Utopische Literatur im 21. Jahrhundert. Manipulation von Sprache und Wahrheit in Zeiten von "Fake News"

Am Beispiel von George Orwells „1984“


Hausarbeit, 2020

27 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Theoretischer Hintergrund
2.1 Grundlagen utopischer und dystopischer literarischer Werke
2.2 George Orwells „1984“ im Überblick – Autor, allgemeiner Überblick und Inhalt der Dystopie
2.3 Orwells dystopische Warnungen aus heutiger Sicht – Manipulation der Wahrheit und Sprache sowie totale Durchdringung der Gesellschaft

3. Die Macht der Sprache aus heutiger Sicht – Die Rolle der Wahrheit in Zeiten von Fake News und Bullshit – Bewahrheiten sich Orwells dystopische Befürchtungen?
3.1 Definition, begriffliche Abgrenzung sowie Beispiele von Fake News und Bullshit im Vergleich
3.2 Gefahrenpotentiale von Fake News und Bullshit sowie mögliche Gegenmaßnahmen in liberalen Demokratien

4. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Das, was uns aus der Natur heraushebt, ist der einzige Sachverhalt, den wir seiner Natur nach kennen können: die Sprache. Mit ihrer Struktur ist die Mündigkeit für uns gesetzt.“ (Seel 2019: 1).

Mit diesen Worten zitiert der Frankfurter Philosophieprofessor Martin Seel einen der größten, deutschen Philosophen, Jürgen Habermas. Habermas beschreibt in diesem Ausspruch die herausragende Bedeutung der Sprache für den vernunftbegabten Menschen und stellt sie als das zentrale Unterscheidungsmerkmal zwischen den Menschen und anderen Lebewesen dar. Sprache besitzt demnach ein weitreichendes Potential und ein gegenseitiger Austausch zwischen Individuen stellt laut Jürgen Habermas das grundlegendste Element von Sprache überhaupt dar. Durch die Möglichkeit differenzierter Zugänge und Perspektiven auf unsere Welt entstehen verschiedene Lebenswirklichkeiten und das Denken und Handeln von sprachfähigen Lebewesen wird beeinflusst. Es lässt sich feststellen, dass es bezüglich der Rolle der Sprache in zwischenmenschlichen Beziehungen im wissenschaftlichen Diskurs verschiedene Denkrichtungen gibt, von denen allerdings keine die besondere Wichtigkeit und herausragende Bedeutung für menschliches Zusammenleben und Kommunikation in Frage stellt (Seel 2019: 1).

Auch in seinen politikphilosophischen Werken verdeutlicht Habermas die Bedeutung und Macht der Sprache. Er geht davon aus, dass Politik als eine Suche nach gemeinsamen Normen und Werten im gegenseitigen Austausch, eng mit Sprache verknüpft ist und dass sie ohne Sprache nicht möglich ist. In seiner Diskurstheorie beschreibt er dazu den Prozess der Deliberation1, in der vernunftbegabte, allumfassend informierte Bürger versuchen zu einem allgemeinen Konsens zu kommen. Auch Hannah Arend beschreibt bereits 1958, das Reden als Kern des Politischen und stellt die Wichtigkeit von Sprache in den Vordergrund. Beide Autoren sehen somit einen sehr wichtigen und positiven Einfluss von Sprache auf die Politik und die Gesellschaft. Auf der anderen Seite entgeht ihnen allerdings auch das Konfliktpotential von Sprache nicht und sie geben die Verknüpfung von Aspekten des Konfliktes mit Sprache, zu bedenken. Somit zeigt sich, dass Sprache und Politik auf zweierlei Wegen untrennbar miteinander verknüpft sind. Zum einen zur Gestaltung und Auslegung des Gemeinwesens und zum anderen zur Austragung von Konflikten und gegenseitigen Differenzen (Nonhoff 2017: 495).

