Die Verfügbarkeit der Lust bei Epikur


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Lustbegriff bei Epikur

3. Die Verfügbarkeit der Lust

4. Unerfüllbare Bedürfnisse
4.1 Die Begierden
4.1.1 Natürliche und notwendige Begierden
4.1.2 Natürliche aber nicht Notwendige Begierden
4.1.3 Weder natürliche noch notwendige Begierden
4.1.4 Probleme in der Einteilung der Begierden
4.2 Die Furcht
4.2.1 Die Angst vor dem Tod
4.2.2 Die Angst vor den Göttern
4.3 Der Schmerz
4.3.1 Die Verrechnung
4.3.2 Die Kompensation
4.3.3 Die Dauer

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Lust ist in der Lehre des Philosophen Epikur das höchste Gut, Ursprung und Ziel für ein glückliches Leben. „Er ist der erste, der die Lust konsequent zum obersten Prinzip seiner Ethik gemacht hat und auf dieser Grundlage ein eigenständiges System des Hedonismus bietet.“[1] Er begründet dies damit, dass jedes Wesen von Geburt aus nach Lust strebt, und es daher zur Natur des Menschen gehört, Lust zu empfinden.[2] Allerdings weigerte Epikur sich, für diese Behauptung Beweise zu liefern. Diogenes Laertius versuchte Epikurs These zu bestätigen, indem er auf kleine Kinder verweist, deren Verlangen nach Lust noch nicht durch die Vernunft beeinflusst ist.[3] Daran ist zu erkennen, wie natürlich es ist, Lust als gut und Schmerz als schlecht zu beurteilen.[4]

Für die Hellenisten besteht das Glücksrezept darin, nur nach dem zu streben, über das man jederzeit verfügen kann, und alles andere abzuwerten. Epikur aber war der Ansicht, dass man nicht alles Unverfügbare durch vernünftige Einsicht beseitigen könne, da unsere Gefühle von Lust und Unlust Bewertungen in sich haben. Daher versuchte er mit Hilfe eines einschränkenden Lustbegriffs Lust und Unlust als jederzeit verfügbar zu erweisen,[5] damit die Lust, das Höchste Gut, für alle Menschen erreichbar ist.

Und damit diese Lust zu erreichen ist, müssen einige Vorraussetzungen erfüllt werden. Um diese Voraussetzungen verständlich zu machen, werde ich in dieser Arbeit zuerst kurz auf den Lustbegriff von Epikur eingehen. Denn wenn man nicht weiß, was Epikur unter der Lust als höchstes Gut versteht, versteht man auch nicht, unter welchen Voraussetzungen diese Lust für Epikur jederzeit verfügbar ist. Anschließend zeige ich auf, welche Voraussetzungen das im Einzelnen sind, die zur Erreichung der Lust erfüllt sein müssen, und wie Epikur diese als leicht und für jeden zu erfüllen sieht. Ziel dieser Arbeit ist es also zu zeigen, wie Epikur die Verfügbarkeit der Lust für jeden Menschen und zu jeder Zeit gewährleisten will, und wie er die dafür notwendigen Bedingungen zu erfüllen versteht.

2. Der Lustbegriff bei Epikur

Wenn Epikur von der Lust spricht, meint er nicht den Genuss von Alkohol, Sex oder gutem Essen,[6] welchen der Hedonismus als Lust versteht.[7] Wenn Epikur von Lust spricht, meint er eine innere Ruhe, eine Seelenruhe,[8] er meint die Freiheit von Unlust,[9] durch die Abwesenheit von Schmerzen,[10] der körperlichen und der seelischen.[11] Die Existenz eines neutralen Zustandes zwischen Lust und Schmerz bestreitet er.[12] „ Es gibt für ein Lebewesen keinen neutralen Zustand, der weder Lust noch Schmerz aufweist.“[13]

Der Lustbegriff von Epikur ist also ein negativer Begriff, weil er die höchste Lust in der Freiheit von Unlust sieht,[14] in der Freiheit von allen Schmerzen.[15]

