Die Lust ist in der Lehre des Philosophen Epikur das höchste Gut, Ursprung und Ziel für ein glückliches Leben. „Er ist der erste, der die Lust konsequent zum obersten Prinzip seiner Ethik gemacht hat und auf dieser Grundlage ein eigenständiges System des Hedonismus bietet.“ Er begründet dies damit, dass jedes Wesen von Geburt aus nach Lust strebt, und es daher zur Natur des Menschen gehört, Lust zu empfinden. Allerdings weigerte Epikur sich, für diese Behauptung Beweise zu liefern.
Diogenes Laertius versuchte Epikurs These zu bestätigen, indem er auf kleine Kinder verweist, deren Verlangen nach Lust noch nicht durch die Vernunft beeinflusst ist. Daran ist zu erkennen, wie natürlich es ist, Lust als gut und Schmerz als schlecht zu beurteilen.
Für die Hellenisten besteht das Glücksrezept darin, nur nach dem zu streben, über das man jederzeit verfügen kann, und alles andere abzuwerten. Epikur aber war der Ansicht, dass man nicht alles Unverfügbare durch vernünftige Einsicht beseitigen könne, da unsere Gefühle von Lust und Unlust Bewertungen in sich haben. Daher versuchte er mit Hilfe eines einschränkenden Lustbegriffs Lust und Unlust als jederzeit verfügbar zu erweisen, damit die Lust, das Höchste Gut, für alle Menschen erreichbar ist.
Und damit diese Lust zu erreichen ist, müssen einige Voraussetzungen erfüllt werden. Um diese Voraussetzungen verständlich zu machen, werde ich in dieser Arbeit zuerst kurz auf den Lustbegriff von Epikur eingehen. Denn wenn man nicht weiß, was Epikur unter der Lust als höchstes Gut versteht, versteht man auch nicht, unter welchen Voraussetzungen diese Lust für Epikur jederzeit verfügbar ist. Anschließend zeige ich auf, welche Voraussetzungen das im Einzelnen sind, die zur Erreichung der Lust erfüllt sein müssen, und wie Epikur diese als leicht und für jeden zu erfüllen sieht.
Ziel dieser Arbeit ist es also zu zeigen, wie Epikur die Verfügbarkeit der Lust für jeden Menschen und zu jeder Zeit gewährleisten will, und wie er die dafür notwendigen Bedingungen zu erfüllen versteht. Wenn Epikur von der Lust spricht, meint er nicht den Genuss von Alkohol, Sex oder gutem Essen, welchen der Hedonismus als Lust versteht. Wenn Epikur von Lust spricht, meint er eine innere Ruhe, eine Seelenruhe, er meint die Freiheit von Unlust, durch die Abwesenheit von Schmerzen, der körperlichen und der seelischen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Lustbegriff bei Epikur
3. Die Verfügbarkeit der Lust
4. Unerfüllbare Bedürfnisse
4.1 Die Begierden
4.1.1 Natürliche und notwendige Begierden
4.1.2 Natürliche aber nicht Notwendige Begierden
4.1.3 Weder natürliche noch notwendige Begierden
4.1.4 Probleme in der Einteilung der Begierden
4.2 Die Furcht
4.2.1 Die Angst vor dem Tod
4.2.2 Die Angst vor den Göttern
4.3 Der Schmerz
4.3.1 Die Verrechnung
4.3.2 Die Kompensation
4.3.3 Die Dauer
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das philosophische Konzept Epikurs zur Verfügbarkeit der Lust als höchstes Gut. Ziel ist es aufzuzeigen, wie Epikur durch die Beseitigung von Unlust – verursacht durch unerfüllbare Bedürfnisse – einen Zustand der Lebensglückseligkeit für jeden Menschen jederzeit erreichbar machen möchte.
- Definition des Lustbegriffs als negative Freiheit von körperlichem und seelischem Schmerz.
- Systematische Einteilung der menschlichen Begierden in natürliche/notwendige und unnatürliche/unnötige Kategorien.
- Analyse der Überwindung existentieller Ängste, insbesondere der Angst vor dem Tod und den Göttern.
- Methoden zur Bewältigung von Schmerz durch Verrechnung, Kompensation und die Akzeptanz von Dauer.
- Die Rolle der Vernunft bei der Lebensgestaltung und Bedürfnisbegrenzung.
Auszug aus dem Buch
4.2.1 Die Angst vor dem Tod
Die Angst vor dem Tod belastete damals die Lebenden sehr stark. Für Epikur aber ist die Angst vor dem Tod unbegründet. So schreibt er im Brief an Menoikeus: „Das Schauererregendste aller Übel, der Tod, betrifft uns überhaupt nicht; wenn ‚wir’ sind, ist der Tod nicht da; wenn der Tod da ist, sind ‚wir’ nicht. Was er genau damit meint kann man an einer Stelle im Brief an Menoikeus kurz vor dieser eben zitierten Stelle erkennen. Dort sagt er, dass Gutes und Schlimmes nur in den Empfindungen zu spüren ist, diese Empfindungen aber durch den Tod vernichtet werden.