Es wird deutlich, dass Sprache eine immense Wirkungsmacht haben kann und sowohl für gute als auch für negative Zwecke genutzt werden kann. Als Beispiel für ein negatives Nutzen von Sprache im politische Kontext kann das dystopische Werk „1984“ von George Orwell genannt werden. Mit der Etablierung des „Neusprech“ verfolgt die herrschende Partei in diesem Roman eine perfide Strategie. Es soll darum gehen, so wenig wie möglich Worte zu verwenden, um der Bevölkerung durch die fehlenden Worte, die Möglichkeit des Nachdenkens über bestimmte Aspekte zu nehmen und somit die Wirklichkeit in der Wahrnehmung der Menschen zu manipulieren und zu verändern. Der Frage nach der Relevanz von Utopien im Allgemeinen und im Besonderen von „1984“ für unsere heutige Zeit werde ich in meiner Arbeit nachgehen. Es soll darum gehen, zu untersuchen, welche Lehren wir auch heute noch aus diesem Genre und konkret aus dem genannten Werk ziehen können. Wie die einleitenden Ausführungen zu Habermas und Arend gezeigt haben, ist die Bedeutung der Sprache für uns Menschen im Allgemeinen und auch in der Politik sehr hoch und die Gefahr eines Ausnutzens der Mächtigkeit der Sprache besteht nicht nur in Orwells Dystopie, sondern lässt sich auch in unserer heutigen Realität feststellen. Betrachtet man Phänomene wie „Fake News“ und „Bullshit“, so zeigt sich, dass durch Manipulation der Sprache versucht wird die Wirklichkeit für eigene Zwecke zu verändern und zu beeinflussen. Dies kann zur ernsten Bedrohung für die liberale Demokratie2 werden. Somit stellt die Frage nach der Relevanz von Orwells „1984“ aus heutiger Sicht eine wichtige Überlegung dar, der ich in meiner Arbeit nachgehen werde. Betrachtet man den historischen Hintergrund dieses Werkes, so zeigt sich, dass ähnlich wie in der NS-Zeit, ein totalitäres Regime, die Sprache bewusst nutzt, um seine Vormachtstellung zu festigen. Deshalb wird ein zweites zentrales Ziel meiner Arbeit sein herauszufinden, welche Warnungen und Vorahnungen der Autor bezüglich der Manipulation von Sprache und Wahrheit durch Antidemokraten feststellt, um mögliche Gefahren durch „Fake News“ und „Bullshit“ in unserer heutigen Zeit zu erkennen und einordnen zu können.

Zunächst werde ich einen Überblick über utopische und dystopische Werke in der Literatur geben, eine Abgrenzung zu anderen Genres herausarbeiten und die Hauptaspekte dieser Literatur verdeutlichen, um die Bedeutsamkeit solcher Schriftstücke für die heutige Zeit klarzustellen. Anschließend wird es um den Inhalt der Dystopie „1984“ gehen. Hierbei werde ich die wichtigsten Handlungsstränge skizzenhaft darstellen, die Beziehungsgefüge erläutern und die Bedeutung der Sprache und ihrer Manipulation sowie die totalitären Durchdringungsvorhaben der herrschenden Partei aufzeigen. Dies ist notwendig, um die Relevanz des Werkes für meine Fragestellungen zu verdeutlichen und um die Macht der Sprache in diesem Werk herauszustellen und auf heutige, reale Phänomene zu übertragen. Im zweiten Schritt meiner Arbeit, möchte ich die Befunde aus Orwells Dystopie mit aktuellen Entwicklungen und Manipulationen der Sprache und Wahrheit zusammenbringen. Hierzu werde ich zunächst „Fake News“ und „Bullshit“ als sprachliche Phänomene charakterisieren, bevor ich anschließend auf die Gefahren für die liberale Demokratie Bezug nehme und mögliche Gegenmaßnahmen darstelle. Des Weiteren versuche ich einen Ausblick auf die zukünftigen Gefahren der Demokratie durch sprachliche Manipulationen zu geben und die Rolle von utopischen Werken für die heutige Zeit darzustellen.

