Inszenierungsstrategien des Autors Benjamin von Stuckrad-Barre in "Panikherz" (2016)

Wie ein Phönix aus der Asche


Hausarbeit, 2020

21 Seiten, Note: 2.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die Autobiographic und ihr Gefolge

III. Inszenierungsstrategien in Panikherz
1) REALITATSBEZUGE
2) AUTORINSZENIERUNG
3) SELBSTREFERENTIALITAT

IV. Zusammenfassung & Conclusio

Die Imagegestaltung Stuckrad-Barres

I. Einleitung

Es ist angeblich das Buch seines Lebens: Panikherz - Benjamin von Stuckrad-Barres Autobiographie, die als Sachbuch 2016 im Kiepenheuer & Witsch Verlag erschien, Platz 1 der Spiegel Bestseller-Liste belegte und von den Kritikern uberwiegend gelobt wurde: Da ist die Rede von „genaue[n] Worten und zartliche[m] Humor"1, seinem ,,'Greatest-Hits'-Album"2, einem „der besten Bucher der vergangenen Jahre"3 und von „eine[r] bril-liante[n] Erzahlung iiber die Obessionen unserer westlichen Kultur"4. Die Liste ist endlos, man konnte diese Lobeshymnen noch seitenlang so weiterfuhren, aber auch kritische Stimmen wurden trotz des sensiblen Themas laut, denn Literatur bleibt Literatur und da-mit prinzipiell kritisierbar. So heifit es, dass es Stuckrad-Barre „nicht [gelinge], einen neuen Ton zu finden"5, sein Roman „irgendwann [...] unnotig selbstreferenziell"6 werde und „an den notorischen Schwachen des Genres [Drogenbuch; Anmerkung J.W.]"7 leide. An anderer Stelle bezeichnet man groBe Teile des Werks als „bemuht geschriebene[n] und in seiner Selbstgerechtigkeit manchmal kaum zu ertragende[n] Krankenbericht"8, es heiBt sogar, Benjamin von Stuckrad-Barre fehle es an „schriftstellerische[m] Talent. Je langer seine Texte, desto deutlicher wird, dass er nicht in der Lage ist, sie sinnvoll zu komponieren."9 Welche Starken und Schwachen Stuckrad-Barres Panikherz auch immer haben mag, es sollte deutlich geworden sein, dass die Rezensionen ambivalent waren.

Wahrgenommen wurde Panikherz zumindest als bekenntnishafter Roman, der nicht nur vom raschen Aufstieg seines Autors berichtet, sondern auch von dessen groBem Wunsch nach Anerkennung, seiner Geltungssucht, Magersucht, Drogensucht. Alles miteinander verzahnt, alles im Medien- und GroBstadtrummel dafur verantwortlich, dass es mit Stuck­rad-Barre beinahe genauso schnell wieder bergab ging wie bergauf. Umso bezeichnender ist die Tatsache, dass er mit einem Buch wie diesem - einem wahren „Bildungsroman"10 - Literatur-Deutschland seltsam bewegte und ein Comeback einleitete, mit dem wohl de­mand mehr gerechnet hatte. Nachdem er Ende der 90er mit seinem Debutroman Soloal-bum quasi iiber Nacht zum „Pionier der neuen deutschen Popliteratur"11 emporgestiegen war und sich selbst als eine Art Rockstar inszenierte, was es derart in der Literaturszene bisher nicht gegeben hatte, schien sein Traum verwirklicht, aber nicht fur lange. So heifit es in der Produktbeschreibung auf der Verlagsseite zu Panikherz:

Er wollte den Rockstar-Taumel und das Rockstar-Leben, bekam beides und folge-richtig auch den Rockstar-Absturz. Friiher Ruhm, Realitatsverlust, Drogenabhangig-keit. Udo Lindenbergs rebellische Marchenlieder pragten und verfuhrten inn, doch Udo selbst wird Freund und spater Retter. Und dann eine Selbstfindung am dafiir unwahrscheinlichsten Ort - im mythenumrankten Hotel »Chateau Marmont« in Hol­lywood. Was als Riickzug und Klausur geplant war, erweist sich als Riickkehr ins Schreiben und in ein Leben als Roman. Drumherum tobt der Rausch, der Erzahler bleibt diesmal niichtern. Schreibend erinnert er sich an seine Traume und Helden -und tnfft viele von ihnen wieder, am Ende auch sich selbst.12

