Wie geht ein Lehrer mit einer spannungsreichen Anfangssituation um, wenn noch ein Störungsfaktor hinzukommt? Zunächst wird das Verfahren der objektiven Hermeneutik in seiner Methodologie, Prinzipien und seiner Methode erläutert, da sie zur Untersuchung der darauffolgenden Fallanalyse verwendet wird. Die objektive Hermeneutik wurde hier gewählt, da mit ihr die latenten Sinnstrukturen und die sozialen Handlungen, welche sich in den Unterrichtsprotokollen verbergen, analysiert und herausgearbeitet werden können. Dazu wird der Fall: "bevor wir mit dem Unterricht anfangen, haben wir ja scheinbar noch was zu klären" aus dem Mainzer Fallarchiv untersucht und eine Fallstrukturhypothese erstellt. Darauf folgt die Vorstellung sieben verschiedener Modi, die in die Unterrichtsanfänge eingegliedert und gruppiert werden können. In der Schlussbetrachtung wird erneut der analysierte Fall mit der Empirie in Bezug gebracht und mit deren Logiken charakterisiert.
Unterrichtsanfänge stellen für Lehrer eine besonders problematische Handlungsstruktur dar, wie die Schul- und Unterrichtsforschung bestätigt. Zum einen versucht die Lehrperson einen fachlichen Einstieg einzuleiten, zum anderen ist das ebenso der Zeitpunkt, an dem Schülerfragen gestellt werden und organisatorisches geklärt wird. Von der Lehrkraft wird zum Unterrichtseinstieg also produktives Zeit- wie auch Klassenmanagement gefordert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Objektive Hermeneutik
2.1. Methodologie
2.2. Prinzipien und Methode
3. Fallanalyse
3.1. Fall: „bevor wir mit dem Unterricht anfangen, haben wir ja scheinbar noch was zu klären“
3.2. Auflösung
4. Unterrichtsanfänge
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die komplexen Handlungsstrukturen bei Unterrichtsanfängen durch die Anwendung der Methode der Objektiven Hermeneutik. Das primäre Ziel ist es, latente Sinnstrukturen und soziale Handlungen in Unterrichtsprotokollen zu rekonstruieren, um das Spannungsfeld zwischen fachlichem Einstieg, Klassenmanagement und erzieherischem Handlungsbedarf besser zu verstehen.
- Methodologische Grundlagen und Prinzipien der Objektiven Hermeneutik
- Sequenzanalytische Untersuchung eines konkreten Unterrichtsfalls
- Erstellung und Validierung von Fallstrukturhypothesen
- Klassifizierung verschiedener Typen und Modi von Unterrichtsanfängen
Auszug aus dem Buch
2.2. Prinzipien und Methode
Die Objektive Hermeneutik folgt in ihrer Textinterpretation fünf Prinzipien: Erstens der Kontextfreiheit. Hierbei fokussiert sich der Interpret nur auf eine konkrete Sequenz, der Kontext in den sie eingebettet ist, wird zunächst außer Acht gelassen. Selbst wenn der Leser die Sachlage des Textes schon kennt, versucht er, vorerst, dieses Wissen nicht in seine Interpretation einfließen zu lassen. Der Kontext wird in diesem Verfahren natürlich nicht unbeachtet gelassen, zur genauen Analyse wird er nur nicht von Anfang an in die Interpretation eingebunden. Als zweites Prinzip folgt das Wörtlichkeitsprinzip, welches besagt, dass der Text wortwörtlich zu analysieren ist. Dabei sollen Deutungen möglicher Ausdrucksweisen nicht in die Untersuchung einfließen, sondern nur der tatsächliche Wortgehalt.
Darauf folgt die Maxime der Sequenzialität, diese fordert ein lineares Vorgehen bei der Textinterpretation, indem man jede Sequenz streng nacheinander analysiert. Dieses Vorgehen liegt darin begründet, dass die protokollierte Handlung ebenfalls linear ablief und eine Änderung der sequenziellen Reihenfolge deshalb nicht adäquat wäre. Da die Objektive Hermeneutik in der Regel nur geringe Textmengen analysiert, besagt das Prinzip der Extensivität, dass diese Abschnitte im Detail bearbeitet werden sollen, um die soziale Wirklichkeit in den Protokollen genauestens herauszuarbeiten. Zuletzt ist das Sparsamkeitsprinzip zu berücksichtigen, hierbei muss der Interpret beachten, nur das zu interpretieren, was der Text wirklich aussagt und dabei keine weiteren Auffassungen einfließen zu lassen.