Insgesamt soll es in dieser Arbeit also darum gehen, die Bedeutung des literarischen Genres utopischer Schriftstücke für die heutige Zeit und die liberale Demokratie bezüglich der Macht der Manipulation von Sprache darzustellen und mögliche Gefahren durch Phänomene wie „Fake News“ und „Bullshit“ aufzuzeigen. Daraus möchte ich versuchen, mögliche Schutzmaßnahmen der liberalen Demokratie gegen solche antidemokratischen Prozesse abzuleiten.

2. Theoretischer Hintergrund

Der folgende Abschnitt meiner Arbeit soll dazu dienen, die Grundlagen des literarischen Genres der Utopien und Dystopien kurz vorzustellen, die Besonderheiten zu verdeutlichen, sowie seine politikwissenschaftliche Relevanz aus heutiger Sicht aufzuzeigen. Des Weiteren soll das dystopische Werk „1984“ von George Orwell zusammengefasst und seine Haupthandlungsstränge erläutert werden. Auch dabei werde ich versuchen aufzuzeigen, warum dieses Werk auch aus heutiger Sicht noch nichts an Relevanz verloren hat und welche Lehren man aus demokratietheoretischer Sicht daraus ziehen könnte und sollte. Konkret werde ich daran anschließend auf die Warnungen Orwells bezüglich der Manipulation der Wahrheit durch die Sprache (Newspeech) und die totale Durchdringung der Gesellschaft durch die herrschende Partei eingehen.

2.1 Grundlagen utopischer und dystopischer literarischer Werke

Der Begriff der Utopie hat eine lange Tradition. Je nachdem, wie weit man ihn fassen möchte, lassen sich erste utopische Gedanken bereits in der Antike und im Mittelalter finden. Geht man allerdings von einer „neuzeitlichen Definition“ dieses Begriffes aus, so beschreibt der Autor Thomas Schölderle das 1516 erschienene Werk „Utopia“ von Thomas Morus, als Ursprung des Begriffes und Genres Utopie. Der von Morus geprägte Begriff beschrieb einen weit entfernten Inselstaat, mit zu seiner Zeit, atypischer Gesellschaftsform. Dieser sollte der heimischen Gesellschaft einen Spiegel vorhalten. Im Verlauf der Zeit entwickelte sich daraus ein literarisches Genre, ein politischer Kampfbegriff und nach den Schrecken der NS-Zeit und den Verfehlungen und Illusionen der Kommunisten im 20. Jahrhundert galt der Begriff weithin als negativ konnotiert und man ging bereits vom Ende der Utopie aus. Das dies nicht der Fall ist und auch nicht sein sollte, werde ich nach einem Versuch einer Definition des Utopiebegriffs näher erläutern (Schölderle 2017: 9 f.).