Diese Aussage findet sich auch in den Entscheidenden Lehrsätzen wieder, und auch im Brief an Herodot. Sie scheint daher für Epikur sehr wichtig zu sein. „Wer keine Empfindungen mehr hat, für den gibt es weder Gut noch Übel, ganz abgesehen davon, dass der, dem Übel widerfahren soll, ja dann nicht mehr da ist. Und so ist Epikur der Meinung, benötigen wir die rechte Einsicht, dass der Tod uns nichts angeht, damit das Leben für uns genussvoll ist, indem sie das Verlangen nach Unsterblichkeit beseitigen. Denn schließlich hängt das Glück im Leben mit der Einsicht zusammen, da diese die Ängste vor der Ewigkeit zerstreut. Mit rechter Einsicht meint Epikur die „theoretische Erkenntnis wie praktische Anerkennung des unabänderlichem Faktums menschlicher Endlichkeit.
Ein weiterer Grund, warum die Menschen Angst vor dem Tod haben ist die Annahme, dass sie dann weniger Lust erlangen können, da der Tod ihnen die Glückseligkeit beschneidet. Dieses Argument entkräftet Epikur folgendermaßen: „ Die unbegrenzte Zeit enthält ebensoviel Lust wie die begrenzte, wenn man die Grenzen der Lust mit Überlegung abmißt.“ Es kommt also nicht darauf an wie viel Zeit man zur Verfügung hat, sondern darauf, wie man diese Zeit nutzt. Es ist besser intensiv zu leben, als lange, wie es auch besser ist ein Feinschmecker zu sein, als ein Vielfraß. Außerdem kann der Tod das erfüllte Leben nicht daran hindern, vollkommen zu werden, denn das ist es ja bereits.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Darstellung der Ausgangsthese, dass Lust bei Epikur das höchste Gut ist und durch die Beseitigung von Unlust für alle Menschen jederzeit verfügbar gemacht werden soll.
2. Der Lustbegriff bei Epikur: Definition der epikureischen Lust als negativer Begriff, der primär die Abwesenheit von körperlichen und seelischen Schmerzen bezeichnet.
3. Die Verfügbarkeit der Lust: Erörterung der Voraussetzungen für die Erreichbarkeit der Lust, wobei die Befreiung von Ängsten und die Begrenzung von Bedürfnissen als Kernleistungen der Vernunft identifiziert werden.
4. Unerfüllbare Bedürfnisse: Untersuchung der drei Hauptquellen für unerfüllbare Bedürfnisse: Begierden, Furcht und Schmerz, sowie deren jeweilige Bewältigungsstrategien.
5. Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse, wie Epikur durch die Vermeidung der Ursachen von Unlust die dauerhafte Verfügbarkeit der Lust zu begründen sucht.
Schlüsselwörter
Epikur, Hedonismus, Lustbegriff, Unlust, Bedürfnisbegrenzung, Seelenruhe, Todesfurcht, Götterfurcht, Schmerzverrechnung, Kompensation, Glückseligkeit, Vernunft, Menoikeus, Lebenskunst, Natürliche Begierden.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es grundsätzlich in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die philosophische Lehre Epikurs mit dem Schwerpunkt auf seinem Verständnis von Lust und wie diese als höchstes Gut für den Menschen jederzeit verfügbar gemacht werden kann.
Welche zentralen Themenfelder behandelt der Text?
Die Arbeit fokussiert sich auf den epikureischen Lustbegriff, die Kategorisierung von Bedürfnissen und Begierden sowie Strategien zur Überwindung existenzieller Ängste und Schmerzen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Epikur die theoretische Verfügbarkeit der Lust durch eine systematische Vermeidung von Unlust begründet und welche Rolle dabei die Vernunft und Lebensgestaltung spielen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine philosophische Textanalyse, die auf der kritischen Interpretation von Primärquellen Epikurs und der Einbeziehung relevanter Sekundärliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Begierden, den Umgang mit der Furcht vor Tod und Göttern sowie rationale Methoden zur Schmerzüberwindung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung am besten?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Lustbegriff, Unlustbeseitigung, natürliche Begierden, Lebensglück, Schmerzverrechnung und die vernunftbasierte Bedürfnisbegrenzung.
Warum betrachtet Epikur den Tod als unbegründete Furcht?
Epikur argumentiert, dass der Tod uns nicht betrifft, da wir nicht existieren, wenn der Tod eintritt, und der Tod nicht da ist, solange wir leben.
Wie unterscheidet Epikur die verschiedenen Arten von Begierden?
Er teilt Begierden in natürliche und notwendige, natürliche aber nicht notwendige, sowie in weder natürliche noch notwendige Bedürfnisse ein.
Welche Rolle spielt die Kompensation bei der Schmerzbewältigung?
Die Kompensation dient dazu, körperliche Schmerzen durch geistige Freuden oder positive Erinnerungen auszugleichen, wenn eine direkte Beseitigung des Schmerzes nicht möglich ist.
- Citation du texte
- Anke Beiler (Auteur), 2006, Die Verfügbarkeit der Lust bei Epikur, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89950