Cicero kritisiert allerdings diese Vermischung der Lust mit der Schmerzlosigkeit. Denn er ist der Meinung, dass die Schmerzlosigkeit nur der Punkt ist, an dem Lust und Schmerz aneinander grenzen.[16] Und auch Praechter ist der Meinung, dass der Begriff der Schmerzlosigkeit nicht an Lust geknüpft ist.[17]

3. Die Verfügbarkeit der Lust

Da Epikur die Lust als Freiheit von Unlust definiert hat, muss diese Unlust beseitigt werden, um die Lust für den Menschen verfügbar zu machen. „Dieser Lust aber bedarf es nach Epikur nur dann, wann ihr Mangel uns Pein macht.“[18] Das Gefühl des Mangels meldet sich im Bedürfnis als ein Schmerz. Dieser Schmerz wiederum zeigt eine Beeinträchtigung des Lebens an, und diese Beeinträchtigung beruht wiederum auf einem Fehlen von Etwas, dass das Leben zu seiner Erhaltung benötigt.[19] Aristoteles ist mit der Ansicht von Epikur, dass Lust die Erfüllung ist, und Schmerzen bei Mangel entstehen nicht einverstanden. Er verweist dabei auf die Lust, die bei Nichterfüllung keine Schmerzen verursacht wie z.B. die Lust am Lernen, Erinnerungen, Hoffnungen. Für ihn ist die Lust auch nicht das höchste Gut.[20] Epikur ist der Meinung, dass man, um die Unlust zu beseitigen und dadurch Lust zu empfinden, sich von seinen Ängsten vor den Göttern und dem Tod, und sich von Schmerzen befreien muss. Gleichzeitig muss man die Bedürfnisse begrenzen.[21] Die Befreiung von Ängsten und Schmerzen duch die Begrenzung der Bedürfnisse sind also die Voraussetzungen für die Verfügbarkeit der Lust. Diese Voraussetzungen zu erreichen ist dabei die Leistung der Vernunft.[22]

4. Unerfüllbare Bedürfnisse

Bedürfnisse, die nicht erfüllt werden, erzeugen Unlust.[23] Denn „die Lusterwartung meldet sich im ,Begehren’“.[24]

Epikur muss also beweisen, dass unerfüllbare Bedürfnisse, also unerfüllbare Begehren, vermeidbar sind, um diese Unlust zu beseitigen.

Solche unerfüllbaren Bedürfnisse haben für Epikur drei Quellen: die Begierden, die Furcht und den Schmerz.

4.1 Die Begierden

Die Begierde ist ein Bedürfnis, das auf eine zukünftige Lust gerichtet ist.[25] Aus diesem Grund muss sie eine Steigerungsgrenze haben, da es sonst durch ständiges bestreben nach mehr Lust zu unerfüllbaren Bedürfnissen kommt. So einen Grenzwert hat Epikur durch seinen einschränkenden Lustbegriff automatisch geschaffen, da er Lust ja mit Freiheit von Unlust definiert hat, und freier als frei von z.B. Schmerzen kann niemand sein.[26] Die Entstehung von unerfüllbaren Bedürfnissen durch ständiges Streben diese Lust noch zu steigern hat Epikur so von vornherein verhindert. Nach der Beseitigung von Unlust kann die Lust nicht mehr gesteigert, sondern nur noch variiert werden. So steigert man nicht die Lust, wenn man verschiedene Speisen zur Auswahl hat, sondern sie variiert nur. „Die Lustempfindung im Fleische wächst nicht mehr, wenn erst einmal das schmerzhafte Gefühl des Mangels aufgehoben wird, sondern variiert nur.“[27] Hossenfelder findet es von Epikur nicht optimal, wenn dieser z.B. den Genuss eines Festessens nicht als luststeigernd, sondern nur noch als Variation sieht. Er findet sie missverständlich, weil, wie auch schon Aristoteles gesagt hat, Abwechslung als sprichwörtlich lusterzeugend gilt. Er schlägt daher vor, die Lustgrenze am Verhalten des Menschen festzumachen. Danach würde der Mensch so lange essen, wie er einen Mangel verspürt, und aufhören wenn der Mangel beseitigt, er wieder frei von Unlust ist. Allerdings erkennt Hossenfelder, dass sein Vorschlag für Epikur nicht akzeptabel gewesen wäre, da Epikur das menschliche Verhalten nicht erklären, sondern verändern wollte.[28] Alle anderen Bedürfnisse muss Epikur einschränken. Und so sollen wir uns bei allen Begierden fragen: „Was wird mir geschehen, wenn das erfüllt wird, was die Begierde erstrebt, und was, wenn es nicht erfüllt wird?“[29] Denn je mehr Begierden der Mensch hat, umso größer ist die Gefahr, dass er sie nicht befriedigen kann, und so Unlust entsteht. Dabei ist für Epikur nicht der Prozess der Unlustbeseitigung ausschlaggebend, also das Essen selbst, sondern das Ergebnis, die Beseitigung der Unlust, welches bei diesem Beispiel der Zustand des Sattseins ist.[30] Epikur sagt weiter: „Denn bescheidene Suppen verschaffen eine ebenso starke Lust wie ein aufwendiges Mahl, sooft das schmerzhafte Gefühl des Mangels aufgehoben wird; auch Brot und Wasser spenden höchste Lust, wenn einer sie aus Mangel zu sich nimmt.“[31]