Der „Erfinder“ der Utopie, Thomas Morus, leitete den Begriff aus den griechischen Worten: „ou“ für „nicht“ und „topos“ für „Ort“, also „Nichtort“ oder „Niemandsland“ her. Das hierbei scheinbar ein ganz bewusst genutzter Übersetzungsfehler, „eu“ für „gut“, also „guter Ort“ an ein dem Autor dienliches Wortspiel erinnert, ist passend zu der tieferen Bedeutung des Wortes „Utopie“ nach einem nicht realen, besseren Ort, welcher die Probleme der vorherrschenden Gesellschaftsform aufzeigen will. Hierbei steht immer ein entfernt liegender Ort im Vordergrund und man sprach deshalb in den Anfängen der Utopie von Raumutopien. Ab dem Ende des 18. Jahrhunderts erlebte der Begriff einen Wandel. Mehr und mehr gewann die Dimension der Zeit an Bedeutung in utopischen Werken. Es ging nun nicht mehr um einen entfernten Ort, sondern eine entfernte Zukunft, welche der jeweilige Autor beschrieb. Somit ging nach und nach die Bedeutung des „nicht“ in der Utopie verloren, da es für die Zukunft nie vollkommen ausschließbar ist, ob eine bestimmte Vorhersage in der Realität eintritt oder nicht. Hier zeigte sich ein erster bedeutender Wandel in Bezug auf utopisches Denken und der Begriff der „Zeitutopie“ entstand. Im 19. Jahrhundert hielt die Utopie auch Einzug in die Alltagssprache und die Politik. In der Forschung gelten drei differenzierte Begriffsbestimmungen als zentral, welche ich nun in Kürze vorstellen werde. Zunächst ist die klassische Definition zu nennen. Hierbei wird die Utopie angelehnt an die Ausführungen von Thomas Morus als eigene Denktradition und Dichtung zu einem ideellen Gesellschafts- oder Staatslebens, beschrieben. Ein erweitertes Begriffsverständnis lässt sich in der sozialpsychologischen Deutung sehen. Hierbei wird nicht von einer Denktradition ausgegangen, sondern die Utopie wird eher als Bewusstseinsform gesehen. Damit kann quasi fast alles als Utopie verstanden werden. Als letztes ist die totalitarismustheoretische Definition zu nennen. Diese beschreibt jegliches utopische Denken als eine Vorwegnahme zukünftiger antidemokratischer und totalitärer Herrschaftsformen. Laut Thomas Schölderle, zeigen sich besonders bei den beiden letztgenannten Definitionsvorschlägen diverse Probleme. Dies liegt darin, dass der Begriff entweder zu weit oder zu eng gefasst wird und somit beide, laut Autor, eher weniger geeignet sind. Dem folgend sieht Schölderle die Vorteile der klassischen Definition in der Möglichkeit einer Abgrenzung aber auch Verknüpfung zu anderen Denkrichtungen und einem historischen Bezug, sowie in der Rekonstruktion utopischen Denkens als eigene Denktradition. Er beschreibt Utopien demnach wie folgt: „Als Utopien gelten fortan rationale Fiktionen menschlicher Gemeinwesen, die in kritischer Absicht den herrschenden Missständen gegenübergestellt sind.“ (Schölderle 2017: 17). Daraus ergeben sich fünf zentrale Kriterien für eine Utopie, welche ich hier zusammenfassen möchte. Neben der Abgrenzung zu vergangenen und nicht realen Vorstellungen wie beispielsweise dem Jenseits und der möglichen rational denkbaren Gesellschaftsalternative, beinhaltet die Utopie auch einen politischen Charakter und übt an zentraler Stelle Sozialkritik an den herrschenden, zeitgenössischen Verhältnissen. Des Weiteren grenzt sich die Utopie von Sience Fiction ab, da sie nicht das Ziel verfolgt, eine Zukunftsvorhersage zu machen, sondern eine Wendung der Zukunft zum Besseren anstrebt (Schölderle 2017: 9-18).

