Die Geschichte der Völker Angolas vor und während der kolonialen Eroberung

Mit Ausblicken auf die ethnografisch-linguistische Situation Angolas im 20. Jahrhundert und auf die aktuelle Bedeutung der ethnischen Zugehörigkeit und der präkolonialen Geschichte


Zwischenprüfungsarbeit, 2003

43 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung
I.1. Das Quellenproblem
I.2. Probleme der ethnografisch-linguistischen Termini
I.3. Der angolanische Konflikt

II. Die ethnografisch-linguistische Situation Angolas im 20. Jahrhundert
II.1. Ethnografische Situation
II.1.1. Portugiesen
II.1.2. Kubaner
II.1.3. Mestiços
II.1.4. Die vier größten Bevölkerungsgruppen Angolas
II.1.5. Ethnografische Situation kleinerer Volksgruppen in Angola und ihre Geschichte
II.2. Linguistische Situation

III. Die großen Königreiche Angolas
III.1. Präkoloniale Gesellschaftsformen
III.2. Das Luba-Lunda-Reich und die Kriegertruppen der Jaga
III.2.1. Das Luba-Lunda-Reich
III.2.2. Die Jaga-Kriegertruppen
III.2.3. Die Jaga und die Portugiesen
III.2.4. Das Cassanje-Reich
III.3. Das Kongoreich
III.3.1. Präkoloniale Geschichte und Struktur des Kongoreiches
III.3.2. Die Kolonialzeit
III.4. Die Mbundu-Reiche
III.4.1. Präkoloniale Geschichte und Struktur der Mbundu-Reiche
III.4.2. Die Kolonialzeit
III.5. Die Ovimbundu-Reiche
III.5.1. ‚Präkoloniale’ Geschichte und Struktur der Ovimbundu-Reiche
III.5.2. Aufstieg und Niedergang der Ovimbundu
III.6. Der Einfluss der Portugiesen auf die Gesellschaftsformen der ‚angolanischen’ Völker
III.6.1. Die Zerstörung von präkolonialen Traditionen
III.6.2. Der Assimiladostatus
III.6.3. Einfluss des Christentums
III.6.4. Schaffung von zwischenethnischem Aggressionspotenzial

IV. Als Schlusswort: Aktuelle Bedeutung der ethnischen Zugehörigkeit und der präkolonialen Geschichte

Literaturverzeichnis

Quellen und Übersetzungen

Darstellungen

Verzeichnis der Karten und Bilder

I. Einleitung

I.1. Das Quellenproblem

Bei dem Versuch, afrikanische Geschichte ‚schreiben’ zu wollen, steht die Geschichts- wissenschaft vor dem großen Problem, dass es für die präkoloniale Geschichte der zentral- und südafrikanischen Reiche keine schriftlichen Quellen gibt. Auch die Archäologie hilft bei diesem Problem nicht allzu sehr, da selbst Hochkulturen wie die Bakongo keine Steinbauten kannten, die etwa mit den aztekischen Pyramiden und Tempeln vergleichbar wären. So muss sich der Historiker hauptsächlich auf die kritische Deutung der Überlieferungen in den Schriftstücken der Kolonialherren beschränken. Denn diese entstanden aus eurozentrischer Sicht oder sogar, um die Eroberung zu rechtfertigen. Nur aus dem Kongoreich gibt es schriftliche afrikanische Quellen über die frühe Kolonialzeit. Leider sind alle Quellen schwer zugänglich und konnten für diese Arbeit nicht verwendet werden. HEINTZE hat für ihre Beschreibung der Mbundu-Reiche mündliche Überlieferungen der Kimbundu über 500 Jahre Geschichte verwendet. Die Erzählungen und Lieder, die BRINKMAN und FLEISCH in Interviews mit angolanischen Flüchtlingen in Namibia Ende der 90er Jahre zusammengestellt haben, sind mehr als Quellen für das aktuelle Bewusstsein der afrikanischen Geschichte, denn als Quellen für diese selbst zu bewerten.

