Fördert die digitale Vernetzung unsere Individualität?


Essay, 2018

5 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Im Folgenden geht es um die Fragestellung, ob digitale Vernetzung unsere Individualität befördert oder wir mehr und mehr kollektiven Standards unterworfen werden. Zunächst werden die Begrifflichkeiten „digitale Vernetzung“ und „Individualität“ näher eingegrenzt und in ihrer oberflächlichen Bedeutung erläutert. Unter digitaler Vernetzung sollen sich im Folgenden alle Informationen verstehen, die über moderne digitale Endgeräte (wie Laptops, Tablets, Smartphones) in ihren unterschiedlichsten Formen und über sämtliche derzeit existierende Online-Plattformen (Online-Magazine, Social Media- und Kommunikationsplattformen, Recherche- und Such-maschinen etc. ) abgerufen werden können. Seit dem 20. Jahrhunderts geht es mit der Forschung und Entwicklung (im Zuge der Industrialisierung) insbesondere im Bereich der Technik und der Digitalisierung weltweit rasant voran. Immer mehr Lebensbereiche, sei es im beruflichen Leben oder in privaten Haushalten, werden durch das stetige Wachstum der digitalen Branche verändert und beeinflusst. Doch wie verändert sich die Individualität und unser damit einhergehendes Bewusstsein mit diesem scheinbar unaufhörlichen Voranschreiten der digitalen Vernetzung? Individualität meint im Folgenden die Fähigkeit jedes Menschen selbstbestimmt Entscheidungen zu treffen und das damit einhergehende Bewusstsein, frei im Bereich der eigenen Lebensgestaltung zu sein. Ansätze zur Beantwortung der Fragestellung lassen sich schon in den Gesellschaftstheorien der soziologischen Klassiker, wie David Emile Durkheim oder Georg Simmel finden, die den Wandel von der traditionellen hin zur modernen Gesellschaft, sowie das damit einhergehende veränderte Bewusstsein von Individualität, analysierten und beschrieben. Im folgenden Verlauf geht es sowohl um die Vorteile der digitalen Vernetzung (mit Schwerpunktsetzung auf den Individualisierungsprozess), als auch um die nicht zu vernachlässigenden Nachteile und dem Prüfen der These, ob es sich nicht doch eher um eine durch die Digitalisierung herangeführte Unterwerfung kollektiver Standards handelt.