Als Gegenentwurf zur Utopie zeichnete sich im auslaufenden 19. Jahrhundert die Dystopie oder Anti-Utopie ab. Im Gegensatz zur hoffnungsvollen Grundfigur utopischer Werke zielt diese Form der Utopie auf einen apokalyptischen Gedanken ab und lässt sich als Warnung vor Gefahren begreifen, welche möglicherweise Realität werden können, wenn sich an den bestehenden Verhältnissen nichts ändert (Vosskamp 2013: 13-30). Laut Elena Zeißler stellt die Dystopie bestehende oder beginnende sozio-politische Problemlagen im Vergleich zur Utopie verstärkt in den Vordergrund, indem sie deren gefährliches Potential in einer überspitzt dargestellten Zukunft, verdeutlicht. Eine allgemein anerkannte Definition der Dystopie ist ähnlich, wie bei der Utopie, sehr schwer zu finden. Es gibt diesbezüglich im wissenschaftlichen Diskurs diverse Diskussionen und verschiedenste Einteilungen. Elena Zeißler nennt hierbei die Definition von Lyman Tower Sargant, welche Dystopie wie folgt beschreibt: „[…] a non-existent society described in considerable detail and normally located in time and space that the author intended a contemporaneous reader to view as considerably worse than the society in which that reader lived.“ (Sargant 1994, zitiert nach Zeißler 2008: 16). Hierbei wird die Negativität der Gesellschaft, in der der jeweilige Autor lebt, verdeutlicht und dessen Gefahrenpotential für die Zukunft wird beschrieben. Ich bin der Ansicht, dass diese Begriffsbestimmung für die Beantwortung meiner Forschungsfragen ausreichend ist und ich werde deshalb keine weitere Untergliederung der Dystopie vornehmen. Es sei lediglich nochmal erwähnt, dass der Kern der Utopie in dem Versuch des Aufzeigens einer besseren Zukunft besteht, wohingegen die Dystopie bestehende Mängel aufzeigt und ihre möglichen nachteiligen Auswirkungen in der Zukunft darstellt (Zeißler 2008: 9-13; 15-ff.).

Beispielhaft dafür nennt die Autorin das Werk „1984“ von George Orwell, in dem eindringlich vor einer Gesellschaft mit willen- und bewusstseinslosen Individuen gewarnt wird. Die Schrecken der totalitären Regime, die Gefahren des Kalten Krieges und die Befassung weiterer Autoren mit dem Thema Terror durch Totalitarismus haben zum einen dazu geführt, dass die Dystopie im 20. Jahrhundert einen Aufschwung erlebte und sorgte zudem dafür, dass dieses Genre noch heute mit dem Kampf gegen Totalitarismus verknüpft wird und somit nach wie vor eine große Relevanz besitzt. Nach dem Ende der Sowjetregime 1990 existierten auf dem europäischen Kontinent keine Staaten mit totalitären Regimen mehr. Dies ließ eigentlich einen Rückgang an utopischer bzw. dystopischer Literatur vermuten. In der Realität zeigte sich allerdings das genaue Gegenteil und die Anzahl an Werken dieser Genre nahm deutlich zu. Hierfür führt Zeißler verschiedene Ursachen an. Zum einen beschreibt sie aus politischer Sicht die Zunahme des Neoliberalismus und Fundamentalismus, sowie den Zusammenbruch der Sowjetstaaten selbst, welcher gesellschaftliche Veränderungen notwendig machte, als grundlegend für diese Entwicklung. Auf der anderen Seite sieht sie aus literaturwissenschaftlicher Sicht den Einfluss des Postmodernismus durch die verstärkte Möglichkeit der Darstellung von Alternativräumen und die Zunahme der Gestaltungsmöglichkeiten durch erweiterte Themenbereich, als ursächlich für den Anstieg utopischer und dystopischer Romane (Zeißler 2008: 9-13). Es zeigt sich also, dass diese Genre auch in unserer heutigen Zeit nichts an Bedeutung verloren haben. Die Zunahme utopischen und dystopischen Denkens verdeutlicht auch Günter Blamberger beispielhaft an dem schrecklichen Terroranschlag auf das World Trade Center in New York im September 2001. Er beschreibt einen deutlichen Einfluss dieses „historischen Traumata“ auf das utopische und dystopische Denken. Durch den Tod vieler Menschen durch Terroristen entsteht, laut dem Autor, in der Bevölkerung der Wunsch, dass sich dies niemals wiederholt und die Sicherheit und der Schutz des eigenen Lebens rücken in den Vordergrund. Dies führt dazu, dass das Bedürfnis nach Privatsphäre hinter das Sicherheitsbedürfnis zurückfällt und Transparenz und staatliche Kontrolle eher akzeptiert werden. Gegenseitiges Misstrauen und Angst um das eigene Leben führen dazu, dass verstärkte Videoüberwachung zugelassen wird. Es entsteht eine „Kultur des gegenseitigen Misstrauens“ und die „Utopie des gläsernen, jederzeit kontrollierbaren Menschen“ ist durch das historische Traumata des 11.09.2001 denkbar und umsetzbar geworden (Blamberger 2013: 10 f.).

