„Die Vermittlung der historischen Erfahrungen und Lehren aus dem Kampf der Arbeiterklas-se gegen den Imperialismus wird damit zwangsläufig um zu dringlicher.“ 17 Jahre nach der deutschen Einheit scheint diese Aussage von Walter Schmidt, damals Inhaber des Lehrstuhls für Geschichte der Arbeiterbewegung fast antik. Doch der Blick zurück in die Geschichte Deutschlands macht deutlich, dass fast 40 Jahre lang Fragen des Vermittlungsprozesses von Geschichte unterschiedlich beantwortet worden sind. In der vorliegenden Arbeit soll der Blick auf die Geschichtserzählung in der ehemaligen DDR gerichtet werden. Es wird danach zu fragen sein, welchen Stellenwert die Geschichtserzählung im Methodenkanon der DDR hatte und welches Ziel damit verfolgt wurde. Dabei wird auch zu zeigen sein, dass auch das Bildungssystem und somit auch die Geschichtserzählung nicht ohne politischen Einfluss zu betrachten sind. Es wird also notwendig sein, sich mit den ideologischen Grundlagen des Unterrichtes, sowie mit der Geschichtsmethodik als Ganzes in der DDR zu beschäftigen. Grundlage für die vorliegende Arbeit sind Geschichtserzählungen des DDR – Unterrichts. Hinzugezogen sind Lehrbücher und Lehrpläne genauso wie Unterrichtshilfen. Um den Rahmen der Arbeit nicht zu sprengen, musste eine Auswahl getroffen werden. Provozierend stellt sich natürlich die Frage der Wissenschaftlichkeit der Quellen. Ist eine objektive Beantwortung der Fragen mithilfe dieser Quellen überhaupt möglich? Sicherlich sind sie politisch gefärbt, jedoch ist mit ihrer Hilfe in der Tat ein Antwort auf die Fragen möglich. An ihnen wird deutlich, welche Rolle die Geschichtserzählung in der Wissensvermittlung der DDR spielte. E-benso spiegelt die politische Verfärbung den erwähnten Einfluss der Partei wieder. Durch diese Art der Quellen wird deutlich, dass es in der DDR keine eindeutige Trennung zwischen Staat und Wissenschaft gab. Die verwendete Sekundärliteratur beruft sich somit ebenfalls auf diese Quellen. Wird die Geschichtserzählung als einzelne Methode untersucht, bleibt es unumgänglich sich auch mit der Methodik als Ganzes zu beschäftigen. Zu einer überraschenden Diskussion über eben diese DDR - Geschichtsmethodik kam es wenige Jahre nach der Wiedervereinigung. Demantowsky überrascht diese Debatte, weil die Methodik bis dato doch nur ein Element des Geschichtsunterrichts war und dessen Analyse bestimmte zu diesem Zeitpunkt auch die For-schungsarbeiten in Ost und West.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Quellenlage
1.2. Forschungsstand
2. Grundlage des Unterrichts in der DDR
2.1. Der Historische und Dialektische Materialismus
3. Die Geschichtserzählung von 1945 – 1958
4. Die Geschichtserzählung ab 1958
5. Zusammenfassung
6. Quellen- und Literaturverzeichnis
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht den Stellenwert und die methodische Ausgestaltung der Geschichtserzählung im Unterricht der ehemaligen DDR. Dabei wird analysiert, wie politische Ideologien und der Historische Materialismus die narrative Stoffvermittlung beeinflussten und inwieweit reformpädagogische Ansätze trotz ideologischer Vorgaben in den Unterricht integriert wurden.
- Rolle und Stellenwert der Geschichtserzählung im DDR-Bildungssystem
- Einfluss des Historischen Materialismus und Marxismus-Leninismus auf die Geschichtsmethodik
- Verhältnis zwischen politischer Erziehung und didaktischer Anschaulichkeit
- Entwicklung der Geschichtserzählung in verschiedenen Phasen (1945–1958 und ab 1958)
- Spannungsfeld zwischen sowjetischen Vorgaben und pädagogischen Umsetzungsmöglichkeiten
Auszug aus dem Buch
2.1. Der Historische und Dialektische Materialismus
Um die Erzählung in ihrer Bedeutung für den Geschichtsunterricht begreifen zu können, ist es notwendig, sich mit den wichtigen ideologischen Grundlagen zu beschäftigen. Die Begriffe des Historischen und Dialektischen Materialismus spielen dabei eine zentrale Rolle. Die Wurzeln des Historischen Materialismus liegen im 19. Jahrhundert und gehen zurück auf Karl Marx und Friedrich Engels. Wobei anzumerken ist, dass die inhaltliche Lehre von Marx stammt. Der Historische Materialismus soll als Theorie die Lehre von den Klassen und dem Klassenkampf wenigstens teilweise erklären und erhärten.