In keinem anderen vergangenen Jahrzehnt war es so leicht, wie zu unserer heutigen Zeit, weltweit zu kommunizieren und sich Informationen aus etlichen Themengebieten schnell und kostenlos aus dem Internet zu beschaffen. Doch beginnen wir zunächst bei dem Beginn des Wandels hin zur modernen Gesellschaft. Der deutsche Soziologe Georg Simmel beschrieb diesen Wandel der Gesellschaft (von der traditionellen zur modernen) als Individualisierungsprozess und beobachtete ein Voranschreiten der Vergesellschaftung. Georg Simmel (vgl. Simmel 1993, S. 198) charakterisiert die Gesellschaft am Beispiel der Kreuzung sozialer Kreise und veranschaulicht so den Individualitätsbegriff. In den zuvor existierenden und überschaubaren Dörfern stand das Individuum im Zentrum konzentrischer Kreise, was bedeutet, dass jedes Subjekt ohne wirkliche selbstbestimmte Willensfreiheit in seine einzunehmende Rolle hineingeboren wurde, beispielsweise in Familie X, im Dorf bzw. in der Pfarrgemeinde Y und gehörte somit automatisch dem dort herrschenden Fürstentum an, ohne auch nur eines davon in Frage zu stellen. Jedes Individuum war sich also seines Platzes bewusst und wäre sofort in der Gesellschaft, die es umgibt, aufgefallen, sofern es sich anders als von seinem Umfeld erwartet und gewissermaßen normativ vorgegeben verhält. Simmel (vgl. Simmel 1993, S. 199) schildert den Wandel zur modernen Gesellschaft am Beispiel der unterschiedlichen Lebensweise der Individuen in den monopolisierenden und stetig wachsenden Großstädten und verdeutlicht die Veränderungen der traditionellen und der modernen Gesellschaft. Durch die in den Großstädten herrschende Konkurrenz untereinander und daraus resultierend durch die zwangsläufig aufkommende spezialisierte Arbeitsteilung, befindet sich das Individuum nicht mehr im Zentrum konzentrischer Kreise, sondern muss selbst seinen individuellen Platz im Schnittpunkt aller möglichen Kreise (wie Fabriken, Parteien, Sportvereine usw.) eigenständig finden und sich so in der Gesellschaft etablieren. Das Individuum ist nun also gezwungen sich seinen Platz selbstbestimmt zu suchen und sich von anderen durch individuelle Merkmale abzuheben. Simmel betrachtet die Modernisierung nicht nur als Steigerung der Individualität und der individuellen Handlungsfreiheit, sondern veranschaulicht die veränderte Lebensweise in Großstädten auch mit dem plötzlich sehr viel schnellerem Lebenstempo, welches das Leben der Großstädter prägte. Darauf aufbauend beschrieb er (Simmel 1993, S. 203) ebenso die Veränderungen der menschlichen Beziehungen untereinander, die in den Großstädten deutlich anonymer und unpersönlicher waren, als in den zuvor existierenden dörflichen Gemeinschaften. Diese Beobachtung können wir in noch gesteigerterer Form zu unserer heutigen Zeit der Digitalisierung feststellen. Durch die vermehrte Nutzung des Internets, sowohl im beruflichen als auch im privaten Bereich, scheint die Welt immer in Bewegung zu sein. Anstatt an traditionellen Werten festzuhalten ist die heutige Gesellschaft geprägt von ständigen Erneuerungen durch technischen Fortschritt. Durch die digitale Vernetzung sind die Individuen beispielsweise durch den Umgang mit massentauglichen Social Media Plattformen (wie Instagram, Facebook & Co.) ständigem Vergleich ausgesetzt. Schon Simmel beschrieb die sogenannte Massenkultur am Beispiel der Mode, in der das Individuum im ständigen Konflikt zwischen individueller Selbst-verwirklichung und dem vorgegebenen Trend der Massen stand. Man könnte so weit gehen zu behaupten, dass die digitale Vernetzung uns somit (oft unbewusst) kollektiven Standards unterwirft, in dem zum Beispiel durch die Stars und die Modeindustrie Trends vorgegeben werden, die es bloß nicht zu verpassen gilt. Aus der unaufhörlichen Verbreitung dieser Informationen und dem Konsum der Massen resultiert eine ständige Vergleichbarkeit, wodurch sich das Individuum also heute vielleicht mehr denn je in dem schon von Simmel beschriebenem Konflikt zwischen individueller Selbstverwirklichung und dem Bestreben nach Integration in der Gesellschaft befindet, welcher als Prozess der Individualisierung betrachtet werden kann. Auf die Frage, ob die digitale Vernetzung unsere Individualität befördert oder uns vielmehr kollektiven Standards unterwirft, können wir ebenfalls Ansätze in der Gesellschaftstheorie von David Emile Durkheim, einem französischen Soziologen, finden. Ähnlich wie Simmel nahm auch er deutliche Veränderungen im Wandlungsprozess von der traditionellen Gesellschaft hin zur modernen wahr und veranschaulichte seine Gesellschaftstheorie u.a. anhand des Bewusstseinswechsels. Während die traditionelle Gesellschaft von einem hohen Kollektivbewusstsein geprägt war , in der sich die Gesellschaft durch segmentäre Differenzierung (also durch eine sich gleichende Einheit der Individuen) auszeichnete, nahm das Kollektivbewusstsein in der modernen Gesellschaft ab. Gekennzeichnet war die Gesellschaft mit Fortschreiten des Wandlungsprozesses durch eine sogenannte funktionale Differenzierung. Gemeint ist, dass die einzelnen Individuen, durch die im Zuge der Spezialisierung entstehende Arbeitsteilung, immer verschiedener wurden und sich die Gesellschaft nicht mehr als eine sich gleichende Einheit, sondern vielmehr als eine unterschiedliche Teile-Gesellschaft, in der es weniger Gruppenmoral gab, auszeichnete. Sowohl aus der Gesellschaftstheorie von Georg Simmel als auch aus jener von David Emile Durkheim lässt sich also ableiten, dass die einzelnen Individuen ihr Leben immer freier und selbstbestimmter zu gestalten versuchten bzw. dieses durch den gesellschaftlichen Wandel der Zeit zwangsläufig mussten. Die Möglichkeiten der unterschiedlichen Lebensweisen sind in unserer heutigen Zeit der größer und umfangreicher denn je. Unter anderem werden über digitale Medien schon früh (bewusst oder unbewusst) individuelle Charakterzüge geprägt und gebildet. Als Beispiel für diese Individualitätsbildung in unserem modernen Zeitalter lässt sich der zum massentauglichen Trend entwickelte vegane Lifestyle aufzeigen (eine Lebensweise, die auf den ganzheitlichen Konsum von tierischen Produkten und Nebenprodukten verzichtet). Die Verbreitung dieser Lebensweise fand zu großen Teilen auch in den kollektiv genutzten digitalen Medien (wie Social Media Plattformen etc.) statt, denn wie schon anfänglich kurz erwähnt ist es für den Großteil der heutigen Gesellschaft ein Leichtes, sich Informationen über das Internet zu beschaffen und sich so einer Gruppierung anzuschließen und dies gleichzeitig als Individualitätsmerkmal in sich selbst aufzunehmen. So kann man also zu dem vorzeitigen Schluss kommen, dass die digitale Vernetzung unsere Individualität sehr wohl befördert, indem selbstbestimmt entschieden werden kann, zu welcher Gruppe oder zu welcher Bewegung man sich selbst als dazugehörig empfindet. Doch inwieweit ist die Nutzung digitaler Medien eine Unterwerfung kollektiver Standards? Auch hier lassen sich bei Durkheim Erklärungsansätze in seiner Gesellschaftstheorie finden. Er prägte den Begriff des sozialen Tatbestandes, womit ein von der Gesellschaft ausgehender äußerlicher Zwang gemeint ist, der sich auf die Denk- und Handlungsweisen jedes Individuums auswirkt und auch unabhängig von diesen existiert, also eine Art unabhängiges Eigenleben besitzt (Durkheim 1895 S. 106 ff.). Dieser Ansatz kann auf die Digitalisierung in dem Sinne angewandt werden, dass diese weltweit und flächendeckend existiert, unabhängig von einzelnen Personen oder Personengruppen, die auf den Konsum digitaler Medien verzichten. Die digitale Vernetzung hat sich also schon so weit in den existierenden Gesellschaften etabliert, dass man sehr wohl von einer Unterwerfung kollektiver Standards sprechen kann. Um dies noch weiter zu veranschaulichen lässt sich die Unternehmenspolitik vieler (großer) Firmen, vor allem in wirtschaftlich geprägten Branchen, anführen, da hier schon bei dem Bewerbungsprozess auf die Online-Abwicklung gesetzt wird und nicht mehr (wie es noch vor ein paar Jahrzehnten der Fall war) auf Print-Bewerbungen. Doch nicht nur beruflich, sondern auch in privaten Haushalten ist die digitale Vernetzung nicht mehr wegzudenken, aufgrund der kollektiven Nutzung weltweit.

