Empirische Dialektologie - Das Problem der Sprachaufnahme


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002
20 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Einleitung

2. Vorgehen der empirischen Dialektologie
2.1 Wahl des geographischen Gebietes
2.2. Verfahrenstechniken
2.2.1 Die Übersetzungsmethode
2.2.2 Die Illustration
2.2.3 Das Questionnaire
2.2.4 Die Conversation (non-)dirigée
2.2.5 Heimliche Aufnahmen
2.3. Wahl der Gewährsperson
2.4. Wahl des Explorators
2.5. Erhebung sprachlicher Daten
2.6. Die Transkription
2.7. Redaktion und Präsentation des Materials

3. Abschlussbetrachtung

4. Anhang
4.1. Beispiel für das Computative Arbeitsverfahren im Labor
4.2. Das Internationale Phonetische Alphabet
4.3. Beispiele eines Questionnaire

5. Bibliographie

1. Einleitung

Die Praxis der Dialektologie, mit der sich diese Seminararbeit beschäftigt, spielt für Linguisten, die regionalbedingte Varietäten von Sprache untersuchen, eine bedeutende Rolle, da die empirische Datenerfassung und Datensammlung Voraussetzung für alle weiteren dialektologischen Arbeiten ist.

Aufgrund dessen liegt bei der Betrachtung des Theorie-Empirie-Verhältnis ein Theoriedefizit vor, was in erster Linie daran liegt, dass empirische Untersuchungen der Theoriebildung vorausgingen und in jedem wissenschaftlichen späteren Stadium noch teilweise bestehen blieben.

Je umfassender der zu untersuchende Objektbereich ist, desto arbeitsaufwendiger sind die empirischen Aufgabenstellungen, die sich daraus ergeben, und daher wird ihr meist absoluter Vorrang eingeräumt.

Vorwiegend aus sprachhistorischen Interessen beschäftigte man sich anfangs mit Dialekten, was im 19. Jahrhundert zur Dialektologie als eigene Disziplin führte. Daraus entstanden umfassende Materialsammlungen und –aufbereitungen, wie z.B. Sprachatlanten.

Ziel der Untersuchung ist es, Angaben über die Akzentverhältnisse, zur Syntax und zum Stil zu machen, wobei im Vordergrund jedoch die Laut- und Flexionslehre steht. Dabei sind neue Erscheinungen, Quereinflüsse, Schwankungen und Altersschichten im Dialekt sorgfältig zu registrieren. Das Vorgehen der Dialektologen bei solchen Untersuchungen und die Probleme, die bei der Sprachaufnahme entstehen, werden im folgenden aufgezeigt.

2. Vorgehen der empirischen Dialektologie

2.1 Wahl des geographischen Gebietes

Vor dem Beginn der eigentlichen Untersuchung muss zunächst das geographische Gebiet festgelegt werden, in dem die Untersuchung durchgeführt werden soll.

Mit Hilfe eines Punktenetzes werden die Aufnahmeorte ausgewählt. Für das ALF (Atlas linguistique de la France)1 wurden beispielsweise ca. 5 Punkte in ungefähr der gleichen Entfernung voneinander im Vornherein festgesetzt, wobei zu beachten ist, dass diese Festsetzung rein objektiv sein muss, da ihr keine Interpretation vorausgehen darf. Ein engmaschiges Punktenetz ist selbstverständlich am effektivsten, wenn auch zu zeitaufwendig, um durchgeführt zu werden. Zu bedenken ist des weiteren, dass auch Sprachpunkte Varietäten aufzeigen können.

Nach der Auswahl des Aufnahmeortes muss sich der leitende Dialektologe für eine Verfahrensart entscheiden, was von dem jeweiligen Ziel der Untersuchung abhängt. Im folgenden werden die verschiedenen Methoden der Stoffsammlung aufgezeigt.

2.2. Verfahrenstechniken

Vaugelas schrieb im 17. Jahrhundert jahrelang geduldig auf, was er bei Unterhaltungen zu hören bekam, diskutierte dies mit seinen Kollegen und veröffentlichte abschließend seine Remarque2. Aus Zeitgründen ist dieses Verfahren heutzutage nicht mehr zu bewerkstelligen.

Zwei Grundverfahren werden von heutigen Linguisten angewandt: die Indirekte und Direkte Methode. In der Indirekte Abfrage werden Fragebögen bzw. Übertragungssätze schriftlich durch einen örtlichen Laienexplorator beantwortet. Dafür wurden früher bevorzugt Lehrer

oder Pfarrer eingesetzt, da sie am intensivsten mit der Sprache in Kontakt standen und schreibfähig waren, wogegen das einfache Volk meist nicht alphabetisiert war.