Demnach ist das Ausschlaggebende nicht was eine Gesellschaft denkt, sondern was sie in der Tat materiell ist. Die Art und Weise, wie Menschen ihre lebensnotwendigen Güter erzeugen stellt die Grundlage dessen dar, was Menschen denken und welche Moral sie anerkennen. Das geistige Leben ist davon nur abgeleitet. Nach der Lehre des Historischen Materialismus ist das gesellschaftliche Leben in vier Faktoren eingeteilt. Der erste Faktor sind die Produktionskräfte. Darunter werden drei Faktoren gefasst: Werkzeuge, Menschen und Erfahrungen in der Produktion. Hierbei ist noch anzumerken, dass der Mensch erst durch die Schaffung von Werkzeugen zum Menschen wird. Die Produktionsverhältnisse sind der zweite Faktor im gesellschaftlichen Leben. Darunter sind notwendige Beziehungen zwischen Menschen zu verstehen, die sich aus den Bedingungen der Arbeit ergeben. Hier ist wichtig zu erwähnen, dass diese Verhältnisse als Basis bezeichnet werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung erläutert den Fokus der Arbeit auf die Geschichtserzählung in der DDR und beleuchtet die quellenkritische Basis sowie den wissenschaftlichen Forschungsstand.
2. Grundlage des Unterrichts in der DDR: Dieses Kapitel beschreibt die ideologischen Prinzipien der SED-Bildungspolitik, insbesondere die Bedeutung des Historischen Materialismus für die Erziehung der Jugend.
2.1. Der Historische und Dialektische Materialismus: Die ideologischen Kerngriffe werden definiert, um ihr Wirken auf die geschichtliche Stoffdarbietung theoretisch zu fundieren.
3. Die Geschichtserzählung von 1945 – 1958: Hier wird der Einfluss reformpädagogischer Ansätze nach 1945 und deren spätere Anpassung an den Ost-West-Konflikt sowie sowjetische Vorbilder untersucht.
4. Die Geschichtserzählung ab 1958: Die Analyse konzentriert sich auf die Phase der Revisionismuskritik und den Versuch, trotz ideologischer Restriktionen bewährte Erzähltechniken beizubehalten.
5. Zusammenfassung: Die Schlussbetrachtung bilanziert den beständig hohen Stellenwert der Geschichtserzählung als politisches Instrument in der DDR.
6. Quellen- und Literaturverzeichnis: Auflistung der für die Analyse herangezogenen Primär- und Sekundärquellen.
Schlüsselwörter
Geschichtserzählung, DDR-Bildungssystem, Historischer Materialismus, Marxismus-Leninismus, Geschichtsmethodik, Politische Erziehung, Reformpädagogik, SBZ, Stoffvermittlung, Sozialistische Erziehung, DDR-Geschichtsunterricht, Ideologie, Geschichtsbilder.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die methodische Bedeutung und Anwendung der Geschichtserzählung im Geschichtsunterricht der DDR von 1945 bis zum Ende der DDR.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die ideologische Fundierung durch den Historischen Materialismus, die praktische Umsetzung in Lehrbüchern sowie das Spannungsfeld zwischen politischen Vorgaben und pädagogischen Erzähltechniken.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, den Stellenwert der Geschichtserzählung als Methode zu bestimmen und aufzuzeigen, wie politischer Einfluss das narrative Geschichtsverständnis formte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin oder der Autor nutzt eine quellenbasierte Analyse, wobei insbesondere Lehrpläne, Lehrbücher und zeitgenössische methodische Handbücher herangezogen werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der ideologischen Grundlagen, die historische Entwicklung der Erzählmethode in verschiedenen politischen Phasen sowie den Umgang mit reformpädagogischen Traditionen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Geschichtserzählung, DDR-Geschichtsunterricht, Historischer Materialismus, Sozialistische Erziehung und die methodische Entwicklung ab 1958.
Wie wirkte sich der Tod Stalins 1953 auf den Geschichtsunterricht aus?
Der Tod Stalins führte zu einem politischen Kurswechsel, der auch den Geschichtsunterricht beeinflusste, indem der Fokus stärker auf die deutsche Geschichte und eine emotionale Ansprache der Schüler gelegt wurde.
Wurde die Reformpädagogik in der DDR komplett abgelehnt?
Obwohl sie offiziell als bürgerliches Relikt abgelehnt wurde, zeigt die Arbeit, dass wichtige Erzähltechniken der Reformpädagogik methodisch in den sozialistischen Unterricht "hinübergerettet" wurden.
Welche Rolle spielten "große Persönlichkeiten" in den Erzählungen?
Sie dienten als Symbole für progressive Kräfte, sofern sie marxistisch-leninistischen Idealen entsprachen, wobei die marxistische Lehre die Rolle des Einzelnen eigentlich als sekundär gegenüber den Produktionskräften betrachtete.
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- Knut Kasche (Autor), 2007, Geschichtserzählung in der DDR, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89941