Aus diesem Grund ist es auch egal, ob der Hunger durch Brot oder Fisch gestillt wird. Die Art der Nahrung (ob Brot oder Fisch) beeinflusst nicht die Höhe der Lust, daher sind alle Mittel die bewirken dass die Unlust beseitigt wird gleichwertig.[32] Vorraussetzung für die Beseitigung von Unlust ist also, dass die Mittel für ihre Beseitigung jederzeit leicht erreichbar und überall verfügbar sind. Um herauszufinden, ob Begierden für die Grundversorgung notwendig sind, z.B. die Befriedigung von Sexualität, oder nicht,[33] teilt Epikur die Begierden ein. In Begierden die natürlich und notwendig sind, solche die natürlich aber nicht notwendig sind, und Begierden die weder natürlich noch notwendig sind.[34] Solche Begierden, die natürlich und notwendig sind, unterteilt er wiederum in notwendig zur Glückseligkeit, notwendig zum bloßen Leben, oder notwendig zur Störungsfreiheit des Körpers.[35]

[...]


[1] Erler, Michael: Epikur, Die Schule Epikurs, Lukrez. In: Die Philosophie der Antike, Bd. 4. Die hellenistische Philosophie. Hrsg. von Hellmut Flashar, begr. v. F. Überweg. Basel 1994 (= Grundriss der Geschichte der Philosophie). S. 155.

[2] Vgl. Epikur. Briefe, Sprüche Werkfragmente. Hrsg. von Hans – Wolfgang Krautz. Bibl. erneuerte Ausgabe. Stuttgart 2000. Brief an Menoikeus, 128 f.

[3] Vgl. Erler, M.: Epikur. S. 154.

[4] Vgl. Long, A.A. und N.D. Sedley: Die hellenistischen Philosophen. Texte und Kommentare. Übersetzt von Karlheinz Hülser. Stuttgart 2000. S. 143.

[5] Vgl. Hossenfelder, Malte: Philosophie als Lehre vom glücklichen Leben. Antiker und neuzeitlicher Glücksbegriff. In: Glück und Zufriedenheit. Ein Symposion. Hrsg. von Alfred Bellebaum. Opladen 1992. S. 25.

[6] Vgl. Krautz, H.W.: Brief an Menoikeus, 132.

[7] Vgl. Geyer, Carl – Friedrich: Epikur zur Einführung. Hamburg 2000. S. 76.

[8] Vgl. Hossenfelder, Malte: Die Philosophie der Antike 3. Stoa, Epikureismus und Skepsis. In.: Geschichte der Philosophie Bd. 3. Hrsg. von Wolfgang Röd. München 1985. S. 105.