Überträgt man diese Überlegungen auf die heutige Zeit, so liegt die Relevanz utopisch-dystopischer Überlegungen klar auf der Hand. Phänomene wie das Erstarken populistischer, antidemokratischer Regime in Europa und der ganzen Welt (z.B. Viktor Orban in Ungarn); der Terror durch den sogenannten „Islamischen Staat“ und anderen Terrororganisationen (z.B. Anschlag in Christchurch oder auf dem Berliner Breitscheidplatz); die dramatischen Folgen der Klimaerwärmung und andere Entwicklungen, können als historische Traumata gesehen werden oder sind zumindest als Ursachen für die Entstehung solcher Traumata denkbar und stellen eine Gefahr für die liberale Demokratie dar. Dies legt den Gedankengang nahe, dass aufgrund dieser Entwicklungen, das Denken über Utopien und Dystopien in unserer Zeit nach wie vor große Relevanz hat und dessen Zunahme nicht verwunderlich ist.

2.2 George Orwells „1984“ im Überblick – Autor, allgemeiner Überblick und Inhalt der Dystopie

Der Autor – George Orwell

„1984“ ist eines der Hauptwerke George Orwells, bürgerlich Eric Arthur Blair. Er veröffentlichte das Werk im Jahre 1948. Bereits der Zahlendreher im Titel lässt sich als Hinweis auf die gesellschaftlichen Probleme zur Zeit des Autors sehen, da er mit diesem, wohl zu den bekanntesten Dystopien des 20. Jahrhunderts zählenden Werken, eine düstere und schreckliche Zukunftsvision beschreibt, welche sich aus den Missständen seiner Zeit entwickeln könnte. Deutliche Anknüpfungspunkte an die totalitären Systeme im Stalinismus und das NS-Regime im faschistischen Deutschland sind an diversen Stellen des Werkes feststellbar. Eric Arthur Blair wurde 1903 in Britisch-Indien geboren und starb im Jahre 1950 in Groß-Britannien. In seiner Jugend besuchte er das Nobelinternat Eaton und arbeitete ab 1922 für die indische Militärpolizei, wo er allerdings aufgrund von Unmenschlichkeit gegen die indische Bevölkerung rasch kündigte. Er engagierte sich zeitlebens für sozial Unterdrückte und entwickelte aus diesem Grund eine Affinität zum Kommunismus. Nach Bekanntwerden der Greultaten zu Zeiten Stalins in Russland wendete sich Blair allerdings wieder vom Kommunismus ab. Zeitweise arbeitete er als Redakteur und freier Mitarbeiter für diverse Zeitungen. Neben seiner Tuberkuloseerkrankung suchten den Autor diverse Rückschläge heim und er führte ein rast- und ruheloses Leben. Insgesamt lassen sich verschiedene Anknüpfungspunkte seines Lebens zu dem des Hauptprotagonisten von „1984“, Winston Smith, feststellen. So beschreibt Herbert W. Franke im Nachwort des Werkes die eigenen Rückschläge im Leben Blairs als nicht unbedeutende Ursache für die düstere Zukunftsvision von „1984“ (Franke 2009: 377- 384).