Um eine angemessene Textinterpretation durchzuführen, folgt die Objektive Hermeneutik einem Dreischritt. Zunächst werden zu einer kurzen Sequenz des Textes Geschichten gebildet; dabei ist zu beachten, dass diese Geschichten nicht dem tatsächlichen Kontext des Textes entsprechen und zudem ein vorstellbarer Umstand gewählt wird, in der die sprachliche Äußerung wirklich vorkommen könnte. Daraufhin werden Lesarten gebildet, deren Grundlage die davor konstruierten Situationen darstellen. Hierbei werden die Geschichten im Hinblick auf ihre Struktur gruppiert, also danach in wie vielen verschiedenen Kontexten sie zusammengefasst werden können. Dadurch ergibt sich eine „fallunspezifische Textbedeutung“. Im letzten Schritt wird diese vorläufige Struktur mit dem tatsächlichen Äußerungskontext konfrontiert. Dabei zeigt sich entweder, ob die gebildeten Konstellationen und Lesarten mit dem wirklichen Text vollkommen übereinstimmen, teilweise oder gar nicht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Problematik von Unterrichtsanfängen ein und erläutert die Zielsetzung sowie die methodische Herangehensweise der Arbeit.
2. Objektive Hermeneutik: Hier werden die methodologischen Grundlagen, die zentralen Prinzipien und das konkrete Interpretationsverfahren der Objektiven Hermeneutik dargelegt.
3. Fallanalyse: Dieser Abschnitt widmet sich der detaillierten sequenzanalytischen Untersuchung eines spezifischen Unterrichtsprotokolls zur Erstellung von Fallstrukturhypothesen.
4. Unterrichtsanfänge: Das Kapitel systematisiert verschiedene Typen und Modi von Unterrichtsanfängen auf Basis der einschlägigen Forschungsliteratur.
5. Schlussbetrachtung: Hier werden die Ergebnisse der Fallanalyse mit der theoretischen Empirie in Bezug gebracht und die Relevanz erzieherischen Handelns im Unterrichtsanfang diskutiert.
Schlüsselwörter
Objektive Hermeneutik, Unterrichtsanfang, Fallanalyse, Sequenzanalyse, Textinterpretation, Lehrerhandeln, Klassenmanagement, Fallstrukturhypothese, Unterrichtsforschung, Erziehung, soziale Praxis, Fallrekonstruktion, Schulalltag, Interaktionsanalyse, Unterrichtssituation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den herausfordernden Strukturen von Unterrichtsanfängen und wie Lehrkräfte diese professionell bewältigen, insbesondere wenn Störungen auftreten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die professionelle Gestaltung von Unterrichtsbeginnen, die Anwendung der Objektiven Hermeneutik in der Unterrichtsforschung sowie der Umgang mit Autorität und Differenz im Klassenzimmer.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist die Rekonstruktion latenter Sinnstrukturen in einem konkreten Unterrichtsprotokoll, um zu verstehen, wie Lehrkräfte fachliche und erzieherische Anforderungen im Einstieg ausbalancieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird die Methode der Objektiven Hermeneutik nach Ulrich Oevermann angewandt, welche auf sequenzanalytischer Textinterpretation beruht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil umfasst die theoretische Einführung in die Objektive Hermeneutik, die schrittweise Analyse eines Fallbeispiels aus dem Mainzer Fallarchiv sowie eine systematische Einordnung von Unterrichtsanfängen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Objektive Hermeneutik, Unterrichtsanfang, Fallanalyse, Sequenzanalyse, Lehrerhandeln und Fallstrukturhypothese.
Warum wurde der Fall „bevor wir mit dem Unterricht anfangen, haben wir ja scheinbar noch was zu klären“ gewählt?
Dieser Fall ist repräsentativ für eine Unterrichtssituation, in der eine Lehrkraft unmittelbar mit einer Störung konfrontiert wird und entscheiden muss, ob der fachliche oder der erzieherische Aspekt Vorrang hat.
Wie trägt die Fallstrukturhypothese zum Erkenntnisgewinn bei?
Die Hypothese dient dazu, zunächst verschiedene Kontextmöglichkeiten offen zu halten, um dann durch das Hinzuziehen weiterer Sequenzen die einzig plausible soziale Wirklichkeit des Falls präzise herauszuarbeiten.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2018, Der Umgang mit Störungen zu Unterrichtsbeginn, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/899496