Die erste größere Mundartaufnahme hat Coquebert de Montbret 1807 durchgeführt3, wobei er dieses Korrespondenzverfahren angewandt hat. Er verschickte das Gleichnis vom verlorenen Sohn und ließ es in das jeweilige Regionalidiom übersetzen, was für die Untersuchung der Syntax am sinnvollsten ist, weil man dazu einen vergleichbaren, zusammenhängenden Text benötigt. Da die Vergleichbarkeit bei spontanen Texten schwer zu bewerkstelligen ist, ermöglichen dies solche relativ frei übertragenen Geschichten. Ein Gespräch am Neujahrstag wäre ebenso denkbar.

Ein anderes Verfahren erfragt einzelne Wörter, wobei zu beachten ist, dass die gegebene Antwort des Befragten kontrolliert werden muss, da nicht jede Umschreibung eindeutig oder verständlich ist. Ein Beispiel aus dem Deutschen Wortatlas (DWA)4 macht dies deutlich mit der Frage: “Wie sagt man für jenes Tier, das früher beim Bauern den Wagen zog ?“. Die gegebene Antwort war “Ochse“, obwohl ein Begriff für “Pferd“ gesucht wurde. Solche Missverständnisse müssen vom Forscher mit eingerechnet werden, auch wenn sie durch Zusatzerklärungen oder eindeutige Fragestellungen zu umgangen versucht werden. Weitere Nachteile dieser Methode sind, dass die Aufzeichnung der Daten nur mit Hilfe des gewöhnlichen Alphabets möglich ist, wodurch sich bestimmte sprachliche Erscheinungen schriftlich schwer, wenn nicht sogar gar nicht erheben lassen. So ist zum Beispiel keine Phonetik enthalten, da Bauern oder Pfarrer keine Linguisten sind, und somit die Transkription nicht beherrschen. Erkenntnisse, die während der Befragung gewonnen werden könnten,

können der Formulierung der Fragen nicht mehr angepasst werden, was ebenso nachteilig ist, wie die Tatsache, dass die Zahl der Fragen, die ein Laie bereit ist, selbständig zu beantworten geringer ist, als wenn der Explorator anwesend ist. Des weiteren kann der Forscher die Person nicht persönlich aussuchen und somit nicht beeinflussen, ob die Fragen mit der nötigen Sorgfalt beantwortet werden, sowie er bei schwierigen Fragen nicht erklärend zur Seite stehen kann, wodurch wie am Beispiel des Ochsen verdeutlicht wurde, falsche Angaben gemacht werden können. Die Reaktionen der Gewährsperson (wie z.B. Zögern, Heiterkeit, Unsicherheit, sachliche Kommentare usw.), die für die Interpretation von Bedeutung wären, gelangen meist nicht auf Papier und ein letzter Nachteil ist, dass die soziale Homogenität bei dieser Methode nicht so gut gewährleistet ist wie bei einer enquête sur place, wenn ein Enquêteur mit den Befragten in direkten Kontakt steht.

Die indirekte Verfahrenstechnik hat aber auch Vorteile. Der Gewährsperson wird somit ermöglicht die Fragen in Ruhe zu beantworten, ohne sich beeinflussen zu lassen. Der kleine Zeitaufwand, der dafür aufgebracht werden muss, spricht ebenso dafür wie die daraus resultierenden niedrigere Kosten und der damit verbundenen Möglichkeit viele Erhebungsorte einbeziehen zu können.

Bei genauerer Betrachtung ist zu bemerken, dass die Nachteile v.a. die Qualität und die Vorteile die Quantität betreffen. Die Aufgabe des Dialektologen ist es daher genau abzuwägen, welche Art angewandt werden sollte, um ein bestmögliches Ergebnis zu erzielen. Bei Wortschatzuntersuchungen, ist beispielsweise die indirekte Aufnahme angebracht, die bei phonologischen Untersuchungen jedoch in keiner Weise zu gebrauchen ist.