Als uberlebender Ex-Junkie steigt Stuckrad-Barre nicht nur als Autor, sondern auch als Protagonist - und Held! - seiner Autobiographie wie ein Phonix aus der Asche empor und obwohl die wirklich schlimmen, lebensbedrohlichen Phasen seines Lebens hinter ihm liegen, halt dieses - sein - Buch nicht nur seine Fans in Atem, lasst die Lesenden mitlei-den, mithoffen, vor allem aber auf groteske Weise verstehen, was in diesem Abhangigen vor sich ging als die Sucht ihn beherrschte. Das Resultat: Viel Zuspruch, Mitgefuhl, vor allem aber Anerkennung fur den Leidensweg, der hinter ihm liegt. Und so wird aus die­sem autobiographischen Bekenntnisbuch, das sich damit in eine Tradition stellt, die auf Jean Jacque Rousseau zuriickgeht, ein groBartiger Erfolg, der seinem Autor offenbar nicht nur finanziell wieder auf die Beine geholfen hat, sondern auch emotional - er scheint den Weg zu sich zuriickgefunden zu haben.

All das klingt nach dem Happy End einer unglaublichen Geschichte, und doch mit Stuck­rad-Barre als lebendem Beweis in der Hauptrolle. Was aber am Ende bei all der Dramatik wirklich bleibt, sind etliche Fragen, die sich nicht nur den kritischen Rezipienten*innen, sondern auch der Literaturwissenschaft geradezu aufdrangen: Zum Einen stellt sich wohl - wie bei jedem autobiographischen Text die Frage nach der Wahrheit und Authentizitat des Erzahlten, vor allem, wenn auf den ersten Blick alles so wunderbar in die Realitat zu passen scheint wie in Panikherz: „Die Welle an Rezensionen, Klatschgeschichten, Hym-nen ist Teil der Versuchsanordnung, das Buch lappt iibergangslos in die Realitat [Her-vorhebung; J.W.], der Klient ist wieder an seiner ersten unwiderstehlichsten Droge: Er-folg."13, schreibt Friedrich Kuppersbusch 2016 als Rezension kurz nach Erscheinen des Romans (interessanter Fakt am Rand: auch er kommt in dem Buch vor, das er wahrend seiner gesamten >Kritik< in hochsten Tonen lobt). Personen, Orte, Zeitangaben, alles ist gut nachvollziehbar - selbst eine Dokumentation14 gibt es iiber Stuckrad-Barres Drogen-zeit(dazuspatermehr).

II. Die Autobiographic und ihr Gefolge

Will man die Frage nach der Authentizitat und dem Wahrheitsgehalt eines autobiografi-schen Werks stellen, drangt sich sogleich und unmittelbar der Begriff der Inszenierungs-strategie, auf und letztlich geht es dann nicht mehr darum, ob wirklich wahr ist, was in Stuckrad-Barres Autobiographie geschrieben wurde, sondern wie der Autor sich und seine erzahlte Umwelt im Buch inszeniert, den Glauben an eine >Realitat< bei seinem Publikum entstehen lasst und aufrechterhalt. Eine zweite Ebene der Frage nach Stuckrad-Barres Inszenierungen durfte im wortwortlichen Sinne eroffnet werden, denn Autorschaft - ja bloBem Menschsein - liegt immer eine Inszenierung zugrunde, ohne die ein In-Er-scheinung-Treten ganzlich unmoglich ware.15 So referiert auch Christoph Jurgensen da-rauf, „dass sich ein Autor nicht nicht inszenieren kann"16, entsprechend lage dem Insze-nierungsbegriff auch keine „Art der Unechtheit oder gar Tauschung"17 zugrunde. Es wird von daher zu hinterfragen sein, inwiefern Stuckrad-Barre sich im Sinne der vorangegan-genen Defmitionen inszeniert, aber auch im allgemeinen Verstandnis des Darstellens und der Imagegestaltung. Auch diesem muss nicht zwangslaufig ein intendiertes Tauschungs-manover vorausgehen: Hier ist es allein interessant zu erfahren, ob Benjamin von Stuckrad-Barre durch seinen eigenen medialen Werdegang eventuell die Leser-Rezeption und damit sein Bild in der Offentlichkeit zu steuern versucht, urn die >Wogen zu glatten<, die er wahrend seiner Zeit ausartenden Drogenkonsums in Wallung gebracht hat. Im Hin-blick darauf wird dann auch der Begriff der >Bekenntnisse< noch einmal naher zu betrach-ten sein, der zum nachsten Punkt uberleitet.

