Entscheiden in der modernen Gesellschaft. Ist rationales Entscheiden möglich?


Essay, 2020

6 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Analyse eines subjektiven Entscheidungsproblems

3. Fazit

4. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

In diesem Essay soll es um die kritische Auseinandersetzung eines subjektiv gewählten Entscheidungsproblems gehen, welches mithilfe wissenschaftlicher Literatur reflektiert wird. Als empirisches Beispiel dient die Wahl der additiven Schlüsselkompetenzen im Zuge meines Soziologie-Studiums. Im Hintergrund steht die Fragestellung, inwieweit ein rationales Entscheiden überhaupt möglich ist.

Um sich der Fragestellung annähern zu können, ist es zunächst sinnvoll, sich mit dem Konstrukt der Entscheidung an sich zu befassen und dieses begrifflich zu erläutern. Der deutsche Autor und Redner, Matthias Nöllke, schreibt in seinem Werk „ Entscheidungen treffen. Schnell, sicher, richtig.“, dass jede Entscheidung darauf abzielt, einen unklaren Zustand zu beenden, indem die zur Verfügung stehenden Alternativen verworfen werden (Nöllke 2010, S. 7). Darauf aufbauend führt also jede Entscheidung, nachdem sie gefällt wurde, zu einer unmittelbaren Entlastung. In unserem alltäglichen Leben treffen wir permanent kleine Entscheidungen – angefangen bei der Frage, was wir zum Frühstück essen, über die Frage, welche Jacke für die aktuellen Wetterbedingungen am angemessensten erscheint bis hin zu Entscheidungen, welche anstehenden Aufgaben zuerst erledigt werden sollten oder wie die heutige Abendgestaltung aussehen wird. Im wissenschaftlichen Kontext spricht man bei dieser Art von Entscheidungen von intuitiven Entscheidungen (Nöllke 2010, S. 8), für die wir uns nicht lange Zeit nehmen und die häufig emotionsgesteuert gefällt werden. Dem gegenüber steht das Konstrukt der rationalen Entscheidungen, die deutlich zeitaufwendiger sind und bei denen vermeintlich alle Aspekte mit einkalkuliert werden, um zu einer optimalen Lösung zu gelangen.