I.2. Probleme der ethnografisch-linguistischen Termini

Die europäischen Begriffe Sprache, Volk, Ethnie sind nicht ohne Probleme auf die afrikanische Gesellschaft übertragbar. Das ethnische Bewusstsein der angolanischen Völker ist ein Phänomen, das erst mit der Kolonialzeit begann[1]. Das Bedürfnis nach Übersicht und Kontrolle veranlasste die Portugiesen, die afrikanischen Völker in eine ethnografische Karte zu ‚zwingen’, die nicht immer ganz treffend war. Die heute noch am meisten verwendete ethnografische Einteilung ist die José Redinhas aus dem Jahre 1962, die aber in vielen Punkten kritisierbar ist.[2] Von den Europäern wurden viele Völker aufgrund ihrer Sprachähnlichkeit als Ethnie zusammengefasst. Eine gemeinsame Sprache bedeutet aber nicht notwendigerweise, dass die entsprechende Gruppe auch andere Elemente der Kultur teilt, oder gar politisch als Gemeinschaft organisiert ist.[3] Es gibt oftmals Überschneidungen in Sprache und Kultur bei Gruppen, die phylogenetisch nicht miteinander verwandt sind, z. B. durch kulturelle Assimilation nach Eroberungen und Besetzungen.

Die Schreibweise verschiedener angolanischer Volksgruppen und ihrer Sprache ist im Deutschen nicht immer festgelegt. Ich verwende hier einerseits die Bezeichnungen, die ich aus der Umgangssprache in Angola kenne, andererseits solche, die mir in der verwendeten Sekundärliteratur am konsequentesten und plausibelsten erschienen.

I.3. Der angolanische Konflikt

Von der Landung Diogo Cãos 1482 bis zur Berliner Kongo-Konferenz 1885 waren die Portugiesen nur an der Küste Angolas und vereinzelt im Planalto präsent. Hier hatten sie schon früh die Gesellschaftsformen der Völker beeinflusst. Bei der Konferenz der europäischen Kolonialmächte wurde beschlossen, dass Kolonialbesitz an tatsächliche Herrschaft gebunden sein musste. Deshalb begannen die Portugiesen rasant mit der Besiedelung, Erforschung und Unterwerfung der ‚angolanischen’ Königreiche und Ethnien des Hinterlandes. Doch erst 1941 waren alle angolanischen Völker komplett unter portugiesische Kontrolle gebracht.[4] In den 50er-Jahren wurden die ersten Unabhängigkeitsbewegungen gegründet und 1961 begann der Krieg gegen die Kolonialherren. Aus einem Antikolonialkrieg wurde ein Stellvertreterkrieg des Kalten Krieges und schließlich ein Bürgerkrieg mit ethnischer Dimension.[5] GÖTZ sah noch 2002 die Gefahr, dass aus dem Konflikt Angolas ein ethnisch bedingter Bürgerkrieg werden könnte, wie etwa in Ruanda oder im ehemaligen Jugoslawien.[6] Sie schrieb aber vermutlich vor dem Tod Jonas Savimbis. Die derzeitige Situation Angolas gibt Anlass zur Hoffnung. Die MPLA-Regierung ist zumindest offiziell eine Regierung, die für die Gleichberechtigung aller ‚angolanischen’ Völker eintritt.

II. Die ethnografisch-linguistische Situation Angolas im 20. Jahrhundert

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Provinzen und ethnische Gruppen (kursiv) Angolas.

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Abb. 2: Die neun wichtigsten Ethnien Angolas und ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung.

II.1. Ethnografische Situation

Angola ist ein multiethnisches Land, in dem nur die Kimbundu und die Ovimbundu innerstaatliche Ethnien sind. Die Verbreitungsgebiete der übrigen Volksgruppen werden von den Staatsgrenzen Angolas durchtrennt. Die Grenzen zwischen den verschiedenen Ethnien Angolas im 20. Jahrhundert sind oft nicht eindeutig zu ziehen, da diese das Ergebnis mehrerer Teilungs- und Verschmelzungs- prozesse sind, die noch nach der Inbesitznahme durch die Portugiesen stattfanden.. Bis auf die kleine Gruppe der im Südosten des Landes lebenden Khoisan werden alle ‚angolanischen Völker’ den Bantu-Gruppen zugeordnet[7], die ab etwa 700 n. Chr. und bis ins 15. Jh. aus dem Nordosten in das Gebiet des heutigen Angola eingewandert sind. Das Angola des 20. Jahrhunderts wurde aber auch ganz entscheidend von ‚nicht-angolanischen’ Ethnien mitbestimmt, hierzu zählen neben den Portugiesen, auch die Kubaner und in gewisser Hinsicht die Mestiços.

