbourhood near to the center of one of Europe’s oldest and most historical cities, can safely be described as third-world, poverty stricken, rampant with disease, heavily polluted, and somewhat shocking. As many as fifty-thousand predominantly Roma (Gypsy) people are densely packed into concrete communist-era apartment blocks, or within the surrounding tapestry of hobbled-together shacks and shanties. In both cases, many survive without running water.

Much of the district is covered in a putrid sea of trash. Broken sewerage and water pipes leave large pools of fetid water along the main boulevards. Not so long ago, a hepatitis epidemic ran through the area. Unemployment and crime, are off the charts. Many children don’t attend school. Recently listed as the worst place on the planet to take a short vacation, Stolipinovo is a parallel world that defies belief, just a short drive from the heart of Plovdiv, Bulgaria. This is the largest Gypsy ghetto in Europe.“ (Nate 2016).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 aus urheberrechtlichen Gründen entfernt.

Bild auf den Stra ß en Stolipinovos. Quelle: Nate 2016.

Die meisten Roma aus Rumänien, die in das Ruhrgebiet einwandern, kommen aus den Städten Roșiorii de Vede und Țăndărei.

In beiden Städten leben drei unterschiedliche Gruppen der Roma. Die traditionellen Familien der „Ursari“ (rumänisch für „Bärenführer“) und/oder die „Pieptenari“ (rumänisch für „Bürstenmacher“), zweitens eine Gruppe die sich bereits an die rumänische Mehrheitsgesellschaft angepasst hat, und drittens die in Țăndărei lebenden „Argintari“ (rumänisch für „Silberschmiede“), die sich ihre Kultur bewahren oder die „Rudari“ (rumänisch für „Grubenarbeiter“) in Roșiorii de Vede, die sich ebenfalls noch über ihre Roma-Kultur definieren.

Die Wohnorte der Gruppen liegen in den Städten getrennt voneinander. Die gesellschaftlich angepassten und weniger traditionellen Familien leben unter der rumänischen Bevölkerung, während die Traditionellen bis 1990 noch überwiegend am Rand der Orte lebten. Im Gegensatz zu Bulgarien gibt es keine „Roma-Großsiedlungen“, oder ein Zusammenleben der Gruppen, auf engstem Raum.

Roma-Familien denen der finanzielle Aufstieg gelang, zogen in die Städte. Die ärmeren Familien verweilten an den Ortsrändern, und migrierten ab 1990 nach Deutschland (vgl. Böckler, Gestmann, Handke 2017: 59-60).

1.4 Kultur

Romanes, welches als die Sprache der Sinti und Roma gilt, ist mit dem aus Indien stammenden Sanskrit verwandt. Im Laufe der Zeit haben sich aufgrund der unterschiedlichen Wanderwege und Heimatregionen Dialekte entwickelt. So kann man zum Beispiel von einem „deutschen Romanes“ oder einem „ungarischen Romanes“ sprechen. Einige Roma Angehörige haben ihre Sprache verloren, was vor allem mit dem geschichtlichen Hintergrund, wie der Ausgrenzung aus der Gesellschaft und der Verfolgung, zusammenhängt.

Romanes ist eine mündliche Sprache. In Europa gab und gibt es verschiedene Projekte und Vorhaben, die Romanes verschriftlichen und vereinheitlichen wollen, zum Teil organisieren sie sich selbst, ohne die Unterstützung der Romanessprechenden.

Nach Aussagen von Roma, lassen sich große Unterschiede und ein breites Spektrum an Vielfalt zwischen den Roma-Gruppen in Ost-, West- und Südeuropa erkennen. Gemeinsamkeiten die so gut wie in allen Roma-Gruppen zu finden sind, die Wertschätzung der Familie, der Respekt vor älteren Leuten, die Verwendung der eigenen Sprache und das Bewusstsein über den lang andauernden Antiziganismus und den Porajmos während der nationalsozialistischen Zeit. (vgl. Engbring-Romang 2014).

Ein anderer elementarer Bestandteil der Kultur ist die eigenständige Musik, die sich seit Jahrhunderten in der Öffentlichkeit finden lässt. Sie hat ihren eigenen Stil und schwingt beispielsweise in der klassischen Musik mit. Zudem hat sie auch im Jazz ihren eigenen Klang gefunden, und somit eine neue Stilrichtung eingeschlagen.

Neben der Erzählkunst der Roma, nimmt Literatur, die selbst in die Landessprachen übersetzt wird, einen immer weiter ansteigenden Stellenwert in der eigenen Kultur ein. Anteile der Kultur finden sich darüber hinaus in der bildenden Kunst wieder, was besonders für ein wachsendes Selbstbewusst der jungen Sinti und Roma spricht.

Sinti und Roma sind Mitglieder verschiedener Religionen oder Konfessionen, darunter Anhänger_innen des Islam, Orthodoxe, Katholiken, Protestanten und Anhänger_innen von Freikirchen. Die Angehörigkeiten variieren geografisch etwas.

[...]


1 Aus dem Romanes: „das Verschlungene/Verschlingen“

Ende der Leseprobe aus 62 Seiten

Details

Titel
Antiziganismus und Rassismus gegen Sinti und Roma. Problematiken und Hilfsansätze für Roma in Dortmund und Duisburg
Hochschule
Fachhochschule Dortmund
Autor
Jahr
2017
Seiten
62
Katalognummer
V899402
ISBN (eBook)
9783346202222
ISBN (Buch)
9783346202239
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Roma, Antiziganismus, Hilfsansätze, Problematiken, Dortmund, Duisburg, Sinti, Ruhrgebiet, Diskriminierung, Kultur, Rassismus, Soziale Arbeit
Arbeit zitieren
Julia Marita Lünnemann (Autor), 2017, Antiziganismus und Rassismus gegen Sinti und Roma. Problematiken und Hilfsansätze für Roma in Dortmund und Duisburg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/899402

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