Eng verzahnt mit Begriffen wie Authentizitat, Wahrheit, Realitatsanspruch, Inszenierung und Bekenntnissen ist dann schlieBlich auch die Frage nach der Textgattung: Ist das noch Autobiographie oder schon Roman? Am Ende gar beides, oder doch nichts davon so wirklich? Eingeteilt wurde Panikherz jedenfalls in die Kategorie >Sachbuch<, was viele verwundert haben diirfte, aber prinzipiell werden (Auto-)Biografien eben auf dem deut-schen Buchmarkt unter diese Warengruppe subsummiert.18 Vor dem Hintergrund, dass mit der Namensidentitat von Autor, intradiegetischem Ich-Erzahler und metadiegeti-schem Protagonisten der „autobiographische Pakt" nach Philippe Lejeune19 in diesem Werk zustande kommt, mutet die Kategorisierung als Autobiographie - und damit als Sachbuch - schon nicht mehr ganz so seltsam an. Wenn jedoch Benjamin von Stuckrad-Barre im Nachhinein - einen Monat nach Veroffentlichung (April 2016) - im Interview mit dem NEON-Magazin erklart, er sahe - empfinde - sein Werk nicht als Autobiogra­phie, sondern als Roman,20 dann wirft das doch wieder Fragen auf; zumindest die eine, ob diese Einteilung nicht einfach okonomische Griinde hatte, weil in der Kategorie >Sach-bucher< schlichtweg die Konkurrenz nicht so groB und stark war. Wer weifi, ob Panikherz es als belletristischer Roman auch auf die Spiegel-Bestseller-Liste gebracht hatte? Man wird es nie erfahren.

Dennoch ist dies ein Gedanke, der im Hinblick auf die Inszenierungsstrategien noch ein­mal aufgegriffen werden kann, denn die Frage, was es mit der Rezeption des Textes macht, wenn dieser nun nicht mehr den (zugegebener MaBen recht uneindeutigen) >Ge-satzen der Autobiographie< unterworfen ist, steht unweigerlich im Raum. Wagner-Egel-haaf beschreibt das Verhaltnis von Autobiographie und Roman folgendermafien: „Das Konzept des autobiographischen Romans griindet sich auf den Gedanken, dass sich [...] der Wert einer Autobiographic nicht nach der Vollstandigkeit des Faktischen bzw. dem Grad der offenbarten Einzelheiten bemisst."21 Zusatzlich ruft dieses Schema des >autobi-ographischen Romans< ein neues begriffliches >Ungetum< auf den Platz: die Autofiktion.

Viel und heifi diskutiert, findet das Konzept der Autofiktion ihren Ursprung bei Serge Doubrovsky in Frankreich, wo sie „eine jahrzehntelange Tradition vorweisen kann"22. Doit bezeichnet die Autofiktion eine Abweichung von der Autobiographie, der sie trotz-dem nah ist: Die knackige Definition umfasst Lejeunes autobiographischen Pakt und eine „fiktionalitatsbehauptende Gattungsbezeichnung (,Roman' oder ,Erzahlung')"23. Ob-wohl knapp und klar umrissen, findet diese Begriffsdefinition in der germanistischen Wissenschaft kaum Wiederhall. „Auch die von Doubrovsky uberlegte Funktion der Au­tofiktion als eine psychoanalytische Selbsttherapie ist fur die Germanistik vollig irrele­vant."24 Trotzdem erscheint die Vorstellung einer >reflektierenden Eigenbehandlung der Seele< im Prozess des autobiografischen Schreibens gerade in Bezug mfPcmikherz the-oretisch moglich und sollte demzufolge nicht auBer Acht gelassen werden.