II.1.1. Portugiesen

Während der gesamten Kolonialzeit waren die Portugiesen nur sehr gering in ihrer Kolonie vertreten. Aufgrund der politischen und wirtschaftlichen Situation Portugals im 20. Jahrhundert nahm die portugiesische Bevölkerung Angolas dann wesentlich rascher zu als die afrikanische. 1900 kamen nur 0,3 % der Gesamtbevölkerung aus Europa, 1950 waren es 2 % und 1960 bereits 3,6 %. Auf den Beginn des Unabhängigkeitskrieges reagierte die portugiesische Regierung mit einer verstärkten Ansiedlung von Portugiesen in Angola. Mit der Unabhängigkeit kam dann ein Massenexodus der Portugiesen. Mit ihnen gingen technisches Know-How, das den Afrikanern vorher verwehrt worden war, sowie monetäres und nichtmonetäres Kapital.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Portugiesische Bevölkerung Angolas. Daten nach FLEISCH, S. 116)

II.1.2. Kubaner

Der genaue Beginn der militärischen Intervention Kubas in Angola ist nicht genau datierbar. Man rechtfertigte den Eingriff u. a. mit der ethnischen Verbundenheit. Ein großer Teil der kubanischen Bevölkerung ist schwarz, Nachkommen der auf Kuba eingesetzten Sklaven aus Angola und dem Kongogebiet. Neben Militärischer Unterstützung leisteten Kubaner aber auch Entwicklungsarbeit in Schulen[8], Krankenhäusern etc. Aber das Verhältnis der angolanischen Bevölkerung zu den Kubanern in ihrem Land verschlechterte sich von anfänglicher Bewunderung zu Furcht und Verachtung Mitte der 80er Jahre.[9] In einigen städtischen Gebieten soll es zu Ansätzen gegenseitigen sprachlichen Einflusses zwischen Kubanern und portugiesischsprachiger Bevölkerung gekommen sein.[10]

II.1.3. Mestiços

Die ‚Mischlinge’ zwischen Portugiesen und Angolanern nennt man in Angola Mestiços. Erst im 20. Jh. kamen verstärkt Portugiesinnen nach Angola. Dies mag ein Grund für die relativ hohe Zahl der Mischbevölkerung sein, die für die sub-saharischen Staaten recht ungewöhnlich ist. Dazu kommt noch, dass bevorzugt männliche Afrikaner als Sklaven ausgeführt wurden, was zu einem überhöhten Frauenanteil der Bevölkerung in Angola führte. Da die Portugiesen vorwiegend in Luanda lebten, haben die meisten Mestiços kimbundu Wurzeln. Sie wurden mit sozialen Privilegien ausgestattet, hatten Zugang zu guter Schulbildung und wurden in der kolonialen Verwaltung eingesetzt. Die Zahl der ‚Mischlinge’ stieg zwischen 1960 und 1970 (also noch während des Antikolonialkrieges!) von 53.400 auf 113.500, sank bis 1980 aber wieder auf etwa 100.000 Personen. Wahrscheinlich sind viele Mestiços nach der Unabhängigkeit mit der portugiesischen Seite ihrer Familie nach Portugal geflohen.[11]

II.1.4. Die vier größten Bevölkerungsgruppen Angolas

Im nordöstlichen Angola[12] leben die Bakongo[13], die 1960 mit 621.800 Angolanern 13,5 % der Gesamtbevölkerung bildeten. Die Bakongo waren die Bewohner des mächtigen Kongoreichs, das sich auch auf die heutigen Staaten Republik Kongo und Demokratische Republik Kongo erstreckte. Sie sind also keine innerstaatliche Ethnie. Untergruppen der Bakongo sind u. a.: Xikongo oder Bashikongo, Zombo, Sorongo, Sosso, Pombo, Linji Lwango, Yaka, Woyo, Sundi, Suku, sowie Vili und Yombe in Cabinda.