2. Analyse eines subjektiven Entscheidungsproblems

Darauf aufbauend stellt sich nun also die Frage: Ist ein vollständig rationales Entscheiden überhaupt möglich? Laut Nöllke (2010) sind rationale Entscheidungstechniken vor allem dann zu empfehlen, wenn es sich um unübersichtliche Situationen handelt (Nöllke 2010, S. 8). Entscheidungstechniken können beispielsweise das Erstellen einer Entscheidungsdatenbank oder das Auflisten und anschließende Abwägen von Pro- und Contra-Argumenten sein. Bei dieser Formalisierung des Entscheidungsprozesses wird allerdings das sogenannte „implizite Wissen“ ausgeblendet, da dieses nicht sprachlich zur Verfügung steht, sondern an die Intuition gekoppelt ist (Nöllke 2010, S. 11). „Explizites Wissen“ hingegen ist artikulierbar und kann aufgeschrieben werden, um einer Entscheidung näher zu kommen. Bei der Anwendung rationaler Entscheidungstechniken, wird dem „impliziten Wissen“, was beispielsweise als „Bauchgefühl“ oder Intuition beschrieben werden kann, also keine weitere Beachtung geschenkt. An dieser Stelle lässt sich kritisch hinterfragen, ob die Ausblendung des „impliziten Wissens“ bzw. des „Bauchgefühls“ bei rationalen Entscheidungen also wirklich als rational betitelt werden kann. Auch der Autor, Matthias Nöllke, hält fest: „Wer immer nur auf Nummer sicher gehen möchte, riskiert entscheidungsunfähig zu werden.“ (Nöllke 2010, S. 7). Er sieht bei intuitiven Entscheidungen einen erheblichen Vorteil: sie werden relativ schnell gefällt und sind somit häufig effizienter, als ein aufwendiges, rationales Entscheidungsverfahren. Wie schon in der Einleitung erwähnt, soll es in dieser Arbeit um ein subjektives Entscheidungsproblem gehen, nämlich um die Wahl der additiven Schlüsselkompetenz im Zuge meines Soziologie-Studiums. Um das Entscheidungsproblem zunächst zu erfassen, werden im Folgenden die Rahmenbedingungen der zu fällenden Entscheidung skizziert. Die Prüfungsordnung des Fachbereichs sieht vor, dass jede(r) Studierende mit selbst gewählten additiven Schlüsselkompetenzen insgesamt 8 Credits erlangt. Dafür sind mindestens zwei additive Schlüsselkompetenzen notwendig. Zur Auswahl standen verschiedene Sprachkurse (Englisch, Spanisch, Schwedisch…), Workshops (z.B. Posterworkshop, Videojournalismus, Schreibberatung, Bewerbungstraining), Kurse (wie „Einführung in STATA“, „STATA für Fortgeschrittene“, „Einführung in SPSS“) oder umfassende Projekte (wie „Gutes tun und Credits sammeln“ und „Ideenwerkstatt MACHEN!“). Nachdem nun also die Ausgangssituation skizziert wurde, werden anschließend die verschiedenen Entscheidungsparameter erläutert. Konkret habe ich die Aspekte des Zeitaufwandes, der Anzahl der zu erreichenden Credits, der Anwendbarkeit des erlernten Wissens für das Studium sowie für meine berufliche Zukunft, als auch persönliche Interessen und Fähigkeiten mit in den Entscheidungsprozess einbezogen. Die Entscheidungsparameter des Zeitaufwandes und der Anzahl der zu erreichenden Credits korrelieren miteinander; konkret: je mehr Präsenzzeit erforderlich ist, desto mehr Credits erhalten die Studierenden für die absolvierte additive Schlüsselkompetenz. Um zu einer für mich passenden Lösung zu kommen, habe ich nun also abgewogen, was ich mit den additiven Schlüsselkompetenzen überhaupt erreichen möchte. Meine subjektive Prämisse war, dass ich gerne sowohl Wissen für mein Studium, als auch Fähigkeiten für meinen beruflichen Werdegang aufbauen würde. Da ich in einem internationalen Unternehmen arbeite und insbesondere zu Zeiten der immer engeren weltweiten Vernetzung - sprachliche Fähigkeiten einen sehr hohen Stellenwert haben, traf ich relativ schnell die Entscheidung, einen Englisch Sprachkurs zu belegen. Dieser erfüllte meine Prämisse der Anwendbarkeit für meinen beruflichen Werdegang. Nachdem ich, größtenteils intuitiv, diese Wahl getroffen habe, betrachtete ich die weiteren zuvor erwähnten Entscheidungsparameter:

Zeitaufwand (4h Unterricht pro Woche), zu erreichende Credits (4 Cr.) sowie persönliche Interessen und Fähigkeiten. Laut Nöllke (2010) könnte man also sagen, dass ich die Entscheidung unter Einbeziehung meines impliziten Wissens gefällt habe und anschließend mit explizitem Wissen als rationale Entscheidung manifestiert habe. Durch die extern vorgegebene Prüfungsordnung wusste ich nun also, dass ich noch weitere 4 Credits benötige, um die formalen Anforderungen zu erfüllen. Die Wahl meiner zweiten additiven Schlüsselkompetenz verlief also analytischer: ich suchte explizit nach einer Möglichkeit, 4 Credits zu erlangen, und glich die mir zur Verfügung stehenden Entscheidungsoptionen mit meiner zugrunde gelegten Prämisse und meinen Entscheidungsparametern ab. Der angebotene Kurs „Einführung in STATA“ erfüllte die Prämisse der Anwendbarkeit für mein Studium. Da durch diese Entscheidung auch die anderen Entscheidungsparameter, wie die Anzahl der zu erreichenden Credits (4 Cr.), der Zeitaufwand (5 Einzeltermine mit jeweils 4-5h) sowie persönliche Fähigkeiten und Interesse positiv berücksichtigt werden konnten, traf ich unter Berücksichtigung des expliziten Wissens die Entscheidung, an dem Kurs teilzunehmen. Auf der Ausgangssituation aufbauend stellt sich nun also die Frage, inwieweit es sich bei der Lösung meines Entscheidungsproblems um ein rationales Entscheiden gehandelt hat bzw. inwieweit rationales Entscheiden überhaupt möglich ist. Hierzu wird ein weiteres sehr bekanntes, ökonomisches Verhaltensmodell herangezogen, nämlich das des „homo oeconomicus.“