Zusammenfassend lässt sich die Frage, ob digitale Vernetzung unsere Individualität befördert oder wir mehr und mehr kollektiven Standards unterworfen werden, also nicht klar und eindeutig beantworten. Zur Annäherung sollten sowohl die Vor- als auch die Nachteile der Digitalisierung in Betracht gezogen werden. Positiv zu sehen ist ganz klar die schnelle, einfache und (weitgehend) kostenlose Nutzung der Internet-Plattformen sowie die unkomplizierte Informationsbeschaffung, durch die unsere Individualität geprägt und beeinflusst werden kann. Ansätze zur Erklärung und Beantwortung finden sich hier bei den soziologischen Klassikern, wie zum Beispiel bei Georg Simmel, der den Wandel hin zur modernen Gesellschaft als einen Individualisierungsprozess beschreibt, in dem das Individuum nicht mehr (wie in der traditionellen Gesellschaft) im Zentrum konzentrischer Kreise steht, sondern indem jedes Individuum seinen individuellen Schnittpunkt, also seinen Platz in der Gesellschaft (Fabrik, Partei, Sportverein etc.), selbst suchen und finden muss. Durch die Steigerung der individuellen Handlungsfreiheit und die digitale Vernetzung sind Individuen dem schon von Georg Simmel beschriebenem Konflikt zwischen Individualität und dem Nacheifern der Massentrends ausgesetzt, der durch die ständige Vergleichbarkeit (beispielsweise über Social Media Plattformen) weiter anhält. Obwohl die digitale Vernetzung auf der einen Seite unsere Individualität befördert, sind wir dennoch (oft unbewusst) ebenso kollektiven Standards unterworfen. Als Erklärungsansatz lässt sich hier der von David Emile Durkheim geprägte Begriff des sozialen Tatbestandes aufführen. Durch die weltweite und kollektive Nutzung digitaler Medien, sowohl im beruflichen, als auch im privaten Bereich unseres Lebens, wirkt eine Art äußerer Zwang (immer auf dem neuesten Stand zu sein und immer mithalten zu können) auf die Denk- und Handlungsfreiheit jedes Individuums ein, welcher auch unabhängig von Einzelnen weiter existiert.

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Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Fördert die digitale Vernetzung unsere Individualität?
Hochschule
Universität Kassel
Note
1,3
Jahr
2018
Seiten
5
Katalognummer
V899714
ISBN (eBook)
9783346211767
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Essay, Soziologische Theorien, Digitalisierung, Digitale Vernetzung, Individualität, kollektive Standards, Individualbewusstsein, Kollektivbewusstsein, Durkheim, Emile Durkheim, Weber, Max Weber, Simmel, Georg Simmel
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Anonym, 2018, Fördert die digitale Vernetzung unsere Individualität?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/899714

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