Im Gebiet um die Hauptstadt Luanda leben die Kimbundu [14] , mit 1.054.000 Angehörigen, 22,9% der Angolaner. Zu ihren Untergruppen gehören u. a.: Ndongo, Ngola, Mbangala, Pende, Songo, Kari, Mbondo, Holo, Mbaka, Kissama, Kibala, Libolo, Mussende, Hako und Jinga. Bei den Hungu, Dembos und Soso ist der Übergang zu den Bakongo fließend. Insgesamt sind die Kimbundu eine recht heterogene Ethnie.

Die Ovimbundu[15] leben im westlichen Zentralangola, vor allem im Hochland von Huambo. Als größte Bevölkerungsgruppe – mit 1.746.000 Angehörigen 37 % der Bevölkerung Angolas - haben sie aber auch Expansionstendenzen in Richtung Küste und in andere angrenzende Regionen.[16] Zu den Ovimbundu-Untergruppen zählen u.a.: Bailundo, Bié, Namba, Sanga, Ndulu, Huambo, Bieno, Dombe, Amboim, Samba, Galanje, Kakonda, Kaluquembe, Sele, Cisanji, Nganda und die Hanya, die aber auch zu den Nyaneka-Humbe gezählt werden können. Durch die ‚Umbundisierung’ Ende des 19. Jh., bei der u. a. die verschiedenen umbundu Dialekte zu einer Hochsprache vereinheitlicht wurden, sind die Ovimbundu heute kulturell die homogenste Gruppe Angolas.[17]

Das Siedlungsgebiet der Lunda-Chokwe [18] hat sich durch deren Wanderungen von Nord- bis nach Südangola ausgedehnt. Einige Untergruppen leben heute auch in Sambia, was bedeutet, dass auch diese Gruppe keine innerstaatliche Ethnie ist. Die 396.300 Lunda-Chokwe Angolas bildeten 1960 8,6 % der Gesamtbevölkerung. Neben den Lunda und den Chokwe gehören zu dieser Gruppe u. a. auch die Xinje und die Minungo, die mit den Kimbundu verwandt sind.

II.1.5. Ethnografische Situation kleinerer Volksgruppen in Angola und ihre Geschichte

Khoisan

Die Khoisan, von denen heute nur noch sehr wenige im Südosten Angolas leben, sind die ältesten Bewohner des heutigen Angolas[19]. Sie lebten und leben als nicht sesshafte Jäger und Sammler[20]. Die Selbstbezeichnung Khoisan kann mit ‚die Harmlosen’ übersetzt werden[21]. Sie sahen sich als nicht-aggressives Volk und waren auch nicht in der Lage zum Widerstand gegen Feinde. Ab etwa 700 n. Chr. drangen Bantuvölker in das Gebiet ein und verdrängten die Khoisan in den semiariden bis ariden Süden, an und bis hinter die Grenze des heutigen Namibias. Die Bantugruppen sind ethnisch-kulturell von diesen völlig verschieden. Zu den Khoisan gehören Hottentotten (Khoe) und Buschmänner, wie etwa die Xindonga, die sich selber !Khung nennen.[22] Die Bantu-Völker akzeptieren die Khoisan nicht als gleichwertig, so sind z. B. Mischehen ausgeschlossen.[23] Der Prozess der kulturellen bantuisierenden Assimilation ist dennoch weit fortgeschritten. Die Sprache und die Kultur der angolanischen Khoisan sind vom ‚Aussterben bedroht’[24]. Viele Khoisan begannen, sesshaft zu werden, mit Gewehren zu jagen, statt mit den traditionellen Giftpfeilen, betreiben jetzt Ackerbau und Viehzucht und einige Wenige ziehen sogar – wie viele Angolaner aus den ländlichen Gegenden – in die Städte des Nord-Westens, um dort Arbeit zu finden.