Allgemeiner Überblick und Figurenkonstellation von „1984“

Das Werk spielt in einer für den Autor weit entfernten Zukunft im Jahre 1984 in einem totalitären Überwachungsstaat. Die Welt wurde zwischen drei Superstaaten: Ozeanien, Eurasien und Ostasien aufgeteilt, von denen sich immer zwei in wechselseitigem Krieg befanden. Der 39-jährige Hauptakteur, Winston Smith, lebt in dem diktatorisch durch „Die Partei“ regierten Staat Ozeanien. Die ideologisch auf die Veränderlichkeit der Vergangenheit und Gedankenkontrolle aufgebaute Gesellschaft besteht aus der inneren und der äußeren Partei, sowie den, circa 85% der Bevölkerung ausmachenden, „Proles“. Als über allem stehender geistiger Führer ist der „Große Bruder“ zu nennen. Von ihm geht alle Ideologie und Überwachung durch die Partei aus. Es sei zu erwähnen, dass dem Leser nie ganz klar wird, ob er tatsächlich existiert oder nur als Personifizierung der Partei zu sehen ist. Gegenspieler des „Großen Bruders“ ist „Emmanuel Goldstein“, welcher ehemaliges Mitglieder der inneren Partei ist, sich von der Ideologie abgewandt hat und seitdem aus dem Untergrund heraus versucht die Partei zu stürzen. Er ist der oberste Staatsfeind und auch seine tatsächliche Existenz wird nie geklärt. Die innere Partei wird durch O´Brien und Mr. Charrington verkörpert, welche zur herrschenden Klasse Ozeaniens zählen. Sie folgen der Parteilinie, machen die Vorgaben für die Bevölkerung und leben im Vergleich zu anderen Mitgliedern der Gesellschaft im Wohlstand. Die äußere Partei stellt die Mittelschicht der Gesellschaft dar. Ihre Mitglieder leben in Armut und erledigen die Hauptaufgaben der Partei, wie „Korrigieren“ von falschen Zeitungsartikeln ,das Schreiben von Schundromanen für die „Proles“ oder das Vorbereiten von Volksfesten. Mitglieder der äußeren Partei sind Winston Smith und Julia als Hauptprotagonisten, sowie Syme, Parsons und Ampleforth. Die drei letztgenannten dienen dem Autor vermutlich dazu die Auswirkungen der Parteidoktrin, sowie der Bespitzelung und Überwachung durch den Staat, auf die einfache Bevölkerung zu verdeutlichen. Die komplette Figurenkonstellation des Werkes findet sich in Abbildung 1 auf der nachfolgenden Seite. Als letzten Bestandteil der ozeanischen Bevölkerung sind die „Proles“ zu nennen. Diese werden von der Partei nicht wirklich zur Gesellschaft gezählt. Sie verrichten körperlich schwere Arbeit, haben allerdings weniger Pflichten als die Parteimitglieder. Sie werden beispielsweise weniger stark überwacht, haben keine parteilichen Verpflichtungen und nehmen auch sonst kaum am politischen Leben teil. Die Partei sieht aufgrund ihrer angenommenen Dummheit keine Gefahr für die eigene Machterhaltung und lässt ihnen deshalb ein freieres Leben als den Mitgliedern der äußeren Partei (Münnich 2019: 1; Seppelt 2014: 1).

Abbildung 1: Figurenkonstellation und Beziehungsgefüge innerhalb des Romans „1984“ von George Orwell, nach (Seppelt 2014: 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Inhaltszusammenfassung des Werkes

Im ersten Teil des Romans wird die Struktur des totalitären Ozeaniens vorgestellt. Es gibt drei Ministerien, das „Ministerium für Wahrheit“, welches sich mit der „Korrektur“ und Anpassung der Vergangenheit an die Parteimeinung befasst, das „Ministerium für Überfülle“, welches trotz allgemeiner Armut den ständigen Wohlstandszuwachs postuliert und das „Ministerium für Liebe“, welches für Recht und Ordnung sorgt und politische Gegner foltert und zu erfundenen Geständnissen zwingt. Die totale Überwachung der Parteimitglieder durch die „Gedankenpolizei“ wird über allgegenwärtige „Teleschirme“ und Plakate des „Großen Bruders“, sowie die Erziehung der Kinder zu Spitzeln umgesetzt. Der Protagonist Winston arbeitet im „Ministerium für Wahrheit“ und befasst sich mit der Veränderung „fehlerhafter“, nicht mehr parteikonformer Zeitungsartikel. Er ist Systemgegner, sieht in O´Brien einen Verbündeten und spürt eine starke Affinität zur vermutlich im Untergrund agierenden „Bruderschaft“ Goldsteins. Eine große Abteilung im „Ministerium für Wahrheit“ befasst sich mit der Etablierung einer neuen Sprache, dem „Neusprech“. Diese soll der Reduzierung der Worte und somit dem Einschränken und Abschaffen des Denkens dienen (Münnich 2019:1; Orwell 1949a, zitiert nach Walter 2009: 7- 127).