[9] Vgl. Hossenfelder, M.: Philosophie als Lehre vom glücklichen Leben. S. 25.

[10] Vgl. Krautz, H.W.: Kyr. Dox. III.

[11] Vgl. Diogenes Laertius ( = D.L.). Leben und Meinungen berühmter Philosophen. Hrsg. von Klaus Reich und Hans Günter Zekl. Übersetzung von Otto Apelt. 3. Aufl. Hamburg 1990 (=Philosophische Bibliothek Bd. 53/54). X, 131.

[12] Vgl. Ricken, Friedo: Philosophie der Antike. Grundkurs Philosophie 6. Stuttgart 1988. S. 183.

[13] Forschner, Maximilian: Epikurs Theorie des Glücks. In: Zeitschrift für Philosophische Forschung 36 (1982). S. 178.

[14] Vgl. Hossenfelder, M.: Philosophie als Lehre vom glücklichen Leben. S. 25.

[15] Vgl. Praechter, Karl (Hrsg.): Die Philosophie des Altertums.13. Aufl. Tübingen 1953. S. 457.

[16] Vgl. Des Marcus Tullius Cicero fünf Bücher über das höchste Gut und Übel. Übersetzt, erläutert und mit einer Lebens – Beschreibung des Cicero versehen von J.H. Kirchmann. Berlin 1874 (=Philosophische Bibliothek oder Sammlung der Hauptwerke der Philosophie alter und neuer Zeit Bd. 62). fin.2,6f.

[17] Vgl. Praechter, K.: Die Philosophie des Altertums. S. 458.

[18] Praechter, K.: Die Philosophie des Altertums. S. 454.

[19] Vgl. Held, Klaus: Entpolitisierte Verwirklichung des Glücks. Epikurs Brief an Menoikeus. In: Glück und geglücktes Leben. Philosophische und theologische Untersuchungen zur Bestimmung des Lebensziels. Hrsg. von Paulus Engelhardt. Mainz 1985. S. 100.

[20] Vgl. Aristoteles. Die Nikomachische Ethik ( =NE). Hrsg. und überarbeitet von Olof Gigion. 3. Aufl. München 1998. X 2 (1173b7).

[21] Vgl. D.L. X, 142.

[22] Vgl. Hossenfelder, M.: Die Philosophie der Antike 3. S. 110.

[23] Vgl. Hossenfelder, M.: Die Philosophie der Antike 3. S. 105.

[24] Held, K.: Entpolitisierte Verwirklichung des Glücks. S. 106.

[25] Vgl. Hossenfelder, Malte: Epikur. 2. Auflage. München 1998. S. 83.

[26] Vgl. Hossenfelder, M.: Philosophie als Lehre vom glücklichen Leben. S. 25.

[27] Krautz, H.W.: Kyr. Dox. XVIII.

[28] Vgl. Hossenfelder. M.: Epikur. S. 88.

[29] Krautz, H.W.: Gnom. Vat. 71.

[30] Vgl. Hossenfelder, M.: Die Philosophie der Antike 3. S. 84.

[31] Krautz, H.W.: Brief an Menoikeus, 130 f.

[32] Vgl. Hossenfelder, M.: Die Philosophie der Antike 3. S. 84.

[33] Vgl. Euringer, Martin: Epikur. Antike Lebensfreude in der Gegenwart. Stuttgart 2003. S. 60.

[34] Vgl. Krautz, Kyr. Dox. XXIX.

[35] Vgl. Krautz, H.W.: Brief an Menoikeus, 127.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Verfügbarkeit der Lust bei Epikur
Hochschule
Universität Mannheim  (Lehrstuhl Philosophie I)
Veranstaltung
Epikur
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
21
Katalognummer
V89950
ISBN (eBook)
9783638041232
ISBN (Buch)
9783638938938
Dateigröße
967 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verfügbarkeit, Lust, Epikur
Arbeit zitieren
Anke Beiler (Autor), 2006, Die Verfügbarkeit der Lust bei Epikur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89950

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