Nganguela[25]

Nganguela ist eigentlich eine abfällige gemeinte umbundu Bezeichnung für die östlich von ihnen lebenden Völker.[26] Zu ihnen gehörten 1960 350.000 Menschen, damals 8,2 % der angolanischen Bevölkerung. Diese Völker (u.a. Lwena, Luchazi, Luvale, Lwimbi, Mbunda, Mbwele) als eine ethnische Gruppe zusammenzufassen, ist eigentlich nicht gerechtfertigt, da sie sehr heterogen sind und selbst kaum ein Zusammengehörigkeitsgefühl hervorbringen.

In präkolonialer Zeit bildeten die Nganguela Savannenjägerkulturen. Heute praktizieren die meisten von ihnen jedoch Ackerbau.[27] Einige Nganguela-Volksgruppen reagierten auf ganz besondere Weise auf das Vordringen der Portugiesen in ihr Gebiet. Hier entstanden „Missionstheokratien“[28], indem die Missionare in die königliche Familie integriert wurden.

Herero[29]:

Die Herero bildeten 1960 mit nur 20.000 Menschen 0,5 % der angolanischen Bevölkerung. Diese Volksgruppe ist keine innerstaatliche Ethnie Angolas, die meisten Untergruppen der Herero leben in Namibia. Bis Anfang des 17. Jh. wanderten die Herero, nomadisierende Viehzüchter, vom oberen Sambesi und von den großen Seen zur Atlantikküste.[30] Das Besondere an der Einwanderung der Herero ist, dass diese auf ihrem Weg keine kulturellen Einflüsse anderer Volksgruppen aufnahmen.[31] Das Ende des 16. Jh. gegründete Reich des Mataman wurde nach kurzer Zeit von den Jaga wieder zerstört. Daraufhin wanderten die Herero weiter nach Süden in das bis dahin nur von den Hottentotten bewohnte namibische Kaoko. Ende des 18. Jh. unterwarf der Jagakönig Kanina das ganze Gebiet zwischen Atlantischem Ozean, Kunene und Planalto und gründete hier das Huila-Reich. Einer Untergruppe der Herero, den Kuvale, gelang es in der ersten Hälfte des 19. Jh. durch die Unterstützung des Nyaneka-Chefs von Jau sich von den Jaga unabhängig zu machen. Sie vermischten sich daraufhin mit dem Volk von Jau und bilden heute eine Verbindung zwischen den Herero und den Nyaneka-Humbe. Noch heute leben viele Herero, bedingt durch die Trockenheit ihres Siedlungsraumes, die Ackerbau unmöglich macht, als nomadisierende Viehzüchter.[32]

Nyaneka-Humbe[33]

Zu dieser Gruppe gehörten 1960 138.200 Angolaner, 3 % der Gesamtbevölkerung. Sie besteht aus einem Konglomerat diverser anderer Volksgruppen wie z. B. den Ngola (Untergruppe der Kimbundu), den Jaga und den Vatwa.[34] Ihre ethnische Einheit wird heute vor allem durch die Sprache deutlich. Einige Untergruppen der Nyaneka-Humbe sollen von den heute im Südwesten lebenden Bantugruppen die am längsten hier ansässigen sein.[35] Ende des 16. Jh. gründete eine eindringende Jagagruppe am oberen Kunene das große Humbi-Onene-Reich. Wie auch bei den Ovimbundu haben die herrschenden Familien der Nyaneka-Humbe Jaga-Ursprung. Somit sind sie mit diesen verwandt, was sie jedoch nicht davor bewahrte im 19. Jh. regelmäßig Opfer deren Raubzüge nach Sklaven zu werden.

Ovambo[36]

Die Ovambo bildeten mit 115.400 Menschen 1960 2,5 % der Bevölkerung. In der präkolonialen Zeit bildeten sie eine Jägergesellschaft, heute leben auch sie von der Viehzucht.[37] Sozio-politisch waren sie in kultischen Monarchien organisiert, die untereinander häufige Kriege führten. Der letzte große König der Kwanyama, einer Ovambo-Untergruppe, war der autoritäre und in seinem Machtantritt umstrittene König Mandume, der 1915 unter Einsatz von Maschinengewehren von den Portugiesen gestürzt wurde.