Die ökonomische Theorie legt zugrunde, dass das Individuum, also der Mensch, im Mittelpunkt der Betrachtung steht (Kirchgässner 2013, S. 12). Menschliches Handeln wird hier als rationale Auswahl aus Alternativen verstanden (Kirchgässner 2013, S. 12). Der Annahme folgend, dass sich das Individuum in einer Knappheits-Situation befindet, müssen also Entscheidungen getroffen werden, da nicht alle Bedürfnisse zur gleichen Zeit erfüllt werden können. Der Entscheider oder die Entscheiderin steht nun vor einer Entscheidungssituation mit zwei Elementen: persönliche Präferenzen und Restriktionen (Kirchgässner 2013, S. 13). Die zuvor erläuterte subjektive Entscheidungssituation meiner additiven Schlüsselkompetenzen kann, der Theorie des rationalen Handelns folgend, also auch als rationale Entscheidungssituation eingeordnet werden. Kirchgässner (2013) beschreibt, dass die jeweiligen Restriktionen den Handlungsraum vorgeben (Kirchgässner 2013, S. 13). In meiner Situation war dies die formal festgelegte Prüfungsordnung und die Vorgabe durch additive Schlüsselkompetenzen 8 Credits zu erlangen. Die Präferenzen sind, laut dem Autor, unabhängig von den bestehenden Handlungsmöglichkeiten und beinhalten unter anderem eigene Wertvorstellungen. In meiner Entscheidungssituation waren dies die dargestellten Entscheidungsparameter, anhand derer ich den Englisch Sprachkurs und den Kurs „Einführung in STATA“ ausgewählt habe. Auch wenn die Theorie des „homo oeconomicus“ zunächst von einer vollständigen Rationalität ausgeht, ist es wichtig zu betonen, dass dies in der Realität nahezu nie der Fall ist. In der Literatur finden sich daher häufig die Ansätze des „eingeschränkt rationalen Verhaltens“.

3. Fazit

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass es verschiedene Entscheidungsarten und -konstrukte gibt. Auf der einen Seite stehen die intuitiven, alltäglichen Entscheidungen, für die wir uns nicht lange Zeit nehmen und die in der Regel emotionsgesteuert gefällt werden. Dem gegenüber steht das Konstrukt der rationalen Entscheidungen, die deutlich aufwendiger sind und bei denen vermeintlich alle Aspekte für die optimale Entscheidungsfindung mit einkalkuliert werden. Wichtig zu betonen ist jedoch, dass sich diese Entscheidungstechniken nicht zwangsläufig konträr gegenüberstehen, sondern vielmehr ineinander übergehen und einander ergänzen, wie es auch in meinem subjektiv gewählten Beispiel der Fall war. Die Entscheidungssituation meiner additiven Schlüsselkompetenzen kann durchaus als Entscheidungssituation des rationalen Handelns bezeichnet werden. Da es aber nahezu unmöglich ist, eine rein rationale Entscheidung zu treffen, ohne dabei das implizite Wissen („Bauchgefühl“) zu berücksichtigen, komme ich zu dem abschließenden Fazit, dass es nicht möglich, vollständig rational zu entscheiden.

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Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Entscheiden in der modernen Gesellschaft. Ist rationales Entscheiden möglich?
Hochschule
Universität Kassel
Note
2,0
Jahr
2020
Seiten
6
Katalognummer
V899727
ISBN (eBook)
9783346244154
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Essay, Entscheiden, Entscheiden in der modernen Gesellschaft, subjektives Entscheidungsproblem, Soziologie, Rationales Entscheiden, Rational Choice, Homo oeconomicus, Das ökonomische Modell individuellen Verhaltens und seine Anwendung in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Entscheidungen treffen. Schnell, sicher, richtig.
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Entscheiden in der modernen Gesellschaft. Ist rationales Entscheiden möglich?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/899727

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