Auch John-Wenndorf geht von einer „Kultivierung des Kummernisses" eines an den eigenen und weltlichen Widrigkeiten leidenden Literaten aus, der in der Selbstinsze-nierung seine Schwachen und Leiden kompensiert, indem er mit ihnen kokettiert oder sie ironisiert. Kurz: Der leidende Kiinstler befreit sich in der offentlichen Selbst-inszenierung aus seinen Zwangen: „In der offentlichen Inszenierung findet der Be-wusstseinsschmerz eine neue Form der Uberwindung."25

Mit den Konzepten von John-Wenndorf und Doubrovsky wird an dieser Stelle eine Be-trachtung der verschiedenen Stuckrad-Barre-Figuren die Verarbeitungsstrategic des(/r) Protagonisten offenlegen. Hierzu scheint es auBerdem sinnvoll, Stuckrad-Barres Helden-verehrung naher in den Blick zu nehmen, da im Werk sein Idol Udo Lindenberg zunachst als derjenige fungiert, der dem Drogensuchtigen schlieBlich zur endgultigen Rettung eilt - sich zudem als Konstante durch das gesamte Werk zieht.

[...]


1 https://www. spiegel.de/kultur/literatur/pamkherz-von-beni amm-von-stuckrad-barre-kritik-a- 1081935.html

2 https://www.zeit.de/2016/13/panikherz-beniamm-von-stuckrad-barre-roman. Flonan lilies

3 https://www.kiwi-verlag.de/bucr^beniamm-v-stuckrad-barre-pamkherz-9783462050660. Markus Lanz (ZDF)

4 ebd., Thomas Hiletlm (Der Spiegel)

5 https://www.sueddeutsche.de/kultur/pamkherz-von-beniamm-von-stuckrad-barre-die-spiessigkeit-der- drogensucht-1.2899431-2.

6 ebd.

7 Ebd.

8 https://literaturkritik.de/idZ21860. Sascha Seller

9 Ebd.

10 https://rp-onlme.de/nrw/staedte/duesseldorf/beniamm-stuckrad-barTe-schuettet-im-zakk-sem-panikherz- aus aid-19772277#. Philipp Holstein » https://Uteraturkntik.deAd/21860. Sascha Seller

11 https://www.kiwi-verlag.de/buch/beniamm-v-stuckrad-barre-pamkherz-9783462050660

12 https://www.kiwi-verlag.de/buch/beniamm-v-stuckrad-barre-pamkherz-9783462050660

13 https://www.spiegel.de/kultur/literatur/panikherz-von-beniamm-von-stuckrad-barTe-kritik-a- 1081935.html Friedrich Kuppersbusch

14 Dieseistjedoch mrgendwo mehr erhaltlich (auch nicht kauflich), was den Schluss zulasst, dass sie ganz bewusst (vermutlich von Stuckrad-Barre selbst) aus dem Verkehr gezogen wurde.

15 Vgl. Enka Fischer-Lichte, zitiert nach POTTBECKERS 2017, S. 13

16 POTTBECKERS 2017, S. 13 (ebd.)

17 ebd.

18 vgl. https://www.lehmanns.de/page/sachbuchfachbuchratgeber

19 vgl. POTTBECKERS, Jorg: Der Autor als Held. Autofiktionale Inszenierungsstrategien in der deutsch-sprachigen Gegenwartshteratur. Komgshausern & Neumann: Wurzburg 2017, S. 28

20 vgl. https://www.stern.de/neon/feierabend/freizeit-der-fan-7175598.html Lena Steeg

21 WAGNER-EGELHAAF, Martina: Autobiographic J. B. Metzler: Stuttgart/Weimar 2000

22 POTTBECKERS2017,S. 15

23 ebd.

24 ebd.

25 POTTBECKERS2017,S. 84

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Inszenierungsstrategien des Autors Benjamin von Stuckrad-Barre in "Panikherz" (2016)
Untertitel
Wie ein Phönix aus der Asche
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Ich als Text. Autobiographie. Autofiktion. Authentizität
Note
2.0
Autor
Jahr
2020
Seiten
21
Katalognummer
V899405
ISBN (eBook)
9783346204196
ISBN (Buch)
9783346204202
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Autobiographie, Autobiographieforschung, Inszenierung, Inszenierungsstrategien, Panikherz, Benjamin von Stuckrad-Barre, Stuckrad-Barre, Popliteratur, Rousseau, Bekenntnisse, Confessions, Autofiktion, Autorinszenierung, Realitätsbezüge, Selbstreferentialität, Buchkritiken, Kritik, Imagegestaltung
Arbeit zitieren
Jana Wischmann (Autor), 2020, Inszenierungsstrategien des Autors Benjamin von Stuckrad-Barre in "Panikherz" (2016), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/899405

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