II.2. Linguistische Situation

Die ethnografische Einteilung der Völker Angolas durch die Portugiesen erfolgte meist nach linguistischen Kriterien. Die Sprachen der ursprünglichsten Bewohner Angolas, der Khoisan, werden heute nur von etwa 0,1 % der Bevölkerung gesprochen und sind vom ‚Aussterben bedroht’. Das bekannteste Merkmal dieser Sprachen sind die Schnalzlaute (oder Clicks).[38]

Die fünf meistgesprochenen Sprachen sind Bantusprachen[39]: (1) das Umbundu der Ovimbundu, (2) das Kimbundu der Kimbundu, (3) das Kikongo der Bakongo, (4) das Chokwe der Chokwe und (5) das Mbunda, eine der Sprachen der Nganguela-Volksgruppen. Die Grenzziehungen zwischen den Sprachgruppen sind dabei aber nicht immer einfach, da zu jeder dieser fünf Hauptgruppen noch zahlreiche Dialekte gehören. Es gibt z. B. einen Kikongo-Dialekt, der von einigen Kimbundu-Gruppen verstanden wird, von einigen Bakongo-Gruppen hingegen überhaupt nicht.[40] Das Cacongo wird sowohl als Untergruppe des Kikongo genannt, als auch zu den Dialekten der Lunda-Chokwe gerechnet.[41]

Die fünf Hauptsprachgruppen sind seit 1977 verfassungsmäßig als nationale Sprachen anerkannt. Im Süden des Landes ist zudem die Ovambo-Sprache Kwanyama anerkannt.[42] Seit 1980 wird eine einheitliche Orthografie und Grammatik der Hauptsprachgruppen vom Instituto de Línguas Nacionais erarbeitet.[43] Da nicht alle der etwa 100 in Angola existierenden Sprachen als Verkehrssprachen anerkannt werden konnten, hat man - wie bei der ‚Umbunduisierung’ im 19. Jh. - verschiedene ‚Hochsprachen’ aus den Dialekten kreiert:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Von der UNESCO 1985 veröffentlichte Zahlen, nach PRINZ, S. 333)

[...]


[1] Vgl. OFFERMANN, S. 21f.

[2] Zu Redinha und der Kritik an ihm vgl. GÖTZ, S. 41 und FLEISCH, S. 91.

[3] GÖTZ kritisiert, dass die meisten ethnischen Klassifikationen Angolas anhand von Sprachkriterien und nicht mit „ethnologischen Methoden“ erstellt wurden. Vgl. GÖTZ, S. 41, Anm. 35. Ähnlich auch FLEISCH, S. 91f.

[4] Vgl. OFFERMANN, S. 47.

[5] GÖTZ, S. 96.

[6] Vgl. GÖTZ, S. 97.

[7] GÖTZ (S.41) spricht, in Anlehnung an Redinha, von neun Bantugruppen, denn sie ordnet auch die Xindonga den Bantugruppen und nicht den Khoisan zu. Zu diesem Problem siehe auch Anm. 22 dieser Arbeit.

[8] SCHUBERT (S. 226) und FLEISCH (S. 88) geben keine Angaben, wie viele Kubaner in Angola stationiert waren oder sich hier niedergelassen haben.

[9] Vgl. SCHUBERT, S. 226.

[10] Vgl. FLEISCH, S. 88.

[11] Vgl. zu diesem Abschnitt GUIMARAES, S. 35 und FLEISCH, S. 89.

[12] Auf die Geschichte dieser ethnischen Gruppen vor und während der kolonialen Eroberung wird in Kapitel III. näher eingegangen

[13] Einwohnerzahlen und Prozentanteile an der Gesamtbevölkerung im folgenden jeweils nach OFFERMANN, S. 22ff. Ich habe mich für die Verwendung dieser Angaben von 1960 entschieden, weil GÖTZ nur für die drei größten Gruppen Zahlen nennt und FLEISCH die Validität der Angaben für 1978 einschränkt, indem er sie selbst als ‚Schätzung’ bezeichnet. Unterschiede in den Angaben können nicht nur auf der schlechten Quellengrundlage, bedingt durch Unzugänglichkeit weiter Landesteile, beruhen, sondern auch auf der unterschiedlichen Zuordnung von Untergruppen zu den ethnischen Hauptgruppen.