Im zweiten Kapitel von „1984“ geht Winston eine verbotene Beziehung mit Julia ein und sie treffen sich zunächst in diversen Waldverstecken und später in einem von Mr. Charrington, welcher sich zunächst nicht als Ermittler der Gedankenpolizei zu erkennen gibt, gemieteten Zimmer. Julia hasst die Partei und nutzt die Verstecke, um ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. O´Brien gibt sich Winston als angeblicher Parteigegner zu erkennen und überlässt ihm das Buch Goldsteins. Darin wird postuliert, dass die drei Superstaaten sich im Kräftegleichgewicht befinden und niemals einer den anderen auslöschen kann. Goldstein geht davon aus, dass die wechselnden Kriege lediglich der Vernichtung von Ressourcen dienen, um den Wohlstand der Bevölkerung zu verhindern. Dies begründet er mit dem Bestreben des Machterhalts der Partei, welcher sich bei fehlender Versorgung der Bevölkerung mit den grundlegendsten Gütern einfacher umsetzen ließe. Das Ziel der Abschaffung des Denkens, vor allem durch die Etablierung des „Neusprech“ und der Verbreitung einer Einheitsmeinung diene ebenfalls nur dem Machterhalt der Partei. Am Ende des Abschnittes gibt sich Mr. Charrington als Ermittler der Gedankenpolizei zu erkennen und Winston und Julia werden verhaftet (Münnich 2019: 1; Orwell 1949b, zitiert nach Walter 2009: 131- 269).

[...]


1 Deliberation: „Wesentlicher Bestandteil [einer deliberativen Demokratie] ist ein öffentlicher Diskurs über politische Themen in Form einer gemeinsamen Beratschlagung und eines ausgewogenen Austausches von Informationen und Argumenten. Unter der Beteiligung möglichst vieler soll dadurch ein gemeinsamer Konsens erreicht werden.“ (Demokratiezentrum Wien 2020: 1).

2 Liberale Demokratie: „Der Kerngedanke der Demokratie begreift das Volk als einzig legitimen Träger der Staatsgewalt. In der liberalen Demokratie findet dieser Kerngedanke seinen Ausdruck darin, dass inklusive politische Partizipationsrechte aller Bürgerinnen und Bürger einen freien Wettbewerb […] ermöglichen, so dass die Regierenden an die Präferenzen umfassender Mehrheiten gebunden werden. Freie und faire Wahlen, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit, Presse- und Informationsfreiheit sowie der Schutz fundamentaler Rechte sind institutionelle Prinzipien, die demokratische Systeme heute charakterisieren […].“ (Faust 2013: 1).

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Utopische Literatur im 21. Jahrhundert. Manipulation von Sprache und Wahrheit in Zeiten von "Fake News"
Untertitel
Am Beispiel von George Orwells „1984“
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Politikwissenschaft)
Note
2,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
27
Katalognummer
V899942
ISBN (eBook)
9783346229755
ISBN (Buch)
9783346229762
Sprache
Deutsch
Schlagworte
George Orwell, 1984, Fake News, Bullshit, Utopie, Sprachmanipulation
Arbeit zitieren
Benjamin Leonhardt (Autor), 2020, Utopische Literatur im 21. Jahrhundert. Manipulation von Sprache und Wahrheit in Zeiten von "Fake News", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/899942

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