Für solche Untersuchungen benötigt man die Direkte Methode, bei der ein oder mehrere Informatoren vom Dialektologen direkt befragt werden, was durch direkte Transkription oder zunächst auf Tonband notiert wird. Nachteil dieser Methode ist hauptsächlich, dass sie sehr zeitaufwändig ist und daher nur ein kleines Gebiet erforschen kann. Ein großer Vorteil ist aber, dass bei direkter Befragung die Korrektion einer falschen Antwort durch vorsichtige Nachfrage des Forschers möglich ist. Schätzt die Gewährsperson den Sprachgebrauch seines Heimatortes falsch ein, was v.a. in Übergangszonen oder durch Beeinflussung eines aus einem anderen Sprachbereich stammenden Elternteils auftritt (vorwiegend bei Begriffen im häuslichen Sprachgebrauch), kann der Explorator bei dieser Art der Sprachaufnahme eingreifen und die Enquête lenken .

Bei beiden, der Direkten und der Indirekten Methode stellt sich außerdem das Repräsentativitätsproblem in Form der Informantenauswahl, denn die Frage nach dem Dialektsprecher, der als repräsentativ für alle angesehen werden kann, ist schwerlich zu beantworten.

Die unterschiedlichen Methoden, die bei den Verfahren angewandt werden können, werden im Anschluss eingehend erläutert, auch wenn Überschneidungen nicht vermieden werden können.

2.2.1. Die Übersetzungsmethode

Eine Abfragmethode ist die Übersetzungsmethode, wobei der Enquêteur vor Ort, oder durch das Korrespondenzverfahren, ein Wort in die Mundart übersetzen lässt, was allerdings die Vor- und Nachteile jeder Übersetzung mit sich bringt. Der Vorteil der Vergleichbarkeit steht dem Nachteil gegenüber, dass keine natürlich gesprochene Sprache vorliegt. Abgesehen davon wird von einen Gewährsmann auf den Dialekt des ganzen Ortes geschlossen, obwohl Ortsdialekte nicht immer homogen sind. Voraussetzung ist selbstverständlich die Kenntnis der Hochsprache, was nicht selten ein Hindernis darstellt und auch Nachteile mit sich ziehen kann, weil sich der Befragte dadurch beeinflussen lassen könnte, was später aufgezeigt wird.

Heute wird bei dieser Methode das gesuchte Wort im Kontext übersetzt, um Auswirkung der Polysemie zu verhindern. Jedoch kommt es auch vor, dass der Informator durch die stundenlange Enquête erschöpft ist und dadurch den standartsprachlichen Ausdruck in mundartlicher Aussprache übernimmt, weil ihm die wahre Entsprechung in dem Moment der Abfrage nicht einfällt. Dies führt zu Verfälschungen des Ergebnisses, die berücksichtigt werden müssen. Ein Beispiel dafür kann man in den ALF-Materialien für die Gascogne nachlesen, wo für sentier [ santyè ] anstatt [ kaminòt ] angegeben wurde. Dies gilt aber auch für Fragen, die mögliche Antworten als Beispiele angeben und den Informator beeinflussen: “Wie nennt man gewöhnlich das kleine, feste Zuckerwerk, das Kinder gern lutschen (z.B. Bombom, Guetsel, Bollchen, Zuckerle etc)?“5. Dennoch ist es besser, eine ungenaue Antwort zu bekommen, als wenn der Befragte nicht im geringsten versteht, was er gefragt wird. Die Übersetzungsmethode ist v.a. eine gute Möglichkeit, wenn der Enquêteur den Dialekt nicht spricht, worauf auf S. 12 noch genauer eingegangen wird.

[...]


1 von Jules Gilliéron und Edmont Edmont, Paris (1902 - 1910)

2 Remarques, éd. Streicher, préface ll, 3.

3 gemäß der Angabe Lothar Wolfs in Aspekte der Dialektologie. Eine Darstellung von Methoden auf französischer Grundlage.

Max Niemeyer Verlag, Tübingen (1975); S.24

4 Bd.1-4 hrsg. von Walter Mitzka. Bd.5-17 hrsg. von Walter Mitzka und Ludwig

Erich Schmitt. Bd.18-22 redigiert von Reiner Hildebrandt. Gießen 1951-1980

5 aus dem Fragebogen zum Wortatlas der deutschen Umgangssprachen.

Von Jürgen Eichhoff. 2. Bde. Bern. München 1977-1878.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Empirische Dialektologie - Das Problem der Sprachaufnahme
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Romanisches Seminar)
Veranstaltung
Dialektologie des französischen Sprachraums
Note
2
Autor
Jahr
2002
Seiten
20
Katalognummer
V8996
ISBN (eBook)
9783638158145
ISBN (Buch)
9783638640787
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Empirische, Dialektologie, Problem, Sprachaufnahme, Sprachraums
Arbeit zitieren
Stefanie Klingler (Autor), 2002, Empirische Dialektologie - Das Problem der Sprachaufnahme, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8996

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