Weitere Angaben zu den Bakongo: nach FLEISCH (S. 92f.) 1960 12 % und 1978 12,6 %, nach GÖTZ (S. 41) 1986 13 %.

[14] Weitere Angaben zu den Kimbundu: nach FLEISCH (S. 92f.) 1960 27,2 % und 1978 22,3 %, nach GÖTZ (S. 41) 1986 23 %.

[15] Nach FLEISCH (S. 92f.) 1960 36,2 % und 1978 35,7 %, nach GÖTZ (S.41) 1986 39 %.

[16] Vgl. FLEISCH, S. 96.

[17] Vgl. OFFERMANN, S. 23, FLEISCH, S. 96 und GÖTZ, S. 71.

[18] Angaben zum Bevölkerungsanteil: nach FLEISCH (S. 92f.) 1960 9 % und 1978 9,1 %.

[19] Vgl. zu diesem Kapitel vor allem Offermann, S. 23ff.

[20] Vgl. zu diesem Abschnitt SCHUBERT, S. 21, FLEISCH, S. 94 und GÖTZ, S. 41.

[21] Vgl. hierzu Schubert, S. 21.

[22] Vgl. OFFERMANN, S. 25, Anm. 5. Laut GÖTZ (S. 41) und FLEISCH (S. 90) sind die Xindonga allerdings eine Bantugruppe. SCHUBERT (S. 22f.) spricht von acht Ethnien, die zur Bantugruppe gehören, zählt die Xindonga aber mit zu den neun wichtigsten Ethnien Angolas. Ob er sie nun als neunte, allerdings kleinere Bantusprachgruppe sieht, oder den Khoisan zurechnet wird nicht ganz klar. Laut seiner Karte machen die Xindonga etwa 0,1% der Gesamtbevölkerung Angolas aus und leben im äußersten Südosten des Landes, also im Khoisangebiet.
Vergleicht man die Karten von SCHUBERT (S. 23) und GÖTZ (S. 13; hier allerdings Ndonga!) scheint sich die Forschung noch nicht einmal einig über das Verbreitungsgebiet der Xindonga zu sein. Die Sprachen (z. B. Kwangali), die GÖTZ in ihrer Karte im Südosten Angolas ansiedelt, finden sich bei FLEISCH weder in der Auflistung der Bantusprachen (S. 90), noch in der Auflistung der Khoisansprachen (S. 87). OFFERMANN (S. 26) nennt noch Volksgruppen, die weder zu den Khoisan noch zu den Bantu gehören, doch sollen diese im Südwesten des Landes leben und nicht im Südosten. So bleibt die Zuordnung der Xindonga unklar.

[23] Vgl. OFFERMANN, S. 25.

[24] Vgl. FLEISCH, S. 86. Nur das in Namibia gesprochene Khoekhoe ist mit etwa 100.000 Sprechern noch von größerer Bedeutung.

[25] Vgl. zu diesem Kapitel vor allem OFFERMANN, S. 23f. Angaben zum Bevölkerungsanteil: nach FLEISCH (S. 92f.) 1960 8,2 % und 1978 zusammen mit den Xindonga und den Herero 11,2 %.

[26] Nach FLEISCH (S. 111/112) bedeutet Nganguela übersetzt etwa ‚die aus dem Osten kommen’. FLEISCH bezweifelt die von OFFERMANN (S. 24) erwähnte Verwandtschaft zwischen Nganguela-Völkern und den Chokwe oder Ovimbundu.

[27] Vgl. FLEISCH, S. 97.

[28] Begriff nach Offermann, S. 30.

[29] Vgl. zu diesem Kapitel vor allem OFFERMANN, S. 24f. und FLEISCH, S. 110f. Angaben zum Bevölkerungsanteil: nach FLEISCH (S. 92f.) 1960 0,6 %.

[30] Die kulturelle Identität weist die Herero als in jüngerer Zeit zugewandert aus. Dies und ihr äußeres Erscheinungsbild waren wohl die maßgeblichen Gründe dafür, „dass sie in der älteren Literatur als ‚hamitische’ Einwanderer und somit kulturell höherstehend als die übrigen Völker des südwestlichen Afrika betrachtet wurden.“ FLEISCH, S. 97.

[31] Vgl. Fleisch, S. 111.

[32] Vgl. FLEISCH, S. 94.

[33] Vgl. zu diesem Kapitel vor allem OFFERMANN, S. 24. Angaben zum Bevölkerungsanteil: nach FLEISCH (S. 92f.) 1960 4,8 % und 1978 6,7 %.

[34] Die Vatwa sind ein khoisansprachiges Volk, das aber nicht zu den Khoisan gehört. Sie sind Schwarzafrikaner wie die Bantu, gehören aber auch nicht zu diesen. Andere schwarzafrikanische Völker, die weder zu den Khoisan, noch zu den Bantu gehören und ebenfalls im Südwesten Angolas vorkommen sind die Kwepe, die Kwando und die Kuroka (vgl. OFFERMANN, S. 24 und 26).

[35] Vgl. FLEISCH, S. 97.

[36] Vgl. zu diesem Kapitel vor allem OFFERMANN, S. 25. Angaben zum Bevölkerungsanteil: nach FLEISCH (S. 92f.) 1960 1,6 % und 1978 2,4 %.

[37] Vgl. FLEISCH, S. 97.

[38] Vgl. FLEISCH, S. 118. Hier findet man auch eine eingehendere linguistische Untersuchung der Khoisan- und Bantusprachen und eine Auseinandersetzung mit dem Problem der Gliederung in Ober- und Untergruppen der Bantusprachen.

[39] ‚Bantu’ bedeutet in diesen Sprachen einfach ‚Menschen’, ‚-ntu’ ist eine in allen zu dieser Gruppe gehörenden Sprachen vorkommende Wurzel. Vgl. OFFERMANN, S. 22, Anm. 3 und FLEISCH, S. 89f.

Eine Auflistung der Hauptgruppen der Bantusprachen mit ihren zahlreichen Untergruppen findet man bei FLEISCH (S. 90) in Anlehnung an REDINHA. Dieser rechnet auch das Xindonga zu den Bantusprachen, anders OFFERMANN, S. 25, Anm. 5.

[40] Vgl. Schubert, S. 22.

[41] Vgl. FLEISCH, S. 90.

[42] Vgl. Götz, S. 42 und PRINZ, S. 330.

[43] Vgl. FLEISCH, S. 127f. Dieses Projekt wurde von der UNESCO gefördert.

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Die Geschichte der Völker Angolas vor und während der kolonialen Eroberung
Untertitel
Mit Ausblicken auf die ethnografisch-linguistische Situation Angolas im 20. Jahrhundert und auf die aktuelle Bedeutung der ethnischen Zugehörigkeit und der präkolonialen Geschichte
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Fachbereich 1 (Geschichte))
Veranstaltung
Angola. Unabhängigkeit und Bürgerkrieg
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
43
Katalognummer
V89996
ISBN (eBook)
9783638044080
Dateigröße
3944 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Das Thema "Angola" ist seit langem ein Interessensschwerpunkt von mir, u.a. bedingt durch mehere Aufenthalte in dem afrikanischen Land. Deshalb war ich froh, bei Frau Dr. Hatzky meine historische Zwischenprüfung zu diesem Thema ablegen zu können. (Teile dieser Arbeit wurden in meiner späteren Magisterarbeit im Fach Politikwissenschaften wieder aufgenommen!)
Schlagworte
Angola, Unabhängigkeit, Bürgerkrieg, Kolonialismus, Ethnien, MPLA, UNITA, Ovimbundu, Mbundu, Lunda, Chokwe, Bakongo, Jaga, Mesticos, Assimilados, Manikongo, Nzinga, Ndongo
Arbeit zitieren
Magister Artium Kevin Dahlbruch (Autor:in), 2003, Die Geschichte der Völker Angolas vor und während der kolonialen Eroberung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89996

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